‚Allerdings‘: ein kleines Wort, aber eine große Einschränkung. Lacan hat natürlich Recht, wenn er sagt, die Polsterknöpfe seien nicht fest, sondern würden dahinschwimmen. „Es tut mir wirklich leid, allerdings habe ich …“ Das ‚wirklich‘ ist wirklich beeindruckend, zumindest auf den ersten Blick. Wenn dann das ‚allerdings‘ dazu tritt, schrumpft es zusammen und der Satz wird noch bedeutungsloser, als er ohne das ‚wirklich‘ schon wäre. Dieses ‚allerdings‘, diese nette kleine Einschränkung, vielleicht die netteste aller Einschränkungen, macht alles zunichte, das Leidtun ist nichts mehr wert. Der Autor hat das Gegenteil dessen gesagt, was er vermutlich sagen wollte. Nichts tut ihm leid, zumindest nicht wirklich. Ein kleines Wort, ein Adverb nur, mit einer großen Zerstörungskraft. Ohne dieses ‚allerdings‘ wäre vielleicht noch vieles möglich gewesen, aber dieses eine Wort hat es unmöglich gemacht. Die Menschen sind sich nicht (mehr) des vermeintlichen Handwerkszeugs bewusst, das sie tagein tagaus benutzen. Sie benutzen es, im Irrglauben, es sei nur Handwerkszeug, das sie gebrauchen können, missbrauchen, wie es ihnen dünkt. Dabei sehen sie nicht die Kraft, meistens Schaffenskraft, manchmal Zerstörungskraft. Sprache schafft die Welt, es macht die Welt zu dem, was sie ist, sie kann sie aber auch mit einem Wort vernichten.
‚Zuneigung‘. Oft wird es als Synonym für Liebe benutzt. Aber wir verspüren augenblicklich, dass es da einen großen Unterschied gibt. Liebe ist ausschließlich. Wenn es nicht um unsere Kinder geht, schwingt meistens Erotisches mit (vergessen wir mal so einen Schwachsinn wie Vaterlandsliebe). Zuneigung hingegen ist wie ein zartes Pflänzchen, am Beginn seines Wachsens, danach kann noch mehr kommen, aber zunächst denkt man an ein zärtliches Gefühl, das wenig mit der Leidenschaft der Liebe zu tun hat. “Ich empfinde eine tiefe Zuneigung zu dir“ will sicherlich auch heißen: „Ich liebe dich nicht.“
Zu-neigung, zu-neigen, etwas neigt sich, eine Neigung ist eine Tendenz – man sieht eine Schräge vor sich, nichts Absolutes, was immer ist. Auf Italienisch kann man es auch als Inklination übersetzen, ein Hang zu etwas, sic! die Schräge, ein Hang, ein Abhang, die Neigung, sie kann stärker oder schwächer ausfallen, ist aber niemals bei hundert Prozent. Liebe ist nie eine Frage von Prozent. Bei einer Neigung denkt man auch an ein Pendel, es neigt sich zur einen Seite oder zur anderen, da kommt die Abneigung ins Spiel. Im übertragenen Sinne haben wir Sätze wie: „Er neigt zum Trinken“. Es zeigt eine Tendenz an, die ihr Gegenteil schon beinhaltet, nämlich die andere Seite, Zuneigung – Abneigung, das ist wie Zusage – Absage, das Deutsche ist hier sehr genau, in diesem Fall ‚zu‘ und ‚ab‘ Gegenteilspaare. Liebe kennt auch ein Gegenteil, den Hass, aber sie sind nicht miteinander verwandt, sie sind Gegensätze pur.
Im Englischen ist es anders, da kommt der Affekt ins Rollen. Auch hier wird es manchmal mit Liebe paraphrasiert, aber angemessener ist wohl das „a gentle feeling of fondness“, da ist es wieder „gentle“, die Zärtlichkeit, man tut etwas gerne, aber mehr ist es auch nicht.
Kann man mit jemandem Sex haben, „Liebe machen“, für den man nur Zuneigung empfindet? Männer sind da wohl besser drin, sie scheinen eine natürliche Fähigkeit zu besitzen im Trennen von Liebe und Sex. Liebe bedeutet sich – und dem anderen – einen grundsätzlichen Mangel eingestehen, Sex ist ein animalischer Trieb. Mit Freud könnte man sagen, sie haben ihren Ödipuskomplex nicht vollständig verarbeitet, die uneingestandene und unerfüllte Liebe zu ihrer Mutter.
