Alte Wörter – neuer Gebrauch

Acht Jahre lang war ich ich nicht in Deutschland. Bei meiner Rückkehr fand ich ein anderes Land – linguistisch gesprochen. Weil ich diese zeitliche Lücke habe, fällt es mir wohl leichter den Wandel nachzuvollziehen, denn jemand, der ihn langsam vollzieht, merkt oft gar nicht, dass überhaupt einer stattgefunden hat. Allerdings haben sich schon vor einigen Jahren FAZ, FR und Süddeutsche über den Ausdruck “alles gut” mockiert. In einem Blog von 2013 erzählen Teilnehmer, dass sie gerade diesem Ausdruck begegnet sind. Das trifft sich mit der Beobachtung, dass es 2009, als ich ausgewandert bin, diesen Ausdruck noch nicht gab.

Einen Teil dieser Zeit habe ich in Neuseeland verbracht. Die Kiwis scheinen geborene Optimisten zu sein. Bei Problemen jedweder Art wird einem ein “It will be fine” entgegen geschleudert. Als geborene Pessimisten schwankt man zwischen Bewunderung, wie einfach Probleme gelöst werden können, nämlich durch die simple Behauptung (dass die Probleme tatsächlich nicht behoben sind, scheint die Kiwis nicht großartig zu stören) und Genervtsein angesichts der Naivität. Ich hielt es also für eine Marotte von Down under, also als einen räumlichen Unterschied. Anderes Land, andere Sitten, andere Art der Konfliktlösung. Weit gefehlt. Zurück in Deutschland bekomme ich sofort in ähnlichen Situationen ein “alles gut” zu hören und – bin irritiert: die Deutschen haben sich in so kurzer Zeit zu Optimisten gewandelt? Ein kleiner Unterschied: Der englischsprachige Raum hat sich wenigstens noch das Futur bewahrt. Im Deutschen hat die Gegenwart dieses geschluckt.

Aber woher kommt nun der Ausdruck? Ich vermute sehr stark Denglisch, und dazu noch eine ungenaue Übersetzung. “Alles wird gut” zu kompliziert? Auf jeden Fall hat sich die Koordinate vom anderen Ort zur unterschiedlichen Zeit verschoben. In Deutschland sind wir einfach manchmal ein bisschen hinterher, so auch hier mit dem Optimismus.

Stefan Gärtner schreibt dazu in seinem Buch ‘Terrorsprache. Aus dem Wörterbuch des Unmenschen’ folgendes: “Es ist immer alles gut; und das ist natürlich überhaupt nicht gut. Und nicht nur, weil immer dasselbe sagen nur dann in Ordnung geht, wenn es sich um eine Formel handelt, die aber ihren festen, genau bestimmten Ort hat. (…) Eine Formel ohne Ort ist aber ein Tumor. Sie frisst sich erst in die Gespräche, dann in die Sprache, und unversehens bestehen maßgebliche Teile von Rede aus Parole: “Alles gut!” Das nervt nicht allein deshalb, weil Phrasen nerven; diese hier ist besonders sprechend, und schier unmöglich, in ihr nicht den affirmativen Generalbass der Zeit zu hören. (…) “Alles gut!” wäre (also) der Schlachtruf eines Positivismus, der im Neoliberalismus seine Erfüllung gefunden hat (…).”

Positivismus, zeitgeistig auch Optimismus genannt, in Reinform ist natürlich “Immer alles positiv sehen“. Das gab es vor meinem Weggang aus Deutschland auch nicht. Da haben wir die Dinge auch mal negativ gesehen – wahrscheinlich waren sie es einfach. Aber heute scheint das fast verboten. Ich fand es immer falsch, konnte aber nie sagen, was eigentlich falsch daran sein soll, alles positiv zu sehen. Heute habe ich es dann wieder gehört. Und es schien sich auf nichts Konkretes zu beziehen. Es gab wohl ein Problem. Aber das war nicht das Entscheidende. Egal, ob es lösbar war oder nicht: “Immer alles positiv sehen!” Alles ist seinem Zusammenhang entzogen. Es spielt überhaupt keine Rolle mehr, ob es GRÜNDE gibt, etwas positiv oder negativ zu sehen. Es wird einfach postuliert, weil es der neue Zeitgeist ist. Es ist der neue Irrationalismus. Es ist nicht mehr wichtig, warum etwas so ist, wie es ist, sondern nur noch, dass es so ist. Und negativ auf keinen Fall. Wir haben unser Geschichtsbewusstsein verloren. Dinge existieren doch nicht in einem luftleeren Raum, sondern sind historisch und gesellschaftlich gewachsene Gebilde. Das will keiner mehr wissen. Indem wir aber die negative Seite der Dinge verdrängen, verdrängen wir einen Teil unserer selbst. Warum tun wir das? Es geht um Ängste. Ängste, die wir nicht zulassen können, weil sie uns bedrohen. Wir haben den Umgang mit unseren Ängsten verloren, Verlustängsten, der Todesangst, Versagensängsten und vielen anderen. Verdrängte Ängste aber machen aggressiv. Dieser neue Positivismus ist nur eine neue Form von unterdrückter Aggressivität.

