Die neue Verlogenheit

Natürlich hat sich die Menschheit schon immer viel vorgemacht. In den letzten Jahren im letzten Jahrtausend wurde verzweifelt versucht den Schein einer heilen Welt aufrechtzuerhalten. Nun scheint dies schwierig zu werden. Selbst der letzte Verweigerer sieht, was wir der Natur angetan haben, weil sie es uns unübersehbar zurückzahlt.

Trotzdem tun wir so, als würde das immer weitere Fortschreiten der Menschheit alle retten. Ein Symbol dafür sind E-Bikes und E-Roller. Leute sitzen bei 25km/h Gegenwind auf ihren Bikes, als säßen sie auf ihrem Sofa, ohne jegliche Anstrengung und am Ende erzählen sie stolz, wie viel Sport sie getrieben haben. Vertreter von E-Rollern behaupteten, die Menschen würden in Massen vom Auto umsteigen. Stattdessen gehen sie nun überhaupt nicht mehr zu Fuß. Wir belügen uns selbst. Es wird das Ende des 9 Euro-Tickets beklagt, auch wenn es gar nicht genutzt wurde. Hauptsache, wir haben mal wieder in schöner Verachtung auf die unsinnige Politik geschimpft. Dass es selbst ohne Sinn und Verstand ist, macht nichts. Wir finden tausend Ausreden, warum diese kleinen Veränderungen, die doch etwas bewegen könnten, nicht gehen. Auf der anderen Seite wollen wir alle immer gut drauf sein, es herrscht das Schlechte-Laune-Verbot. Das passt doch nicht zusammen. Immer gut gelaunte Dauermeckerer? Dass die alten guten Fahrräder nun als Bio-Bikes bezeichnet werden, macht die Sache nur schlimmer. Das ist absurd. Es sind einfach ganz normale Fahrräder. Aber was ist schon Normalität in so einer verrückten Zeit?

Dann die neue Art des Reisens: mit dem WoMo auf Neudeutsch, die verlogenste Art des Verreisens. Diese Menschen reisen zwar irgendwie, oder zumindest haben sie wahrscheinlich den Eindruck, aber sie tun es eigentlich nicht wirklich. Sie fahren zwar viele ungezählte Kilometer, aber im Grunde bleiben sie immer zu Hause. Es ist die Art des Reisens mit dem geringstmöglichen Kontakt mit Land und Leuten. Eigentlich brauchen sie keinen Kontakt. Sie bringen ihre Unterbringungsmöglichkeit mit, d.h. Hotel o.ä. fällt weg, sie kochen selbst, Restaurant fällt weg. Auf dem Campingplatz hat man vielleicht Kontakt mit anderen WoMoern, aber sicher nicht mit Einheimischen. Man braucht keine öffentlichen Verkehrsmittel. Man ist komplett abgesichert gegen jede Möglichkeit eines Kontakts mit Einheimischen. Und das ist ein Trend. Diese Dinger werden immer größer, so dass ich manchmal den Eindruck habe, da seien ganze Häuser unterwegs. Das Grauen an Reise. Wie fahre ich weg und bleibe trotzdem zu Hause? Ich habe ja alles dabei wie zu Hause, vielleicht nur ein kleines bisschen ungemütlicher. Wie lasse ich mich möglichst wenig auf das Fremde ein? Denn darum geht es vermutlich: den Kontakt mit dem Fremden zu vermeiden, der bedrohlich sein könnte, sonst macht es keinen Sinn, sich so einzuigeln in dieses schützende Gefährt. Sagt uns dieser Trend etwas über unseren Zeitgeist? Sehr viel. Wir müssen uns in Acht nehmen vor verschiedenen Formen der Abkapselung, der Besinnung aufs Eigene. Da sind wir schnell beim Nationalen. Dieser Trend ist eine Form davon. Da fahren lauter kleine Inselchen durch fremdes Terrain.