Wenn Literatur die Realität einholt

Eine persönliche Rezension von: Stefania Auci, I leoni di Florio und L‘inverno dei leoni

Zunächst: ich liebe Literatur, bin süchtig, kann ohne sie nicht leben. Umgekehrt finde ich Literaturwissenschaft absolut überflüssig. Warum soll man schlaue Dinge über Literatur schreiben? Die Literatur selbst ist mir genug. Sie ist Text. Nie mehr und nie weniger. Deutungsversuche können immer nur kläglich enden, sie sind nicht mehr als Spekulationen. Nicht weil wir gar nicht wissen können, was uns die Autorin damit sagen wollte (die unsägliche Frage vieler Deutschlehrer), sondern weil es überhaupt nicht interessant ist. Interessant ist der Text als Text und damit für mich als Leserin, das, was er mit uns macht, wie er die Welt deutet und uns eine neue Sicht auf die Welt eröffnet, eine, die uns vor der Lektüre nicht zugänglich war, also all das, was nach seiner Entstehung passiert. Was macht er mit mir? Und was macht er mit anderen Texten? Texte entstehen ja nicht in einem leeren, neutralen Raum, sondern in einem, in dem es schon immer andere Texte gab, mit denen sie kommunizieren. Die Autorin dahinter ist spätestens mit der Veröffentlichung verschwunden, zumindest in den Hintergrund getreten. Daran ändern auch öffentliche Lesungen nichts. Ich halte es mit Roland Barthes und seinem Tod des Autors.

Nun hat mich die Literatur eingeholt.

Die Fakten: Ich war mit einem Sizilianer verheiratet und viele Male in Sizilien, genauer gesagt in Marsala, Provinz Trapani. Ich spreche fließend Italienisch, aber nicht Sizilianisch. Seine Familie spricht ein „gebildetes“ Sizilianisch, d.h. Italienisch mit sizilianischen Ausdrücken. Viele davon habe ich mit der Zeit zu verstehen gelernt, aber nie so bewusst, wie ich das mit dem Italienischen betrieben habe.

Stefania Auci, selbst in Trapani geboren, hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter ‚I leoni di Sicilia. La saga dei Florio‘ und ‚L’inverno dei leoni. La saga dei Florio‘, ein italienischer Bestseller über den Auf- und Abstieg einer der reichsten Unternehmerfamilien Italiens, sozusagen eine Art italienische Buddenbrooks. Der Roman selbst ist gut geschrieben, basiert auf historischen Fakten. Das ist aber nicht, was mich interessiert.

Mich hat überrascht, wie mich meine italienische Vergangenheit wieder eingeholt hat, die ich längst für abgeschlossen hielt. Eingeholt nicht im Sinne einer Kriminalgeschichte oder ähnliches. Erst durch die Lektüre dieser zwei Romane – und sie bleiben Romane, d.h. Fiktion – erschließt sich mir eine Welt, der ich mich damals andeutungsweise genähert habe, die aber oft unverständlich blieb. Unverständlich deshalb, weil ich sie nur auf der persönlichen Ebene verortet hatte. Mein Ex war so und so, weil vielleicht …. Meine Schwiegereltern taten das und das, weil ….  Jetzt springen mir plötzlich stereotype Verhaltensweisen ins Auge, die ich immer für individuelle Neurotismen gehalten habe. Fast auf jeder Seite kommt ein Wiedererkennen des „Oh, das kenne ich …. Ach so, das ist also üblich…. Ach, das sagt man eben so“.

Der Roman driftet von einem Roman, dessen Geschichte mich vielleicht anspricht, aber ansonsten wenig mit mir zu tun hat, zu einer Reise in meine Vergangenheit. Bei jedem Ort, der auftaucht, fange ich an wie wild zu googeln, ob ich dort schon einmal war, und wenn nicht, frage ich mich, warum mir das vorenthalten wurde. Es geht sogar so weit, dass ich mir ein sehr altes sizilianisches Parfüm bestellt habe.

