Offenlegung Warum Religion nicht mehr zeitgemäß ist – und es noch nie war

I don’t believe in life after death, channeled chat rooms with the dead, reincarnation, telekinesis or any miracles but the miracle of life and consciousness, which again strike me as miracles in nearly obscene abundance.  (Natalie Angier, The Bush Years; Confessions of a Lonely Atheist, NYtimes, 14.01.2001)

Der Teufel ist nichts dagegen. Er gilt zwar als Gegner des gläubigen Christen, bewegt sich als Gegenpol aber noch in der gleichen Logik. Beide hassen dagegen den Atheisten. Sie hassen ihn, weil er sich ihrer Logik verweigert, der Logik von der reinen Lehre, oder, wie Richard Dawkins es beschreibt, weil sie trotz aller Evidenz, gegen alle Evidenz an ihren Dogmen festhalten. Ein Atheist, ein Evolutionist lässt sich von Fakten belehren, so wie in der Wissenschaft eine Lehre so lange als richtig gilt, bis sie widerlegt wurde. Widerlegen lässt sich der Glaube nicht. Denn er hat immer recht.

Interessant ist, wie Kritik am Glauben bei den unterschiedlichsten Menschen den gleichen Abwehrreflex auslöst. Yual Noah Harari, ein angesehener Historiker, Professor, Buchautor, schreibt in seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ folgendes: „Die einzige humanistische Sekte, die sich vom traditionellen Monotheismus losgesagt hat, ist der evolutionäre Humanismus, dessen bekannteste Vertreter die Nationalsozialisten waren.“ Die Nazis seien stark von der Evolutionsidee beeinflusst worden. Das ist natürlich ein starkes Stück – und absoluter Humbug. Wenn zwei Gruppen sich auf die gleiche Sache beziehen, bedeutet das nicht, dass sie miteinander identisch sind. Das ist unwissenschaftlich. Als Akademiker sollte er es besser wissen. Oder wenn der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch Parallelen zwischen einer kirchlichen Reformbewegung und dem Nationalsozialismus zieht. Überhaupt scheint der Teufel nicht auszureichen. Es muss immer gleich der Faschismus herhalten, wenn es um Kritik am Glauben geht. Damit wird ersterer verniedlicht. Aber das stört die Herren überhaupt nicht. Vielleicht auch, weil die Kirche mit dem Faschismus gemeinsame Sache gemacht hat und sich alles andere als distanziert hat. Papst Benedikt XVI hat behauptet, der Atheismus der Nazis sei schuld an ihren extremistischen und hasserfüllten Ansichten.

„Zu den Lehren aus dem atheistischen Extremismus des 20. Jahrhunderts gehöre, dass ein Ausschluss von Gott und Religion aus dem öffentlichen Leben zu einer “herabwürdigenden Sicht des Menschen“ führe.“ (Welt, 16.09.2010) Das Gegenteil war der Fall. Wie Manfred Gailus, Professor für Neuere Geschichte an der TU Berlin, am 15.11.2019 im Tagesspiegel schreibt, gab es mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus wieder eine Hinwendung zu religiösen Glaubensbekenntnissen, die darin gipfelten, dass die christlichen Kirchen für den Ariernachweis die Eintragungen ihrer Kirchenbücher im Sinne kirchlicher Amtshilfe zur Verfügung stellten.

Es sind reflexartige Überreaktionen von vielen Kirchenoberen, die aber gar nicht notwendig wären. Warum tun sie das? Weil sie sich nicht anders zu helfen wissen? Auch wenn so eine Überreaktion sie selbst diskreditiert? Vielleicht auch, weil sie keine anderen Argumente zur Verfügung haben als die jahrtausendealte Wiederholung, das stehe eben im heiligen Buch?

Bemerkenswert ist also wirklich die oft wiederholte reflexartige Reaktion, die sehr an mittelalterliche Reflexe seitens der Kirche erinnert, sobald es sich um Kritik an der Kirche bzw. Religion handelt. Giordano Bruno war ein Ketzer, der 1600 auf dem Scheiterhaufen in Rom verbrannt wurde, weil er sich gegen die katholische Kirche gestellt hatte.