„Dinge sind manchmal so, wie sie sind.“ Manchmal? Dinge sind, wie sie sind, und zwar immer, kein Manchmal, kein Oft, kein Meistens, kein Zeitadverb ist hier möglich. Eine Schulgrammatik würde sagen, dass ‚manchmal‘ ein Zeitadverb ist, das eine bestimmte Frequenz ausdrückt, nämlich eher weniger häufig. Können Dinge also nur manchmal so sein, wie sie sind? Das wäre absurd. Sie haben keine andere Existenz als die, die sie haben, nämlich zu existieren, und das ohne Wenn und Aber. Wurde ‚manchmal‘ hier gar nicht als Zeitadverb benutzt, sondern als etwas Anderes? Als eine Art Modalpartikel, der keine eigentliche Bedeutung innewohnt, sondern die nur die Stimmung des Sprechers/Schreibers ausdrückt? Unsicherheit? Dinge sind nur manchmal so, wie sie sind, weil sie sonst zu bedrohlich wären, wenn wir uns darüber klar würden, dass sie immer so sind?
‚zwischen den Zeilen lesen‘, nach einer Erklärung „die Andeutungen eines geschriebenen Textes verstehen; beim Lesen den tieferen Sinn ermitteln, der sich nicht unmittelbar aus dem Geschriebenen ergibt, sondern nur indirekt durch logische Schlussfolgerungen und Interpretation erschlossen werden kann“. Was ist hier der sogenannte tiefere Sinn? Der sich nicht aus dem Geschriebenen ergibt? Das würde heißen, der Leser bzw. der Hörer würde einen Sinn ermitteln, den er gar nicht kennen kann. In der Schule waren wir immer mit der Aufgabe konfrontiert: „Was wollte uns der Autor damit sagen?“ Schon damals hatte ich nie eine Antwort und – fühlte mich dumm dabei, nicht ahnend, dass die einzig richtige Antwort darauf nur sein kann: „Woher sollen wir das wissen?“ (Seinem Gespür nachfühlen, spüren, dass das Unwohlsein nicht an der eigenen Unwissenheit liegt, sondern ein Unwohlsein an der Sache ist, der Frage, die so nie gestellt werden dürfte, weil sie vereinnahmend ist.) Wir können nicht, ja dürfen nicht in den Text etwas hineininterpretieren, was dort nicht steht. Deutschlehrer scheinen alle Besserwisser zu sein. Wir können einen Text nur wörtlich nehmen – Lacan spricht vom reinen Subjekt des Signifikanten, im Gegensatz zu dem der Gefühl. Womit aber Psychoanalyse nur arbeiten kann, ist das Subjekt, das spricht, weil wir nichts Anderes haben als die Sprache, und das können wir weiterführen auf jede zwischenmenschliche Kommunikation, sie findet immer in Form von Sprache statt, als Zeichensprache, wie auch Kunst, Musik, Architektur usw. Wir können nach Lücken suchen, das, was dort nicht geschrieben steht. Das ist aber etwas ganz Anderes, als zwischen den Zeilen zu lesen. Satzabbrüche, das Ungesagte, Auslassungen, Lücken, Korrekturen, das sind (rhetorische) Figuren, die uns etwas erzählen können. Es bedeutet dennoch, den Autor beim Wort zu nehmen. Interpretationen sind Entfremdungen.
Und was ist eine logische Schlussfolgerung? Es ist eine Anmaßung.
Schön ist die Idee, dass früher die Übersetzung linear, d.h. über das übersetzte Wort gesetzt wurde. Das ist buchstäblich zwischen den Zeilen, und Übersetzungen sind fast immer Interpretationen, Entfremdungen.
Eigentlich. Irgendwie – noch so ein Modalpartikel, beide gehören wohl zu der Kategorie Verschleierungstaktik – sollen sie nicht viel sagen, tun es dennoch, gewissermaßen gegen ihre eigentliche (sic!) Intention, sie zeigen das an, was nicht gesagt werden soll, wobei das Interessante dieser Versuch des Auslassens ist. Der Rest der Signifikanten verschwindet, denn er hat ja nicht stattgefunden. Eigentlich.
