Fragezeichen: Ist es wirklich eine Klage? Bin ich eine Intellektuelle? Und ist es die Klage einer Intellektuellen?
Und die Klage, so es denn eine ist, lautet: Wo sind die intellektuellen Männer? Ja, ich suche einen Mann, oder eher, habe einen gesucht. Nicht, dass ich keinen mehr bräuchte. Nein, ich habe es aufgegeben. Ich möchte mit einem Mann reden können, auch über abstraktere Dinge und nicht nur über Gemeinplätze. Ich möchte einen Mann, der sich für viele Dinge interessiert, der neugierig ist, wissensdurstig, der über den Tellerrand schauen kann, der dafür auch seine Energie investiert, der mir intellektuell etwas zu bieten hat, weil er einiges weiß, das ich nicht weiß, der – ja – belesen ist. Dazu reicht es eben nicht, dass mann auch ein paar Bücher hat, wie mein letztes Date, aber leider keine Muße, sie zu lesen. Lesen Männer überhaupt, sagen wir mal abgesehen von denjenigen, die das beruflich müssen, aber dann sind es ja nur Fachbücher und dazu total einseitig? Ich suche den Explorer (Entdecker für all die Männer, die behaupten, sie könnten Englisch, dann alles in den Google-Übersetzer eingeben und hinterher behaupten, es klänge Deutsch. Möchte ich das verstehen? Nein!), wie ihn Helen Fisher (Why him? Why her?) genannt hat, der offen ist für vieles, und nicht schon beim ersten Date eine Liste mitbringt: “Hier ist meine rote Linie und hier gibt es noch ein bisschen Spielraum.” Danke! Wie großzügig! Ticken die noch ganz richtig, diese Typen? Überhaupt scheinen sie nicht die geringste Idee davon zu haben, dass praktisch alles eine Aushandlungssache ist. Und dass es dazu etwas Empathie benötigt, allerdings nicht emphatisch zu sein, wie die allermeisten schreiben. Das ist für mich ein No go. Wer das nicht schreiben kann, meint es auch nicht ernst damit. Wie ein Bekannter richtig bemerkt hat, gibt es keine Tippfehler in den Archiven des Geistes, sondern sie sind immer schon ein Ausdruck dessen, was uns bewegt. Einmal hat mir einer gesagt: Achtung, ich kann intellektuell sein. Leider kam daraufhin nichts. Vollmundige Ankündigung, das Finish leider mehr als unbefriedigend. Ich meine, wer es sagen muss … Das ist genauso mit coolen Typen. Die gibt es nicht. Es gibt die, die es gerne sein wollten. Nur dass sie leider durch diesen Wunsch besonders uncool werden. Das zum Thema Authentizität. Schein und Sein …
Und ich suche einen Mann, der nicht vor Selbstmitleid zerfließt. Gibt es den? Bisher habe ich nur die Leidenden getroffen. Sie leiden an allem, an den Frauen (natürlich) welcher Art auch immer, Partnerinnen, Mütter etc., an der Welt, an den Umständen, die sie nicht ändern können, das Unvermeidbare akzeptieren wäre ja eine Möglichkeit, aber dann fiele ja das Leiden weg … und das wäre irgendwie blöd, denn man hat sich ja so schön eingerichtet … und … sie leiden vor allem an sich selbst. Das ließe sich allerdings ändern, aber … das kostet Anstrengung, ist mühevoll, och, dann doch lieber einfach weiterjammern. Unerträglich! Werdet endlich erwachsen! Das Kind im Manne ist … Entschuldigung … eine Sch…ausrede.
Aber was ist überhaupt los, nicht nur mit den Männern? Wenn ich Radio höre und alle diesen neuen deutschen Lieder, wird mir manchmal fast schlecht. Wenn Lea singt, es tut so we – he, dann tut mir alles we- he, oder Peter Fox von seinem Haus am See singt und seinem Traum, nie rausgehen zu müssen. Meinen die das so? Was sind denn das für Befindlichkeiten? Einst wäre es schon peinlich gewesen, so etwas unter Freunden loszuwerden. Und heute bekommen sie sogar einen Haufen Geld dafür. Was ist denn los? Gut, Grönemeyer gibt es immer noch (zum Glück), aber wo sind die Waders, Weckers, Degenhardts und Meys? Oder “außer memories und stories”. Möchte er uns sagen, dass er zwei (!) Wörter Englisch kann? Oder passte das deutsche Wort vielleicht nicht in die Melodie? Liebe Leute, es ist grauenhaft (wie übrigens die Werbung: Miet me!) Aber, und das ist wohl der Punkt, es ist der Zeitgeist. Ich muss gestehen, wenn das stimmt, dann möchte ich mit diesem Zeitgeist nichts zu tun haben. Er ist mir zuwider.
Oder Die Ärzte: Lass die Leute reden und hör ihnen nicht zu
Die meisten Leute haben ja nichts Besseres zu tun
Lass die Leute reden, bei Tag und auch bei Nacht
Lass die Leute reden – das haben die immer schon gemacht Die haben das schon immer gemacht.
Eben. Warum dann nur einen Gedanken daran verschwenden?! Und sogar ein Lied über die platteste aller Plattheiten zu produzieren, das tatsächlich veröffentlicht wird und auch noch Erfolg zu haben scheint. Als ich es zum ersten Mal im Radio (NDR 2) gehört habe, dachte ich, ich traue meinen Ohren nicht. Ist es das, was die Leute hören wollen? Ist das unser Zeitgeist (Ein Mann auf einer Dating-Webseite nannte sich so. Was sollte er damit sagen? Dass er immer mit der Zeit ging? Was soll das sein? Mainstream?)