Heute kann die Kirche zwar nicht mehr mit einer breiten Unterstützung rechnen, zu schwerwiegend und grausam sind ihre Gräueltaten, angefangen von den Hexenverfolgungen über die Unterstützung vieler Unrechtssysteme einschließlich der Nazis bis hin zu den vielen Missbrauchsfällen und dem momentanen Umgang bzw. eher Nichtumgang damit, der Haltung zum Feminismus und dem Zölibat. Die Kirchenaustritte sind kaum mehr zu bewältigen, inzwischen haben die beiden Konfessionskirchen jeweils weniger Mitglieder als es Menschen ohne Kirchenzugehörigkeit gibt. Trotzdem scheint es eher eine Abneigung gegen die Institution Kirche zu sein als gegen Religion an sich. Was bekanntermaßen zu den merkwürdigsten Verdrehungen führt, wenn der aus der Kirche ausgetretene liberale Finanzminister vor einem kirchlichen Altar heiratet. Viele Menschen hadern zwar sehr mit der Kirche, bezeichnen sich aber als gläubig.

Religion befriedigt ein menschliches Urbedürfnis, und zwar das nach Halt, nach Erklärung, nach Sicherheit. Wenn meine italienische Ex-Schwiegermutter bei ihrem Besuch unbedingt in eine deutsche Messe gehen musste, auch wenn sie nichts verstand, war das nur ein Ausdruck dieses Bedürfnisses. Es spiegelte sich darin die Angst, ihr könne der Halt abgesprochen werden, wenn sie sich nicht „korrekt“ verhalte. Dass alles an der Religion – und zwar bis ins letzte Detail – von Menschen gemacht ist, ist Häresie und verdient bestraft zu werden, so wie Giordano Bruno, oder eben als Nazis bezeichnet zu werden. Die Evolutionstheorie ist Sünde, das Mittelalter bzw. die ultrareligiöse amerikanische Rechte lässt grüßen bzw. die Mörder im Anschluss an die Mohammed-Karikaturen.

Wenn Harari die evolutionären Humanisten verdammt, hat er nichts verstanden. Die deutsche Version der evolutionären Humanisten in Form der Giordano Bruno Stiftung setzt sich für die strikte Trennung von Staat und Kirche ein, dafür, dass jede Form von Religion in einem säkularen Staat reine Privatsache ist und sein muss. In Deutschland ist das nicht der Fall.  Auf der Lohnsteuerkarte muss man angeben, ob und welcher Kirche man zugehörig ist, was in Folge der Arbeitgeber erfährt. Kirchen haben als einziger Arbeitgeber das Recht, gegen §1 unserer Verfassung zu verstoßen. Nicht einer Kirche zugehörige Menschen dürfen offiziell diskriminiert werden, indem das Kirchenarbeitsrecht erlaubt sie nicht anzustellen, auch dann nicht, wenn sie keine religiösen Aufgaben zu erledigen haben. Christlich? Nein, heuchlerisch, weil menschenfeindlich.

Mir geht die Giordano Bruno Stiftung nicht weit genug. Ich halte es mit Marx: Religion ist Opium für das Volk. Religion vergiftet die Menschen. Sie macht sie viele Dinge glauben, die nur zu ihrer eigenen Machterhaltung dienen. Es gibt nur eine richtige Lebensform, die der Familie. Die Frau hat ihren angestammten Platz. Das ungeborene Leben ist schützenswerter als das geborene usw. usf. Wir kennen die Doktrin.

Religion behauptet. Sie belegt nie. Der Gottesbeweis steht immer noch aus, und dennoch wird an der Existenz Gottes festgehalten. Warum Agnostiker sein? Noch nie hat jemand Gott in irgendeiner Weise gesehen, gehört oder erfahren. Solange das so ist, muss man zu der einzig möglichen Schlussfolgerung kommen: dass es ihn nicht gibt, um genau zu sein – wie es in der Buskampagne der Giordano Bruno Stiftung hieß – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Bis das Gegenteil bewiesen ist. Aber das ist rationales, logisches, wissenschaftliches Denken, und das scheut die Religion wie der Teufel das Weihwasser.