Dazu passt, dass seit einiger Zeit das Glas immer halb voll ist. Ja, meinetwegen, aber halb voll ist eben auch nur halb, und das ist weit von perfekt. Dieses zwanghafte positive Denken ist dann einfach die Kehrseite unseres früheren Herummäkelns an allem? Einfach den Spieß rumdrehen? Jetzt sind wir halt alle furchtbar positiv, gut drauf. Nur dass wir damit das Kind mit dem Bade ausschütten. Irgendwie scheint dabei auch unsere Kritikfähigkeit verloren gegangen zu sein. Und schlimmer noch, auch unsere Fähigkeit zum logischen Denken. Wo ist die andere Hälfte des Glases? So wie eben die berühmte Medaille mit den zwei Seiten. Nur dass das niemand mehr zuzugeben bereit ist. Zuviel der Dialektik. Ist so anstrengend.

Sind wir doch einmal ehrlich! Auf dieser Welt gibt es positive und negative Dinge. Die positiven sollten wir auch als solche benennen, uns über sie freuen. Oft erscheinen sie als Kleinigkeiten, aber sich über kleine Dinge erfreuen zu können ist eine große Gabe. Wenn nun negative Dinge plötzlich auch nur noch positiv gesehen werden dürfen, dann reduziert das einerseits die wirklich positiven Dinge und es verhindert Veränderung. Wenn ich das Negative nicht mehr als solches benennen darf, kann ich es auch nicht mehr kritisieren und daraufhin auch nicht mehr verändern. Dieser Hang zum Positiven, der eigentlich ein Verbot ist, das Negative zu sehen, ist im Grunde sehr konservativ. Er will nichts ändern. Wir brauchen nur noch unsere Einstellung zu ändern, und schon ist die Welt viel besser. Es ist die Verantwortung jedes einzelnen. So macht der Konservatismus Politik. Bloß nicht an die Strukturen. Nun ist diese Phase aber schon vorbei. Und es kommt der Backlash. Nun ist nichts mehr positiv, inzwischen ist alles nur noch schlecht. Die Menschen meckern, schimpfen, nörgeln, was das Zeug hält. Und natürlich sind immer die anderen schuld. Im Moment: die Ampel, die Grünen sowieso, diese linksversifften Miesepeter, die immer alles kritisieren müssen und uns unsere Freiheit wegnehmen wollen, die Freiheit des anderen einschränken zu dürfen: Tempolimit, Umweltverschmutzung, Steuererhöhung für Milliardäre etc.

Eine der schlimmsten Selbstbeschreibungen ist: Ich bin authentisch. Authentizität beschreibt doch einen Zustand der Echtheit. Z.B. kann ein Dokument authentisch sein, weil man es anhand verschiedener Kriterien zeigen kann. Aber ein Mensch? Authentisch womit? Mit sich selbst? Ich bin ich, und das ist gut so. Der erste Teil ist sicherlich nicht zu leugnen, zumindest nicht bei einer ersten oberflächlichen Betrachtung, obwohl sich schon fragen ließe, was dieses Ich nun eigentlich ist, und anhand welcher Kriterien möchte man das dann zeigen? Der zweite Teil folgt aber überhaupt nicht aus dem ersten. Da wir aber spätestens seit Freud und erst recht mit Lacan wissen, dass das Ich keine leicht zu beschreibende und schon gar keine feste, stabile Entität ist, stellt sich eben auch die Frage, ob die Rede von der Authentizität überhaupt Sinn hat. Ich bin ich, so what? Ist es nicht vielmehr der Wunsch nach etwas Festem – in einer Welt, die uns keine festen, eindeutigen Wahrheiten mehr bietet? Dann möchte ich wenigstens sicher sein, wer ich bin. Ja, wer bin ich denn? Sind das Ich, das spricht, und das Subjekt meines Satzes authentisch? Wie oft haben wir nicht das Gefühl, dass wir mittels der Sprache gar nicht das auszudrücken vermögen, was uns im Tiefsten berührt, dass uns vielmehr etwas spricht, ein anderes, dass wir gar nicht vollständig im Griff haben, was wir da so daherreden. Wie oft geschieht es uns, dass – oh, und schon ist uns etwas rausgerutscht, das wir im Vollbesitz unseres Verstandes so wohl nicht gesagt hätten. Aber sind wir das eigentlich überhaupt irgendwann?

