“Geisterfahrer” bekomme ich entgegengerufen, als ich auf dem Fahrradweg eine andere Radfahrerin (natürlich) links überhole. Wer das ruft, ist ein junger Mann (wahrscheinlich mit Familie), der auf dem Fahrradweg zu Fuß unterwegs ist und mir damit offenbar signalisieren will, dass ich mich falsch verhalte. Auf der Oberfläche. Der aber selbst keinen Zentimeter zur Seite weicht, obwohl er (und der Rest der Familie) sich falsch verhalten, und mir damit im Grunde signalisiert, vor dir Radfahrerin gebe ich nicht klein bei, ich habe hier die Macht, du musst ausweichen. Er hat mich tatsächlich gezwungen, um sie herumzufahren. Das Wort “Geisterfahrer” ist entlehnt (man fährt auf der falschen Spur), aber hier völlig unpassend. Es wäre ein bisschen weit hergeholt, hier gleich AfD-Wähler zu vermuten, aber nach der kurzen sprachlichen Analyse kann man sagen, dass sie genau so argumentieren, und zwar fast immer. Sie nehmen ein Fünkchen Wahrheit (ich links), drehen den Spieß komplett um und befinden sich wie von Zauberhand plötzlich im Recht. Dass ihre Argumentationsweise fatale Lücken und Fehler aufweist, interessiert sie nicht. Sie überspringen es gleichsam, wie bei einem Gedankensprung, wo man den entscheidenden Teil einfach auslässt. Sie tun dabei so, als wäre es ihnen so passiert. Dabei ist es Strategie, denn ohne diesen Teil würde ihre Argumentation nicht aufgehen.
Eine ähnliche Argumentationsweise wird benutzt, wenn die Ausnahme zur Regel erhoben wird. Das ist perfide. Beispiel Bürgergeld. “Die bekommen fast 5000 Euro. Ich habe den Bescheid gesehen.” Ich habe ihn natürlich nicht gesehen und kann somit nicht sehen, wie es dazu gekommen ist. Erster Punkt gemacht. Es würde genügen, den Bürgergeld-Rechner zu befragen, wie viel Geld diesen Menschen tatsächlich zusteht. Vermutlich waren die 5000 Euro irgendeine Extraleistung, eine Nachzahlung, spezielle Reparaturkosten o.ä. Das wird natürlich nicht erwähnt, weil offenbar nicht für interessant befunden. Zweiter Punkt gemacht. Man gerät ins Hintertreffen. Nur wird hier mit gezinkten Karten gespielt. Die entscheidenden Informationen werden unterschlagen. Und so wird aus der Ausnahme sofort der Regelfall. Und damit ist Diskrimierung Tor und Tür geöffnet. Wenn wir jede Ausnahme als Regel betrachten würden, würde die Welt Kopf stehen. Das ist eine Art der rechten Narrative. Dass auch viele Nichtrechte dieser Erzählung aufsitzen, ist fatal. Denn gerade so funktioniert es, dass diese Art, die Realität zu verdrehen, Einzug in die Mitte der Gesellschaft hält.
Die Bürgermeisterin findet, dass in unserer Stadt zu viele Ausländer leben. Sie nennt Zahlen, in der Presse hochgeputscht (die Presse hat merkwürdigerweise ganz aktuelle Zahlen, die nirgendwo zu finden sind), die als Argument herhalten müssen. Dass andere Städte ähnliche Zahlen haben, geschenkt. Dass andere Städte auch niedrigere Zahlen haben, auch geschenkt, oder? Warum sind reine Zahlen ein Argument für ein Problem. Die Integration klappt ansonsten erstaunlich gut. Ohne Zugewanderte würde in unserer Stadt vieles überhaupt nicht mehr funktionieren. Das sieht sie natürlich nicht. Sie sieht die Probleme. Ja, da wo Menschen sind, gibt es Probleme. Und mit Migranten sicherlich andere als mit Einheimischen.
Und wo sind all die Menschen, die nach den “Messeranschlägen” und tödlichen Angriffen sofort nach Ausweisung geschrien haben – jetzt, wo die Anschläge wie ein Wunder nach der Bundestagswahl aufgehört haben (es gab genau noch einen, aber der passte nicht so recht in das Muster der anderen)? Keinen wundert das ? Das wundert mich nicht. Denn es passt nicht in die rechte Erzählung (auch der Parteien der sogenannten politischen Mitte), dass diese Anschläge mindestens politisch ausgeschlachtet wurden, wenn nicht sogar politisch initiiert. Warum hatten viele dieser arabischen Mörder Kontakte ins rechte Milieu, rechtes Gedankengut? Kaum jemanden scheint das zu interessieren. Und dieses Denken setzt sich fest. Wochenlang war fast nichts anderes Thema in der Presse. Plötzlich verschwunden, kein Wort darüber, dass hier nicht “die” Migranten an sich die Anschläge verübt haben, sondern die meisten anscheinend rechtsextremistische Ansichten hatten. Das ist vielen in diesem Lande doch zu unangenehm, da würde an Überzeugungen gerüttelt, die viel zu bequem sind, um sie aufzugeben.