Warum können Menschen dann nicht von ihr lassen? Es ist die Angst vor dem Tod. Die Angst, die die Religion aber erst schafft – mit der Rede von Himmel und Hölle, so dass sie sich selbst legitimieren kann, indem sie Abhilfe verschafft. Aber was ist denn das für eine Abhilfe, die allein von der Angst lebt, die sie selbst erzeugt hat? Michael Schmidt-Salomon hat darauf eine Antwort, die ich absolut teile: Ich habe Angst vor dem Sterben, aber ich habe keine Angst vor dem Tod. Nach dem Tod ist nichts, so wie auch vor meiner Geburt nichts war. Warum sollte man vor dem Nichts Angst haben? Die Religion hat diese Angst geschaffen. Zu ihrer eigenen Rechtfertigung. Menschen in Abhängigkeit zu halten, vor allem in bestimmte Denkmuster zu zwingen, das ist ihre große Aufgabe. Religion macht unfrei. Religion ist Gift, Gift für rationales Handeln und Denken, Gift für vorurteilsfreies Begegnen dem anderen gegenüber, egal wie er denkt.

Warum sonst benehmen sich Menschen ihr ganzes Leben lang wie A…. (ich denke an meinen eigenen Vater), kümmern sich um nichts, verschwinden einfach und dann plötzlich kommt die Eingebung (welche?) und sie suchen wieder Kontakt – über LinkedIn. Nicht gerade eine Art und Weise für eine erste Kontaktaufnahme zwischen Vater und Tochter nach jahrzehntelangem Stillschweigen. Und warum alles? Es lässt sich nur vermuten, dass er den Tod auf sich zukommen sieht und nun meint – wie in unzähligen kitschigen Filmen, die wir alle gesehen haben, dass es Zeit wäre, mit seiner Tochter Frieden zu schließen, damit er ruhig den Abgang machen kann. Warum scheint der Tod wichtiger als das Leben? Im Leben hat er sich nicht wie ein Vater benommen, aber nun hofft er, die Erlösung käme im Tod? Was ist das für eine Vorstellung? Nach jahrzehntelangem Ignorieren seiner Vaterschaft meint er mit einem Kontaktversuch seinen Gang in die Hölle noch abwenden zu können. Was ist das für eine Welt, in der das Danach mehr zu zählen scheint als das Leben? Liebe Leute, danach ist nichts. Bekommt das endlich mal in den Kopf! Und wenn ihr euch zu Lebzeiten als Drecksäcke benommen habt, dann sterbt ihr eben auch als ein solche. Da ist es mit einem theatralisch (er neigte schon immer dazu) aufgepeppten Gespräch nicht getan. Ihr habt es einfach versaut. Punkt. Da ist dann nichts mehr zu retten.

Menschen verschiedener Religionen bekämpfen sich, oft bis aufs Blut: Christen gegen Moslems, Moslems gegen Juden und Hindus, Hindus gegen Buddhisten usw. Aber alle haben darüber hinaus einen gemeinsamen großen Feind: den Atheisten, den Ungläubigen. Das ist absurd. Er bedroht ihre Denkweise. Die für alle Religionen gleich ist: Nur wir haben Recht. Und das ohne Beweise. Gegen jede Evidenz. Und wer das anders sieht, ist unser Feind. Pluralismus im Denken ist einer ihrer Hauptfeinde.

Viele westliche Menschen kritisieren das Kopftuch. Aber verschleiern sich nicht auch Frauen in anderen Religionen? Christinnen? Hinduistinnen? Jüdinnnen unter ihrer Perücke? Warum nie die Männer? Unabhängig von der Religion? In der Unterdrückung der Frau sind sich alle Religionen einig. Verbunden in der Unterdrückung der Hälfte der Menschheit. Die andere Hälfte bringt sich gegenseitig aus religiösen Motiven um.

