Literatur ist (manchmal) realer als die Realität

Der Einwand, warum jemand (oft Männer) keine Literatur liest, ist oft der, man lerne nichts über das wirkliche Leben, es sei ja nur erfunden, reine Fiktion eben. Wahrscheinlich haben diese Menschen noch nie einen Roman gelesen.

Natürlich gibt es in Sachbüchern Fakten, Zahlen, Geschehnisse etc. Schon bei diesen könnte allerdings hinterfragt werden, wie objektiv sie nun wirklich sind und wie weit sie nicht nur eine Perspektive, nämlich die des Autors darstellen (Wissenschaftliche Diskussionen zeigen das immer wieder und die Tatsachen, dass Annahmen, Theorien usw. oft über Bord geworfen werden müssen, sobald jemand etwas beweisen kann, das ihnen widerspricht). Aber das ist ein anderes Problem.

Im Moment lese ich von Zadie Smith ‘The fraud’, das im viktorianischen England spielt. Davor habe ich von Arundhati Roy ‘The god of small things’ gelesen, das in den 1960er und 90er Jahren in Indien spielt. Beide Bücher sind also nicht vergleichbar. Beide Bücher sind Fiktion, reine Imagination ihrer Autorinnen. Und doch geben sie mehr Einblick in ihre jeweilige Gesellschaft, als es je ein Sachbuch leisten könnte. Durch ihre Charaktere. Sie erzählen keine Zahlen oder Fakten. Sie erzählen etwas darüber, wie die Gesellschaft funktioniert, was sie zusammenhält.

Warum hat mir Roys Buch überhaupt nicht gefallen – ganz im Gegensatz zu vielen Kritikern (das Buch hat den renommierten Booker price gewonnen)? Nicht wegen der Geschichte, nicht wegen der Erzähltechnik, die sehr konfus ist, aber auch nicht neu: Zwischen zwei erzählten Zeiten hin-und herzuspringen ist sicherlich nicht ihre Erfindung. Jemand hat kommentiert, dass man erst zum Schluss versteht, was das alles soll. Das verlangt einiges vom Leser ab; vor allem dranzubleiben. Aber das sind alles Aspekte auf der literarischen Ebene.

Mich hat das Buch beinahe physisch abgestoßen. Es gibt keinen Charakter, mit dem man mitfühlen kann. Die beiden Geschwister, also Kinder, sind zu undurchschaubar. Nicht im Sinne eines Helden oder Antihelden, sondern überhaupt einer Person, die Gefühle zeigt, die etwas Menschliches haben. Roy zeichnet eine sehr unmenschliche Gesellschaft. Eltern verdammen ihre Kinder aus – zumindest aus unserer Sicht – recht nichtigen Gründen (und das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nicht im Mittelalter). Die Protagonisten gehen grausam miteinander um. Gut, eine Autorin muss das nicht kommentieren. Das ist nicht ihre Aufgabe.

Was man dagegen liest, ist der Umgang der Menschen miteinander. Und der ist abstoßend. Selbst liebevolle Momente erscheinen unmenschlich. Wenn man Interviews mit ihr liest, bestätigt sich dieser Eindruck. Sie zeichnet das Bild einer unmenschlichen Gesellschaft, aus der es kaum möglich scheint auszubrechen. Das Kastensystem ist auch heute noch in den Köpfen. Das ist keine demokratische Gesellschaft. Warum dagegen hier im Westen Indien so verklärt wird, sollten wir uns einmal fragen.

Ganz anders ist es bei Mrs. Eliza Touchet, einer der Hauptprotagonistinnen von Smith. Sie wird als untypische, aus der von ihr erwarteten Rolle fallenden Persönlichkeit ihrer Zeit dargestellt, und damit ist klar, dass es möglich ist. Das lässt selbst in einer Gesellschaft wie der viktorianischen Raum für Menschliches. Das ist ein wesentlicher Unterschied.

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