Ist Sprache eine Entität oder nur unser Werkzeug?

Gut, die Frage klingt doch etwas rhetorisch und beantwortet sich eigentlich schon von selbst.  Aber warum ist sie so viel selbständiger, als wir es gerne hätten?

In der Regel gehen wir davon aus, dass Sprache ein Instrument in unserer Hand bzw. in unserem Gehirn ist, das wir benutzen können, wie wir wollen. Sie, die Sprache, hat doch keinen eigenen Willen. Keinen Willen, ja, das mag sein, aber doch mehr Macht über uns, als uns vielleicht lieb ist.

Kennen wir nicht alle das Gefühl, dass wir nicht hundertprozentig die Kontrolle darüber haben, was wir sagen? Wir beginnen einen Satz,  haben vielleicht einen Hintergedanken oder auch nur einen Gedanken, der uns irgendwie in die Quere kommt, und ups, schon ist etwas heraus, das wir so gar nicht sagen wollten, oder, noch schlimmer, überhaupt nicht sagen wollten. Der Volksmund nennt das den berühmten Freud’schen Versprecher. Freud hat damit ausgedrückt, dass in unserem Unbewussten etwas verborgen war, das sich nun mithilfe der Sprache, des Versprechers Raum gemacht hat.

Das heißt aber auch, dass wir überhaupt nicht immer kontrollieren können, was wir sagen. Wir denken nicht jedes Mal genau darüber nach, was wir sagen. Meistens reden wir, und im Reden ergibt eins das andere.  Da spricht etwas, wahrscheinlich ist es die Sprache selbst. Lacan hat gesagt, das Unbewusste sei strukturiert wie eine Sprache. Das bedeutet auch, Sprache gibt es nicht ohne das Unbewusste, und das Unbewusste drückt sich immer in Sprache aus.

Wir sitzen hier also einem großen Missverständnis auf,  Sprache sei nur ein Instrument, das wir mit Leichtigkeit handhaben, und sie mache immer nur das, was unser ureigener Wille sei. Oft geht sie mit uns durch wie ein wildgewordenes, wütendes, ängstliches oder was auch immer Pferd. Irgendwann fangen wir sie wieder ein, aber die Tatsache des Durchgehens ist nicht mehr zu leugnen.