Teil 1
„Sehr geehrte Damen und Herren, hier spricht der Kapitän, in wenigen Minuten erreichen wir den Flughafen von Beijing. Im Moment betragen die Außentemperaturen 33 Grad, die Luftfeuchtigkeit 85 %. Für den späten Nachmittag sind Schauer angesagt. Die Crew und ich wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“
Mein Flugzeug kommt fast eine Stunde zu früh an. Ich bin in unglaublich kurzer Zeit durch die Einreiseformalitäten und laufe zu dieser frühen Morgenstunde durch den fast leeren Pekinger Flughafen, dem fünftgrößten Gebäude der Welt – Chinesen lieben Superlative, zumal wenn es um China geht, aber hier haben sie es noch nicht ganz geschafft, denn in der Regel geben sie sich nicht mit anderen Plätzen als dem ersten zufrieden. Es ist eine einzige große Halle, in einer undurchschaubaren Weise geschwungen, aber sie wirkt dennoch offen, versteckt sich nicht, gibt ihre Struktur preis, ohne bombastisch zu erscheinen, eine klare, einfache Schönheit.
Da ich nur vage Informationen habe, frage ich mich, wer mich wohl abholen wird und ob ich ihn oder sie erkennen werde, aber natürlich gehe ich davon aus, dass ich auf irgendeine Weise in Empfang genommen werde.
Mein Gepäck habe ich auch in erstaunlich kurzer Zeit, und schon befinde ich mich am Ausgang, an dem derartig viele Leute mit Namensschildern stehen, dass es fast unmöglich erscheint, meinen darunter zu entdecken. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass mich nicht ebenso ein Schild erwartet. In der Tat ist auch keins da, aber auch kein anderes Zeichen von irgendjemandem, der danach aussieht, als ob er die Absicht hätte mich abzuholen. Ich habe die Adresse meiner zukünftigen Wohnung, aber ich habe keine Schlüssel und keine Ahnung, wie ich dorthin kommen soll. Taxifahrer in Peking kennen nicht alle Adressen, vor allem nicht die von neuen Wohngebieten. Ich entscheide mich zu warten, auch wenn weiter nichts passiert. Ich schreibe zwei SMS, an einen Kollegen, der sich – wie sich später herausstellen wird – überhaupt nicht in Peking aufhält, sondern irgendwo in Mexiko. Die Welt ist eben klein – eine kleine Namensverwechslung.
Als ich gerade anfange zu überlegen, ob ich nun verzweifelt sein soll oder nicht, kommen zwei Männer auf mich zugestürzt. Der eine gibt sich als mein deutscher Kollege zu erkennen, der andere, ein Chinese, verschwindet mit meinen Koffern.
„Wenn es Probleme gibt, etwas fehlt oder nicht in Ordnung ist, wird sich Herr Zhang darum kümmern.“ Ich hatte Herrn Zhang für den Fahrer gehalten, einen Manager hatte ich mir anders vorgestellt. Wir gehen sofort in ein Restaurant und essen Peking-Ente, eine Begrüßungszeremonie für alle neu angekommenen Lehrer.
Nun bin ich in diesem Land, das mich immer mehr anzieht, oft überrascht, entweder weil es so vollkommen anders ist als all das, was ich bisher kannte, oder weil es mir so vertraut vorkommt, und das mich manchmal auch abschreckt.
Nach dem Essen bringen sie mich in meine neue Wohnung, und auf den ersten Blick ist alles so, wie eine normale Wohnung eben ist. Dann entdecke ich, was alles nicht funktioniert, die vielen chinesischen Lösungen. Um zu waschen, muss ich jedes Mal mein Bad halb umbauen – hier scheint das niemanden zu stören. Sollte mich vielleicht auch nicht, einfach froh darüber sein, eine Waschmaschine zu haben. Die Wohnung ist neu, aber unglaublich schmutzig. Von den Nachbarn erfahre ich, dass vor mir schon jemand hier gewohnt hat. Illegal? Ich mache einen ordentlich deutschen Frühjahrsputz, obwohl es Sommer und das Wetter nicht danach ist. Es ist heiß und sehr schwül. Glücklicherweise habe ich eine Klimaanlage, die sehr gut funktioniert, und die ich ab und zu ausschalten muss, damit meine Wohnung nicht zum Kühlschrank wird.
Die chinesische Sprache. Ich weiß nicht, was mir mehr Angst macht, die vielen Schriftzeichen oder dieses ständige Wiederholen gleicher Klänge, die auch nach langer Zeit schwer fassbar bleiben. Die Zusammensetzung der Zeichen, die dann meistens unserer Vorstellung des Konzepts vom Wort entsprechen, übt eine große Anziehung auf mich aus. Ich mag das Wort zixingche, ein Fahrrad ist ein sich selbst bewegendes Gefährt. Ungefähr ist etwas, das sowohl links als auch rechts, oben oder unten, vorne oder hinter sein kann. Es scheint, als ob sich jemand hingesetzt und ein Spiel gespielt hätte, in dem es darum ging, möglichst schöne Umschreibungen für einen Begriff zu finden. Mit den Schriftzeichen ist es ähnlich. Ein Bild ist ein Feld, das jemand eingerahmt hat, um es sozusagen gegen die Besitzansprüche anderer abzugrenzen. Die Chinesen sind Meister der Poesie. Form und Inhalt müssen eine Einheit bilden. Wenn das Gleichgewicht gestört ist, funktioniert es nicht mehr. Im Satz ist es genauso. Wichtig ist, wo ein Glied steht, und in seinem Verhältnis zu den anderen erhält es seine Bedeutung.
Meine Kollegen scheinen eine andere Art der Annäherung an dieses Land zu praktizieren. Sie haben mehr Interesse daran, jegliche Sorte von Supermarkt ausfindig als sich irgendwie mit der Kultur, der Stadt oder den Menschen vertraut zu machen. Jeden Tag rennen sie zu einem anderen. Unser persischer Kollege hat sogar schon eine Verabredung mit einer Chinesin, die ihm einen Supermarkt zeigen will. Merkwürdige Art sich zu verabreden. Na ja.
Wenn ich mit meinen Kollegen auf der Jagd nach Supermärkten bin, bin ich so sehr mit ihnen beschäftigt, dass ich gar nicht merke, wo ich eigentlich bin. Sie vielleicht auch nicht. An allem haben sie etwas auszusetzen, so richtig typisch deutsch, dabei ist kein einziger von ihnen deutscher Herkunft. Ist es das, was wir den Einwanderern vermitteln konnten, deutsche Kultur bedeutet herummäckern?
Am Ende unserer erfolglosen Supermarktjagd, erfolglos deshalb, weil wir keine europäischen Produkte finden konnten, landen wir in einem von Uiguren betriebenen Restaurant. Und das ist kein Zufall. Uiguren sind chinesische Moslems. Meine zwei moslemischen Kollegen kennen das Restaurant schon. Es scheint das einzige Restaurant in der ganzen Stadt zu sein, das ihnen zusagt. Jeder sucht eben das, was er schon kennt. Das viel schickere Restaurant vom ersten Tag hat ihnen nicht zugesagt, wahrscheinlich war es ihnen zu chinesisch. Hier dagegen ist es schmutzig, der Kellner, eher ein Kind als ein Mann, schaut uns erstaunt an, als wir versuchen, den nassen Tisch abzuwischen. Wahrscheinlich versteht er die Welt nicht mehr. Wir verstehen auch nicht, warum er das nicht an unserer Stelle tut. Ich esse so schlecht wie schon lange nicht mehr und beschließe, keinen Fuß mehr in dieses Lokal zu setzen. Der persische Kollege bezahlt, vielleicht hat er ein schlechtes Gewissen, uns in dieses Restaurant gebracht zu haben. Es ist mir unangenehm.
Am Nachmittag fahre ich allein in die Innenstadt. Peking ist riesig, ich brauche eine halbe Stunde, um zur U-Bahn zu kommen, die Fahrt ins Zentrum ist fast kürzer. Ich gehe in den größten Buchladen Pekings. Es würde mich nicht wundern, wenn er auch der größte der Welt wäre. Zuerst habe ich aber nicht das Gefühl, in einem Buchladen zu sein, eher in einem Supermarkt. Dieser Buchladen ist voll. Auf jedem nur erdenklich freien Platz, in Ecken, mitten auf dem Boden, überall sitzen Leute und lesen. Die Schulbuchabteilung ist die vollste. Die Abteilung mit ausländischer, klassischer Literatur ist leer, dafür die mit chinesischer umso voller. Desinteresse an allem, was nicht mit China zu tun hat. Aber da ist China sicherlich nicht das einzige Land.
Ich kann mich kaum entscheiden, denn ich scheine mich im kapitalistischsten aller Länder zu befinden, wo die Unmenge des Angebotes nicht mehr dem Bedarf entsprechen kann. Es herrscht absolutes Überangebot, zumindest was die Quantität betrifft.
In jedem neuen Land, in das ich komme, muss ich zuerst in Buchläden gehen. Jeder hat wahrscheinlich eigene Maßstäbe, an denen er andere Kulturen misst. Ich kannte mal einen Professor, der sich immer zuerst die Friedhöfe anschauen musste. Für ihn war es wichtig, wie ein Land mit seinen Toten umgeht. Bei mir ist es, ja was eigentlich? Bücher, Bildung oder was? Irgendwann beim Lesen eines Romans über einen Deutschen, der aus unerfindlichen Gründen nach Lissabon fahren muss, entdecke ich beim Autor dieselbe Neigung. Auch er erschließt sich ein fremdes Land durch die Buchläden. Interessanterweise tut er das in Portugal – das erste Land, in dem ich mir die dortigen Buchläden angeschaut habe, ohne wirklich die Sprache zu beherrschen. Dieser Autor beschreibt genau dasselbe; offenbar ist es eine Unart von Literaten. Natürlich müssen wir uns einer anderen Kultur über die Sprache annähern, und wo könnte man das besser?
