Voraussagen bergen die Gefahr, dass sie nicht eintreffen. Sonst wären es ja keine Voraussagen. Ich reduziere die Gefahr, indem ich einfach versuche den Trend, der sich m.E. abzeichnet, schlichtweg in die Zukunft zu verlängern. Die Voraussage lautet: Weihnachten nimmt an Bedeutung ab und wird eines Tages ganz verschwinden.
Als ich ein Kind war, hieß es noch, oh, es ist so schön, in die Kirche zu gehen, die ganze Stimmung und all das – wegen der Kinder. Ich dachte dann immer, welche Kinder? Ich war das einzige Kind in der ganzen Umgebung, also mussten sie wohl irgendwie mich meinen. Nur dass ich das gar nicht so fand, wie die Erwachsenen sich das dachten. Heute müssen nicht einmal mehr die Kinder als Vorwand herhalten. In die Kirche geht schon lange keiner mehr, nicht mal mehr zum Vorwand. Wahrscheinlich sind die Kirchen inzwischen an Weihnachten nur etwas voller als sonst, mit ein paar älteren einsamen Damen, die an Weihnachten absurderweise besonders einsam sind. Vor zwei Tagen traf ich beim vermeintlichen Weihnachtseinkauf eine Kollegin, die sofort sagte, dass sie ja an Weihnachten alleine sei. Ich kann daraus nur schließen, dass sie es im restlichen Jahr auch ist. Wiegen diese drei Tage und vielmehr eigentlich nur der Heilige Abend so viel mehr als die restlichen 364 Tage im Jahr? Das will ich nicht verstehen.
Was bleibt dann noch? Glauben tut auf jeden Fall offenbar kaum mehr jemand an die Weihnachtsgeschichte. Zumindest habe ich bisher niemanden getroffen. Vielleicht ist es auch nur meine subjektive Wahrnehmung, als Atheistin natürlich gefärbt. Gestärkt wird dieser Eindruck allerdings von der Tatsache, dass es seit ein paar Jahren mehr Menschen gibt, die keiner Kirche mehr angehören als jeweils einer der Konfessionen. 2022 gehörten noch 48% der Menschen noch einer der beiden großen Konfessionen an, 40% waren konfessionslos, im Gegensatz zu nur 3,9% 1060. Wenn man nun davon ausgeht, dass die meisten “Christen” nicht praktizierend sind, schrumpft der Prozentsatz auf ein mickriges Häufchen. Ein Forschungsprojekt der Uni Freiburg hat einen Rückgang auf 22,7 % im Jahr 2060 prognostiziert. Interessant ist außerdem, dass es mit der christlichen Grundeinstellung nicht sehr weit her ist (https://de.statista.com/infografik/14030/christen-sind-weniger-tolerant-als-konfessionslose/.) Aber das ist ja nichts Neues aus dem christlichen Abendland.
Was bleibt also wirklich noch? Der Tannenbaum? Die Taz titelt und da ist wenig hinzuzufügen: Jährliches Tannensterben: Baumleiche im Wohnzimmer. Für Weihnachtsromantik müssen allein in Deutschland jedes Jahr 27 Millionen Bäume sterben. Ein barbarischer Akt.
Das Gleiche gilt für die 12,5 Millionen Weihnachtsgänse, von denen die meisten unter qualvollen Bedingungen gezüchtet werden, nur um unbedingt an Weihnachten verspeist werden zu müssen. Warum? Und was hat das alles mit Weihnachten zu tun? Tradition? Von wie vielen Traditionen haben wir uns schon verabschiedet, aber warum hält sich diese so hartnäckig?
Mein Lieblingsspruch ist aber der von der Familie. Ja, Kirche, Religion, nee, aber es ist doch eine Gelegenheit, die Familie wiederzusehen. Wenn es so schön mit der Familie ist, könnte man sie auch ruhig zu anderen Gelegenheiten treffen, z.B. in einer schöneren Jahreszeit. Aber das geht offenbar nicht. Warum? Weil es vielleicht doch gar nicht so schön ist mit der lieben netten Familie? Und einmal im Jahr, naja, da muss man halt, und weil es schon immer so war, dann eben Weihnachten, außerdem, was würden die anderen denken … Ich liebe es, wie in “Das Fest der Liebe” von Jan Georg Schütte das Weihnachtsfest krachend das Heilige begräbt. Wenn es nicht so ist, dann wird geheuchelt, gelabert, gute Miene zum bösen Spiel gemacht, bis es nur so raucht. Und am Ende sind alle froh, wenn sie wieder heim dürfen. Nur warum tun sie es sich immer wieder an?