Natürlich gab es das schon immer, z.B. in Märchen oder Fabeln. Aber heute hat es eine neue Dimension erreicht. Und die sagt viel aus über uns Menschen, und eigentlich gar nichts über die Tiere, die wir doch zu verstehen scheinen.
Die positiven Aspekte sind dabei nicht von der Hand zu weisen. Der Mensch scheint anzufangen zu begreifen, dass er doch nicht die Krönung der Schöpfung ist. Wir kommen immer mehr weg von einer religiösen Betrachtung von uns selbst, die uns als einzig geistiges Wesen betrachtet, über allen anderen triumphierend und herabblickend auf die Untertanen, die Tiere lange für uns waren, zu einer biologischen Sichtweise, die uns zeigt, dass die Unterschiede oft gar nicht so groß sind. Immerhin teilen wir über 97% unseres Erbgutes mit den Menschenaffen, bei Schimpansen sind es sogar mehr als 98,5%. Lange dachten wir, dass wir die einzigen Lebewesen sind, die eine Sprache entwickelt haben. Inzwischen wissen wir, dass praktisch alle Tiere miteinander kommunizieren, nur wir verstehen sie eben nicht. Wir haben also irgendwie verstanden, dass sie uns doch ähnlicher sind, als wir es einmal angenommen hatten.
Haben wir es nun aber mit der Ähnlichkeit vielleicht etwas übertrieben. Vor ein paar Jahren hörte ich von einer Pferdebesitzerin, ihr Pony möge Abwechslung. Vor kurzem habe ich von einer anderen gehört, ihr Pferd möge die Regelmäßigkeit. Woher kommen diese Annahmen? Ganz klar: Der Mensch schließt von sich auf das Tier. So wie wir es meistens auch mit anderen Menschen tun. Und wir denken obendrein, wir seien gut darin. Man braucht sich nur anzuschauen, wie viele Menschen sich selbst für empathisch halten. Nun ist es vielleicht eine Sache, von sich selbst auf einen Artgenossen zu schließen, und selbst das ist überhaupt keine Garantie für Richtigkeit. Umso mehr bei anderen Arten. Was sagt mir, dass das Pferd so fühlt? Nichts. Das ist wohl das Resultat eines Denkfehlers, des Menschen wohlgemerkt.
Wir wissen zwar inzwischen, dass Tiere auch fühlen und denken. Man braucht nur einmal einer Katze auf den Schwanz zu treten. Oder einem Pferd zuzusehen, dessen Freund weggeht. Oder die vielen Tests, die Tiere bestehen, wo sie durch Nachdenken schwierige Aufgaben lösen müssen. Am meisten beeindruckt hat mich ein von japanischen Wissenschaftlern durchgeführter Erinnerungstest, bei dem die Schimpansin immer wieder gegen ihren Tester gewonnen hat (angeblich gehört das Erinnerungsvermögen zu den speziell menschlichen Eigenschaften). Aber zu wissen, dass sie fühlen und denken, bedeutet noch nicht, dass sie genauso wie wir fühlen und denken. Ob ein Pony Denkkategorien wie Abwechslung und Regelmäßigkeit hat, ist doch sehr zu bezweifeln. Die Frage ist doch, ob diese Kategorien in der Evolution für Wildtiere einen Sinn machten. Und dann wäre die nächste Frage, ob Haustiere gewissermaßen Denkweisen von ihren Menschen übernommen haben.
Man kann also eher davon ausgehen, dass wir Menschen in Tiere etwas hineininterpretieren. Aber warum tun wir das? Weil wir sie gewissermaßen in unsere menschliche Familie aufgenommen haben, und jetzt wollen wir sie verstehen, leider nur so, wie wir es uns vorstellen können. Wenn meine Stute an einem riesigen Ungeheuer von Traktor, der auch noch ziemlich viel Lärm macht, ohne mit der Wimper zu zucken vorbeigeht, an einem Stück Karton, das auf der Straße liegt, aber nicht, habe ich dafür nicht viele (menschliche) Kategorien zur Verfügung, um das zu verstehen. Mir bleibt nichts anderes übrig als zu akzeptieren, dass das Stück Karton offenbar eine größere Bedrohung für sie darstellt als der Traktor. Unsere Denkkategorien: Größe, Lautstärke usw. scheinen bei Tieren offenbar so einfach nicht zu funktionieren. Wir können dann ein Stück weit mit ihnen trainieren, dass sie nicht mehr auf diese Dinge reagieren. Aber haben wir sie deshalb verstanden?