Danach zu suchen, ob bestimmte Titel fehlen, ist wohl ziemlich müßig. Man muss nicht in eine Diktatur fahren, um festzustellen, dass der literarische Kanon, den man selbst für universal gehalten hatte, eben doch nur den eigenen kulturellen Standard widerspiegelt.
Beijing, die nördliche Hauptstadt. Vier sehr wichtige Schriftzeichen, die vier Himmelsrichtungen, obwohl es im Chinesischen eigentlich fünf sind, das Zentrum zählt mit. Fast alle Orte haben mehrere Teile, die sich an den Himmelsrichtungen orientieren. Die Universität hat einen Ost- und einen Westcampus. Meine Wohnanlage hat vier Ausgänge, nach den vier Himmelsrichtungen benannt. Viele Straßennamen unterscheiden sich nur durch den Anhang Ost, Süd, Nord oder West. Vier scheint eine wichtige Zahl zu sein, allerdings ist es keine Glückszahl. Diese wenigen Töne, und dennoch stellt der Zufall der gleichen Aussprache Verbindungen her, die eigentlich keinen Sinn machen: Der Laut für Vier ist identisch mit dem Laut für Tod, sterben, ergo bringt er Pech und ist zu vermeiden.
Am nächsten Tag beginne ich zu arbeiten. Ein Student holt mich ab und wir fahren gemeinsam zur Universität. Die Fahrt mit dem Bus dauert sehr lange, und die immer gleichen Straßen scheinen kein Ende zu nehmen. Es gibt nur wenige Anhaltspunkte, an denen ich mich orientieren kann. Neu neben alt. Chinesisches neben Westlichem. Ordnung neben Chaos. Und alles direkt nebeneinander. Manchmal, von der U-Bahn oder vom Bus aus kann man durch Mauern oder Zäune noch alte Wohngebiete sehen. Sie scheinen versteckt zu sein, man scheint sich ihrer zu schämen. Sie werden nicht vorgezeigt wie die protzigen Tower, die überall aufragen und meistens englische Namen tragen. Überall herrscht Englisch, aber kaum jemand spricht es. Wer soll das lesen? Touristen verirren sich nicht in diese Gegenden. Eine Art zu lernen? Learning by doing? Die Möglichkeit der Verirrung ist dabei groß. Wenn eine ältere, kleine, füllige Frau eine Jacke mit der Aufschrift ‘For indipendent men’ trägt. Bei dem Versuch, einen Internet-Anschluss zu bekommen, erklärt mein Student das Scheitern durch die zu große Anzahl an Produkten. Das klingt nach Konsumismus pur. Bin ich im falschen Land?
Die Studenten sind jung, aufgeweckt und aufgeschlossen. Sie wiederholen im Chor jedes neue Wort. Überhaupt wird alles nachgebetet, verstehen und sich mit etwas auseinandersetzen scheint keinen zu interessieren. Manchmal skurrile Situationen bei der Wahl westlicher Vornamen. Dass Pinocchio eher kein geeigneter Name für einen jungen Mann ist, stört jenen nicht. Auch nach einer Erklärung der Bedeutung des Namens hält der Student eisern an diesem immerhin westlichen Namen fest. ‚Auto’ ist auch nicht besser. Oder ‚Madagaskar’.
Dann ist da so eine Art Betreuer, Aufpasser oder was auch immer, Herr Zhou, nur habe ich nie herausgefunden, auf wen oder was er aufpassen soll, auf mich, die Studenten, die Situation, darauf, dass alles klappt, ich weiß es nicht. Er versteht kein Wort, kümmert sich um nichts, bekommt gar nichts mit, aber er erscheint regelmäßig in meinem Unterricht, unangekündigt, was für mich eigentlich schon einen kleinen Affront bedeutet, als wolle er wirklich kontrollieren, aber das den Chinesen zu erklären, wäre viel zu kompliziert, weswegen ich schlichtweg darauf verzichte, sie würden es sowieso nicht verstehen, also, er betritt mitten im Unterricht ohne ein Wort den Unterrichtsraum, lässt sich auf einer Couch nieder und wie die meisten Chinesen, die nichts zu tun haben, schläft er nach kurzer Zeit ein. Nach einer guten Weile wacht er auf, erhebt sich und verlässt den Raum, so wie er gekommen ist. Hat er einfach seine Pflicht getan und sie für ein Nickerchen ausgenutzt? Die angenehme Seite dieser Besuche sind kleine Geschenke in Form verschiedenster Obstsorten, offenbar je nach dem, was der Markt gerade hergibt, die allerdings mit der Zeit seltener werden und irgendwann ganz nachlassen. Ich gewöhne mich ziemlich schnell an diese etwas seltsamen Besuche, auf der einen Seite, weil sie mich nicht stören, und auf der anderen Seite, weil das Obst wie ein Trost ist. Meine Kollegen bekommen keine Geschenke, werden vielleicht aber auch nicht heimgesucht. Irgendwann kommt der Verdacht auf, dass dies weniger aus professionellem Anlass geschieht.
Nach dem Unterricht bleibe ich noch an der Universität. Ich habe noch keine Kollegen getroffen und denke, es wäre gut mich vorzustellen. Ich klopfe an die Tür des Institutsleiters.
„Qing jin.“ (Kommen Sie herein!)
Ich trete ein.
„Oh, verzeihen Sie, ich wusste nicht … Sie müssen unsere neue Kollegin sein. Entschuldigen Sie mich, dass ich Sie nicht persönlich abholen konnte, aber ich bin nicht in der Lage dazu. Normalerweise bewege ich mich selten aus diesen vier Wänden heraus.“
Er zeigt auf seine Beine, wobei er akzentfreies Deutsch spricht. Nicht jeder Linguistikprofessor beherrscht die von ihm gelehrte Sprache so perfekt. Er muss sich so bewegt haben, dass ich es zuerst nicht bemerkt hatte. Er ist groß, schlank und hat graue Schläfen, auch wenn er noch nicht so alt sein kann. Jetzt sehe ich, dass er stark hinkt, dass ihm das Gehen Probleme, vielleicht auch Schmerzen bereitet, wodurch er älter wirkt, als er tatsächlich sein dürfte. Ich frage mich, ob diese Behinderung angeboren ist, oder ob er vielleicht einen Unfall hatte. Das muss ein Leben unterschiedlich prägen. Jemand, der nie sehen konnte und vermutlich andere Vorstellungen von den Dingen haben muss als Sehende, und jemand, der in seinem Leben das Augenlicht verloren hat und sich an die Dinge erinnern kann, auch wenn sie mit der Zeit vielleicht schwächer werden. So ähnlich muss es mit dem Gehen sein. Es wird ein Unterschied sein, ob man nie die Erfahrung machen konnte zu rennen, oder man diese Fähigkeit verloren hat. In seinem Fall werde ich das wahrscheinlich nie herausbekommen. Ich habe gerade bei ihm das Gefühl, dass es einen Unterschied macht, dass er vielleicht ein ganz anderer Mensch wäre. Aber am Ende ist das wie bei allen Alternativen. Wenn man den einen Weg geht, sei es, weil man sich dafür entschieden hat, sei es, weil es das Leben so für uns ausgesucht hat, wird man nie erfahren, wie es gewesen wäre, den anderen Weg zu gehen. Und es ist auch vollkommen müßig darüber nachzudenken, da der andere Weg nun für immer verschlossen ist, wie eine Sackgasse. Man kann nur den Weg weiterverfolgen, den man nun einmal eingeschlagen hat.
„Das tut mir leid.“
„Wir wollen aber nicht über mich sprechen. Hatten Sie eine angenehme Reise? Ist hier alles zu Ihrer Zufriedenheit geregelt?“
„Oh ja, es ist alles noch viel besser, als ich erwartet hatte.“
„Ich bin wirklich ein schlechter Gastgeber. Jetzt biete ich Ihnen nicht einmal Tee an. Trinken Sie eine Tasse mit mir?“
„Äh ja, gerne. Kann ich Ihnen helfen?“
„Vielen Dank. Ich bin es gewohnt. Ich bin immer der Letzte, der geht. Am Abend kann ich am besten arbeiten. Nicht, dass es mich wirklich stören würde, wenn dauernd jemand hereinschaut, aber für manche Gedankengänge brauche ich einfach mehr als nur das Intervall zwischen zwei Dingen, die zu erledigen sind.“
„Das verstehe ich. Mir geht es ähnlich. Ich möchte Sie jetzt nicht weiter stören. Ich wollte nur kurz hereinschauen und mich Ihnen vorstellen. Vielen Dank für den vorzüglichen Tee. Auf Wiedersehen.“
„Kommen Sie nur ruhig wieder vorbei. Ich würde mich sehr darüber freuen.“
„Vielen Dank.“
„Auf Wiedersehen.“
Ich schließe die Tür und bin verwirrt. Er war auf befremdliche Weise zuvorkommend gewesen. Obwohl ich ihm aufgrund seiner Behinderung hätte helfen müssen, war er derjenige, der mich fast bediente. Er war dabei ganz er selbst. Einer der wenigen Männer, der nicht seinem Ego frönt, sondern dem es unheimlich gut anstand, so zurückhaltend, aber doch ruhend zu sein. Er strahlte eine hinreißende Ausgeglichenheit aus, kein Machogehabe, kein Sich-nach-vorne-Drängen, kein protziges Hahnengetue, kein Sein-Ego-zur-Schau-stellen, kein Sich-ständig-produzieren-müssen, einfach nur ein Mann, der eine Frau zu schätzen weiß.