Die ganze Familie inklusive meines Ex-Mannes hatte kein einziges Mal die Absicht gezeigt, mir ihr Sizilien zu zeigen, näherzubringen. Das ist eine sehr deutsche Verhaltensweise (wenn beim ersten Besuch stolz selbst das Schlafzimmer präsentiert wird. Sehr peinlich!). Auf der einen Seite war dort also überhaupt kein Stolz, sie wären nie auf die Idee gekommen, es gäbe etwas, was sie mir zeigen müssten. Auf der anderen Seite habe ich jetzt das Gefühl, dass sie mir auch etwas vorenthalten haben. Ich habe nicht das Sizilien kennen gelernt, das man als Touristin kennen lernen würde. Aber nein, das stimmt gar nicht, dass sie mir etwas vorenthalten haben. Es ist einfach so, wenn man an einem Ort lebt, dass man sich wenig für die touristischen Höhepunkte interessiert. Und in dieses Gefühl haben sie mich von Anfang an miteinbezogen. Sie wären nie auf die Idee gekommen, dass dort eine furchtbar neugierige, lebenshungrige Deutsche saß, die so viel von der Welt lernen wollte wie nur möglich. Dank ihnen habe ich ein anderes Sizilien kennen und lieben gelernt, als es den meisten möglich ist, nämlich das der Sizilianer. Und das nur bedingt mit Mafia zu tun hat. (Ich ertrage stereotype Antworten schlecht: Ich sage: Sizilien. Die fast hundertprozentige Antwort: Mafia. Dabei sind es die Sizilianer selbst, die erstens am meisten unter ihr leiden, und zweitens am meisten dagegen tun, und sicherlich nicht wir besser wissenden Deutschen) Und all das finde ich nun in den Romanen wieder. Ihre Art zu leben, die Welt zu sehen, Dinge zu tun.

Zweimal haben wir etwas gemeinsam besichtigt. Das erste Mal sind wir nach Erice gefahren, einem kleinen Dorf. Es liegt auf dem einzigen Hügel in der ganzen Umgebung, so dass sich dort alle vorhandenen Wolken sammeln und es immer etwas frischer ist, als man es sonst in Sizilien erwarten würde. Man sieht immer frierende Touristen, weil sie nicht mit dem Wetter rechnen.  Dieses Mal froren wir auch und konnten den Aufenthalt nicht wirklich genießen. Das zweite Mal war bei meinem letzten Besuch, schon lange nach unserer Scheidung. Ich war zusammen mit meinem Sohn, ihrem Lieblingsenkel auf Besuch. Er wollte unbedingt nach Palermo. Ich traute mich nicht mit dem Auto hinzufahren, weil das Autofahren in Palermo ein kleines Abenteuer ist, wenn man es von der sportlichen Seite nimmt, oder gefährlich, wenn man eher der ängstliche Typ ist. Nach ewigem Hin und Her wurde dann beschlossen, mit meinen Ex-Schwiegereltern hinzufahren. Einmal in Palermo mussten wir dort auch etwas unternehmen. Wir besichtigten die Zisa, sicherlich nicht einer der palermitanischen Höhepunkte, aber ein Erlebnis, das für Sizilien steht.

La Zisa Palermo

Die Zisa ist kein typischer Touristenort, dafür umso spektakulärer. Ich fände ihn wahrscheinlich weniger spektakulär, wenn er vollgestopft wäre. Wahrscheinlich mag ich diese Mischung aus großartiger Architektur /Kunst und relativ touristischer Unberührtheit.

Es ist ein normannischer Palast aus dem 12. Jahrhundert, der als Sommerresidenz diente. Das kann man gut verstehen. In Palermo ist es im Sommer drückend heiß, und die dicken Mauern bieten eine angenehme Kühle. Neben normannischen gibt es auch viele arabische Einflüsse, beim Namen angefangen, der so etwas wie mächtig, stark bedeutet. Im 14. Jahrhundert wurde sie eine Festung und im 17. Jahrhundert ein Barockpalast, deren Teile in den 1950er Jahren wieder rückgängig gemacht wurden. All diese verschiedenen Einflüsse kann man sehen. Von außen ist es ein unglaublich plumper Bau, so als hätte der Architekt überhaupt keine Idee gehabt. Innen auch recht kahl, aber mit Fresken, Mosaiken und Muqarnas, einem Stalaktitengewölbe aus der islamischen Architektur, absolut faszinierend. Mich hat die Mischung beeindruckt. Überhaupt ist Palermo von diversen Kulturen geprägt. In einem Teil der Altstadt sind die Straßenschilder (früher gab es nicht wirklich welche) dreisprachig: Italienisch, Arabisch und Hebräisch.

