Wider den Achtsamkeitswahn

Wir leben in einer Zeit, in der sich viel, sehr viel um das Ich dreht. Wir beschäftigen uns andauernd mit uns selbst, damit, wie es uns selbst geht, wir befragen uns, machen Yoga, Achtsamkeitsübungen, versuchen herauszufinden, was uns guttut, was wir brauchen oder nicht. „Mir geht es nicht gut.“ „Ich will das nicht.“ „Das tut mir nicht gut.“ Die Liste ließe sich unbegrenzt fortsetzen.

Vorweg: Natürlich ist es gut, sich den eigenen Gefühlen zu stellen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Noch die Generation meiner Eltern hat einfach nur verdrängt. Probleme gab es keine, zumindest keine psychischen, sie durften nicht sein. Heute ist genau das Gegenteil der Fall. Jeder muss sich ständig mit seiner Psyche auseinandersetzen. Wer gerade keine psychischen Ausfälle hat, ist schon fast nicht mehr normal.

Alles dreht sich um das Ich. Und der Achtsamkeitshype besetzt genau dieses Bedürfnis. Es gibt inzwischen leise Kritik daran, aber meistens geht es nur darum, dass Achtsamkeit kein Allheilmittel ist. Na ja, geschenkt oder? Das trifft doch auf alles zu.

Achtsamkeit, das klingt erst einmal gut. Was soll denn daran Schlechtes sein? Der Einzelne soll lernen auf seine Gefühle zu achten. Wenn es ein Problem gibt, reiche es demnach, auf seine Gefühle zu achten, und das Problem werde gelöst. Das heißt aber, die Gefühle sind das eigentliche Problem, wir fühlen also nur falsch. Demnach dürfte es gar keine realen Probleme geben. Wir wissen, dass das nicht so ist. Schlimmer noch: Am Ende sind wir das eigentliche Problem. Das erhöht – paradoxerweise – den Druck, den die Achtsamkeit doch gerade nehmen will. Das ist das erste Problem dieser Achtsamkeitsgeschichte.

Das nächste – und um dieses geht es hier – besteht darin, dass der Großteil der Achtsamkeitsbewegung um das Ich kreist. Es geht selten darum, gegenüber anderen achtsam zu sein. Das ist in den fernöstlichen Bewegungen nicht so, die westliche Adoption hat es darauf verkürzt, indem sie den philosophischen Aspekt einfach geschleift hat. Offenbar hat er gestört beim westlichen Effizienzdenken. Das Ich soll also nun achtsamer werden gegenüber sich selbst, mehr in sich horchen, lernen, auf seine Gefühle zu achten. Das ist Egoismus pur, heute sagt man ja eher Narzissmus, aber das muss es gar nicht unbedingt sein. Unter dem Denkmäntelchen einer positiven Ideologie wird hier Egozentrismus in Reinform verkauft. Inzwischen ist es gesellschaftlich anerkannt, mehr noch, es wird überall fast schon eingefordert, sich ständig mit sich selbst zu beschäftigen. Mithilfe dieser Methodik haben wir uns voneinander entfremdet. Die Achtsamkeit lehrt uns unachtsam gegenüber anderen zu sein.

Emmanuel Levinas sagt: Der Andere spricht. Und das bedeutet, er spricht zu mir, und ich bin ihm eine Antwort schuldig. Wir sehen in das Antlitz des anderen. Wer Achtsamkeit praktiziert, hört dagegen nur noch in sich hinein und sieht den anderen nicht mehr. Sind wir nicht vielmehr immer auch in einer Kommunikation mit dem anderen, mit den anderen? Wo ist die im Moment? Die Kommunikation ist grundlegend gestört, Paartherapien sind davon ein Ausdruck, in denen es meist um gestörte Kommunikation geht.

Natürlich ist das richtig: Wenn ich keinen Zugang zu meinen Gefühlen habe, werde ich auch keinen Zugang zu den Gefühlen des anderen haben können. Leider macht die Achtsamkeit beim ersten Schritt halt, so als ob der zweite nicht mindestens genauso wichtig wäre. Ist er es vielleicht gar nicht mehr?

Es ist nicht nur ein Rückzug ins Private, der ja immer noch Kommunikation mit den anderen zulässt, sondern es ist ein Rückzug ins Ich, wo es keine Kommunikation mehr gibt. Wie oft sehen wir Pärchen oder Gruppen von Menschen, die zusammen irgendwo sitzen und nicht mehr kommunizieren, weil jeder auf sein Handy starrt? Vielleicht, um den neuesten Achtsamkeitstipp zu finden?

Eine Freundin hat mir ihre Freundschaft aufgekündigt – wegen ihrer Psychohygiene. Abgesehen von dem Begriff Hygiene, bei dem man unweigerlich an (tendenziell faschistische Kategorien wie) Sauberkeit und Schmutz denkt, gibt es so keine Auseinandersetzung mehr. Das Totschlagargument lautet: Das tut MIR nicht gut. Basta. Das Du ist verschwunden.

Achtsamkeit macht die Welt nicht besser, wie sie vorgibt, sondern schlechter. Sie ist toxisch. Weil sie eine Verbesserung vorgaukelt, die in Wirklichkeit nur ein Rückzug ist. Die Welt wird nicht besser, wenn ich mich mehr mit mir selbst beschäftige. Und dies in einer Zeit, in der weltweit die Krisen zunehmen, die uns als Menschheit betreffen und nicht mich als einzelnen.

Vielleicht fühle ich mich besser, aber das ist Schein: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, wusste schon lange vor uns Adorno.

Das Verlassen der Komfortzone findet nur noch in den Grenzen der durch die Achtsamkeitsarbeit entdeckten Gefilden statt. Sie ist keine Grenzüberschreitung mehr, wagt nichts mehr. Alles ist reduziert auf das Machbare, auf Optimierung, aber bitte nur so, dass es mir nicht wehtut.

Wenn ich mich schon unbedingt mit mir beschäftigen will, dann vielleicht (im Lacanschen Sinne) mit dem Anderen in mir oder, wie Julia Kristeva es nennt, mit dem Fremden in uns, d.h. mit dem, was uns nicht direkt zugänglich ist, Freud hätte gesagt: mit dem Verdrängten.

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