Wenn erst das Christentum moralische Werte „erfunden hätte“ (eins der Hauptargumente für die Existenz der Religion), dann müssten wir allen Nichtchristen jegliche moralische Fähigkeit absprechen. Die Evidenz sagt uns natürlich sofort, dass es unter ihnen viele gibt, die zu moralischem Handeln fähig sind. Das dürfte nicht sein.

Seit einiger Zeit erstehen moderne Formen von Religion. Menschen brüllen nach Freiheit, auf eine Weise, die Freiheit gerade als Unfreiheit versteht. Verschwörungstheorien sind eine moderne Religion, sie sind antirational und antiwissenschaftlich. Freiheit wird nur verstanden als das, was zur eigenen Denkweise passt. Dass die eigene Freiheit dort aufhört, wo die des anderen anfängt, ist wie in der Religion mit einem Tabu belegt. Dialektisches Denken ist ausgeschaltet. Anders- bzw. Nichtgläubige werden mundtot gemacht, verfolgt, und nicht nur symbolisch, sie werden bedroht und ermordet. Das Denken ist dabei das gleiche. Die Religion, alle Religionen haben mit ihren Denkverboten dazu beigetragen. Jede Religion kennt Gebote und Verbote und bestimmt, was richtiges und was falsches Verhalten ist. (Ein moderner Rechtsstaat kennt auch Ver- und Gebote. Sie sind aber nicht moralischer Natur, sondern ethischer. Das ist ein himmelgroßer Unterschied.)

Neben Verschwörungstheorien, Rassismus (auch eine Form von Glaube, nämlich an die Überlegenheit einer bestimmten Rasse) gibt es noch viele neue Religionen, die aber unter einem gefährlichen Deckmäntelchen daherkommen, relativ leicht zu entlarven auf manchen Demonstrationen, wenn sie gemeinsam mit Rechtsradikalen marschieren und keine Notwendigkeit der Abgrenzung sehen: Esoteriker, Achtsamkeitsfanatiker, militante Veganer. Die Cancel culture teilt Eigenschaften davon, wenn Gegner mit einem Totschlagargument mundtot gemacht werden:  weiße Übersetzerinnen (von Amanda Gormans ‘The hill we climb’) können nichts dafür, weiß zu sein, was nichts an ihrer Übersetzungskompetenz ändert.

Claudia Barth nennt Esoterik eine Form moderner Religiosität. Es braucht keinen Gott mehr im herkömmlichen Sinn, wie ihn vor allem die monotheistischen Religionen lehren. Denn was ist denn ein Gott? Nichts anderes als der Glaube an etwas Wahres, an eine richtige Lebenshaltung, an den einen Weg – und eben nicht den anderen, die Hoffnung, das Unerklärliche zu erklären, indem es aber noch mehr verschleiert wird, denn was erklärt Gott?

Vielleicht heißt der neue Gott ja Ich, zumindest in der westlichen pseudo-nichtreligiösen Version, in der fundamentalistischen Version bleibt es bei Gott, Allah etc. Aber der Unterschied? Eigentlich nur im Signifikanten, darunter schwimmt es ordentlich.

Wir wollen nicht anheizen, zu mehr Konflikten anstacheln, nicht weiter an der Gewaltspirale drehen, also machen wir das Gegenteil: wir verharmlosen. Georg Diez schreibt am 27.09.22 in Zeit Online, es sei Zeit, die Sache endlich beim Namen zu nennen. Wie oft war nicht die Rede vom Populismus, was ja irgendwie das Volk, popolo, einschließt. Das kommt noch demokratisch daher. In Wirklichkeit muss man von Faschismus sprechen, neuem? altem? Italien, mein Immer-noch-Traumland, meine geistige Heimat, ist uns oft vorneweg, zumindest in vielen Entwicklungen. Sie haben zum ersten Mal nach dem zweiten Weltkrieg wieder eine offen faschistische Regierung, auch wenn sie in kläglich rhetorischen Verrenkungen versucht sich von diesem zu distanzieren.

