Positives Denken
Es scheint eine totale Selbstverständlichkeit zu sein. Es lässt sich kaum etwas dagegen sagen, ohne dass man sich dem Verdacht aussetzt, Pessimist zu sein. Na ja, ist ja auch irgendwie richtig, ist eben einfach das Gegenteil.
Das Problem ist die Totalität. Haben wir früher nicht oft betont, dass die meisten Dinge zwei Seiten haben? Haben wir das nun vergessen? Oder verdrängt? Die meisten Dinge haben einfach nun einmal zwei Seiten. Wenn ich sage, dass mein halbes Glas voll ist, bedeutet es eben auch, dass die andere Hälfte leer ist. Nur scheint das inzwischen ein Tabu zu sein. Wäre es nicht ein ärmliches emotionales Leben, wenn man alles positiv sehen muss, auch wenn die Dinge gar nicht immer positiv sind? Dann die Welt ist nicht immer nur gut. Die Welt ist oft schlecht. und das nicht sehen zu wollen, bedeutet der Realität nicht ins Auge sehen zu wollen.
Beide Seiten zu betrachten bedeutet Realismus, dialektisches Denken, Reflektieren, Auseinandersetzung, Abwägen. Das ist das Gegenteil von platten Behauptungen. Die Welt ist einfach nicht nur gut. Gerade jetzt: 2026. Sie ist einfach oft auch sehr schlecht. Das nicht mehr benennen zu dürfen, beraubt uns der Möglichkeit, etwas zu verändern.
Bisher war ich immer allein auf weiter Flur mit meinem Pessimismus bzw. Realismus. Barbara Ehrenreich hat allerdings schon 2009 ein Buch geschrieben mit dem Titel: Smile or die. How positive thinking fooled America & the world. Die Amerikaner sind uns in vielen Dingen voraus – im Guten wie im Schlechten. Und die amerikanische Psychologieprofessorin Barbara Held nennt es die “tyranny of the positive attitude”: “First, you feel bad about whatever pain has come your way, then you are made to feel guilty or defective if you can’t be grateful for what you do have, move forward [or] focus on the positives. This is the double punch, and it’s the second part that does the most serious damage.” Oder toxische Positivität. Die also sogar gefährlich sein kann. Zum Beispiel dann, wenn sie zu Depressionen führt, weil oft der Eindruck erweckt wird, man sei selbst verantwortlich für seine positiven Gefühle – und damit auch für seine negativen. Und: “If there indeed now exists unprecedented pressure to accentuate the positive, could it then be that the pressure itself to be happy and optimistic contributes to at least some forms of unhappiness?”
Negative Dinge zu benennen ist absolut wichtig. Es ist der erste Schritt, sie adressieren zu können, um dann etwas zu verändern. Negatives nicht zuzulassen ist Verdrängung, Realitätsverweigerung, vielleicht auch Angst vor Veränderung. Positives Denken löst Probleme nicht. Dinge verschwinden nicht einfach, weil wir sie nicht sehen wollen, weil wir sie einfach nur anders betrachten. Im Gegenteil, wir wissen, Verdrängung kann zu großen Problemen führen. Dann verschlimmert diese Haltung also nur die Situation.
Ein wesentlicher Aspekt wird von den Vertretern des positiven Denkens komplett übersehen. Der Verdacht drängt sich auf, dass sie es absichtlich übersehen, weil sie es übersehen müssen, weil sonst ihre ganze schöne Theorie wie ein Kartenhaus zusammenstürzen würde. Wenn allein dieses Denken alle Probleme lösen könnte, sind wir dann selbst schuld, wenn sie sich nicht einfach in Lust auflösen? Was ist mit Krebspatienten, die nicht einfach durch eine positive Haltung ihren Krebs wegzaubern können? Haben sie etwas falsch gemacht? Nein. Die Heilung von Krebs hat nur selten etwas mit einer (positiven oder negativen) Haltung zu tun. Barbara Ehrenreich beschreibt in ihrem Buch, wie Frauen, die im letzten Stadium ihrer Krebserkrankung sind, einfach aus Selbsthilfegruppen rausgeworfen werden, weil sie nicht in das Weltbild des Positiven Denkens passen. So einfach geht das. Krebs? Hast du nicht positiv genug gedacht? Daran zeigt sich die unmenschliche Seite dieses Denkens.
Einfach nur den Spieß herumzudrehen und negativ zu sein, kann nicht die Lösung sein. Es ist die gleiche Haltung mit umgekehrtem Vorzeichen. Darin steckt immer noch die Idee von richtig und falsch, von einem Weg, den MAN oder FRAU gehen soll, und einem anderen, der schlecht ist. Wie wäre es, einfach mal mit dem Denken überhaupt anzufangen, ohne irgendein Attribut? Einfach denken, selbständig denken, und nicht nur das nachplappern, was irgendein Pseudo-Halbgott vorbetet. Positives Denken ist eine Form von Ideologie, von Religion, und die haben gemeinsam, dass sie das selbstständige Denken scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Dann würden Menschen ihnen nicht folgen, sondern es würde dazu führen, dass jede/r einzelne seinen/ihren eigenen Weg suchen und vielleicht auch finden würde. Und keinen Weg, der in irgendwelchen schlauen Ratgeberbüchern steht, die hauptsächlich dazu da sind, dass der/die AutorIn sich daran bereichern kann. Selbständig denken ist so unpopulär wie kaum etwas anderes. Schlaue Sprüche, Phrasen nachzuplappern hat vor allem zur Folge, dass man nicht denken muss. Die Phrase sagt alles und nichts. Sie ist dehnbar bis ins Unendliche. Der Sprecher kann auf nichts festgenagelt werden. Er/Sie muss keine Stellung beziehen. Das ist praktisch und einfach, löst aber kein Problem. Es bleibt auf der Ebene der Phrase.
Wenn selbst die Psychologie als Wissenschaft mit ihrer Positiven Psychologie auf diesen Karren aufgesprungen ist, braucht frau sich nicht mehr zu wundern, wenn Menschen beginnen, an der Wissenschaft zu zweifeln. Was ist denn Wissenschaftliches an der Positiven Psychologie? Die Einsicht, dass man mit einer positiven Grundeinstellung zufriedener im Leben ist? Wow! Und um das herauszufinden, werden Forschungsgelder ausgegeben? Und was ist mit all den Menschen mit einer schweren Krankheit, Menschen, die ihren Job verloren haben, die einen wichtigen Menschen verloren haben, die schwere Traumata erlebt haben? Brauchen die auch alle nur ein bisschen positiv zu denken, und dann ist alles gut? Das erzähle mal jemand der Syrerin, deren Haus weggebombt wurde, oder dem Ukrainer, der ein Familienmitglied oder Gliedmaßen im Krieg verloren hat!
Interessanterweise kümmerte sich die Positive Psychologie nicht so sehr um Glück oder Wohlbefinden, sondern es ging hauptsächlich um Erfolg. Sie wurde von vielen Unternehmen adoptiert, um die Produktivität ihrer MitarbeiterInnen zu fördern – und damit wohl auch ihre höhere Ausbeutung. Sie sollen mehr und besser produzieren, indem sie positiv denken? Und nicht mehr Gehalt dafür bekommen? Das ist Kapitalismus in Reinform. Den Mitarbeitern zu verkaufen, es ginge um ihr Wohlbefinden, wobei es nur um das Wohlbefinden bzw. den Geldbeutel der Manager und Aktionäre geht.
Ein anderer Weg ist defensive pessimism.
Leute, wacht auf! Fangt endlich an zu denken!