Metaphern

Über Metaphern ist schon viel gesagt und geschrieben worden.
Hier ist eine der schönsten Arten, Metaphern zu gebrauchen: Eliza looked down from her high horse. (Zadie Smith, The fraud, 2023, S.147) Metaphern werden oft beschrieben als Bild für etwas anderes. Hier ist es kein Bild mehr für etwas anderes, sondern nur noch für sich selbst, verdichtet, die Metapher ist die Situation selbst. Das ist großartige Literatur.

Fleisch

Fleisch soll eine Metapher sein? Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Es geht auf das althochdeutsche Wort ‘fleisc’ aus dem 8. Jahrhundert zurück. Also so ein richtig schönes germanisches Wort. Also nix Metapher. Beschrieben wird es als Muskelgewebe von Mensch, Tier und auch Pflanzen (Fruchtfleisch). Lassen wir einmal die Pflanzen außer acht, dann hat es doch bei Mensch und Tier eine ziemlich unterschiedliche Bedeutung. Beim Menschen denken wir zunächst an das, was sich zwischen Haut und Knochen befindet. Wir denken vielleicht an Verletzungen, wenn Fleisch herausschaut. Wir verbinden es aber nie mit Nahrung. Wäre auch ziemlich gruselig, denn dann wären wir ja Kannibalen. Beim Tier dagegen haben wir mit dieser Assoziation keine Probleme, im Gegenteil, es ist wahrscheinlich die erste, die uns in den Sinn kommt. “Für den Grillabend müssen wir noch Fleisch kaufen.” Die englische Sprache hat das schön getrennt. Ersteres ist ‘flesh’, letzteres ‘meat’. Kein Mensch käme auf die Idee, bei ‘flesh’ an Nahrung zu denken. Stellen wir uns nun vor, wir hätten ein Mastschwein, das sich so verletzt hat, dass Fleisch aus der Wunde herausschaut. Die Engländerin würde sagen: You can see the flesh. Wenn dann das gleiche Schwein zum Schlachter kommt und dasselbe Stück Fleisch zurechtgeschnitten beim Metzger in der Auslage landet, findet plötzlich eine seltsame Wandlung zum ‘meat’ statt. Aus dem nicht essbaren ‘flesh’ (Fleisch) ist ‘meat’ (Fleisch) geworden. Im Deutschen sind wir nicht einmal so zart beseitet, diesen sprachlichen Unterscheid zu machen. Die Engländer mal wieder!

Was bedeutet nun (tierisches) Fleisch? Es ist totes Tier. Nur wollen wir das nicht sagen, nicht einmal denken. Kein Mensch möchte sagen: Oh, wir müssen für heute Abend noch totes Tier kaufen. Ich vermute, würden wir Fleisch so nennen, was es wirklich ist, nämlich totes Tier, würde der Fleischverzehr drastisch zurückgehen. Es ist ein Euphemismus, der das Tabu, totes Tier zu essen, nicht sehr elegant umschifft. Aber es funktioniert. Zwar essen immer weniger Menschen Fleisch, aber die übrige große Mehrheit findet es oft eher eine Frechheit, wenn man sie nur ein bisschen daran erinnert, was sie da eigentlich essen. Sie werden aggressiv und sofort kommt die inzwischen (in rechten Kreisen) übliche Opferrolle, Vegetarier/Veganer wollten ihnen verbieten, Fleisch zu essen. Auf den Vorschlag, für ein Essen für Mitarbeitende beide Versionen anzubieten, große Entrüstung: Diskrimierung – der Fleischesser wohlgemerkt! Am Ende gibt es dann immer nur die Fleischversion – ohne eine Möglichkeit für die Vegetarier/Veganer. Wer wird hier diskriminiert? Fleisch ist also der Inbegriff einer Verdrängung.

Es sind dann oft die gleichen Menschen, die sagen, oh, die Chinesen äßen ja Hunde und Katzen. Stimmt teilweise, wenn auch nur in Südchina. Aber wo ist der Unterschied zu Hühnern, Schweinen, Rindern und Lämmern? Der liegt rein im Wertesystem dieser Menschen. Die einen Tiere sind “Haustiere” und haben daher aus unerfindlichen Gründen ein Recht darauf, nicht verspeist zu werden. Die anderen aus ebenso unerfindlichen Gründen eben nicht. Ist gewissermaßen ein Rassismus für Tiere. Einfach Pech oder selbst schuld, wenn du als Schwein, Lamm o.ä. geboren wurdest. Warum bist du denn nicht als Hund auf die Welt gekommen? Vordergründig sind die Gründe natürlich nicht so unergründlich: es ist die gefühlte Nähe der Menschen ihnen gegenüber. Ein Haustier erscheint ihnen näher, ein Nutztier steht ihnen offenbar nicht so nahe. Nur wo ist die Grenze? Was ist mit dem Kaninchen im Stall, der im Garten steht, das gestreichelt wird (Haustier), bis es dann doch abgeschlachtet wird (Nutztier)? Wie kommt diese seltsame Wandlung zustande? (Dass Inder keine Rinder und Moslems keine Schweine essen, hat m.E. andere, nämlich schlicht religiöse Gründe, bei denen es gar nicht um das Tier geht, sondern um die Einstellung der Menschen ihnen gegenüber.)