Ein anderes Beispiel sind Katzen, die tote Tiere mitbringen, manchmal ganz oder auch nur halb. Sind das wirklich Geschenke, wie wir gerne annehmen? Natürlich fänden wir es schön, wenn sich unsere Stubentiger bei uns bedanken würden, für all die Mühe und manchmal auch den Ärger, den sie uns machen. Aber haben Katzen eine Idee von Dank? Das glaube ich nicht. Sie jagen die Tiere, bringen sie nach Hause, um sie dort zu verspeisen, oder manchmal eben auch nicht. Das ist alles. Mehr können wir nicht wissen. Und warum wünschen wir uns überhaupt diesen Dank? Weil wir glauben, dass er uns zusteht? Dann sollten wir vielleicht besser keine Tiere halten.
Warum halten wir überhaupt Tiere? Weil SIE uns etwas geben sollen. Dafür müssen wir keinen Dank erwarten. Wir projizieren also etwas in sie hinein. Sie sollen vielleicht den fehlenden Partner ersetzen, oder die Kinder, die nun aus dem Haus sind. Oder sie sollen der Psyche guttun. Wir wissen, dass wir bei Berührung eines anderen Wesens Oxytocin, das Kuschel- oder Bindungshormon, ausschütten, und deshalb streicheln wir unsere Haustiere so gerne. Wir tun es nicht, damit SIE das Oxytocin ausschütten. Sind wir mal ehrlich. Wir halten also Haustiere, weil sie uns guttun. Ob das auch umgekehrt der Fall ist, werden wir wahrscheinlich nie ganz sicher herausfinden können, obwohl das mit dem Oxytocin auf Tiere auch zutrifft.
Ein Problem ist das natürlich nur dann, wenn wir sie nicht artgerecht halten. Dazu gehört m.E. die Haltung von Katzen in einer Wohnung ohne Freigang. Das ist Tierquälerei. Jedes Tier muss seinen Instinkten nachgehen können. Dazu gehört z.B. auch, dass Pferde täglich auf eine Koppel dürfen, wo sie sich bewegen können.
Eins meiner schönsten Tiererlebnisse war zu sehen, wie in den Abruzzen (Italien) die Leitstute einer (halb-)wilden Herde diese zur Tränke führte und danach wieder zurück – über eine ziemlich befahrene Landstraße. Alles schien absolut geregelt. Menschen hätten diese Herde nie in dieser Ruhe über die Straße führen können. Ein großartiges Schauspiel.
Wenn die Tage kürzer werden und es draußen langsam kalt wird, kommt jedes Jahr bei Pferdefrauen (Männer gibt es ja kaum) die Frage nach der Decke auf. Wann drauf? Wie viel Gramm, d.h. wie warm etc.? Bei einer dieser vielen Diskussionen kam die Antwort einer Pferdefrau: Aber ich finde, dass es kalt ist. Nun wissen wir, dass Pferde eine ganz andere Wohlfühltemperatur haben als Menschen. Bei mir liegt sie ca. bei 20-30 Grad. Bei den Menschen hier im hohen Norden ist es wohl etwas weniger. Bei Pferden liegt sie aber nur bei 5-15 Grad. Das ist wohl kaum bei Menschen so, auch wenn es natürlich individuelle Unterschiede gibt. Zu sagen, ich finde … zeigt eine Empathielosigkeit, die erschreckt und die unter einem Mantel der extremen Fürsorglichkeit verdeckt wird. Bei dieser Pferdefrau hört letztere allerdings schon bei jedem anderen Pferd auf. Also lassen wir doch die Tiere einfach Tiere sein. Sie brauchen keine Decken bei 15 Grad, wo sie eher unter zu viel Wärme leiden würden. Und das bei einem schlechten Kreislauf. Tiere sind nicht dazu da, unsere Bedürfnisse, und seien es die von Fürsorge, zu befriedigen.
Was wir dagegen tun könnten, ist von Tieren lernen. Sie sind authentisch. Man braucht ihnen nicht zu raten, sie selbst zu sein. Sie sind es. Wenn meiner Stute etwas nicht gefällt, geht sie in der Regel einfach weg. Wenn meinen Katern etwas nicht passt, bekommt man schon mal einen übergezogen. Ganz klare Ansage. Wenn die Kater aber schnurren, kann ich sehr sicher sein, dass es ihnen wirklich gefällt. Sie würden es mir nie vorspielen, weil sie es nicht können. Sie haben keine Vorstellung von sozialer Erwartung oder dem Anspruch, jemanden nicht verletzen zu wollen. Zumindest nehme ich das an.