Das erste Gespräch mit einem chinesischen Professor hatte ich mir anders vorgestellt. Weiß aber selbst nicht wie.
Am zweiten Tag fahre ich mit der U-Bahn zur Uni. Leider zu einer Zeit, in der ganz Peking unterwegs zu sein scheint. Ich brauche allein zehn Minuten, um nur die U-Bahn-Station zu betreten. Das habe ich noch nie gesehen, was aber auch nichts macht. Mir kommen sofort alle möglichen Situationen in den Sinn, wenn in einer solchen Masse Panik ausbrechen würde. Jeder ist darauf bedacht, nicht in dem Gedränge und Geschiebe zurückgelassen zu werden. In der U-Bahn dann das Gleiche. Es scheint fast unmöglich zu sein noch einzusteigen, aber irgendwie muss man mit. Es formen sich sogar Warteschlangen, die aber ihre Funktion verlieren, sobald eine U-Bahn einfährt. Dann wird nur noch geschoben und gedrückt. Nicht alle schaffen es mitzukommen. Ich stehe in der U-Bahn wie die bekannte Sardine in der Dose und denke, dass ich große Lust hätte, panisch zu werden, es ist so voll, dass man sich nicht mehr bewegen kann. Ich hätte große Lust dazu, ich bekomme Beklemmungsängste. Die Leute nehmen es gelassen. Eine Frau schafft es nicht auszusteigen, weil die einsteigenden Menschen einfach in der Überzahl sind. In den U-Bahn-Stationen ist dann überall Personal, das versucht die Menschenflüsse zu regeln. Das beruhigt mich etwas. Sie passen auf und herrschen jeden an, der drängelt oder sich nach ihren Maßstäben nicht ordentlich benimmt. Als ich endlich an der Uni ankomme, bin ich vollkommen erschöpft. Der Tag hat eigentlich noch gar nicht angefangen.
Ich halte meinen Unterricht ab und arbeite noch an diversen Projekten. Es ist spät, als ich mich auf den Weg mache. Ich komme am Kopierraum vorbei, in dem noch Licht brennt. Als ich gerade an der Tür vorbeikomme, steckt Professor Cheng den Kopf heraus.
„Wie schön Sie zu sehen. Darf ich Sie auf eine Tasse Tee einladen? Ich würde Sie gerne um Ihren Rat fragen.“
„Ich glaube nicht, dass ich Ihnen helfen kann.“
„Ich möchte einen persönlichen Rat, oder wenn Sie so wollen, einen Rat von einer Muttersprachlerin.“
„Mir scheint, dass Sie Deutsch wie eine zweite Muttersprache sprechen.“
„Vielen Dank. Auch wenn es den Eindruck macht, den letzten Zweifel verliert man nie. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen?!“
„Ich denke, ja. Geht es um einen sprachlichen Zweifel?“
Wir gehen gemeinsam den Flur entlang, und wieder bin ich verwirrt. Normalerweise schätzen wir andere im Verhältnis zu uns selbst ein. Jemand ist älter, größer usw. Er ist manchmal größer und manchmal kleiner als ich. Ich habe keinen Bezugspunkt. Ich weiß nicht, wohin ich schauen soll, wenn ich ihm in die Augen sehen will. China ist eine Zuhörenskultur. Man zeigt dem Anderen durch Augenkontakt und Nicken, dass man ihm folgt. Mit ihm ist es sehr schwierig. Durch seine ruckartigen Bewegungen verliere ich ständig den Blickkontakt und weiß nicht, wie ich reagieren soll. Ich glaube, er bemerkt meine Unsicherheit. Als hätte er meine Gedanken gelesen, sagt er:
„Kümmern Sie sich nicht um mich. Gehen Sie ruhig voraus. Sie trinken doch eine Tasse Tee mit mir?“
Er hat schon längst mein Interesse geweckt, ich gehe nicht voraus. Ich bemühe mich auf seiner Höhe zu bleiben und den Blickkontakt irgendwie aufrechtzuerhalten. Als wir bei seiner Zimmertür anlangen, versucht er, mir sehr ungeschickt den Vortritt zu lassen. Dabei gibt es ein kurzes Durcheinander mit Schlüssel, Schlüsselloch, Stock und einer nicht vorhandenen dritten Hand, um mich zum Hineingehen zu bewegen.
In seinem Büro macht er Tee.
„Haben Sie sich schon etwas eingelebt? Brauchen Sie noch etwas? Bitte wenden Sie sich an mich, wenn es Probleme gibt.“
„Vielen Dank, alles ist bestens.“
Es gibt einen Manager, der für alle praktischen Dinge zuständig ist. Ich glaube nicht, dass ich Professor Cheng mit organisatorischen Fragen belästigen möchte, und er macht auch nicht den Eindruck, als hätte er Lust sich darum zu kümmern.
„Zu meiner Frage. Nun ja, ich wollte Sie bitten, mich auf eine Konferenz zu begleiten.“
„Sie kennen mich doch überhaupt nicht. Ich bin gerade erst angekommen. Wie kann ich Ihnen da von Nutzen sein?“
„Es ist eine Konferenz zu Fragen der Übersetzungswissenschaft. Muttersprachler sind immer willkommen. Und außerdem … habe ich das Gefühl, dass wir uns auf einer Ebene befinden. Wissen Sie, Ihre Kollegen sprechen immer so viel über die interkulturellen Schwierigkeiten, und ich habe mich schon immer gefragt, ob die großen Fragen nicht universell und nur die kleinen Details unterschiedlich sind. Das ist genauso wie bei Chomskys Sprachtheorie, die Basis ist für alle Sprachen die gleiche, nur wie sie realisiert, oder mit anderen Worten, ausgeschmückt wird, nur darin unterscheiden sich die Sprachen. Viele Europäer halten das für verrückt und zitieren als erstes Beispiel das Chinesische. Aber warum? Nur, weil wir anders schreiben? Weil es vielleicht schwieriger ist, es zu lernen? Das ist kein hinreichender Grund. Die Ideen der Menschen sind die gleichen. Wissen Sie, ich bewundere Ihre Sprache, die Exaktheit, mit der das Deutsche schwierige, komplexe Sachverhalte ausdrücken kann, und ich habe den Eindruck, Sie mögen das Chinesische.“
„Oh, ich bewundere es. Unsere beiden Kulturen scheinen überhaupt viele Gemeinsamkeiten zu haben, vielleicht mehr als das, was sie trennt.“
„Dann habe ich Sie also richtig eingeschätzt. Ist Ihre Antwort also ja?“
„Sie meinen die Konferenz?“
„Bitte begleiten Sie mich! Ich brauche Ihre Hilfe.“
„Ich würde es nicht wagen, Ihnen einen Korb zu geben.“
„Ich spreche zu Ihnen nicht als Vorgesetzter.“
„Kann denn meinen Unterricht jemand anderes übernehmen?“
„Machen Sie sich keine Sorgen, ich kümmere mich darum.“
„Einverstanden. Ich muss jetzt gehen. Vielen Dank für den Tee.“
„Sie sind jederzeit willkommen.“
„Danke. Gute Nacht.“
„Gute Nacht.“
Wieder diese Zuvorkommenheit. Er erinnerte sich genau daran, wie ich den Tee mochte und welche der angebotenen Kekse mir besonders schmeckten, nein, eigentlich hatte er gar keine anderen. Das ist doch seltsam. Konnte er voraussehen, dass wir wieder zusammen Tee trinken würden? Es ist fast unheimlich, wie er alles vorauszusehen scheint und sich genau an alle Einzelheiten erinnert. Er hätte sogar vergessen die Kekse zu kaufen, die mir nicht zugesagt hatten. Was für eine merkwürdige Weise sich auszudrücken! Ich mache die Tür hinter mir zu und muss erst einmal meine Gedanken ordnen. Ich bin kaum in diesem Land angekommen, habe noch gar nicht richtig mit meiner Arbeit begonnen, und schon nimmt alles eine andere Wendung. Warum will er ausgerechnet mich auf die Konferenz mitnehmen, wo er mich doch gar nicht kennt? Gibt es vielleicht einen anderen Grund? Traut er mir nur deshalb, weil ich neu bin und nicht zu seinen chinesischen Kollegen gehöre? Es gibt einige Ungereimtheiten, die ich hoffentlich bald klären kann.
Ich fahre nach Hause und kann nicht schlafen. Vielleicht hat es etwas mit dieser Einladung zu tun, vielleicht aber auch mit der simplen Tatsache, dass an jeder Ecke in Peking gebaut wird. Auf der anderen Straßenseite meines Wohnblockes ist eine riesige Baustelle, und sie bauen Tag und Nacht, wochentags wie an den Wochenenden. Alles ist im Umbruch. Die alten Straßen nahe der Verbotenen Stadt sind ordentlicher geworden, es gibt neue Geschäfte, Bars und Restaurants und das Pekinger Stadtleben, das sich vor drei Jahren hier noch oftmals auf der Straße abspielte, tritt immer mehr zurück. Niemand kocht mehr auf dem Gehweg, keine Wäsche hängt mehr dort zum Trocknen, der alte Mann, der den ganzen Tag in seinem Stuhl unter einem Schirm saß, ist verschwunden. Hutongs, die alten Wohnviertel, werden restauriert. Nur die öffentlichen Toiletten sind noch die gleichen und riechen immer noch wenig einladend. Wie will China mit dieser Hygieneeinrichtung zu einer Weltmacht werden? Es ist alles schöner, aber auch steriler, nur die Toiletten leider nicht. Und dann dieser unglaubliche Konsumrausch. Der sonntägliche Spaziergang führt ins Einkaufszentrum. Ich frage mich, ob das in Deutschland auch so war in den sogenannten Wirtschaftswunderjahren.