Es gibt noch ein weiteres Argument, warum das Wort ‘Fleisch’ eine Metapher ist: pars pro toto. Ein Teil steht für ein Ganzes, so wie bei der Metapher ein Wort für ein anderes steht. Fleisch ist ein Teil eines (toten) Tieres. Indem wir aber so tun, als ob wir nur diesen Teil äßen, der scheinbar nichts mit einem Lebewesen zu tun hat, lassen wir außer acht, dass trotzdem dafür das ganze Tier getötet werden musste. Wir sprechen dem Tier seine Überlebensberechtigung ab, indem wir es zu einem Teil reduzieren, es zum Objekt unseres Hungers machen, es vergegenständlichen, es funktionalisieren. Seine einzige Funktion besteht darin, uns zu dienen. Deshalb scheint es auch kaum jemanden zu interessieren, auf welch grausame Weise z.B. Schweine getötet werden, nämlich durch Betäubung mit CO2. Die Schweine quieken, schreien, versuchen zu entkommen. Natürlich möchte das niemand wissen. Sonst könnte man vielleicht nicht mehr so einfach Fleisch verzehren, ohne auch nur ein bisschen an die Tiere zu denken.

Fleisch ist eine Metapher, ein Euphemismus, das das Töten eines Tieres (bei Menschen würden wir übrigens von Mord sprechen) schön aufbereitet, zurichtet, zerschneidet, in handhabbare Stücke zerlegt, denen das Lebewesen nicht mehr angesehen werden darf. Vielleicht daher auch das Unvermögen in unseren Breitengraden, ganze Fische zu essen, sie müssen immer in Filetform aufbereitet sein.

Silvester in Wien. Wir sitzen in einer Art Kneipe und wollen nur etwas trinken. Plötzlich bekommen wir alle, ohne es bestellt zu haben, ein Stück Schweinefleisch vor die Nase gestellt, meine Schwägerin die Nase eines Schweines. Sie ist total entsetzt. Das Schwein als Glücksbringer für das neue Jahr. Da musste also ein Tier geschlachtet werden, damit Menschen symbolisch (oder doch sehr physisch?) Glück gewünscht werden kann. Sozusagen mit einem Leben erkauftes Glück. Irgendwie sehr pervers.

Other animals, which, on account of their interests having been neglected by the insensibility of the ancient jurists, stand degraded into the class of things. … The day has been, I grieve it to say in many places it is not yet past, in which the greater part of the species, under the denomination of slaves, have been treated … upon the same footing as … animals are still. The day may come, when the rest of the animal creation may acquire those rights which never could have been withholden from them but by the hand of tyranny. The French have already discovered that the blackness of skin is no reason why a human being should be abandoned without redress to the caprice of a tormentor. It may come one day to be recognized, that the number of legs, the villosity of the skin, or the termination of the os sacrum, are reasons equally insufficient for abandoning a sensitive being to the same fate. What else is it that should trace the insuperable line? Is it the faculty of reason, or perhaps, the faculty for discourse?…the question is not, Can they reason? nor, Can they talk? but, Can they suffer? Why should the law refuse its protection to any sensitive being?… The time will come when humanity will extend its mantle over everything which breathes… (Jeremy Bentham, 1748 – 1832)

Und: If a being suffers there can be no moral justification for refusing to take that suffering into consideration. No matter what the nature of the being, the principle of equality requires that its suffering be counted equally with the like suffering—insofar as rough comparisons can be made—of any other being. (Peter Singer, b. 1946, Animal Liberation, p. 8, New York Review of Books, 1990)

Die Frage, ob man Fleisch essen darf/kann/soll, muss breiter gestellt werden. Haben Tiere die gleichen Rechte wie Menschen, also das Recht, nicht verletzt oder getötet zu werden? Viele sagen, weil sie keine rationalen, denkenden Lebewesen sind, hätten sie nicht die gleichen Rechte. Was hat das Denken mit dem Recht auf ein unversehrtes Leben zu tun? Meiner Ansicht nach nichts. Man kommt da sowieso in Teufelsküche. Was ist dann mit Babys, mit Menschen mit mentalen Einschränkungen, die nur zum Teil zum rationalen Denken in der Lage sind, mit Demenzkranken? Jeremy Bentham hat einen Ausweg gefunden. Es geht überhaupt nicht um die Fähigkeit des Denkens, sondern um die Fähigkeit zum Leiden, das dann praktisch alle Tiere mit einem Nervensystem einschließt. Was ist dann mit niedrigeren Tieren und Pflanzen? Als Kind habe ich mir immer, wenn es Erbsen zum Essen gab, vorgestellt, wie sie leiden würden. Sie würden die letzten Zentimeter bis zum Mund und vor den sich darin befindenden, sie bald zermalmenden Zähnen große Angst haben. Nun empfinden die tiefgekühlten oder konservierten Erbsen sicherlich keine Schmerzen, aber was ist mit Pflanzen, mit Bäumen, von denen wir heute wissen, dass sie miteinander kommunizieren? Wenn sie zur Kommunikation fähig sind, was empfinden sie dann noch?

Oft wird in der Diskussion um Veganismus einiges durcheinandergebracht. Sollen Menschenrechte vor Tierrechten sein? Ich denke ja. Aber das bezieht sich auf bestimmte Fälle, z.B. wenn ich in einer Gefahrensituation nur einen Menschen oder ein Tier retten könnte, scheint mir die Situation ziemlich eindeutig, wenn auch nicht einfach, z.B. wenn ich zu dem Tier eine Beziehung habe. Aber diese Situation hat nichts, aber auch gar nichts mit der Frage zu tun, ob man Tiere essen darf. Im ersten Fall (der Rettung) müssen zwei Leben gegeneinander abgewogen werden, und da kommt der Mensch für die meisten wohl zuerst, einfach weil er uns näher steht. Im Fall des Essens steht das Leben eines Lebewesens gegen den Genuss eines anderen. Leben und Genuss stehen doch auf vollkommen unterschiedlichen Ebenen. Wie kann überhaupt das Recht auf den Genuss bestimmter Dinge deklariert werden, und dann auch noch zum Preis eines Lebens?

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