Irgendwann hat mich mal ein Schüler gebeten, ihm genau die Bedeutungen dieses kleinen netten Wortes zu erläutern. Als Modalpartikel hat es ja eigentlich keine eigene Bedeutung bzw. – korrekter müsste man sagen – hat es viele, je nach Kontext.
Hier eine kleine Liste: denn (Frage), in Wirklichkeit, doch (Vorwurf), vergessene Frage, Überleitung zu einem neuen Thema, normalerweise, obwohl
Da stellt sich dann sofort die Frage nach der Übersetzung. Andere Sprachen haben ähnliche Wörter: das Englische kennt ‘actually’, das Italienische ‘in verità’, das Chinesische 其实 usw. Das Problem ist aber, dass in manchen Kontexten sich das Wort durchaus übersetzen lässt, in anderen aber nicht. Keins dieser Wörter deckt all die Bedeutungen ab, die es im Deutschen hat, und umgekehrt gilt dies natürlich genauso. Jetzt könnte man einfach sagen: Na, dann wählen wir eben die eine passende Bedeutung aus, und alles ist gut. Die anderen Bedeutungen schwingen aber mit, und oft ist es nicht einmal klar zu entscheiden, welche nun eigentlich gemeint ist. Das alles geht bei einer Übersetzung verloren: lost in translation. Übersetzungen tun immer so, als seien die Polsterknöpfe für immer und ewig auf diese einzige Art miteinander verbunden. Sie gaukeln uns eine Sicherheit vor, die es so in unserer Welt nicht gibt und nicht geben kann.
Und dann ist da noch Adornos Jargon der Eigentlichkeit. Dieser sei “das deutsche Symptom fortschreitender Halbbildung” (S.19) “Die bürgerliche Gestalt von Rationalität bedarf von je irrationaler Zusätze, um sich als das zu erhalten, was sie ist, fortwährende Ungerechtigkeit durchs Recht. Solche Irrationalität inmitten des Rationalen ist das Betriebsklima der Eigentlichkeit. Diese kann darauf sich stützen, dass über lange Zeiträume buchstäbliche sowohl wie bildliche Mobilität, ein Hauptstück bürgerlicher Gleichheit, immer zum Unrecht ward an denen, die nicht ganz mitkamen. (S.42/43) “Der des Jargons Kundige braucht nicht zu sagen, was er denkt, nicht einmal recht es zu denken: das nimmt der Jargon ihm ab und entwertet den Gedanken. Eigentlich: kernig sei, dass der ganze Mensch rede.”(S.11) “Der Jargon füllt die Lücke aus, welche der gesellschaftlich notwenige Zerfall der Sprache schuf.” (S.43) Schon 1964 wusste er all das. Und heute sind wir noch dahinter zurückgefallen.
Gemeinplätze sind nichts anderes als Platzhalter für Leerstellen, es ist kein Signifikat mehr vorhanden, dieses ist hinter den Signifikanten abgetaucht. Gesagt wird, dass eigentlich nichts mehr gesagt werden kann. Dialektik wird negiert. Das Absolute siegt. Das Glas ist immer halb voll. Und die andere Hälfte wird verleumdet.
Unkonventionell. Anders als die anderen Wörter hier hat ‘unkonventionell’ längst seinen Höhepunkt hinter sich. Seit den 1990er Jahren sinkt die Häufigkeit seiner Verwendung. Das ist interessant. Es ist ein Wort gewesen, das zwar die Eigenschaft eines einzelnen bezeichnet, aber noch in Bezug zur Gesellschaft. Er oder sie ist unangepasst, verhält sich nicht auf herkömmliche Weise, sondern den gesellschaftlichen Konventionen entgegengesetzt. Es wird das Anderssein betont, nicht den Erwartungen entsprechend, und das alles ist positiv besetzt. Man möchte die Individualität unterstreichen, sich abheben von der Masse, das Besondere versucht hier noch sich Recht zu verschaffen. Nun geht es aber bergab damit, und zwar rasant.
Die semantische Vorherrschaft haben Begriffe der reinen Innenschau übernommen. Bitte keine gesellschaftlichen Diskurse mehr! Bei sich sein, Authentizität, Empathie (wem gegenüber?), Aufmerksamkeit usw. haben jeglichen sozialen Bezug verloren. Geblieben ist der Schein von innerer Auseinandersetzung, in Wirklichkeit klopfen wir uns selbst auf die Schulter, wie toll wir uns mit uns selbst auseinandersetzen. Und kein bisschen mehr. Die Welt hat ausgedient.