Doch kulturelle Unterschiede: die Studenten und ich. Eines Tages bekomme ich einen Zettel hingeschoben, auf dem steht, sie würden die Lehrerin nicht verstehen. Zunächst verstehe ich nicht, hier gibt es außer mir keine andere Lehrerin. Eben. Ich bin noch nie in der dritten Person angesprochen worden. Gesichtsverlust ist auf jeden Fall zu vermeiden. Ich halte ihnen einen Vortrag über unsere Unterrichtsmethoden. In der Pause werde ich von einem Studenten gefragt, ob er mir eine persönliche Frage stellen dürfe. Ich ahne schon, dass etwas ganz Harmloses kommt. Ob meine Locken denn echt seien? In China sind nämlich gerade Dauerwellen in Mode. Seine Mutter hätte auch eine. Außerdem hätte er gehört, in Deutschland seien die Mütter viel älter. Seine Mutter ist genauso alt wie ich. Er könnte mein Sohn sein. Eigentlich stimmt das ja. Ich könnte wirklich einen Sohn in seinem Alter haben. Theoretisch zumindest. Aber dennoch unvorstellbar. Er ist ein erwachsener Mann.
Warum gesellt sich oft Gleiches zu Gleichem? Paare ähneln sich oft. Hundebesitzer oft ihren Hunden, oder umgekehrt. Aber dass zwei Freunde sich so ähneln. Sie sitzen in meinem Kurs nebeneinander, aber ihr ähnliches Aussehen ist nicht das Schockierende, sondern dass ich mich nicht entscheiden kann, wer von beiden nun mehr einer einstigen Jugendliebe ähnlichsieht. Die chinesische Reinkarnation einer Jugendliebe. Es ist auch deshalb schockierend, weil ich mir recht sicher bin, dass er nicht mehr lebt, und diese beiden sind quicklebendig. So, als seien sie nur zu spät geboren. Oder er zu früh. Oder vielleicht einfach zur falschen Zeit. Oder am falschen Ort. Auch egal. Es ist sowieso nur das Aussehen, sonst ist da nichts an Vergleichbarem. Dennoch starre ich sie manchmal an, wenn ich glaube, dass sie es nicht merken, und versuche zum x-ten Male herauszubekommen, wer ihm nun ähnlicher sieht. Als ob es ein Wettkampf wäre, den einer von beiden zu gewinnen hätte, natürlich ohne es zu wissen, dass sie gerade einen austragen. Ich komme zu keinem Ergebnis. Es scheint, als ob beide für den Vergleich notwendig sind, einer alleine ist nicht genug. Vielleicht wäre das überhaupt nicht passiert, wenn sie nicht nebeneinandersitzen würden.
Die Zeit verändert die Sichtweise. Seit der eine von beiden nicht mehr kommt, hat sich diese Frage wie von selbst erledigt. Entweder weil beide zusammen dafür notwendig waren, oder weil der zweite, seit ich ihn mit der Zeit immer besser kennen lerne, ein eigenes Angesicht bekommt und nicht mehr der halbe Abklatsch eines deutschen Doppelgängers sein muss. Obwohl er nicht der Klassenbeste ist, ist er mein Lieblingsschüler geworden. Zufall? Oder doch die Wiederauferstehung alter Gefühle? Ich denke nicht mehr an die Ähnlichkeit, aber daran, dass ich mich in ihn verlieben würde, wäre ich um einiges jünger. Wenn er mich anschaut, hat er den Hundeblick, den ich sonst bei Männern nicht ertrage. Bei ihm stört es mich nicht, es macht ihn nur attraktiver. Warum ist frau so ungerecht?
Ich klopfe an die Tür von Professor Cheng.
„Guten Abend. Darf ich Sie um eine Tasse Tee bitten?“
„Aber bitte kommen Sie doch herein und setzen Sie sich!“
„Ich möchte Sie aber nicht stören, wenn Sie …“
„Sie stören mich nie. Ich muss gestehen, dass ich schon gehofft hatte, Sie würden noch vorbeischauen. Sie sehen erschöpft aus. Darf ich fragen, woran Sie gerade arbeiten?“
„Ich frage mich schon seit geraumer Zeit, ob es nicht eine Übersetzung geben kann oder vielleicht sogar muss, die gerade ganz genau übersetzt. Ich meine damit nicht schlecht übersetzt, so dass man nichts mehr versteht. Aber heutzutage wird eine sogenannte gute Übersetzung daran gemessen, wie leserlich sie ist, wie leicht sie auch für den Leser in einer anderen Kultur verdaulich ist. Dabei spielt es keine Rolle mehr, ob sie dem Original möglichst nahekommt. Wenn ich einen Roman in einer Übersetzung lese, dann doch, weil ich die Sprache des Originals nicht verstehe. Dennoch möchte ich etwas über diese Kultur erfahren, sonst bräuchte ich das Buch nicht zu lesen. Ich möchte, dass auch in der Übersetzung ihre Eigenheiten bewahrt sind. Ich werde nie den Ausdruck aus dem Türkischen vergessen, Dornen in der Hand von jemandem. Das kann man im Deutschen nicht sagen, trotzdem kann man es verstehen. Ich möchte nicht einen Roman aus einem anderen Land lesen, der in meine Kultur verpflanzt wurde, und der an die Sitten und Gewohnheiten meines Landes angepasst, angeglichen wurde. Das ist Ent-fremdung. Das Fremde wurde ihm entzogen und wurde durch das immer schon Bekannte vereinnahmt.
Diese Situation ist sehr unbefriedigend. Ich denke, es reicht nicht, Aufsätze über Übersetzungsfragen zu schreiben und ab und zu mal etwas selbst zu übersetzen. Ich möchte mehr machen. Etwas Wirkliches. Diese Welt, dieses Land brauchen wirkliche Menschen, nicht Kopfarbeiter wie uns. Entschuldigen Sie, wenn ich Sie miteinschließe.“
„Ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden. Ich hatte nicht erwartet, dass Sie auf so gelungene Weise das ausdrücken, was ich auch empfinde. Vielen Dank!“
“Oh, nein, nein. Ich fühle mich so nutzlos. Wissen Sie, manchmal beneide ich einfache Arbeiter, die am Abend ganz klar sagen können, was Sie gemacht haben. Natürlich ist das eine romantische Vorstellung von uns Elfenturmbewohnern und hat mit der harten Realität der Arbeiter nichts zu tun.“
„Gehen Sie mit sich selbst nicht zu hart ins Gericht. Vielleicht bekommen Sie noch einmal eine Chance, etwas – wie Sie es nennen – Wirkliches zu tun. Seien Sie nicht zu ungeduldig!“
„Ich danke Ihnen für den Tee. Gute Nacht und bis morgen!“
„Ich warte auf Sie.“
Ich schließe die Tür und habe ein angenehmes Gefühl. Wir sprechen die gleiche Sprache. Das passiert heutzutage nicht häufig. Wie viel Zeit verbringt man mit Menschen, mit denen es keine Kommunikation gibt, nur um nicht allein zu sein. Die Italiener sagen: Besser allein als in schlechter Gesellschaft. Seltsamerweise beherzigen gerade sie selbst es nicht, denn sie lieben es gar nicht alleine zu sein. Leider ist es nicht immer möglich schlechte Gesellschaft zu vermeiden. Das schafft unangenehme Situationen. Ein Arbeitsessen mit unsympathischen Kollegen, da bekomme ich sofort Fluchtgedanken. Vielleicht typisch weiblich. Männer würden die Situation eher auskosten und versuchen, ihre Macht auszuspielen, um sich durchzusetzen. Daran liegt mir nichts. Soziales Miteinander ist kein Überlebenskampf wie in der Wildbahn.
Am nächsten Tag holt mich Herr Cheng mit dem Auto ab. Er fährt sehr ruhig, gerät manchmal dennoch in halsbrecherische Situationen. Um beim Linksabbiegen nicht auf den Gegenverkehr warten zu müssen, versuchen die meisten Leute noch schnell rüberzuhuschen. Dann wird es manchmal ziemlich knapp, da die entgegenkommenden Fahrzeuge keinen Meter der Straße zugestehen würden. Ebenso Herr Cheng. Ich bin überrascht über seinen Fahrstil. Aber wahrscheinlich ist es einfach die einzige Art im Pekinger Verkehr nicht auf der Strecke zu bleiben. Die Fahrt dauert eine gute Stunde, wir besprechen ein paar praktische Dinge der Konferenz, dann herrscht Schweigen. Ich versuche mich auf die Atmosphäre einer Konferenz einzustimmen.
Es ist eine sehr große Konferenz. Bombastisch für meine Verhältnisse, aber wahrscheinlich einfach nur chinesisch. Viele Vorträge in unterschiedlichen Räumen, riesengroße Säle, alle klatschen Beifall, es gibt keine kritischen Bemerkungen, höchstens einmal eine Nachfrage. Die meisten Vorträge sind kurz und daher auch nicht sehr ergiebig. Als Professor Cheng an der Reihe ist, steht er auf und geht in seiner langsamen, stockenden Art zum Rednerpult. Der Saal verstummt. Ich weiß nicht, ob es an der Art seines Gehens liegt, dem besonderer Respekt gezollt werden soll, oder ob er hier eine Persönlichkeit darstellt. Sein Vortrag ist länger als der der anderen und viel interessanter. Und er ist anders. Er ist kontrovers, er folgt westlichen Denkmustern, die Widersprüche zulassen. Bei vielen seiner chinesischen Zuhörer stößt er auf Missfallen, manchmal geht ein Raunen durch den Raum. Ob er sich damit Schwierigkeiten einhandelt?
Als er an unseren Tisch zurückkommt, sage ich ihm, wie sehr mich sein Vortrag beeindruckt hat.
