Überhaupt sind Fehler nicht schlimm. Phrasen sind schlimm. (Michael Maar)
Wir leben in einem ego-zentrischen Zeitalter, ich-zentriert, das Ich steht im Mittelpunkt.
Klassisch wissenschaftlich müsste ich nun diese These belegen. Ich müsste Beweise für diese Behauptung finden, und – da ich Sprachwissenschaftlerin bin – würden sich sprachliche Belege gut eignen.
Zunächst muss man sich immer entscheiden, wenn man mit Sprache argumentiert, ob sie ein Ausdruck, vielleicht auch der entscheidende Ausdruck der Welt ist, oder ob sie die Welt nicht erst erschafft. Das bedeutet also, wenn wir die ganze Zeit über uns selbst reden, erschaffen wir diese egoistische Welt. War sie es aber nicht schon immer? Robert Kegan hat ein Buch über die psychologische Entwicklung von Erwachsenen geschrieben (Die Entwicklungsstufen des Selbst, 1986). Seiner Auffassung nach entwickelt sich der Mensch auf einer Aufwärtsspirale, die zwischen ichbezogenen und sozialen Aspekten oszilliert. Die letzte Stufe nennt er überindividuell. Er spricht von der Fähigkeit zur Interdependenz und Selbstaufgabe. Die Frage ist aber, ob beide Seiten, die ichbezogene und die soziale, gleich ausgeprägt sind. Ich weiß es nicht. Ich vermute, dass es einen Hang zur ersteren gibt – und zwar schon immer. Was sich in den letzten Jahren geändert hat, ist die Tatsache, dass es gesellschaftsfähig geworden ist, über das Ich zu sprechen. In einem Zeit-Artikel (Berit Dießelkämper, Lass mich, ich bin in Therapie vom 04.10.23) behauptet die Autorin, dass die Therapiesprache Einzug in den Alltag gehalten hat. Interessant sind die Leserreaktionen, die oft sehr emotional sind, was darauf hinweist, dass sie einen wunden Punkt getroffen hat. Sie geht sogar noch weiter, indem sie sagt, dass dieses Sprech zur Waffe geworden sei. Da ist von Psychohygiene die Rede, von roten Linien, bevor überhaupt ein Problem aufgetaucht ist, von toxischen und übergriffigen Menschen, von Traumata usw. – Cancel-culture in Reinkultur. Die politische Rechte freut sich, denn ihr war es immer ein Greuel zu psychologisieren, weil sie sich dann ihren eigenen Unzulänglichkeiten stellen müsste.
Angefangen hat alles mit der Achtsamkeitsideologie. Aber das ist eine andere Geschichte (siehe: Wider den Achtsamkeitswahn). Dann kam die Geschichte mit der Authentizität. Auch hier: Ist das nicht ein tolles, positives Konzept? Wir sind mit uns selbst authentisch. Abgesehen von der Tautologie geht es auch hier um das Ich, das mit sich selbst identisch ist. Das ist logisch unmöglich. Wie kann jemand mit sich selbst identisch sein? Ein viel gehörter Satz ist im Moment: Ich bin so, wie ich bin. Wenn man es wörtlich nimmt: Ja, wie soll es auch anders sein? Der Sprecher bzw. die Sprecherin meint eigentlich etwas anderes: Er/sie möchte so akzeptiert werden, wie er/sie glaubt zu sein. Warum sagen sie das dann nicht einfach? Psychoanalytisch gesehen ist der Satz eher ein Wunsch, der mit Verdrängung einhergeht. Freud sagte: Wo Es war, soll Ich werden. Er spielt damit auf unser Unbewusstes, auf unser Verdrängtes an. Tatsächlich sind wir durchaus nicht, wie wir sind. Ist dieser Satz und damit der ganze Authentizitätswahn nur ein kläglicher und immer schon misslungener Versuch der Verdrängung all unserer dunklen Seiten? Dazu gehört auch das halbe Glas, das angeblich immer voll ist. Und die andere Hälfte? Sie wird verdrängt, weil sie Unannehmlichkeiten und vielleicht noch Schlimmeres für uns bereithalten könnte? Authentisch ist das auf jeden Fall nicht.
