Vor ein paar Tagen war ich auf der Abschlussveranstaltung des Projektes “Jugend entscheidet” der Hertie-Stiftung und habe den Vorschlägen der jungen Leute gelauscht und – war ein bisschen entsetzt. Neben wirklich tollen und erstaunlichen Vorschlägen zur Sicherheit in der Stadt und Ideen zur Verbesserung der Parknutzung beschäftigte sich die erste Gruppe mit den Bedürfnissen von Mädchen. Dazu gehörten allen Ernstes Abschminktücher. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch nie welche benutzt habe (es gehen eben auch einfach irgendwelche normalen Tücher). Schockiert hat mich aber daran die Tatsache, dass es nur noch um materielle Werte ging. Die Mädchen haben offenbar nicht über Probleme gesprochen, die Frauen und nicht cis-Menschen in dieser Welt immer noch haben. Die Abschminktücher sind dafür eine schöne Metapher. Es geht ums Schminken (für wen?), es ging um die Möglichkeit des Umziehens (warum?).
Ich habe mich gefragt, warum das so ist. Ich gehöre zur Babyboomer-Generation. Ich weiß gar nicht, wie ich das ausdrücken soll, ohne dass es blöd klingt: Wir hatten andere Probleme. Liegt es daran, dass die jungen Frauen diese Probleme nicht mehr haben? Das kann nicht sein, denn Ungleichbehandlung von Frauen, Gewalt gegen Frauen, Missachtung, Vergewaltigung, Femizide, all das ist alles andere als gelöst. Wird es nur von den jungen Frauen nicht mehr oder anders wahrgenommen? Sozusagen zurück vom “Erst das Fressen und dann die Moral”, weil zu viel der Moral, oder nicht mehr wichtig? Nur dass es nicht mehr ums bloße Überleben geht, es geht um Oberflächliches, Schönheit, Frauen, die sich selbst zu Objekten machen.
Nun zu den anderen Gruppen. Auffallend häufig fiel das Wort ‘chillen’ (warum? tun sie es nicht? und ehrlich, was braucht man dazu?). Der am häufigsten geäußerte Wunsch war der nach verschiedensten Formen von Spielen, angefangen bei ungewöhnlichen Sportarten (weil man dazu nicht in die nächste Stadt fahren kann, denn nicht jede/r hat so viel Geld) über Paintball (aber nur für die Größeren, denn es kann wehtun) bis hin zu Rage rooms, d.h. Räumen, in denen man seine Wut rauslassen kann, indem man Dinge kaputtmacht (geht es noch?). Was für Bedürfnisse sind das?
Auf jeden Fall absolut unpolitische. Es geht nicht um Rechte, die Gesellschaft, Zwänge, ihre Zukunft etc. Es geht ums Vergnügen, ums Erholen, offenbar aber auch um Gefühle, die keine anderen Kanäle mehr finden. Wenn das die folgende Generation ist, in was für einer Gesellschaft leben wir?
In einer, die gerade einen backlash des Feminismus erlebt. Die jungen Frauen wollen Abschminktücher, und die jungen Männer, so wurde mir berichtet, wollen Frauen, die so etwas wollen. Sie wollen feministische Werte zurückkurbeln, sie wollen bestimmen, was nicht einmal ihre Freundin, sondern irgendeine Freundin anzieht. Frauen sollen ihre jahrzehntelang erkämpften Rechte freiwillig und selbstverständlich abgeben. Ende des Feminismus mit Abschminktüchern.
Was ist mit den Frauen, die – wie in Indien geschehen – ihre eigenen Männer dazu auffordern, andere Frauen zu vergewaltigen? Oder mit den Russinnen, die ihren Männern an der ukrainischen Front per Handy die Erlaubnis geben, Ukrainerinnen zu vergewaltigen. Das, was einer Frau angetan wird, weil sie eine Frau ist, wird allen Frauen angetan. Aber wie ist es hier, wenn die Frauen zwar nicht die physischen Peinigerinnen sind, aber zumindest die moralischen? Frauen sind in den meisten der Fälle Opfer, aber trotzdem können sie grausam sein. Sowohl bei den Inderinnen als auch bei den Russinnen handelte es sich jeweils um Angehörige der “Feinde”. Als ob das irgendetwas an der Grausamkeit ändern würde.