„Sagen Sie das nicht zu laut, sonst könnten Sie in Schwierigkeiten geraten.“
„Und was ist mit Ihnen, Sie haben das selbst vor Hunderten von Zeugen gesagt?“
„Ich stecke schon mitten drin.“
„In den Schwierigkeiten?“
„Ich möchte Sie da nicht mit hineinziehen.“
„Warum haben Sie mich dann mitgenommen?“
„Das kann ich Ihnen auch nicht sagen.“
Wir sprechen deutsch, sehr leise, aber jetzt ist er kaum mehr wahrnehmbar – so, als könnten überall Ohren sein, die uns belauschen. Schließlich sind wir auf einer sprachwissenschaftlichen Konferenz.
In diesem Moment kündigt der Tagungsleiter eine Pause an.
„Kommen Sie, begleiten Sie mich nach draußen, wir können vielleicht irgendwo eine Tasse Kaffee auftreiben.“
Ungewöhnliche Ausdrucksweise für einen chinesischen Germanistikprofessor.
„Ich dachte, sie würden nur Tee trinken.“
„Oh, seitdem ich in Deutschland war, habe ich Kaffee zu schätzen gelernt. Aber keinen löslichen. Am liebsten trinke ich einen guten Espresso. Bevor ich einen schlechten trinke, bevorzuge ich Tee. Nicht, dass ich Tee nicht mag. Auf jeden Fall, hier können wir vielleicht einen bekommen. Was halten Sie davon?“
„Einen Kaffee könnte ich jetzt auch gebrauchen.“
„Ich kenne eine kleine Bar hier um die Ecke, wir müssen nur ein paar Minuten gehen. Wenn Sie mit mir mithalten können?“- „Ich werde mich bemühen.“
Wir gehen eine baumbestandene, schattige Straße entlang. Ich versuche mich seinem Rhythmus anzupassen.
Im Café ist nur ein kleiner Tisch in einer Ecke frei. Wir setzen uns und bestellen zwei Espressi. Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich einen Kaffee brauchte oder ob er ihn nicht mir zuliebe gewählt hat. Eine schöne Art einem anderen einen Gefallen zu tun – der andere steht in keiner Schuld. Eine kurze Weile schweigen wir. Nachdem die Kellnerin die Kaffees gebracht hat, bekommt er einen sehr traurigen Gesichtsausdruck. Seine Mundwinkel sind nach unten gerutscht, sein Blick gesenkt – ich kann den Ausdruck seiner Augen daher nicht einschätzen. Aber er wirkt, als wolle er gleich in Tränen ausbrechen. Ich frage ihn, was los sei, und scheine ihn aus seinem Wachtraum zurück in die Wirklichkeit geholt zu haben. Ich erwarte eine traurige Eröffnung.
„Ich hatte gerade über den Unterscheid zwischen ‚warten’ und ‚abwarten’ nachgedacht. Wissen Sie, meine Studenten hatten mich danach gefragt.“
„Ja, sie können manchmal sehr spitzfindig sein – anstatt sich auf die wesentlichen Punkte zu konzentrieren. Je kleiner der Baum, desto mehr interessieren sie sich für ihn. Der Wald erscheint ihnen unwichtig.“
„Da haben Sie allerdings Recht. Sich in Details zu verlieren, lenkt von der Pflicht ab, sich mit dem Ganzen beschäftigen zu müssen, das natürlich viel unübersichtlicher ist.“
Eine weitere kurze Pause entsteht. Ich merke, er ist noch nicht fertig, schließlich hat er den Unterschied noch nicht erklärt.
„Ich glaube, ich habe es in dem Moment meinen Studenten falsch erklärt. Ehrlich gesagt hatte ich vorher noch nie darüber nachgedacht. Es ist mir jetzt wieder eingefallen, wo ich hier mit Ihnen sitze. Sie inspirieren mich.“
Er sagt das ohne einen Anflug von Galanterie, einfach so, als Tatsache, so wie man auch sagen könnte, dass es gerade regnet.
„Warten bedeutet immer auf etwas Konkretes zu warten, wir sagen z.B.: wir warten auf den Bus. D.h. wir wissen, worauf wir warten. Abwarten dagegen bedeutet Unsicherheit, Offenheit, wir wissen nicht, was passieren wird, und im Grunde wissen wir nicht genau, worauf wir warten, die einzige gewisse Tatsache ist die, dass wir warten. Das drückt sich sogar grammatikalisch aus. Warten hat eine Präposition und braucht daher eine Ergänzung. Abwarten hat das nicht. Es ist wie ein Warten ohne ein Objekt des Wartens. Aber wen außer uns Literaten interessieren schon solche Spitzfindigkeiten? Das ist ja unser Problem: unsere Daseinsberechtigung. Tun wir etwas, was die Gesellschaft wirklich braucht? Sie benutzt die Sprache, ohne sich diese Fragen zu stellen – und es funktioniert. Das ist das eigentlich Faszinierende daran.“
„Sind Sie sich sicher, dass es funktioniert? Ich glaube nicht. Ich habe von einem portugiesischen Autor gelesen, der seine Sprache neu erfinden möchte, weil sie ihm so abgenutzt erscheint. Das ist ein interessanter Gedanke.“
„Ja, die Menschen verunstalten sie leider, und sie kann sich nicht zur Wehr setzen, weil sie eben nur durch diese selben Menschen existiert. Ohne die Menschen ist sie nichts.“
„Aber wir sind auch nichts ohne die Sprache. Wir könnten uns nicht ausdrücken und verlören somit alles Menschliche, das, was uns zu Menschen macht.“
„Ich stimme Ihnen zu. Für mich ist dieser Punkt sogar noch wichtiger. Aber den Menschen, die die Sprache benutzen, ist dies egal. Sie verstümmeln, misshandeln und missbrauchen sie, machen aus ihr vielleicht das Gegenteil dessen, was ihr ursprünglicher Sinn war: Kommunikation, Ausdruck von Gedanken, Ideen, Schaffung der Welt, die ohne sie für uns keine Bedeutung hätte. Und sie? Sie ist immer noch da und erweist ihnen jeden Götzendienst, der von ihr verlangt wird. Sie wird niemals die Chance haben, sich dagegen zu wehren geschweige denn sich zu rächen.“
Eine weitere Pause, nicht unangenehm. Eine von diesen Pausen, die entstehen, weil alles gesagt worden ist, was zu sagen war. Man kann dem nur noch zustimmen. Jedes weitere Wort wäre eins zu viel. Es ist ein Augenblick der gegenseitigen Übereinstimmung, und man möchte ihn nachhallen lassen, ihn nicht durch weitere Worte zerstören.
Schließlich ist er es, der das Wort ergreift, und damit den Faden des Gesprächs wiederaufnimmt. Ich hätte nicht gewusst wie und bin froh darüber.
„Bitte nehmen Sie es mir nicht übel. Aber ich muss Ihnen sagen, wie wohl ich mich hier fühle. Wissen Sie, ich gehe nie aus, in eine Bar oder so, ich habe keine Zeit dafür, und erst recht nicht mit einer Frau. Das letzte Mal ist schon ziemlich lange her. Das war noch, bevor … Das letzte Mal war es mit der Frau, die mich heiraten sollte. Aber nach dem Über … äh Unfall wollte sie keinen Krüppel haben, wissen Sie, wir waren nicht wirklich ineinander verliebt, vielleicht glaubten wir das damals, weil wir es glauben sollten. Ich stamme aus einer Politikerfamilie mit langer Familientradition, da heiratet man im Zweifelsfall nicht die Frau, die man liebt, sondern die, deren Herkunft möglichst gut zu der eigenen passt. Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen. Im Westen gibt es eine sehr romantische Vorstellung von Liebe und Hochzeit …“
„… was nicht bedeutet, dass es wirklich funktioniert. Oft zerbrechen die Ehen an den zu hohen Idealen. Wenn alles möglich scheint, liegt es nur noch an den Menschen selbst, ihre Ideale zu verwirklichen. Und diesem Anspruch gerecht zu werden, ist für die meisten kaum realisierbar. Der Druck ist ungemein hoch. Manchmal denke ich, dass pragmatische Lösungen wie die, wo die Familie den Ehepartner aussucht, oder wo es mehr um die Versorgung als um Liebe geht, gar nicht so schlecht sind. Es wird nichts vom einzelnen erwartet. Man kann die Schuld für das Misslingen den äußeren Umständen zuschieben, und man muss sich eben fügen.“
„Aber vielleicht bestehen darin die Herausforderungen unseres Lebens. Nicht die Ziele zu verwirklichen, die uns jemand anders gesetzt hat, sondern die eigenen und das bedeutet, im Zweifelsfall auch daran zu scheitern. Nur so lernen wir. Das ist wahrscheinlich der einzig gangbare Weg. Die kommunistische Partei hat das noch nicht verstanden, dass sie den Massen nicht vorschreiben kann, was sie zu tun haben oder was nicht.“
„Vielleicht haben Sie Recht. Aber vielleicht auch nicht. Was ist, wenn die Massen noch nicht reif und gar nicht in der Lage sind, für sich selbst zu entscheiden. Gerade in China kommen viele fortschrittliche Ideen von oben. Und wenn ich an Deutschland denke, wie viele Leute es gibt, denen ich gern ihr Mitspracherecht entziehen würde, weil ihnen die geistige Reife fehlt. Nicht jedes Volk verdient die Regierung, die es hat. So manch ein Volk hinkt seinen Regierenden hinterher. Demokratie ist nicht die absolute Wunderwaffe, wenn sie nicht auf fruchtbarem Boden eingesetzt werden kann.“
„Was die Politik betrifft, mögen Sie Recht haben, der Westen überschätzt sich selbst, wenn er glaubt, die einzige Form des Zusammenlebens gefunden zu haben. Ich habe aber mehr von privaten Beziehungen gesprochen. Was hat die Beziehung zweier Menschen mit Politik zu tun? Unser Land ist ein Land der Arbeiter und Bauern, und dennoch hätte ich als Kind eines Parteifunktionärs, dem auch eine politische Karriere vorausgesagt worden war, niemals ein Mädchen aus einer einfachen Arbeiter- oder Bauernfamilie heiraten können. Das ist schizophren.“
