Beziehungen – ein paar Gedanken

Früher habe ich immer gedacht, dass die “guten” Männer alle vergeben seien. Heute schaue ich mir die vergebenen Männer an und finde, dass sie weder besser noch schlechter als die “freien” sind. Ich finde beide meistens inakzeptabel und frage mich, wie andere Frauen das machen, diese Typen zu akzeptieren, den Typen, der sie beschimpft, sie verletzt (Selbstwertgefühl durch Erniedrigung anderer), den Typen, der nur dummes Zeug redet (unerträglich), den Typen, der nur an sich selbst denkt (auch Narzisst) etc. etc. Und ich frage mich, ob ich überhaupt einen akzeptieren könnte. Die Antwort lautet, wahrscheinlich eher nicht. Und wie der sein müsste. Genauso wie ich? Den gibt es natürlich nicht.

Und Männer (und überhaupt natürlich Menschen) sind kein Komplettpaket. Früher habe ich immer gedacht, dass linke Männer automatisch Feministen oder zumindest keine Sexisten seien. Weit gefehlt. Oder ich muss entdecken, dass Zeitungsleser durchaus Schlager hören. Dies sind offenbar keine Widersprüche. Ich habe lange gedacht, dass sich bestimmte Dinge ausschließen. Aber ich habe wahrscheinlich einfach nur von mir auf andere geschlossen. Was wir natürlich immer tun. Wir können gar nicht anders. Wir sehen immer alles nur aus unserer Perspektive. Aber ist das nicht furchtbar? Naja, es ist so, nur dürfen wir dabei einfach nicht vergessen, dass wir dabei oft, sehr oft sogar, falsch liegen. Weil unsere Perspektive nicht die einzige ist. Wir müssen uns also täuschen. Die Täuschung ist unsere menschliche Existenz. Ich glaube, das ist ungefähr das, was Lacan gemeint hat: All I can do is tell the truth. No, that isn’t so – I have missed it. There is no truth that, in passing through awareness. Does not lie. But one runs after it all the same. (Lacan, Seminar XI, S.vii) Das hieße dann auch, dass es mit der Authentizität ganz schlecht bestellt ist. Nicht nur, dass sie völliger Unsinn ist. (Was soll das eigentlich sein? Viele behaupten sie, aber niemand erklärt sie.) Der andere könnte sie sowieso nicht erkennen.

Aber zur entscheidenden Frage. Wie machen es die anderen in “funktionierenden” Beziehungen? Lassen wir es dahingestellt, ob sie wirklich funktionieren. Wenn man die meisten Paare beobachtet, scheint das nämlich nicht der Fall zu sein. Aber wie schaffen sie es, trotzdem zusammen zu bleiben? Eine Freundin antwortete sinngemäß, durch Akzeptanz der Andersartigkeit. Das klingt schön. Aber ist das realistisch? Narzissmus ist Andersartigkeit? Nein, einfach nur inakzeptabel, genauso Dummheit, mangelnde Empathiefähigkeit, toxische Männlichkeit, Selbstüberschätzung, Selbstmitleid etc. (Und liebe Männer, bitte kein Selbstmitleid. Die anderen gehen auch nicht, aber mit Selbstmitleid schneidet ihr euch ins eigene Fleisch. Da wird schlagartig aus dem attraktivsten, sympathischsten, interessantesten Mann ein unerträglicher Jammerlappen, dem frau gerne zeigen würde, was richtiges Leiden ist. Denn das, wofür ihr meint zu leiden, ist in den allermeisten Fällen lächerlich. Und wenn ihr dann dafür auch noch irgendeine Form von Fremdmitleid erwartet, dann ist euch nicht mehr zu helfen. Und wenn das obendrein herhalten muss als Ausrede für euer unempathisches Verhalten, dann verdient ihr es, in der Hölle zu schmoren, aber bitte ganz langsam. Ihr habt es sogar geschafft, so etwas wie Rachegefühle bei uns zu wecken. Und das ist widerlich.) Also bleibt nur bewusstes oder unbewusstes Ignorieren. Wahrscheinlich eher unbewusstes. Ich möchte es gar nicht so genau wissen. Wenn ich darüber nachdenken würde, müsste ich daraus Schlüsse ziehen. Und die Angst vor dem Alleinsein ist offenbar eine große Triebfeder, vielleicht die größte. Also besteht eine Beziehung eigentlich nur in einer negativen Definition, dem Vermeiden von Alleinsein? Ich vermute, das ist oft so. Nur dass es kaum jemand zugibt. Bin ich nun abgeklärter, weil ich diese Weisheit erlangt habe? Mitnichten. Nur trauriger. Vor kurzem hat mir ein Mann gestanden, er würde nur daten, um nicht alleine zu sein. Später darauf angesprochen, hatte er es plötzlich nicht mehr so gemeint. Wäre ja auch ziemlich ungeheuerlich den Frauen gegenüber. Oder ist das einfach nur die neue Realität?

