Gendern?

Gendern, ja oder nein? Ist das überhaupt die Frage.

Ich bin Feministin. Also ja. Nur so? Alle müssen gerade ihren Senf dazu geben, also ich auch.

1.  Die ganze Diskussion geht mir total auf die Nerven. Sie trifft nicht die wirklichen Probleme, das ist der erste Eindruck. Ist es angesichts der Weltprobleme  nicht wirklich egal, ob man Sternchen, Querstrich oder Innen schreibt? Aber nun mal ehrlich, das Innen zu sprechen, geht vielen gegen den Strich, und das zu Recht, nämlich gegen den Strich unserer phonologischen Regeln, und die haben wir alle gelernt (ohne uns dessen bewusst zu sein), und können sie daher nicht einfach mit dem Bade ausschütten.

Ich bin eine Vertreterin des Konstruktivismus, dass Sprache erst Realität schafft. Nur muss es auf diese Art und Weise sein? Die Mehrheit der Menschen ist genervt, abgehängt von der Diskussion. Es trifft nicht ihre Lebenswirklichkeit mit vielen anderen Problemen. Es ist eine Minderheitendiskussion. Und es nervt, wenn sich eine Minderheit herausnimmt, eins ihrer Interessen zu einem gesamtgesellschaftlichen zu erklären. Das betrifft im Moment leider sehr viele Minderheiten, vor allem aus der LGBT-Umgebung. Ihre Argumente mögen richtig sein, ihre Rechte sind zu wahren, aber es sind beileibe nicht die Interessen der meisten Menschen.

2. Nun vermischen wir ein bisschen die Frage des Gendern mit der Frage nach der sexuellen Identität, die eng miteinander verbunden sind, und von denen letztere nicht minder nervt. Wenn man Diskriminierung beklagt, wird sie nicht damit neutralisiert, indem man selbst diskriminiert, bevorzugt natürlich die Gegner. Eine Professorin (Kathleen Stock, Material girls), der man nicht vorwerfen kann, sie hätte sich – als Feministin- nicht gründlich mit der Materie befasst,  von ihrer Stelle zu mobben, nur weil sie unbequeme Positionen geäußert hat (sie stellt der vorherrschenden Gender theory, wir alle hätten ein inneres Gefühl für unser Geschlecht, ihren Ansatz einer biologischen sexuellen Identität gegenüber), ist genau das, was sonst kritisiert wird, nämlich den anderen zu canceln. (Neben der Tatsache, dass es inhaltlich alles andere als eindeutig entschieden ist, spielt es rechten Positionen in die Hände.) Welche Position man auch immer einnehmen mag, die Form ist inakzeptabel.

Vor kurzem war ich in einer Umkleidekabine. Es kam jemand herein, den/die ich auf den ersten Blick für einen Mann gehalten habe. Meine erste spontane Reaktion war sagen zu wollen, dass er sich in der Kabine geirrt habe. Ich konnte es mir gerade noch verkneifen, oh, wahrscheinlich eine Trans-Frau. Komplette Schere im Kopf: Es muss eine Frau sein. Aber dieser Mensch sah aus wie ein Mann, ich meine äußerlich. Das war keine Frau, okay vielleicht eine Trans-Frau. Das bedeutet für mich: Trans-Frauen sind (natürlich) Trans-Frauen. Das zu bestreiten wäre wirklich dumm. Aber das bleiben sie auch. Sie sind keine Nur-Frauen. Das sollte endlich akzeptiert werden. Am Ende war es nämlich auch ein Irgendwie-noch-Mann in der Kabine. Und das geht zu weit. Da werden Frauenrechte den Transrechten geopfert. Und das hat nichts mit Nazidiktatur zu tun, wie die taz (Vereinigt euch! taz, 05.11.20) vorschnell urteilt.

