Komfortzone

Es gibt Redewendungen und Gemeinplätze, die kommen und gehen dann wieder. Manche halten sich nicht sehr lange. So einer ist die Komfortzone bzw. die Rede, man solle sie verlassen. Das hat sicherlich etwas mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu tun. Die Frage ist erst einmal, was Wirklichkeit überhaupt meint. Objektiv? Wir wissen nun seit einiger Zeit, dass es so etwas wie objektive Wirklichkeit nicht geben kann, weil wir immer nur subjektiv wahrnehmen können. Aber im Sinne dieser subjektiven Wirklichkeit ist es interessant zu beobachten, dass das Verlassen der Komfortzone im Moment keine große Rolle zu spielen scheint.

Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass die Komfortzone selbst immer größer und damit ein Verlassen unnötig wird.

Lange habe ich gedacht, dass eine mögliche Erklärung die berühmten viel zitierten kulturellen Unterschiede sein könnten. Verschiedene Kulturen haben unterschiedliche Komfortzonen. Dann musste ich feststellen, dass es alles andere als ein kulturelles Phänomen ist. In meiner Arbeit habe ich viel mit „bildungsfernen“ Menschen zu tun. Auch dort scheint die Komfortzone manchmal riesig, bis zu der Aussage: „Ich bin behindert, ich kann das nicht.“ Sie konnte schon, sie wollte nur nicht, fand es wohl unbequem. Nun muss ich entdecken, dass die ausgeweitete Komfortzone bis in meine Gesellschaftsblase reicht, also, ich meine, ich habe das jetzt (erst) entdeckt, die Tatsache selbst ist aber nicht so neu.

Eine Freundin aus Studienzeiten sagte noch, wenn sie etwas nicht wollte: „Ich will das nicht.“ Das war zu einer Zeit, als es angesagt war, zu sagen, was man nicht wollte. Heute, wo nein zu sagen praktisch ein Tabu geworden ist, befinden sich viele Menschen in einem Dilemma. Sie wollen nicht, aber sie dürfen es nicht mehr sagen. Alles ist immer positiv, alles gut, mein halbes Glas ist voll, ich gehe zum Lachen nicht in den Keller usw. sind Aussagen, die sich schlecht mit einem Nein vertragen. Also muss man zu anderen Mitteln greifen, um Ablehnung auszudrücken. Und die sind eben etwas verkorkst. Mir geht es gerade nicht gut, ich habe im Moment so viel zu tun, ich habe so viel Stress, ich schaffe das gerade wirklich nicht, aber nächste Woche wird es besser, sind nur ein paar Kostproben davon. Das Schlimme ist, dass nicht nur der Sprecher, sondern auch der Hörer weiß, dass das im besten Fall eine Notlüge ist, eigentlich aber einfach nicht stimmt. Die Komfortzone wird gedehnt und gedehnt. Verlassen tut sie kaum noch jemand. Alle richten sich ein – in IHRER Komfortzone. Dass die dann nicht so ganz kompatibel ist mit denen der anderen, gehört zum Nichtverlassen dazu. Keiner fühlt sich mehr verantwortlich, nicht mal für sein eigenes Leben, denn: Ich habe gerade so viel Stress, nein, das schaffe ich wirklich nicht. Eine andere Variante, die sich nicht einmal mehr die Mühe einer Ausrede macht, ist das komplette Abtauchen. Man tut so, als wäre nichts gewesen. Man ignoriert. Und beschäftigt sich mit seinen eigenen Befindlichkeiten. Derer es da gerade sehr viele gibt.