Dann sind die anderen immer die Dummen, die Unwissenden, diejenigen, die gar nicht verstanden haben, wie die Uhren ticken. Die meisten Menschen halten sich selbst für intelligenter als der Durchschnitt – eins der vielen menschlichen Dilemmata bzw. unlogischen festen Überzeugungen: dann müssten alle intelligenter sein als die anderen, und dann gäbe es so etwas wie den Durchschnitt nicht.
Aber es geht noch mehr, die Steigerung ist das „Bei sich sein“. Nun könnte man sagen: Wo sonst soll man bzw. frau sein? Vermutlich in den seltensten Fällen wirklich bei uns. Diese Sprüche schaffen uns eine Traumwelt, sie gaukeln uns eine Leichtigkeit vor, bei der man sich fragt, wo die denn sein soll, eine positive Haltung, die auf keinerlei Grundlagen basiert. Meistens sind wir irgendwo zwischen gesellschaftlichen Zwängen und Erwartungen, materiellen Zwängen, Beeinflussung durch peer groups, die Medien, Falschinformationen, Verschwörungstheoretikern, durch unser eigenes Gehirn. Die Kognitionspsychologie kennt letzteres unter dem Namen Bestätigungsneigung (confirmation bias), die die Tendenz beschreibt, Informationen so auszuwählen, dass sie unsere Erwartungen bestätigen. Und da ist noch Platz für ein Bei-sich-sein, vor allem auch wo es unbewusst ist? Und wo soll das eigentlich sein? Gibt es einen Ort dafür? Denn um einen Ort muss es sich handeln, da die Präposition ‚bei‘ i.d.R. eine Ortsbeschreibung einleitet. Wo sind wir also? Bin ich da, wo Ich ist? Ein Blick auf Lacans Graphen des Begehrens zeigt uns, dass die ganze Sache etwas komplexer ist. Da ist zum einen unser Begehren, das uns antreibt. Zum anderen interferiert das Symbolische, also all das, was durch die Sprache, die Gesetze, die Gesellschaft geregelt ist. Das “Bei sich” ist also genauso genauso zu hinterfragen wie das (authentische) Ich.
Und ganz schlimm wird es mit der Empathie. Die suggeriert nämlich, dass es irgendwie auch um andere geht. Auf Deutsch übersetzt bedeutet es ja so viel wie ‚sich in andere hineinversetzen (können), sich einfühlen können‘, also eine Haltung dem anderen gegenüber. Sie ist eigentlich nur in einer Form vorhanden. Da es gesellschaftlicher Konsens zu sein scheint, dass Empathie grundsätzlich etwas Positives ist, beschreiben sich die meisten Menschen plötzlich selbst als empathisch (oder emphatisch, aber das ist etwas anderes, siehe dazu “dating and language”). Es handelt sich also mehr um die Erfüllung einer gesellschaftlichen Erwartungshaltung. Tatsächlich geht es gar nicht um den anderen. Es verschleiert in Wirklichkeit nur einen Egozentrismus, der unter dem Deckmäntelchen der Empathie gut ausgelebt werden kann. Heute sagt man dazu schnell Narzisst. Das ist allerdings ungenau, weil ihm die analytische Kraft fehlt, der Begriff ist negativ besetzt, und das soll er auch sein, denn damit möchte man oder frau sich irgendwie auch wehren, gegen etwas, das man erlitten hat, irgendein erlebtes Unrecht, und da kann man gut mit besetzten Begriffen zurückschlagen. Mit Empathie hat das dann nichts mehr zu tun.