„Sie haben also nie geheiratet …?“
„Nein, ich habe dieses Mädchen nie wieder getroffen.“
„Das tut mir leid.“
„Nein, das braucht es nicht. Wir wären nicht glücklich miteinander geworden. Und um mit Freud zu sprechen, ich habe dann meine ganze Energie in meine Arbeit gesteckt.“
„… und sind ein sehr berühmter Wissenschaftler geworden. Ich fühle mich priviligiert Sie zu kennen.“
„Manchmal ist es ein Ereignis, das dem Leben eine völlig andere Wendung gibt. Sie haben studiert, haben sich vorbereitet, haben gewartet, haben sich Vorstellungen gemacht. Und dann kommt das Ereignis, und alles ist anders und kann nie mehr so werden, wie es einmal war.“
„War das bei Ihnen so?“
„Vielleicht. Und bei Ihnen?“
„Es gab schon Ereignisse, die meinem Leben eine besondere Richtung gegeben haben, aber es gab nie das große Ereignis, das nun alles umgestürzt hätte. Außerdem war es immer meine Entscheidung. Ich hatte immer die Möglichkeit der Wahl, auch etwas nicht zu tun. Das ist vielleicht das, was mich geprägt hat. Ich habe oft Dinge getan, die andere nicht nachvollziehen konnten, viele mir nahestehende Leute haben meine Entscheidungen respektiert, aber nicht wirklich verstanden. Aber ich hätte mich auch immer anders entscheiden können. Und dass ich nun zum Beispiel hier stehe und mit Ihnen spreche, ist die Summe sehr vieler einzelner Entscheidungen, die mich schwindeln machen, wenn ich daran denke, wie es teils an einem winzigen Faden hängt, wo wir einmal enden.“
„Sie glauben also nicht an Zufälle?“
„Nein, Sie etwa?“
„Nein, wir treffen nur das an, was wir – unbewusst – suchen. Natürlich wissen wir oft nichts davon. Das, was mit uns nichts zu tun hat, auch wenn es auf unserem Weg liegt, berührt uns nicht.“
„Viele meiner Freunde sagen oft: Was dir immer alles passiert! Ich mag dieses Wort nicht. ’Passieren’ trifft im Grunde nicht den Kern. Nichts passiert ohne unser Zutun. Die Leute, denen immer so viel passiert, im Guten wie im Schlechten, sind zugänglich dafür, die anderen haben nur alle Tore verschlossen und brauchen sich auch deshalb gar nicht so sehr darüber zu wundern.“
„Ich habe die letzten zwanzig Jahre dafür gesorgt, dass nichts passiert.“
„Bereuen Sie es?“
„Vielleicht hätte ich die Zeit besser nutzen können. Aber zu erkennen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, die Tore wieder zu öffnen, hängt von so vielen Faktoren ab.“
„Meinen Sie das politisch?“
„Vielleicht, vielleicht auch persönlich.“
„Darf ich fragen, ob Sie die Tore wieder öffnen wollen?“
„Sie sind schon sehr weit offen.“
„Stecken Sie in Schwierigkeiten?“
„Ich kann es Ihnen nicht sagen.“
„Also ja.“
„Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich will niemanden gefährden, nicht Sie und nicht andere Leute. Nicht, dass ich kein Vertrauen zu Ihnen hätte, aber ich kann das nicht.“
„Sie stecken also richtig in der Klemme.“
„Bitte, wenn Sie mir helfen wollen, dann reden wir nicht mehr darüber.“
„Ich habe verstanden. Ich muss jetzt leider gehen.“
„Jetzt sind Sie mir böse.“
„Nein, Ihnen kann man nicht böse sein.“
Er bezahlt und wir verlassen das Café. Es entsteht wieder ein Durcheinander bei dem Versuch, mir die Tür aufzuhalten. Er ist nicht geübt darin. Der große Professor, der in so kleinen Dingen so unbeholfen erscheint.
„Verzeihen Sie, ich bin sehr ungeschickt.“
„Oh, gar nicht.“
Er stolpert über etwas, oder auch über nichts, ich versuche ihn zu stützen. Er schaut mich an, und in diesem Blick ist so viel Hilflosigkeit, dass mir ein Schauer durch den Körper fährt.
„Danke!“
Er scheint noch nicht wirklich an seine Behinderung gewöhnt zu sein. Also muss ihm tatsächlich etwas zugestoßen sein, und es war kein Unfall, er hatte sich zuvor fast verraten. Manchmal sind es Welten, die uns trennen, das nächste Mal scheinen alle Unterschiede auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Aber ich spüre viele Tabus, von den meisten allerdings ahne ich vermutlich noch nicht einmal etwas. Vieles wird nicht zugelassen, ist in dieser vorgeblich sozialistischen Gesellschaft nicht vorgesehen, ist unterdrückt. Der Umgang zwischen Männern und Frauen wirkt sehr entspannt, auf der anderen Seite sind erotische Gefühle nicht zugelassen.
Ich beginne mich auf das Zusammensein mit Professor Cheng zu freuen. Er vermittelt mir Sicherheit. Durch seine absolut natürliche und unaffektierte Art. Er muss sich nicht produzieren, es geht nicht um Macht, um irgendwelche kindischen Spielchen, die viele seiner Artgenossen spielen müssen. Selbstlos, ohne sich offenbar bewusst zurücknehmen zu müssen. So stark, dass er den anderen den Vortritt lassen kann. Dadurch bricht in mir etwas auf, das vorher dalag, verkrampft und verschlossen, dieser Offenheit kann ich mich nicht entziehen. Es gibt nichts voreinander zu verstecken. Jeder darf sein, wie er ist. Wir erfreuen uns am anderen, an seiner Gegenwart, unsere eigene tritt in den Hintergrund. Der andere ist da, das ist genug. Er scheint die Welt mit den gleichen Augen zu betrachten wie ich.
Sicherlich, viele unserer Gefühle sind universell, und dennoch, sind sie nicht zumindest überlagert von dem, was die Gesellschaft uns vorgaukelt? In den 80ern groß geworden, in den Nachwehen einer großen psychologischen Krise sahen wir uns alle gezwungen, uns ständig und überall mit unserer eigenen Psyche auseinanderzusetzen. Ich hatte immer einen Widerwillen dagegen gespürt, aber nicht unbedingt, weil die Sache mir falsch erschien, sondern weil es in bestimmten Kreisen zum guten Ton gehörte. Und es gab eine zweite Pflicht: immer auf seine Gefühle zu hören und ihnen unbedingt zu folgen, ohne Rücksicht auf Verluste. So landeten wir auch in diversen absurden Situationen und in diversen Betten. Derartig sozialisiert stoße ich nun gegenüber diesem Mann auf gewisse Grenzen: Er scheint überhaupt nicht dem Credo zu folgen, seinen Gefühlen freien Lauf lassen zu müssen, sondern hier sind die Gefühle den gesellschaftlichen Notwendigkeiten untergeordnet. Ich spüre seine Lust, die ihm aber selbst kaum bewusst zu sein scheint, wir 80er hätten gesagt, komplett verdrängt, dennoch bin ich mir nicht sicher, ob so, wie wir das hätten verstanden wissen wollen. Hier wird nicht psychologisiert, hier wird offenbar abgewogen, auch bei Gefühlen. Das Ganze muss harmonisch sein, der Einzelne kann nicht einfach seine eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund stellen. Gesellschaftliche Vorstellungen von Ordnung zu zerstören, nur aus irgendwelchen romantischen Gefühlen heraus – undenkbar. Allerdings wird dieses Harmoniebedürfnis in letzter Zeit materiellen Zwängen untergeordnet. Der passende Partner ist nicht mehr der, der sich ins Ganze einfügt, sondern der materiellen Wohlstand bringt. Wir sind beide nicht mehr auf der Suche nach dem Partner fürs Leben, dennoch hält ihn die chinesische Gesellschaft fest im Griff. Das zu verstehen ist für uns Individualisten fast unmöglich, wie es umgekehrt für ihn unverständlich sein muss, was für Freiheiten wir uns herausnehmen. Dieser Mangel an Freiheit, Privatheit, Rückzugsmöglichkeiten – die Vorstellung allein ist genug! Aber hier nehmen es alle als Selbstverständlichkeit hin. Wenn sie dann allerdings erst einmal die Freiheit geschnuppert haben … genauso wie die Einsamkeit, die sie mit sich bringt …
Am nächsten Morgen suche ich ihn mit den Augen, um ihn zu begrüßen. Er erwidert meinen Blick sehr kurz und kühl und wendet sich dann einem anderen Konferenzteilnehmer zu. Gerade habe ich angefangen, viele Gemeinsamkeiten zu entdecken, da versetzt er mir einen Schlag. Den ganzen Tag über gelingt es mir nicht, mit ihm Kontakt aufzunehmen, er geht mir offensichtlich aus dem Weg. Ich kann meine Enttäuschung kaum verbergen und ziehe mich früh in mein Zimmer zurück.
Am Tag darauf kommt er nach dem Frühstück auf mich zu, er hätte etwas mit mir zu besprechen, ob ich in ein paar Minuten in der Halle sein könnte. Ich erwarte die Auflösung seines Verhaltens vom Vortag und mir klopft das Herz. Als ich in die Halle komme, sitzt er schon dort, aber nicht allein, sondern zusammen mit einem Mann mittleren Alters, von dem ich mir nicht sicher bin, ihn schon auf der Konferenz gesehen zu haben. Wohl eher nicht.
