Entscheidungsfindungen

Lange habe ich geglaubt, dass es eine Schwäche sei, sich nicht entscheiden zu können. Ich sitze im Restaurant vor der Speisekarte und kann mich nicht entscheiden. Nehme ich das …, mhm, oder doch vielleicht…? So, als hinge das Leben davon ab. Zumindest im Restaurant tut es das nicht.

Andere Entscheidungen dagegen sind gravierender. Sich für etwas zu entscheiden bedeutet nämlich immer gleichzeitig, sich gegen etwas anderes zu entscheiden, mindestens etwas nicht zu tun. Mache ich etwas oder mache ich einfach nichts? Verlasse ich meinen Partner (aktiv) oder bleibe ich (passiv)? Suche ich mir einen neuen Job (aktiv) oder bleibe ich einfach im alten (passiv)? Ziehe ich um oder bleibe ich? Überdenke ich eine Freundschaft oder nicht? Usw. usf.

Menschen, die sich schnell entscheiden, gelten als entscheidungsstark, also stark, also selbstbewusst, sicher, aktiv. Aber ist das wirklich so?

Ratschläge zu einer Entscheidungsfindung beschreiben diese als einen Prozess mit mehreren Schritten (www.umassd.edu/fycm/decision-making/process):

1. Die Entscheidung herausarbeiten

2. Informationen sammeln

3. Alternativen suchen

4. Die Fakten abwägen

5. Zwischen den Alternativen wählen

6. Handeln

7. Die Entscheidung überprüfen.

Daran kann man schon sehen, dass eine „gute“ Entscheidungsfindung keine Sache von Augenblicken ist. Die Freundin, die auf einen Vorschlag sofort mit einem „Nein, das will ich nicht“ antwortet, ist wahrscheinlich höchstens bis zum ersten Punkt vorgestoßen. Der Einwand, sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen, ist oft nicht allzu verkehrt, weil es intuitiv ist. Aber sollte ich mich wirklich rein auf mein Bauchgefühl verlassen, wenn es um eine Entscheidung geht, die das Leben verändern kann? Bei der Wahl des Abendessens scheint mir das eine gute Strategie zu sein, da ich heute vielleicht mehr Lust habe auf das eine und morgen vielleicht mehr auf das andere.

Wir alle kennen das Gefühl, dass sich eine Situation, wenn wir sie einmal „überschlafen“ haben, anders anfühlt als noch am Tag davor. Oder wenn wir eine übereilte Entscheidung getroffen haben und es danach bereuen. Weil wir die Alternativen nicht berücksichtigt haben. Weil wir nicht genug abgewogen haben. Weil wir wichtige Faktoren nicht einbezogen haben. Weil wir einfach schnell entscheiden wollten.

Heute ist Effektivität angesagt. Und die wird oft mit Schnelligkeit verwechselt. Und mit Nutzen. Mit möglichst wenig Aufwand und mit möglichst viel Profit. Anstrengung ist aus dieser Perspektive ineffektiv.

Nun ist die Welt aber nicht schwarz oder weiß. Das meiste spielt sich in den unterschiedlichsten Grautönen ab. Womit mit Grau nicht die üblicherweise verstandene Eintönigkeit gemeint ist, sondern das Gegenteil von Absolutheitsansprüchen. Es ist Vorsicht angebracht bei Begriffen wie immer, nie, alles, nichts usw. Da muss man genau hinhorchen, was damit gemeint ist.

Die zwei Seiten einer Medaille. Das trifft es besser. Die meisten Dinge in unserem Leben haben zwei Seiten. Mag die eine auch stärker ausgeprägt sein als die andere. Da wären wir beim dialektischen Denken. Wer gelernt hat abzuwägen, ist oft im Vorteil. Weil er die Möglichkeit böser Überraschungen reduziert.

Umgekehrt heißt das nun nicht, dass man immer genau in der Mitte verharren muss, so ungefähr wie „Ich weiß nicht, einiges spricht dafür, einiges spricht dagegen.“ Ja, sicherlich, aber die Frage ist doch, was genau.

Kommen wir zurück zu den immer schon Entschiedenen. Und lassen wir die beiseite, die sich tatsächlich nie entscheiden können. Dann bleiben diejenigen, die sich dem Entscheidungsprozess stellen, die abwägen, sich den unterschiedlichen Standpunkten stellen, die nicht übereilt meinen, eine schnelle Entscheidung sei immer eine gute. Und das bedeutet auch, Unsicherheiten zuzulassen, sich in ein Chaos zu stürzen, frühere Entscheidungen zu überdenken, ausgetretene Pfade zu verlassen, neue Möglichkeiten zuzulassen.

Ich habe in meinem Leben viele Entscheidungen gefällt. Oft denke ich darüber nach, was passiert wäre, hätte ich mich anders entschieden. Ich weiß es nicht. Das ist die Crux. Wir können es nicht wissen. Wir kennen immer nur den Weg, für den wir uns entschieden haben. Der andere bleibt uns verschlossen, weil nicht mehr möglich, aber auch, weil die Konsequenzen nicht mehr möglich sind.

Wenn eine Entscheidung nicht nur Positives zur Folge hatte, heißt das umgekehrt nicht, dass die entgegengesetzte Entscheidung besser gewesen wäre. Viele Menschen waren z.B. gegen den Lockdown. Natürlich war er nicht schön. Aber wir wissen nicht, was passiert wäre, wenn es ihn nicht gegeben hätte. Wir können nur spekulieren. Wahrscheinlich wäre es viel schlimmer gekommen (Das Präventionsparadox besagt, dass die Prävention gerade dann nicht als sinnvoll erachtet wird, weil sie erfolgreich war.). Das ist Abwägen, manchmal auch nur das kleinere gegen das größere Übel.

Manchmal rutscht man auch in die Entscheidung hinein. Man macht vielleicht einen ersten kleinen Schritt, z.B. bewirbt sich auf eine neue Stelle. Man denkt, dass man immer noch entscheiden kann. Nur darf man dann nicht vergessen, dass man am Ende auch entscheiden muss. Wenn man sich die Entscheidung aus der Hand nehmen lässt („Jetzt hat mir die Firma die Stelle angeboten, da kann ich doch nicht mehr absagen, nachdem ich den ganzen Weg gegangen bin.“), entscheiden die Verhältnisse und das heißt im Zweifelsfall andere. Ich habe meine Entscheidungsgewalt abgegeben.

Sartre hat gesagt, der Mensch sei frei zu entscheiden. Und genau das ist unser Problem: mit dieser Freiheit umzugehen.

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