Dies alles ist hochgefährlich. Das einzige Mittel dagegen ist kritisches Denken, das Widersprüche zulässt, sich offen mit allen Positionen auseinandersetzt, als einziges Kriterium wissenschaftlich basierte Evidenz akzeptiert. Behauptungen, wie z.B. die irgendwelcher Wunder, Blasphemie, Verfolgungen Andersdenkender gehören ins Mittelalter, das wir längst überwunden glaubten.

Heute, am 3.Oktober 2022, werden wie jedes Jahr die Feierlichkeiten zum Tag der Einheit, einem der wenigen gesellschaftlichen, politischen Feiertage (neben Neujahr und dem Tag der Arbeit der einzige nicht-religiöse) mit einem ökumenischen Gottesdienst eröffnet. Wie kann das sein? Die Mehrheit der Menschen ist somit nicht repräsentiert. Von 83,2 in Deutschland lebenden Menschen sind Ende 2021 21,8 Millionen Mitglied der Katholischen Kirche und 19,7 Millionen Mitglied der Evangelischen Kirche, also weniger als die Hälfte. Und der Abwärtstrend ist noch längst nicht zu Ende. Jedes Jahr verlassen mehr Menschen die beiden Konfessionskirchen als neue dazu kommen. Ist es nicht an der Zeit, die Hälfte der Menschen in Deutschland nicht mehr zu diskriminieren?

Ebenso heute wurde verkündet, dass der Nobelpreis für Medizin an den Schweden Svante Pääbo geht, den Begründer der Paläogenetik. Er beschäftigt sich vor allem mit genetischen Veränderungen in der Evolutionsgeschichte des modernen Menschen und konnte zeigen, dass wir nicht direkt vom Neandertaler abstammen, wie lange angenommen wurde, sondern gemeinsame Vorfahren haben. Das ist ein nicht kleiner Sieg für die Evolutionstheorie.

Und die Schöpfung? Und der Schöpfer? Der Herr, ER usw. ist männlich. Gisela Stelly in der ZEIT vom 25.11.1977(!): Es ist der schwer zu widerlegende, sichtbare Vorgang, daß Kinder durch eine weibliche Öffnung in die Welt kommen, der zur männlichen Sexual-Politik geführt hat. Alles Weibliche, Gebärende, muß verfolgt werden – ist es doch der Gegenbeweis für den Schöpferwahn. Man könnte es umdrehen und sagen: Weil alles Leben aus dem Weiblichen kommt und nie aus dem Männlichen, ist es ein Beweis gegen die Schöpfungstheorie. Wie kann ER alleine Leben gebären? Es geht nur, indem alles Körperliche abgesprochen, getötet, negiert wird. Religion ist die Abwesenheit von Körperlichkeit. Und somit hat sie noch nie gelebt.

Die Weihnachtszeit rückt heran, und man könnte glauben, alle seien innerhalb von wenigen Tagen zu Religionsfanatikern mutiert. Alle sind im Weihnachtsstress, auch der Superlinke. Merkt denn wirklich gar niemand, was ihr da macht? Und kommt mir bloß nicht mit der schönen Stimmung (Vor ein paar Tagen war im Radio die Rede von der schönsten Jahreszeit. Geht es noch?), und den Kindern (die meistens schon in einem Alter sind, in dem sie selbst Kinder haben können, und wenn sie tatsächlich noch Kinder sind, habt ihr sie mal gefragt?) und der Möglichkeit, dass sich die Familie endlich mal wieder treffen kann. Wozu braucht man dazu Weihnachten? Weil es sonst mit der Familienidylle eher hapert? Nur an Weihnachten dann leider meistens auch. Tannenbäume zu kaufen, die jahrelang wachsen mussten, um dann nach zwei Wochen in ihrer traurigen Restverfassung gnadenlos entsorgt zu werden? Enten im großen Stil zu braten, die eigentlich sowieso keiner mehr mag? Ist halt Tradition. Blöde Geschenke auszutauschen, weil man sich immer noch nicht zur Entsagung des Nutzlosen durchringen kann: “Eigentlich wollten wir uns ja dieses Jahr nichts mehr schenken.” Das alles ist einfach nur Heuchelei. Wie eben Religion.