Sie sehen fast aus wie ein Kommando, das mich jetzt gleich abführen wird. Zumindest fühle ich mich so. Ich bin mir keines Vergehens bewusst, aber in China ist es schwer einzuschätzen, was in den Augen der Regierung ein Verbrechen ist. Hat er also doch keine Probleme mit der Regierung, sondern ist stattdessen ein Teil von ihr? Ansätze möglicher Erklärungen flitzen mir durch den Kopf. Schließlich sind es nur wenige Augenblicke, bis sie mich entdecken und mir zu verstehen geben, mich zu ihnen zu begeben.
„Guten Morgen, bitte setzen Sie sich!“
„Guten Morgen, danke.“
„Das ist Herr Li. Er möchte Sie um etwas bitten.“
„Ja, Herr Cheng hat mir von Ihnen erzählt, und wie sehr er Ihnen vertraut.“
„Aber er kennt mich doch gar nicht…“
„Das tut nichts zur Sache. Es ist eine heikle Angelegenheit, und Sie könnten uns einen großen Dienst erweisen.“
„Wenn Herr Cheng mich weiterempfiehlt, bin ich gerne bereit zu helfen. Worum geht es denn?“
„Das kann ich Ihnen nicht im Detail erklären. Es ist auch besser, Sie wissen nicht, worum es dabei im Großen geht.“
„Ja, aber …“
„Sie sollen nur jemanden begleiten, das ist alles. Herr Cheng wird Ihnen die Einzelheiten erklären. Sie als Touristin fallen nicht auf. Sie werden auch nicht kontrolliert werden. Wir sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet.“
„Aber ich weiß doch gar nicht, wer Sie sind…“
„Das tut nichts zur Sache. Herr Cheng erklärt Ihnen alles. Ich muss jetzt gehen. Auf Wiedersehen.“
Er erhebt sich, und bevor ich mich fragen kann, ob ich träume, ist er verschwunden. Ich träume nicht. Herr Cheng sitzt mir gegenüber und schaut an mir vorbei aus dem Fenster. Es kann nicht sehr interessant sein. Wenn ich mich richtig entsinne, ist dort nur eine Hauswand.
„Es tut mir leid, dass ich Sie da mithineinziehe, aber es war unsere einzige Chance. Ich wollte das eigentlich verhindern.“
„Sagen Sie mir nur eins: Wer ist dieser Herr Li?“
„Er arbeitet für eine Menschenrechtsorganisation. Ist Ihnen das genug? Damit habe ich schon zu viel gesagt. Sie dürfen mit niemandem darüber reden.“
„Und warum soll ich Ihnen glauben?“
„Ich dachte, Sie vertrauen mir.“
„Das dachte ich auch. Jetzt bin ich mir aber nicht mehr so sicher.“
„Was hat zu Ihrer Meinungsänderung geführt?“
„Ihr Verhalten mir gegenüber.“
„Das tut nichts zur Sache.“
Innerhalb von wenigen Minuten dreimal der gleiche Satz. Nichts an sich herankommen lassen. Keine Gefühle. Nur im Dienst der Sache – aber welcher, bitte schön? Ich versuche es wenigstens:
„Oh, das tut es sehr wohl.“
„Sie müssen zwischen unserem kollegialen Austausch und vielleicht wichtigeren Dingen unterscheiden. Wenn Sie in China überleben wollen, ist das unbedingt notwendig.“
„Ich bin aber nicht hier, um Politik zu betreiben. Ich bin Sprachwissenschaftlerin. Ist das eine Drohung?“
„Ob Sie es wollen oder nicht. Sie sind schon mittendrin. Ein unpolitisches Leben gibt es nicht, ein richtiges Leben im Falschen. Entschuldigen Sie, wenn ich jetzt auch noch Adorno bequeme. Aber leider glauben das viele Leute im Westen. Sie selbst könnten ein ruhiges Leben führen, während sich andere die Hände schmutzig machen.“
„Sie wollen also, dass ich mir die Hände schmutzig mache?“
„Das habe ich so nicht gesagt.“
Ich habe mich also vollkommen in ihm getäuscht. Ich hatte gedacht, es gäbe eine Ebene zwischen uns, die nur für uns war und die nicht zu anderen Zwecken missbraucht werden konnte. Dabei hatte er etwas ganz Anderes im Sinn gehabt. Er wollte nur herausfinden, ob ich für seine Zwecke nutzbar gemacht werden konnte. Hat er bewusst mit meinen Gefühlen gespielt? Hatte er von Anfang an nur dieses eine Ziel vor Augen? Und kann ich mich so sehr in einem Menschen getäuscht haben? Selten ist mein erster Eindruck so falsch gewesen.
„Ich mache es, unter einer Bedingung. Dass Sie mir erklären, worum es sich genau handelt. Ich weiß, dass ich in China bin, und dass hier vieles nicht so ist, wie ich es gewohnt bin. Aber Sie wollen etwas von mir, und nicht ich von Ihnen. Ich kann nicht etwas tun, von dem ich überhaupt nichts weiß. Ich bin nicht Ihre Marionette. Wenn Ihnen das nicht passt, dann platzt Ihr Projekt. Danach können Sie mich des Landes verweisen oder sonst was mit mir machen. Aber Sie werden mich nicht dazu bringen, etwas entgegen meiner Überzeugung zu tun.“
Ich hatte mich unwillkürlich hart ausgedrückt, das war nicht meine Absicht gewesen. Aber es hatte sich so entwickelt. Das Verhältnis zu Herrn Cheng hatte sich in wenigen Augenblicken vollkommen gewandelt. Von einem fast schon intimen Verhalten war es zu einem feindschaftlichen geworden. Und eigentlich wusste ich nicht, wie das geschehen konnte. Er hatte offenbar gemerkt, dass er zu weit gegangen war, denn nun wurde er entgegenkommender.
„Es tut mir leid, wenn wir Ihnen zu nahegetreten sind. Ich sage es ganz offen. Wir brauchen Sie.“
War das der alte oder der neue Herr Cheng? Hatte er zwei Gesichter?
„Ich bin ganz Ohr.“
„Herr Li hat es Ihnen schon gesagt. Wir arbeiten für eine Organisation, die Menschenrechtsfälle verteidigt. Sie haben sicher schon davon gehört, was passiert, wenn ein Hutong abgerissen werden soll. Es gibt Unterlagen, die ins Ausland geschafft werden müssen, weil wir von dort Unterstützung bekommen, ohne die wir nicht arbeiten könnten. Gleichzeitig müssen wir einen Genossen in Sicherheit bringen.“
„Und das wäre also meine Aufgabe?“
„Sie sind absolut unverdächtig.“
„Aber ich bin nicht als Touristin eingereist.“
„Wissenschaftler gelten als zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Auch sehr unverdächtig.“
„Und woher wollen Sie wissen, dass ich nicht alles vermassle?“
„Das weiß ich.“
„Sie scheinen mich besser zu kennen als ich mich selbst.“
„Wer weiß?“
Es scheint wieder etwas von der alten Vertrautheit durch, aber er scheint es auch nicht zulassen zu wollen, hier weiterzugehen. Als ob entgegengesetzte Gefühle in ihm einen Kampf miteinander ausfechten würden.
Die Konferenz ist am darauffolgenden Tag zu Ende. Herrn Cheng sehe ich nicht mehr. Er hat mir nur eine kurze Nachricht zukommen lassen, dass er schon früher habe abreisen müssen. Und auch der angebliche Herr Li taucht nicht mehr auf. Ich weiß nichts Genaues über meinen Auftrag und beschließe abzufahren. Am Nachmittag fahre ich zurück nach Peking.
U-Bahn-Fahren. Werbung in der U-Bahn. Fast harmlos erscheint ja noch die Werbung für Energiesparlampen oder gegen den Verbrauch von Plastiktüten. Der Höhepunkt der absoluten Uninteressiertheit ist erreicht, wenn gezeigt wird, wie man einen Koffer faltenfrei packt, einen teuren Markenkoffer, dessen Etikett gut sichtbar zur Schau gestellt wird. Message: Wer so einen teuren Koffer hat, muss sich auch mit der neuesten Kofferpackmethode auskennen. Ein junger, von vier hübschen Mädchen umringter offenbar attraktiver Mann zeigt seine Künste. Die Mädchen kreischen, klatschen, er ist ein Star – weil er einen Koffer packt.
Interessant wird es dann doch bei einem Comic darüber, wie man die U-Bahn zu benutzen hat. Das erinnert einen daran, dass die Pekinger diese Errungenschaft noch nicht so lange haben wie andere Weltstädte: Erst die Leute aussteigen lassen, bevor man einsteigt, nichts in den U-Bahnhöfen verkaufen, keine Werbung ankleben und auch nicht betteln. Fast komisch mutet die Episode an, nicht mit den Füßen dagegen zu treten, wenn der Geldautomat nicht funktioniert. Die Stadt der Gegensätze. Ich gehe in den Erdtempel-Park. Nach den vielen Menschen in der U-Bahn eine wirkliche Erholung. Nur wenige verirren sich hierher, obwohl er nur wenige Meter von einer der größten Touristeninformationen, dem Lama-Tempel entfernt ist. Ein alter Mann sitzt im Spagat auf einer Bank. Aber was heißt hier alt? Ich würde es ihm gerne nachtun, werde mir aber sofort klar, dass ich es ihm nicht gleichtun kann. Eigentlich bin ich die Alte von uns beiden. Ein junger Mann spielt versteckt zwischen den Bäumen Flöte, nur seine Flötentöne sind zu vernehmen, verführen klar und rein. Ich scheine in einer anderen Welt zu sein. Unter einem Laubendurchgang hat sich ein Chor getroffen und singt mit unerwartet imposanten Stimmen chinesische und kaum erkennbare westliche Lieder. In einem anderen Laubengang wird nach westlicher Musik getanzt. Die Tänzer sind rüstig, die Musiker noch eine Generation älter – ich bewundere, wie ältere Menschen hier ihre Freizeit gestalten – eine Fähigkeit, die den jüngeren vollkommen abhandengekommen zu sein scheint. Dann komme ich an vier Männern vorbei, die auf dem Gras sitzen und spielen. Ich nehme an, eines der traditionellen chinesischen Spiele. Beim näheren Hinsehen entdecke ich, dass sie die chinesische Version von Monopoly spielen. Und das in einem Park, an dessen Eingang eine riesige Mao-Jacke aus Bronze steht.