1.Sizilianischer Dialekt

Erst jetzt, wo ich es geschrieben sehe, werde ich mir vieler Ausdrücke bewusst, die ich wahrgenommen habe, die aber nie ins bewusste Denken vorgedrungen sind. Das Sizilianische ist fast eine eigene Sprache, die Dinge ausdrücken kann, die im Italienischen (oder Deutschen) unmöglich sind.

Tausend Mal gehört: Amunì: los, gehen wir

Camurrìa: etwas, das auf einem Nerven geht, aber viel kürzer!

Niemand benutzt in Sizilien das italienische Wort für kaufen ‘comprare’. Sondern es heißt accattari.

2. Männer

Die Männer im Roman sind wie eine historische Ausgabe meines Ex-Mannes. Ich habe ihn immer für einen Narzissten gehalten. Er ist aber einfach nur Sizilianer. Wenn wir uns nach monatelanger Trennung bei seinen Eltern wieder trafen, verschwand er immer in den ersten Tagen komplett, um sich auszuschlafen. Die Arbeit geht vor, der Ruf geht vor. Persönliche Beziehungen werden allem untergeordnet. Ich bemitleide die Frauen im Roman. Keine von ihnen, auch die, die ihre Ehemänner liebten, hatten ein erfülltes emotionales Leben. Überhaupt Emotionen. Auch wenn in unserer unterkühlten deutschen Vorstellung Sizilianer eher hitzig daherkommen, spielen Gefühle in der Gesellschaft kaum eine Rolle. Sie gelten als Schwäche, Frauensache, Krankheit (sic! alles drei Synonyme). Mein Ex-Mann liebte es, Probleme zu lösen. Dann war er ein richtiger Kerl. So sind auch die Männer im Roman. Als erst ein Kind und kurz darauf das zweite stirbt, ist das einzige, was dem jüngeren Ignazio einfällt, seiner Frau vorzuschlagen wegzufahren. Weg, Flucht nach vorn, aber sie bleibt eine Flucht – weil er nicht weiß, wie er mit ihrer Trauer umgehen soll, ganz zu schweigen von seiner eigenen.

3. Frauenbild

Im ganzen Roman gibt es zwei Arten von Frauen: die einen, die ihr Leben, ihr gesamtes Dasein ihrem Ehemann unterwerfen und das an ihre Kinder weitergeben. Extremes Beispiel davon ist Giulia Portalupi, die mit Vincenzo Florio eine Affäre hat, aus der zunächst zwei Mädchen hervorgehen. Es ist ein kleiner Skandal, er liebt sie, aber heiratet sie nicht. Sie lebt mit ihren zwei Kindern in einer kleinen Wohnung, die er finanziert. Erst als sie ihm einen Sohn gebärt, erkennt er sie als die Mutter seiner Kinder an, d.h. eben auch der Mädchen und heiratet sie, worauf sie in das Haus Florio übersiedeln „darf“. Das ist der erste eigentliche Skandal. Die Mädchen bekommen erst durch den Bruder eine Daseinsberechtigung. Der zweite besteht darin, dass sie das alles hinnimmt und ihn trotz dieser unmenschlichen Behandlung liebt.

Der zweite Frauentyp wird durch Giulia Florio personifiziert. Nachdem die Frau ihres Bruders bei ihr Rat sucht, weil dieser ein Frauenheld ist und sich nicht für sie als Mensch interessiert, rät sie ihr, hart zu werden, einen Panzer um sich aufzubauen, nichts mehr an sich heranzulassen, weil sie nichts an der Situation ändern kann. Beiden Frauentypen ist gemeinsam, dass Gefühle in ihrem Leben keinen Platz haben (dürfen), dass es keine Möglichkeit einer Veränderung zu geben scheint, und dass sie sich ihrer Rolle als Frau nicht bewusst sind. Einer der Florio-Männer sagt (im Roman) sinngemäß: Hör auf deinen Kopf, nicht auf dein Herz! Das kenne ich zu gut.

Wenn ich zurückdenke an die Sizilianer, die ich kennen gelernt habe, ist das heute nicht viel anders. Ich erinnere mich an ein Familienfest, bei dem ein junger Mann, ein entfernter Cousin meines Ex-Mannes anwesend war, der an einem Unfall beteiligt war, bei dem eine junge Frau tödlich verunglückt ist. Er wirkte sogar heiter. Ich habe die ganze Zeit nach Anzeichen gesucht, die diese Erfahrung in ihm hinterlassen haben musste. Nichts.

