Vor vielen Jahren fragte mich meine Schwiegermutter, ob ich meinem Sohn ab und zu eine Lüge auftischen würde. Ich habe die Frage nicht verstanden – bis heute nicht. Sie meinte keine Notlügen.
Ich kann nachvollziehen, dass es Situationen gibt, in denen man zu Notlügen greift/greifen muss. Vor allem dann, um jemanden, den anderen oder auch sich selbst zu schützen. Und wenn der Schaden ohne Lüge größer wäre. Diese Lügen meine ich hier ausdrücklich nicht.
Ich meine Lügen, die einfach nicht notwendig sind, oder etwas Schlechtes zu tun, das nicht notwenig ist. Warum wollte meine Schwiegermutter lügen? Es hätte keinen Vorteil gehabt, nicht einmal für sie selbst. Sie schien es aus reiner Gewohnheit zu tun.
Leute, die sich ohne Not in die irrwitzigsten Aussagen verkeilen, ohne dass sie dazu aufgefordert, herausgefordert oder irgendwie nur motiviert worden wären. Die von ihren schlechten Taten erzählen, ohne dass vor ihrer Erzählung auf die Schlechtigkeit ihrer Taten gestoßen wäre. Sozusagen ein vollkommen freiwilliges Geständnis, und sich dessen fast rühmen. Merken sie es nicht, dass sich sich alles andere als mit Ruhm bekleckert haben, sondern es eigentlich nur etwas ist, wo eins der wenigen schönen neudeutschen Wörter so gut passt: sich fremdschämen.
Nun ist das auch in der Politik angekommen. Aktuell Friedrich Merz. Dieser Tag wird voraussichtlich in die deutsche Geschichte eingehen: der erste Tabubruch, nachdem wir den Faschismus vermeintlich gut überwunden zu haben glaubten. Aber vielleicht doch nicht ganz. Darüber kann man sich empören. Ich tue es. Aber das kann ich aus einer Merz-Logik nachvollziehen. Was ich nicht verstehe, ist, dass er es gegen seine eigenen Interessen getan hat. Dieser Mensch hat sich bisher nur interessengeleitet verhalten, seinen eigenen und den Interessen seiner Klientel geschuldetes Verhalten. Warum hat er dann diese zwei unsägliche Anträge VOR der Bundestagswahl gestellt? Hätte er sie danach gestellt, hätte er damit einfach (natürlich mit den Stimmen der AfD) durchmarschieren können. Die Mehrheit wäre ihm mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sicher gewesen. Warum also? Er hat es riskiert und – verloren. Der erste Antrag ging noch durch. beim zweiten ist er böse auf die Nase gefallen und riskiert nun auch viele Stimmen bei der Bundestagswahl. Bisher habe ich mir dieses Verhalten mit seiner psychischen Entwicklung erklärt, die auf der Stufe eines Kleinkindes stehengeblieben ist, das an Weihnachten die Spannung nicht mehr aushält und durch den Türspalt luschern muss und sich damit die Freude, die Überraschung selbst nimmt. Eben seine ganze psychische Verfassung: fehlende Selbstkontrolle, Unbeherrschtheit, Überschätzung der Ich-Instanz, Ungeduld, mangelnde Bedürfniskontrolle etc. Aber ist es das wirklich? Er hatte Berater, die ja angeblich schon versucht haben sollen, diese Mängel auszugleichen. Haben sie es einfach nicht geschafft? Dann wäre seine psychische Verfasstheit also noch schlimmer als angenommen. Ich glaube es nicht. Da gibt es einen anderen Trieb. Das ist vielleicht der gleiche wie der meiner Schwiegermutter. Vielleicht ist es eine Art Lustbefriedigung. Die Lust, im vollen Bewusstsein etwas Unsinniges, Schädliches zu tun. So wie Halbstarke viele Dinge tun, von denen sie ganz genau wissen, dass sie dadurch zu Schaden kommen können, aber das genau ist ja der Prickel. Wenn es einfach nur normal und sinnvoll wäre, gäbe es keine Lustbefriedigung. Geht es also um ganz tiefe, aber auch ganz niedrige Beweggründe? Da er aus einer stramm konservativen Familie stammt, könnte man mutmaßen, dass die Lustbefriedigung da ein bisschen sehr auf der Strecke geblieben ist. Es wäre interessant, mehr über seine Kindheit zu erfahren.