Dann gibt es Lücken, Wörter, die es nicht gibt. Wie? Wörter, die es in anderen Sprachen durchaus gibt. Deshalb kann man von einer Lücke sprechen. Die Frage ist doch, warum es diese Wörter nicht gibt. Der naheliegende Gedanke ist, weil sie nicht gebraucht werden. Sehr fragwürdig. Nehmen wir das englische Wort ‘commitment‘. Natürlich finden wir dafür eine Übersetzung, oder besser gesagt viele. Und genau hier liegt das Problem bzw. die Lücke. Schauen wir uns die Übersetzungen an. Google sagt: Engagement, Verpflichtung, Einsatz, Zusage, Bindung, Festlegung. Langenscheidt bietet noch Versprechen, Hingabe, Einsatzbereitschaft und noch viele weitere mehr.
Ich habe lange gebraucht, bis ich dieses Wort auf Englisch gebrauchen konnte. Und das liegt genau an dieser Ambiguität. Es gibt kein deutsches passendes Wort. Je nach Kontext muss man ein anderes Wort benutzen, und davon gibt es auch noch recht viele. Das heißt, man muss nicht nur die Bedeutung verstehen, sondern auch genau den Kontext dazu.
Hier kommen die Polsterknöpfe von Lacan ins Spiel. Wenn jemand ‘commitment’ sagt, wird in diesem einen Moment eine dieser Bedeutungen festgezurrt, aber nur für diesen einen Augenblick. Die anderen Bedeutungen sind aber nicht weg, sondern schwingen mit. Wenn wir uns nun auf Deutsch für ein bestimmtes Wort entscheiden müssen, schwingt da gar nichts mehr, höchstens vielleicht eine andere Bedeutung. Das macht Übersetzungen so schwer. Und deswegen sind Übersetzungen nie eine getreue Übertragung eines Wortes oder Textes in eine andere Sprache.
Schade, dass das Deutsche dieses unglaublich tolle, praktische, vielseitige Wort nicht besitzt.
Das Gegenteil von commitment ist wohl der Sachzwang. Robert Jungk (Sache, hier: Sachzwang, in : Aus dem neuen Wörterbuch des Unmenschen, hrsg. v. Rainer Jogschies) schreibt über ihn, er sei der Hammer unter allen Totschlagargumenten. Das ist sicherlich richtig, aber im Grunde ist es noch viel schlimmer. Der Sachzwang ist nichts anderes als ein anderes Wort für das Lacansche Reale?! Wenn es nichts mehr zu sagen und keinen unbewussten Zugang mehr zum Imaginären gibt, dann bleibt nur noch der Teil, der unserer moralischen Beurteilungsfähigkeit entzogen ist. Es ist eben so, Fakt, da kann man nichts ändern, ganz objektiv. Dementsprechend ist man gezwungen dies oder jenes zu tun oder es nicht zu tun. Eine – vermeintliche – Einschränkung der Handlungsmöglichkeiten, die dazu führt, dass die eigene Entscheidungsfähigkeit außer Kraft gesetzt wird, weil so keine Verantwortung für das eigene Handeln übernommen werden muss. Das Subjekt ist zum Objekt oder Opfer der Umstände geworden, nicht der inneren Notwendigkeiten, des Körpers, sondern der gesellschaftlichen. Es ist nicht mehr handelndes Subjekt, sondern reagiert nur auf imaginäre Ansprüche an es. Der Punkt ist nur, dass die Gesellschaft dies meistens gar nicht erwartet. Die Erwartung findet also nur im Kopf des Subjekts statt. Es geht um pure Negation der Verantwortung. Das ist eben so. Da kann man nichts machen. Doch, wenn man nur wollte.
Der Sachzwang wirkt so schön objektiv. Keine Möglichkeit zu entscheiden. Dabei wird genau eine Entscheidung getroffen, nämlich die, nicht entscheiden zu wollen. Das Nichtkönnen ist in fast allen Fällen ein Nichtwollen. Wir sind – bis auf ganz wenige Ausnahmen in unserem Leben, z.B. im Angesicht des Todes – nicht frei zu entscheiden. Aber selbst da gäbe es, sofern rechtlich erlaubt, mehr Möglichkeiten, als wir glauben zu haben. Der Glaube ist fast immer auf dem Irrweg.