Eine Version der Empathie ist die Entdeckung der Hypersensibilität. Plötzlich scheinen alle hypersensibel zu sein. Das zeigt zunächst nur, dass die Psychologie mitten in der Gesellschaft angekommen ist. Vor noch nicht allzu langer Zeit war es in vielen Kreisen verpönt, psychologische Aspekte auch nur anzudeuten. Heute erklärt sich fast jeder und jede zum Hobbypsychologen, oder neudeutsch zum Küchenpsychologen. Nach der Lektüre irgendwelcher (unhinterfragter) Ratgeber wird dann analysiert, reflektiert und schwadroniert, was das Zeug hält. Da heißt es dann ganz einfach, hochsensible Kinder seien intelligenter als andere (welche Eltern würden das nicht gerne von ihrem Nachwuchs sagen können?), sie wären empfindsamer (weil sie mehr rumschreien als andere) usw. Hat die Vergesellschaftung der Psychologie nicht vielleicht sogar zu einer Inflation von Problemen geführt? Normalität ist inzwischen so unbrauchbar geworden, dass mindestens irgendeine Zuschreibung einer Besonderheit her muss. Was könnte die Ursache für diese Entwicklung sein? Solche Zuschreibungen bergen natürlich ein nicht unerhebliches Entlastungspotential. Wenn ich sagen kann, ich sei soundso, trage ich gewissermaßen keine Schuld daran, und ändern brauche ich dann auch nichts mehr, denn wenn ich mein Problem immerhin benennen kann, es also schön in eine Schublade stecken kann, dann muss ich das akzeptieren, wie es ist, aber immerhin bin ich mir jetzt dessen bewusst. Wichtig ist, dass ich nun endlich meinen Bedürfnissen nachgebe, wo sie doch so lange unterdrückt waren. Ein viel gehörter Satz ist: Ich lasse mich nicht mehr verbiegen. Der andere hat dann dort nur noch Platz, sofern er sich meinen Bedürfnissen unterordnet. Tut er das nicht, ist er raus. Das macht einen sozialen Umgang, in dem es um ein Aushandeln der gegenseitigen Interessen geht, unmöglich. Die Folge von all dem ist, dass der einzelne keine Verantwortung mehr für sein Leben und sein Tun übernimmt. Immer sind es die anderen, im Zweifelsfall die Eltern, die Ex-Partner oder andere böse Mitmenschen, die an ihrem Leid schuld sind. Der eigene Anteil, der immer existiert, auch in der Rolle als Opfer, wird komplett verdrängt. So lässt sich scheinbar leichter leben. Nur ist das Unbewusste nicht so großzügig, dass es dafür keinen Preis verlangen würde.
All diese Begriffe drehen sich also nur noch um das Ich, das Ich im Zentrum der Welt. Die dialektische Beziehung, die wir irgendwann einmal mit der Welt hatten, wo es ein Innen und ein Außen gab, wo beide Aspekte miteinander kommunizierten, wo es Kontakt gab zum Außen, zum anderen, aber auch zum Anderen in uns selbst, diese Dialektik wurde wie das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, seitdem wir nur noch esoterisch angehauchte Innenschau betreiben, immer natürlich nur zum Allerbesten – von uns selbst, denn selbstverständlich müssen wir erst einmal mit uns selbst im Reinen sein, bevor wir es mit den anderen probieren. Leider nur kommen wir dann nicht mehr zu diesem zweiten Schritt. Irgendwie reicht es dafür nicht, denn wir sind doch immer so gestresst in dieser zeitarmen Zeit, und das ist wichtig, denn dann sind wir wichtig. Und wir sind ja auch so sehr beschäftigt mit uns selbst, das dauert natürlich, das müssen die anderen schon verstehen, so eine Auseinandersetzung mit sich selbst macht man nicht einmal so hoppla hopp, sonst wird das nichts. Wenn dann für nichts anderes mehr Zeit und Raum bleibt – na ja, was soll man machen, so ist das Leben eben, es geht nicht immer gerecht zu.
Das ist unsere Zeit. Wir drehen uns um uns selbst. Der andere bleibt auf der Strecke. Und der Andere in uns wohl noch etwas mehr. Wir haben keinen kritisch-reflektierten Zugang mehr zu uns selbst, zu unseren Widersprüchen. Alles ist ein ewiges Wohlfühlsonnenscheinwochenende (Wellness steht so hoch im Kurs wie noch nie). Bloß nichts Negatives aufkommen lassen. Immer schön positiv bleiben – und die andere Seite verdrängen (das halbe Glas usw.) Kritik wird untersagt, sie stört diesen schönen Schein.