3. Der entscheidende Punkt ist aber ein ganz anderer, den keiner der beiden Kontrahentengruppen trifft. Lesen wir Geneviève Morel (The law of the mother. An essay on the Sexual Sinthome, 30): To speak in terms of gender is to adhere to gender theories which … always postulate the existence of the doubling of anatomical sex by the soul, the mind or the ego, agencies that psychoanalysis has relativised. Freud habe sich nie auf Gender bezogen, und für Lacan sei es lediglich ein grammatischer Begriff gewesen. Er habe den Begriff der Sexuation vorgezogen, der den Prozess meine, in dem ein asexuelles Subjekt ein Mann oder eine Frau wird oder eben auch nicht – wird, das ist doch hier das Wort, um das es geht, nicht ist. Gibt es überhaupt so etwas wie primäre sexuelle Identität? Noch mal Morel: And if this subject finds an identity, would it not inevitably be via a secondary route, and always symptomatic? (Morel, ebd., 31) Wie wir mit Freud und Lacan sehen können, ist diese Auffassung alles andere als neu. Nur werden beide Auseinandersetzungen geführt, als ob es die ganze (psychoanalytische) Theorie dazu nie gegeben hätte. Man könnte annehmen, dass viele der Kontrahenten gar keine Intention haben, sich wirklich damit, d.h. auch auf einer theoretischen Ebene, auseinanderzusetzen. Man könnte sogar so weit gehen zu behaupten, dass das biologische Geschlecht (Englisch: sex) geradezu absichtlich mit dem sozialen Geschlecht (Englisch: gender) verwechselt wird. Das Englische zeigt mit der Existenz zweier Begriffe, dass es sich um zwei verschiedene Entitäten handelt. Es lässt sich also begrifflich etwas klarstellen. Bis auf wenige Ausnahmen (Intersex, Hermaphroditismus etc.) ist das biologische Geschlecht beim Menschen, den meisten Tieren und sogar den meisten Pflanzen binär. Anders dagegen verhält es sich mit dem sozialen Geschlecht, das nicht immer so eindeutig bestimmbar ist (s. The Ideological Subversion of Biology, in: Skeptical Inquirer Vol.47, No.4) Was aber nicht damit gemeint ist, ist das Folgende: Das Geschlecht wird nicht einfach einem neutralen Baby von der Gesellschaft zugewiesen. Was passiert, wenn das jemand versucht, kann man sehr schön an diesem Interview sehen:                                                                                                    https://www.youtube.com/watch?v=0Zw1EdRKocI&ab_channel=JordanBPetersonClips

4. Neben einer Feministin habe ich mich immer für links gehalten, nie ideologisch links, aber schon ziemlich links. Bei der Genderdebatte fühle ich mich manchmal auf der (falschen?) Seite. Wahrscheinlich hat das viel mit den oben erwähnten Minderheiten zu tun, die – aus linker Perspektive – eigentlich immer schon diskriminiert werden. Wenn sie nun aber selbst Dinge tun oder sagen, mit denen frau sich nicht mehr identifizieren kann oder will?

5. Als Lösung für den Umgang mit dem grammatikalischen Genus scheint mir das generische Feminin eine gute Lösung, d.h. alle Formen erscheinen nur noch in der weiblichen Form. Entscheidend ist hier das Wort erscheinen, denn jede feminine Form schließt automatisch die maskuline mit ein. In MITARBEITERinnen sind automatisch die Mitarbeiter enthalten, ebenso in STUDENTinnEN die Studenten. Wir müssten uns nur daran gewöhnen. Der Gewöhnungsaspekt als Gegenargument ist schwach, das sehen wir bei jeder Rechtschreibreform, und es würde ja für jede neue Form zutreffen. Was wir allerdings bisher nicht haben, sind Binnenzeichen, d.h. Zeichen innerhalb eines Wortes. Sie stören den Lesefluss, egal ob Mitarbeiter/innen, Mitarbeiter*innen oder Binnengroßschreibung inklusive glottal stop, auf Deutsch Knacklaut, ein Wort, das die Sache noch furchtbarer macht, man hört es regelrecht knacken, wenn Mitarbeiter⟨ʔ⟩ Innen gelesen wird. Das ist in gewissen Kreisen total in. Ich frage mich aber manchmal schon, ob das Sprachverständnis nun komplett mit der geschlechtlichen Korrektheit ausgeschüttet wurde. Und das Argument, dass non-binäre Menschen keine Beachtung finden, halte ich für ein künstliches. Welcher Transmensch hält sich nicht selbst für eine (Trans-)Frau oder einen (Trans-)Mann, also am Ende doch binär, wenn auch manchmal wechselnd?