Meine Schwiegermutter hat ihre Karriere scheinbar den Kindern geopfert. Sie hat trotz Studium nie gearbeitet. Dennoch hatte ich immer den Eindruck, dass sie zwar immer da war, aber sie im Grunde nicht erzogen hat. Sie scheint es anstrengend gefunden zu haben, sich mit ihren Kindern auseinanderzusetzen, ihnen Werte zu vermitteln. Sie sollten funktionieren, und das taten sie auch, im Notfall mit einer Unmenge an Nachhilfeunterricht. Sie sollten standesgemäß heiraten – mein Ex-Mann war da wohl eine Ausnahme. Das war genug.

4. Orte

Der Schein ist wichtiger als das Sein. Bei jedem neuen Aufenthalt musste den Großeltern ein Besuch abgestattet werden. Sie lebten in einem alten Palazzo im Herzen Marsalas. In der guten Stube gab es Fresken an der Decke. Die habe ich aber nur ein einziges Mal gesehen, nämlich bei meinem allerersten Besuch. Ich wurde in die Familie eingeführt und bei den Großeltern meines Zukünftigen einem ordentlichen Verhör unterzogen, was meine Eltern machen würden, was ich verdienen würde usw., das ich schwitzend auf der Kante des Sofas durchlebte, während er sich verdrückt hatte – was er immer tat, wenn wir dort waren. Er hatte seine Pflicht getan, indem wir dort hinfuhren, aber mehr konnte er wohl nicht ertragen. Ebenso erscheint es mir im Roman. Das Leben der Frauen vollzieht sich in einer Aneinanderreihung von Pflichten. Die Männer dagegen gehen ihrer Arbeit, aber auch ihren Vergnügungen nach. Mein Pflichtbesuch dauerte in der Regel ein bis zwei Stunden, danach war ich wieder relativ frei. Aber ein Leben lang?

5. Ägadische Inseln (Isole egadi)

Es sind drei: Favignana, Levanzo und Marettimo, viel weniger bekannt als die anderen italienischen Inseln, aber immer noch so etwas wie ein Geheimtipp. Der ältere Ignazio Florio hatte sich in Favignana verliebt, ich in Marettimo, wo es früher keine Übernachtungsmöglichkeiten gab, außer privat. Heute ist es leider voll von b&b. Favignana kenne ich auch, aber eigentlich nur vom Boot aus.

Meine Schwiegereltern hatten ein Motorboot und im Sommer ist das das typische Vergnügen: Cala Azzurra (Blaue Bucht) oder Cala Rossa (Rote Bucht) von Favignana. Ich brauchte lange, bis sich mir erschloss, wie die Wahl getroffen wurde: Es war ausschließlich eine Frage des Windes. An Land sind wir nie gegangen. Nur einmal. Da schaffte es mein Ex, seine Eltern davon zu überzeugen, auf dem Boot im Hafen von Favignana zu übernachten. Es war ziemlich ungemütlich, weil wir nicht genügend Kojen unter Deck hatten und wir beide deshalb auf Deck schlafen mussten. Es war feucht und kalt, und gegen 4 Uhr morgens fingen die Fischer an zu arbeiten, dem sie durch lautes Schreien Ausdruck verliehen.

Auf Levanzo war die Familie einmal eingeladen. Wir beide wollten die Gunst der Stunde nutzen und die Insel erkunden. Wandern war damals etwas, was milde als Verrücktheit belächelt wurde. Warum sollte man das tun, wenn es doch so etwas wie Autos gab? Natürlich gab es keine Wanderwege (heute schon), und natürlich haben wir uns verlaufen, irgendwo im Gestrüpp.

6. Palermo

Der Großteil der Geschichte spielt in Palermo. Ich bin oft in Palermo gewesen. Den besten Schulfreund meines Ex zu treffen, auf Shoppingtour, Großstadtfeeling, selten etwas besichtigen. Ich kenne Palermo eigentlich nur aus den Augen eines Marsalese, der in die Stadt fährt. Im Roman ist es die aufstrebende Stadt, die versucht mit norditalienischen Städten mitzuhalten.

7. Eine Lücke

Essen spielt in Sizilien vielleicht noch mehr als im Rest Italiens eine enorm große Rolle. Ich hatte bislang noch nie Männer gesehen, die sich einen ganzen Abend lang über Kochrezepte austauschen konnten. Im Roman werden kaum Gerichte erwähnt, und das, obwohl die Autorin selbst Sizilianerin ist. Fand sie das nicht wichtig?

Leave a comment