Zeigen uns all diese Dinge nicht, dass es Zeit wäre für einen anderen Umgang mit unserem Ich? Wenn neue Phrasen entstehen, (auf) die dann ordentlich (ein)gedroschen wird/werden, bedeutet das, dass es eine Notwendigkeit dafür gibt, eine Leere, die durch die Phrasen gefüllt werden muss, weil sie nicht auf andere Weise gefüllt werden kann. Wenn wir dauernd davon reden, dass wir bei uns sein müssten oder bei uns sein wollen oder sollten, heißt das doch nichts anderes, als dass wir sehr weit von uns entfernt sind. Bei sich sein, aber auf keinen Fall allein! Wie, das hast du allein gemacht? Niemandem gelingt es, den Unterton des Mitleids zu unterdrücken. Und niemand sieht die Chancen. Alleine etwas tun, bedeutet automatisch niemanden zu haben, um das Alleinsein zu vermeiden. Alleinsein ist Pest und Cholera gleichzeitig. Es ist an der Zeit, das Alleinsein zu entdecken, die Befreiung, die Freiheit, die Möglichkeiten, weil es plötzlich keine Zwänge mehr gibt, die zwangsläufig aus der Auseinandersetzung um Interessen entstehen. Die Freiheit, wirklich bei sich zu sein oder vielmehr mit sich. Allein oder einsam kann man sich auch inmitten von Menschen fühlen. Diese Art von Einsamkeit ist ein totales gesellschaftliches Tabu. Sie zuzugeben würde ja bedeuten, dass etwas mit unserer Gesellschaft nicht stimmt. Und diese Form der Einsamkeit ist grausam, weil sie ausschließt. Wer dagegen wählt allein zu sein, ist nicht ausgeschlossen. Wir kommen uns selbst dann ein Stück näher, weil der andere nicht ständig als Barriere fungieren kann, die uns von uns selbst trennt. Es eröffnen sich Möglichkeiten, uns selbst näherzutreten, die Welt mit anderen Augen zu sehen, durch unseren eigenen Filter, nicht durch den schon tausend Mal vorgefilterten Filter, unausweichlich schon beeinflusst. Sehen zu lernen ist ein Wunder, unsere Sinne benutzen zu lernen, ohne dass uns dauernd jemand sagt, wie wir bei uns sein können und was wir zu sehen haben. Das ist der Irrsinn hier: Andere scheinen uns dauernd sagen zu müssen, was wir mit uns selbst tun sollen und was für uns gut ist. Das ist genau das Gegenteil von “Bei sich sein”.
Ein weiteres egoistisches Phänomen ist die eigene vermeintliche Schwäche. Das eigene Leiden wird instrumentalisiert. Die schlimme Krankheit, der Verlust einer nahen Person, Stress bei der Arbeit, Opfer der Umstände etc. werden dazu benutzt, sich anderen gegenüber geringschätzend zu verhalten, vielleicht unbewusst, vielleicht nicht, aber meistens sehr strategisch. Die eigene schwierige Situation wird dabei narzisstisch überhöht, und der vermeintliche Grund ist ein Totschlagargument. “Ja, aber mir geht es ja schlecht. Das musst du schon verstehen. Sonst verhältst du dich mir gegenüber unsozial.” Bumm. Was bleibt da noch zu sagen? Eigentlich nichts mehr. Das Gegenüber wird zur bloßen Zustimmung verdammt, zum Stillschweigen, wie es ihm selbst geht, zählt nicht mehr, denn die Probleme des anderen sind auf jeden Fall schwerwiegender, ja, noch schlimmer, man kann sich jetzt nicht auch noch mit dessen Problemen beschäftigen, man ist mit den eigenen schon überfordert. Also auch noch eine Rechtfertigung für den Narzissmus. Da bleibt nur Sprachlosigkeit und – am Ende – Rückzug, Abbruch, nichts, der Tod der Beziehung.
Dann gibt es noch die Variante der Interesse Vortäuschender. Sie sind genauso mit sich gefangen, haben aber noch verstanden, dass von ihnen eigentlich etwas anderes erwartet wird. Diesen Zwiespalt lösen sie mit Heuchelei. Am Ende läuft es aber auf dasselbe hinaus.
Diese ständige Innenschau hat uns den Weg zugemüllt, da ist kein Platz mehr für etwas anderes, schon gar nicht für den anderen. Emmanuel Levinas ist nicht mehr angesagt, er passt nicht in unsere Zeit. Wir treffen uns – physisch, starren alle auf unsere Smartphones und – bemitleiden gleichzeitig die Einsamen. Einsamkeit ist ein soziales Stigma, sich mit sich selbst beschäftigen ist Zeitgeist. Merkt denn niemand, was hier los ist?!