Und wenn es vorbei ist: geht es überhaupt um diese eine Person, oder geht es nicht vielmehr um die Vorstellung, die man verloren hat, von jemandem, der für einen da war und es nun nicht mehr ist? Es geht vielleicht nie um diese konkrete Person. Es geht darum, dass die Form nicht gefüllt ist und wir sie gerne gefüllt hätten. Dabei ist vielleicht nicht so wichtig von wem. Mich hat immer der Text von Billy Joel in seinem Lied “So it goes” berührt:

To heal the wounds from lovers past
Until a new one comes along

Eben. Bis ein neuer kommt. Nur, dass er manchmal nicht kommt. Und dann ist es schlimm.

Was sind also die Faktoren, die dazu führen könnten, dass eine Beziehung funktioniert? Lange habe ich gedacht, es seien drei Dinge: die physische Komponente, die intellektuelle und die emotionale. Dann habe ich das bei jemand anderem gelesen und hatte das Gefühl, da ist etwas falsch. Nicht grundsätzlich falsch, aber es ist eben nicht so, dass die drei Faktoren gleichmäßig verteilt wären.

Beginnen wir mit der physischen. An vielen Dingen gibt es einfach nichts zu ändern. Ob ich eine Hakennase habe oder eher eine stupsige. Okay, Schönheitsoperationen, aber geht es wirklich darum? Ein bisschen habe ich Einfluss darauf, ob ich dick oder dünn bin (sofern mir nicht irgendwelche genetischen Einflüsse dazwischengeraten), oder zumindest ob ein Mann einen Schnauzer trägt oder nicht. Dass gerade Männer diesen Aspekt offensichtlich so wichtig finden, ist doch erstaunlich, angesichts der Tatsache, wie wenig sich daran ändern lässt. Was glauben sie eigentlich? Schließen sie vom Aussehen auf den Charakter oder ist letzterer ihnen eher schietegol. Ich fürchte, bei der Mehrheit ist es letzteres. Dann bleibt noch der Schnurrbart, ein Tattoo oder der Haarschnitt. Das sagt doch ein bisschen aus über den Typ, nehmen wir Vokuhila (ein absolutes No go). Wenn also – sagen wir – ein Mann auf eine Frau nicht steht, nur weil sie blonde bzw. schwarze bzw. braune Haare hat, dann sagt das doch eine Menge über den Mann. Eine Chinesin hat mir mal erzählt, sie fände keinen Mann, weil sie relativ (für chinesische Verhältnisse) dunkle Haut hat. Männer würden das ablehnen. Will frau so einen? Natürlich nicht.

Die intellektuellen Seite. Da wird es schon etwas komplizierter. Vor allem, wie messen? Kann ich mit ihm über vieles reden, auch wenn wir uns nicht beide für das gleiche Thema interessieren müssen? Führen wir Gespräche, Diskussionen, natürlich auch Auseinandersetzungen auf Augenhöhe? Dabei geht es nicht um formale Bildung. “Die Zeit” auf dem Küchentisch sieht vielleicht ganz schick und ganz zufällig dort liegen gelassen aus. Aber ungelesen? Und dann die wildesten Dinge behaupten? Da muss frau vielleicht schauen, wie viel sie braucht und wie viele Abstriche sie machen kann – angesichts der Tatsache, dass immer mehr Frauen einen höheren Schulabschluss machen als Männer. Und miteinander reden darf nicht bedeuten, dass nur der eine redet und der andere zuhört.