Ich befinde mich in Kampanien (Italien) in einem kleinen Dorf, genauer gesagt in Teggiano und will eine der Kirchen besuchen. Ich habe ein Top an und bedecke meine Schultern mit einem Tuch. Außer mir ist niemand in der Kirche. Lächerlich, oder? Ich frage mich, warum ich es tue. Aus Respekt? Aber vor wem? Ist ja keiner hier. Vor der Religion? Aber was wäre das hier? Das Kircheninnere? Die Statuen? Religiöse Symbole? Oder mögliche Gläubige, die reinkommen könnten? Wenn wir rausgehen und uns ein Stück weiter vielleicht am Strand wiedertreffen – fast komplett ausgezogen, muss ich ihnen keinen Respekt mehr zollen? Und warum bedeutet ein Stück Stoff Respekt? Wie bei den Moslems, wo Frauen diesen angeblichen Respekt vorzeigen müssen, die Männer aber nicht, denn die dürfen genauso wenig angezogen rumlaufen wie ich außerhalb der Kirche? Was will diese Religion von uns? Geht es nicht um etwas ganz anderes? Unterwürfigkeit vielleicht? Absoluter Gehorsam, bei dem eigenes, kritisches, reflektiertes Denken verboten ist? Kurz gesagt Macht? An jeder Ecke hier christliche Symbole. Wahlplakate nur der konservativen und rechten Parteien. Die Natur ist unglaublich, aber irgendwie scheint sie mehr aus Zufall (noch) überlebt zu haben. Umweltschutz? Wo? Eltern, nicht die Kinder, die in einer Tropfsteinhöhle alles anfassen müssen und so zu ihrer Zerstörung beitragen. Und das mitten in Europa.

Und das Frauenbild der Kirche, des Christentums, von Religionen überhaupt? In der Bibel sind die bekanntesten Frauen entweder Mütter (Maria, die Sklavin Hagar) oder böse verführerische Frauen, die Unheil anrichten (Eva). Noah hat zwar irgendwie Familie, aber seine Frau wird mit keinem Wort erwähnt. Lot wird sogar von seinen eigenen Töchtern vergewaltigt – was für ein Frauenbild! Vor allem das Verführerische, das den Mann im Grunde bloßstellt, muss er unterdrücken. Es gibt kein Buch in der Bibel, das von einer Frau geschrieben wurde. Es gibt keine aktiven, handelnden Frauen, und wenn, dann nur im Sinne der Männer. Die Sicht der Bibel ist also hundertprozentig männlich.

Überhaupt die Bibel. Hat denn niemand das Alte Testament gelesen? Der gerade wieder aufflammende Krieg zwischen Israel und dem Libanon und dem Iran erinnert sehr daran. Die Ägypter sind die Bösen und die Israeliten sollen das Land erobern, das anderen Völkern gehört. Kommt uns doch irgendwie bekannt vor, oder? Aber das Absurdeste, Inkonsequenteste des AT ist Jahwe selbst. Er verhält sich überhaupt nicht wie ein Gott. Er ist nicht allwissend (Die Israeliten sollen Kundschafter ausschicken), er ist rachsüchtig (ständig muss irgendjemand bestraft werden, weil sie etwas gemacht haben, was ihm nicht in den Kram passt), er ist unmenschlich (Kinder und Frauen werden bestraft, obwohl sie nichts gemacht haben), unlogisch (die Menschen bitten Jahwe um Essen, er schickt Wachteln, und dann bestraft er sie dafür, dass sie sie essen). Die Metapher vom Überbringer einer schlechten Nachricht, der dann für sie bestraft wird, stammt zwar von den alten Griechen, könnte aber genauso gut aus dem AT stammen. Dort werden die 12 Kundschafter, die auf Jahwes Geheiß für die Israeliten das zu erobernde Land auskundschaften sollen, dafür bestraft, dass sie bei ihrer Rückkehr von einer Eroberung abraten, weil der Gegner zu stark sei. Es ist ein ungerechter, grausamer, menschenverachtender Gott. Woher kommt nur die Idee, ohne die Bibel und ihr Konzept von der Nächstenliebe hätten wir keine Ahnung davon, was das eigentlich sei? Das würde bedeuten, dass alle Nichtchristen ihre Nächsten immer verachten müssten. Interessant ist hier das Wort ‘Nächster’. Na ja, den Nächsten zu lieben ist auch nicht so schwer. Das ist ein Verwandter, ein Freund, vielleicht der Nachbar (Alle Türken gehören umgebracht, aber der türkische Nachbar ist ganz in Ordnung.) Warum nicht Fremdenliebe? Da wird es schon viel schwieriger, denn Christen lieben alles ihnen Fremde nicht.