Viele Ratgeber vermitteln genau diesen Eindruck, dass wir es sein könnten bzw. sogar müssen, so eine Art moralische Verpflichtung, nun endlich man selbst zu werden: Sei (einfach) du selbst! Die Kunst, authentisch zu sein. Es scheint einen Konsens darüber zu geben, dass es etwas Erstrebenswertes ist, allerdings ohne genau sagen zu können, was es eigentlich ist. Ratgeber haben ja nun einmal die Eigenheiten, so zu tun, als ob ihre Ratschläge für alle gleichermaßen gelten müssten. Wer ist denn nun dieses Selbst, mein Selbst? Wie bin ich denn nun wirklich? Denn wenn ich das werden soll, muss es doch auch bestimmbar sein. Ich kann ja schlecht etwas werden sollen, das gar nicht genau definierbar ist. Oder fragen Sie Freud: Wo Es war, soll Ich werden.

Bei sich sein

Ich bin jetzt gerade nicht bei mir. Was ist denn das für eine Vorstellung? Wo soll das denn sein, das ‚Bei sich‘, ha? Irgendein ominöses Ich, und wenn die Umstände mich zwingen etwas zu tun, was mir nicht gefällt, dann bin ich mal kurz nicht bei mir? ‚Ich‘ muss alles im Griff haben, alles kontrollieren. Wann ist das denn überhaupt der Fall? Wir sind nie ein vollständig Ganzes, klar abgrenzbar, wir interagieren, reagieren ständig auf unsere Umwelt, wir sind kein monadisches Ich, das anderen monadischen Ichs gegen-übertritt, und schon haben wir eine Art Kulturkampf. Alles fließt, das merken wir doch beim Sprechen, ein Wort ergibt das andere, uns fehlt etwas, das uns wahrscheinlich antreibt immer weiterzumachen. Wenn man nicht bei sich ist, wo ist man dann? Außer sich? Außerhalb von sich? Mit Freud bzw. Lacan möchte man antworten: an einem anderen Schauplatz, womit sie beide das Unbewusste meinen. Es weist auf ein angebliches Zentrum hin, ein bisschen wie bei einer Dartscheibe. Ab und zu trifft man auch das Zentrum, aber viel öfter wohl daneben, wenn auch nicht vollkommen, aber eben mehr in den Kreisen darum herum. Wo soll denn dieses Zentrum sein? Ist das das Imaginäre? Ist das die Vorstellung, die die meisten Menschen von sich als ‚ich‘ haben? Und dann müssen sie dort sein? Und was machen sie dann, wenn sie dort angekommen sind? Dort ist der Mangel. Das ist die dritte Kränkung der Menschheit, es gibt kein klares ‚Ich‘, das zu verorten wäre. Vielleicht ist das ähnlich wie bei der Heisenbergschen Unschärferelation. Es lässt sich nie gleichzeitig der Ort und der Impuls eines Teilchens bestimmen. Wo befinden wir Menschen uns eigentlich, psychologisch gesehen, an welchem Ort? Im Grunde sind wir doch in einer Dauerbewegung, auch wenn diese bei vielen eher wie Stillstand aussieht. Und wenn wir uns immer weiterbewegen, dann ist der Ort schwer auszumachen, vielleicht für einen kurzen Augenblick. Es ist der Mangel eines Zentrums, eines Ichs, das sich klar definiert. Da wir immer in Bewegung sind (der Stillstand ist nur die negative Form von Bewegung), kann es kein Zentrum geben.

Es ist schwer sich einzugestehen, dass wir kein klar definiertes und definierbares Wesen sind; die vielen Sprüche sind nur Ausdruck davon.

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