Personalpronomen gehen weit über ein grammatisches Phänomen hinaus. Die erste Person ist ‘ich’. Sind wir uns selbst also doch am wichtigsten? Stehen wir an erster Stelle? Offenbar schon, denn Grammatik drückt immer etwas aus. Dann könnte man denken, dass es im englischsprachigen Raum – trotz der scheinbaren Freundlichkeit (“how are you?”, das einem überall ungefragt entgegengeschleudert wird) – noch schlimmer bestellt ist: ‘I’ ist das einzige Pronomen, das groß geschrieben wird.
In der Kommunikation benutzen wir die zweite Person du, ihr oder Sie. Der andere steht also an zweiter Stelle. Er, sie, es und das Plural – sie benutzen wir für Dritte, und das bedeutet, dass sie abwesend sind. Wir reden nicht MIT ihnen, sondern ÜBER sie. Wir machen sie zum Objekt unseres Redens. Das Subjekt des Sprechers und das Subjekt des Gesprochenen fallen auseinander. (Das gibt es auch umgekehrt, wenn der Schriftsteller einer Figur ein ‘Ich’ zuschreibt.) Das geht auch nicht anders, weil sie ja abwesend sind.
Was passiert aber, wenn jemand in Anwesenheit einer Person über diese in der dritten Person redet? Dann verschwindet diese im Diskurs. Sie wird zu einer abwesenden Person. Sie wird zum Objekt, vergegenständlicht. Sie ist plötzlich keine sprechende Person, kein Subjekt mehr. Das passiert häufig in der Kommunikation mit sozial schwachen, hilfsbedürftigen Personen, die betreut werden. Und es sind genau diese Betreuer, die eigentlich die Aufgabe haben, ihnen aus ihrer Abhängigkeit zu helfen, die diese geradezu verstärken. Im Grunde müssen sie es tun, sonst würden sie sich selbst überflüssig machen und in letzter Konsequenz ihren Job verlieren. Sie müssen also um jeden Preis die Abhängigkeit aufrechterhalten. Gesellschaftliche Teilhabe? Weit gefehlt. Die Sozialpädagogik arbeitet systemerhaltend. Und dabei hilft die Grammatik. “Solche Menschen können das nicht.” (O-Ton einer Soz.päd.) Der solche Mensch saß neben ihr. Und wenn er es könnte, würde sie dort nicht mehr sitzen.