Was wird nun im AT am ausführlichsten beschrieben? Das ist in der Regel auch das Wichtigste. Kein Text erzählt ausführliche Details in endlosen Wiederholungen mit nur winzigsten Abweichungen, wenn es nicht eine besondere Rolle einnehmen würde. Es sind die Speiseopfer. Für Jahwe. Aber seien wir mal ehrlich, wer hat sie in Wirklichkeit bekommen? Die Priester. Es gab unglaublich viele Arten von Opfern: Speiseopfer, Brandopfer, Heilsopfer, Mahlopfer, Hebeopfer, Schwenkopfer, Sündopfer, Schuldopfer. Am Ende waren sie alle das Gleiche: eine Art des ‘Geldverdienens’ für die Priester. Geht es vielleicht darum in der Bibel? Um die Rechtfertigung des Einkommens der Priesterschaft? Interessanterweise kommt heutzutage das 3.Buch Mose, der Levitikus, in Predigten selten vor. Weil er unwichtig ist? Oder weil es den heutigen Priestern vielleicht etwas unangenehm ist, wie ihre Vorfahren nur dadurch leben konnten, indem sie andere Menschen quälten? Denn nichts anderes sind die Opfer. Für die Priester Einnahmen, für die Menschen dagegen ungerechte und ungerechtfertigte Qualen.

Ich bin auf ein höheres evangelisches Töchterinstitut gegangen. Wir bekamen nur das Neue Testament für die Lektüre. Leuchtete schon damals unseren Religionslehrern ein, dass also die Hälfte der Bibel unhaltbar ist?

Warum meldet sich mein Vater plötzlich, nachdem er sich nie um mich gekümmert hatte, nach vielen Jahrzehnten? Das letzte Mal, als er sich gemeldet hatte, wollte er von mir 2000 D-Mark, die ich mir über das Bafög-Amt von ihm geholt hatte. Vielleicht möchte er wieder etwas von seiner Tochter zurück? Oder vielleicht doch nicht? Er ist schon ziemlich alt jetzt. Vielleicht geht es ihm nicht mehr so gut. Vielleicht liegt er im Sterben – und meint, er müsse sich kurz vor seinem Tod noch mit mir aussöhnen. Ein schönes Filmmotiv. Ich habe es noch nie verstanden. Reste von Religiösität? Was soll das? Sich das ganze Leben lang wie ein A. benehmen und dann mit dem bevorstehenden Tod eine Versöhnung erpressen? Tut mir leid, sterben müssen wir alle. Das beeindruckt mich nicht. Und bitte warum? Im Leben kann man alles tun, und zum Schluss kommen einem dann doch die Zweifel, dass es vielleicht nicht ganz so richtig war? Zu spät. Ich hätte wirklich gerne einen Vater gehabt. Einen, der sich kümmert. Einen, der mich auf den Weg des Lebens gebracht hätte. Einen, von dem ich etwas hätte lernen können. Einer, der da gewesen wäre, wenn ich ihn gebraucht hätte. Er war nie da. Als mein Sohn auf die Welt kam, dachte ich, ich müsse ihm einen Großvater bieten. Was nicht geht, geht nicht. Danach hat er sich nie wieder gemeldet. Und dann auf LinkedIn. Die eigene Tochter auf LinkedIn kontaktieren? Haben wir eine geschäftliche Beziehung zueinander? Warum soll der Tod mehr wert sein als das Leben? Das ist religiöse Perversion.

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