Und das Emotionale. Und da wird es wirklich kompliziert. Was nützt mir ein attraktiver, intelligenter Mann, der keinerlei Zugang zu seinen Gefühlen hat? Auf Englisch normative male alexithymia, wörtlich übersetzt: keine Wörter für Gefühle oder einfach Gefühlsblindheit. Der Begriff ist umstritten, und es gibt Studien darüber, wie viele Menschen davon betroffen sind, mit einer Mehrheit bei Männern. Ich würde weitergehen, ohne das wissenschaftlich belegen zu können, und behaupten, dass es fast alle Männer betrifft. Unsere Gefühle werden geprägt durch unsere Umwelt, unsere Erziehung, unsere Erfahrungen. War mein Vater ein liebevoller, sich (auch emotional) sorgender Vater und Ehemann? Wenn Männer diese Vorbilder nicht haben, wie sollen sie dann ein “normales” Gefühlsleben entwickeln? Assael Romanelli schreibt, dass laut der amerikanischen Psychologischen Vereinigung Jungen dazu erzogen würden, traditionellen männlichen Normen zu entsprechen, die Härte, Teamwork, Gelassenheit und Konkurrenz betonen, und sie entmutigt würden Gefühle von Verletzung zu zeigen. Kommt mir irgendwie alles sehr bekannt vor. Und gemeint sind natürlich auch die Männer, die meinen zu wissen, dass sie irgendwie verständnisvoll, empathisch (bitte nicht emphatisch!) oder sonst wie rüberkommen sollen. Das Problem ist das Sollen. Sie haben nämlich nur gelernt, dass das von ihnen erwartet wird, aber sie haben es nicht verinnerlicht, nicht zu einem Teil ihrer selbst gemacht.

Schließlich bleibt noch der Sex. Meinen besten Sex hatte ich immer nur Männern, mit denen eine ernsthafte Beziehung vollkommen ausgeschlossen war. Und über Sex in der Ehe möchte ich gar nicht (mehr) nachdenken. Welche Ehe schafft es, ihn als etwas Schönes zu bewahren?

Und wenn diese Männer dann Töchter haben? Francesca Melandri (italienische Schriftstellerin) hat dazu folgendes gesagt: Guai alle figlie femmine dei padri senza amore: il loro è il destino delle maleamate. Wehe den weiblichen Kindern von Vätern ohne Liebe: ihr Schicksal ist das von wenig/schlecht Geliebten. (Eva dorme, S.27)

Das alles hört sich reichlich nach Vorurteilen an. Ich würde so gerne eines Besseren belehrt werden. Nur bisher – Fehlanzeige. Die einzige verbleibende Konsequenz ist der Verzicht auf eine (heterosexuelle) Beziehung.

Vielleicht ist alles aber auch ganz anders. Wenn man jung ist, und das bedeutet ohne viel Erfahrung, ohne eine klare Vorstellung von dem, was sie will und vor allem nicht will, ist sie viel bereiter sich auf Dinge, Situationen und Menschen einzulassen, die eigentlich nicht dem entsprechen, was sie braucht, möchte. Sie tut Dinge, die gegen den gesunden Menschenverstand gerichtet sind. Vor allem lässt sie sich mit Männern ein, deren Verhalten ihr gegenüber inakzeptabel ist. Wenn sie ihren Ex mit dem heutigen Wissen und Erfahrung getroffen hätte, wäre es nicht einmal zu einem näheren Kennenlernen gekommen – so inkompatibel. In jungen Jahren ist das anders. Aber das ist wohl auch der Grund dafür, dass es im fortgeschrittenen Alter immer schwerer fällt. Von wegen altersbedingte Toleranz und so ein Unsinn. Die Dinge kristallisieren sich immer mehr heraus. Und dazu gehört u.a. zu realisieren, dass es kaum Männer gibt, mit denen ein Zusammensein möglich ist. Heute hörte ich im Supermarkt eine allerdings junge Frau sagen, dass es ihr seit der Trennung besser gehe. Ja, vielleicht geht es alleine überhaupt besser. Ich sollte also endlich aufhören zu suchen und zu hoffen.

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