Hörbücher – ist das nicht ein Widerspruch?

Hörbücher sind wohl ein Symptom unserer Gegenwart. Wir wollen noch Bücher – ja was eigentlich? lesen kann man ja nicht mehr sagen, konsumieren? Bücher waren einmal Papier, Geschriebenes, eine Aneinanderreihung von einer ziemlich großen Menge an Buchstaben, die wir uns erarbeiten mussten, durcharbeiten sozusagen. Und die Arbeit bestand nicht einfach nur darin, uns diese unendliche Schlange entlangzuhangeln, sondern ihr Sinn zu verleihen, unseren Sinn, indem wir innere Bilder schufen, die bei jeder und jedem anders aussahen. Das ist doch Lesen: eine Welt entstehen zu lassen, aber es ist die Welt des Lesers, und von niemandem sonst.

Das scheint nun völlig aus der Welt gefallen zu sein. Lesen ist Arbeit, und wer will noch zusätzlich arbeiten? Wir brauchen Zeit zur Entspannung, in der wir uns aber gar nicht entspannen, sondern selbstoptimieren. Und Lesen hilft dabei nicht. Hörbücher füllen genau diese Lücke. Es scheint noch ein Buch zu sein, aber die Arbeit des Lesens entfällt. Ist das überhaupt noch ein Buch? Nein! Es ist der Schein eines Buches. Wir machen uns glauben, wir “läsen” ein Buch. Tatsächlich hören wir es, wie wir auch die Hörfassung eines Films, das Radio oder sonst etwas, das wenig mit uns zu tun hat, hören würden.

Wenn wir ein Buch hören, dann hat jemand anderes dem Buch einen Sinn verliehen, die Sprecherin oder der Sprecher. Er hat es an unserer Stelle getan, unsere Arbeit erledigt. Wir haben nun nichts mehr zu tun als zu konsumieren, und zwar ihre Lesart, ihre Welt, ihre Bilder. Indem sie etwas auf eine bestimmte Art und Weise vorliest (sic! VOR- liest), verleiht sie dem Text durch ihre Betonung, ihre Geschwindigkeit, ihre Pausen etc. Bedeutung. Jede einzelne Leserin würde unterschiedlichen Aspekten des Textes mehr Gewicht verleihen. Jede würde unterschiedlich schnell lesen, weil jede von uns eine andere Art hat, den Text zu verarbeiten. Beim Hörbuch ist all das nivelliert, eine Einheitssoße, wie bei so vielen anderen Dingen in unserer Gegenwart. Das lesende Individuum verschwindet, es lebe der hörende Massenmensch!

Und wir benutzen wahrscheinlich auch Hörbücher, weil sich so gut noch etwas anderes dabei machen lässt. Die Gleichzeitigkeit der Gegenwart, aus Angst, etwas zu verpassen, z.B. in den Sozialen Medien. Versuchen wir mal ein Buch, also ein richtiges, zu lesen und dabei gleichzeitig auf unseren Insta-account zu starren, oder die Wohnung aufzuräumen, oder Hemden zu bügeln. Irgendwie schwierig. Überhaupt die Gleichzeitigkeit. Eine Leistung ist es, zwei (!) Pferde zu führen, wofür man eigentlich zwei Hände braucht, und gleichzeitig aufs Handy zu starren, ohne zu stolpern. Beim Radfahren, darüber staune ich immer wieder.

Das Wort ist ja selbst der Widerspruch. Ein Buch kann nicht gehört werden. Das ist ein unglaublicher Euphemismus. Wir sollten aufhören uns ständig etwas vorzumachen: statt Rad zu fahren lassen wir uns jetzt auf E-Bikes durch die Gegend kutschieren (jetzt musste schon das Wort ‘Bio-Bike’ geschöpft werden, was für ein Grauen!), statt uns mit uns selbst auseinandersetzen, lesen wir Ratgeber und selbstoptimieren uns. Statt freundlich und aufmerksam zu sein, sind wir jetzt achtsam. Statt uns als das zu begreifen, was wir sind, nämlich ein kleiner Pups in der Größe des Universums, nehmen wir uns ständig zu wichtig.

Schluss mit der Hybris und dem ständigen Sich-etwas-vormachen!

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