Feine, kleine Unterschiede. Jungs auf der Straße in Zweier-, Dreier- usw. Gruppen. Oft hat einer den Arm um die Schultern eines anderen gelegt. Mädchengruppen, Zweier-, Dreier etc., manchmal Hand in Hand. Beides für uns gewöhnungsbedürftig. Aber zwei Jungs Hand in Hand löst auch hier sofort Blicke aus, Unverständnis, sie sind zu klar zu erkennen als schwul – zugegebenermaßen auch für mich. Beides ist Körperkontakt. Zwischen einem Jungen und einem Mädchen hat beides die gleiche Bedeutung. Wo aber ist der Unterschied in der gleichgeschlechtlichen Beziehung? Warum dürfen das Mädchen und Jungs nicht? Weil es kulturell so festgelegt ist! Und das nicht erst seit Kurzem. Die chinesische Gesellschaft scheint relativ – die wirtschaftliche Entwicklung natürlich ausgenommen – veränderungsresistent. Weil sie eine viel ältere Kultur ist mit unglaublich vielen vorgefestigten Riten und Bräuchen?!
Eines Abends findet ein Fest statt. Die Vorführungen sind phantastisch. Mich begeistert allein die Energie, mit der alles vorgetragen wird. Früher gab es die model worker, heute inszenieren sich meine Kollegen selbst. Das Lehrerin-Model. Eine Kollegin stolziert über die Bühne und wird von ihren Schülern das Modell genannt. Ist ein Model nicht auch ein Modell? Ich bin nicht vorbereitet. Ich werde auf die Bühne gerufen, bekomme ein Geschenk in die Hand gedrückt, für das ich mich schon bedanken möchte, als mir im letzten Moment zu verstehen gegeben wird, ich solle das Geschenk weiterreichen. Mir wird die Ehre zuteil, das Geschenk zu vergeben. Kurz darauf wiederholt sich die Szene mit meiner Modelkollegin. Sie stolziert über die Bühne, wobei sie alle anwesenden Chinesen um mindestens einen halben Kopf überragt – obwohl sie schon groß ist, hat sie sich offenbar neue Stöckelschuhe zugelegt, nimmt das nächste Geschenk in Empfang und macht artig einen albernen Knicks, bevor auch sie bemerkt, dass es nicht für sie ist. Hysterisches Lachen. Unangenehme Szene. Wir haben die Ehre, aber auch uns selbst nicht ganz unter Kontrolle. Wir sind Marionetten im Spiel der Höflichkeiten, nicht Frau unserer selbst. Wir freuen uns.
Am Montag arbeite ich den ganzen Tag an der Universität und sehe Herrn Cheng nicht. Als ich gerade meine Sachen aufräumen will, klopft es an der Tür.
„Entschuldigen Sie, wenn ich Sie jetzt störe. Aber jetzt ist es plötzlich eilig geworden. Können Sie morgen fahren? Ja, natürlich können Sie morgen fahren. Hier ist Ihr Ticket, die Beschreibung Ihrer Reise, Geld, es ist auf jeden Fall genug und Telefonnummern für den Notfall. Aber nur für den äußersten Notfall. Es wäre besser, wenn Sie nicht anrufen müssen. Um Ihren Unterricht habe ich mich gekümmert, machen Sie sich keine Sorgen. Gute Reise. Gute Nacht!“
Wie er reingekommen ist, ist er auch wieder draußen. Er hat nicht gefragt, hat keine Antwort, nicht meine Reaktion abgewartet. Er war nicht der Herr Cheng, mit dem ich abendliche Gespräche führte, das war Herr Cheng, der mir Befehle erteilt. Nichts von dem fast vertrauten Ton von einst. Kühl, sachlich, vielleicht etwas zu kühl. Was ist in der Zwischenzeit vorgefallen? Nichts? Ist der Ruf der Pflicht stärker als persönliche Gefühle?
Ich schaue mir an, was er mir gegeben hat. Das Geld ist so viel, dass man es niemals in drei, vier Tagen ausgeben kann. Ich soll schon in wenigen Tagen zurück sein. Oder haben sie eingeplant, dass etwas dazwischenkommen könnte, ohne es mir gesagt zu haben? Warum geben sie mir sonst so viel Geld mit?
Ich lasse alles stehen und liegen, um nach Hause zu gehen und alles für die Reise vorzubereiten. Früh am Morgen geht mein Zug. Sie haben einen soft-sleeper gebucht. Das ist wenigstens nicht ganz so unbequem wie ein normaler Sitzplatz, auch wenn ich es vorgezogen hätte zu fliegen. Aber das wollten sie offenbar auf alle Fälle vermeiden. Dass sie mir Unannehmlichkeiten bereiten könnten, kein Wort davon. Chinesen sind zu aufmerksam, als dass sie das nicht wüssten. Wahrscheinlich war es unvermeidlich. Warum also große Worte darüber verlieren? Und wenn es einer großen Sache dient? Das ging bisher in China immer dem Wohl des oder der Einzelnen voraus, auch wenn sie Ausländerin ist.
Als ich zu Hause ankomme, finde ich eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter vor. Herr Cheng entschuldigt sich für die Eile und die Unhöflichkeit, in der alles abgewickelt worden sei. Ich habe ihm nie meine Nummer von Zuhause gegeben. Das beunruhigt mich viel mehr, als mich die doch etwas hingeworfene Entschuldigung beruhigen könnte. Etwas geheim zu halten scheint nicht möglich. Es geht gegen mein Verständnis von Privatheit, ich fühle mich preisgegeben, ich habe keine Kontrolle über mein Leben. Aber genau so muss es vielen Chinesen ergehen, und sie werden genauso wenig gefragt, ich kann im Zweifelsfall wenigstens gehen. Ich denke, sie sind ja nichts Anderes gewöhnt. Aber das ist natürlich Unsinn. Haben sie deswegen weniger Rechte auf ein Privatleben, das nicht für alle zugänglich ist, und empfinden es gar nicht als erstrebenswert?
Ich gehe früh ins Bett, weil ich für den nächsten Tag ausgeruht sein möchte. Selbstverständlich kann ich nicht einschlafen. Ich bin zu nervös. Noch nie in meinem Leben wusste ich so wenig, was mich in den nächsten Tagen erwarten würde. Natürlich ist alles neu, wenn man an einen neuen Ort fährt, den man nicht kennt. Aber man weiß, dass nicht viel passieren kann. Allerhöchstens werden die eigenen Erwartungen enttäuscht. Dieses Mal war es anders. Ein bisschen wie in einem Kriminalroman oder einem Abenteuerfilm, wo man nicht weiß, was im nächsten Augenblick passiert. Ich gebe nicht gerne die Kontrolle über mein Leben aus der Hand. Ich habe immer Probleme damit, wenn ich nur das ausführen muss, was mir andere sagen. Wenn ich dann nicht einmal weiß, was das ist, ist es fast unerträglich. Daher die Schlaflosigkeit. Kurz bevor die Sonne aufgeht, schlafe ich endlich ein, aber dann klingelt auch schon der Wecker, und sofort, als ob ich überhaupt nicht geschlafen hätte, erinnere ich mich daran, was der heutige Tag bringen könnte oder auch nicht. Zunächst muss ich zum Bahnhof und den Zug nehmen, alles Weitere wird man dann sehen.
Zum Bahnhof nehme ich ein Taxi. Bevor ich einsteigen kann, fragt der Taxifahrer mit einem grimmigen Gesicht nach, wohin ich denn wolle. Nicht, weil ich Ausländerin bin, wie ich anfangs vermutet hatte, sondern weil Pekinger Taxifahrer nicht die ganze Stadt kennen und nicht überallhin fahren wollen. Nach kürzester Zeit taut er auf und versucht mit seinem Taxifahrer-Englisch, Konversation zu betreiben. Da alle Taxifahrer wegen der Olympischen Spiele ein paar Brocken Englisch lernen mussten, sind jetzt einige sehr wild darauf, diese auch anzuwenden. Ohne dass ich irgendeinen Grund dafür erkennen könnte, ruft er plötzlich “Oh, my god!” Ob das auch zum Kanon des Taxifahrer-Englischkurses gehört hat, werde ich wahrscheinlich nie erfahren. Hartnäckig weigert er sich, sich auf Chinesisch mit mir zu unterhalten, auch wenn das unsere Unterhaltung auf drei bis vier Floskeln seinerseits beschränkt. Aber das scheint ihn nicht zu stören. Der Bahnhof ist das absolute Chaos. Ich bin nur froh, dass gerade kein chinesisches Frühjahrsfest ist oder eine andere Großveranstaltung, denn dann wäre ganz China auf den Beinen bzw. in den Zügen. Fliegen ist hier immer noch keine Alternative zum Zug, der Zug ist viel billiger, wenn nicht gerade sogenannte ‚huang niu’ – ‚gelbe Ochsen’ – die Preise in astronomische Höhen treiben, indem sie alle Fahrkarten aufkaufen und sie dann für das Doppelte oder Dreifache weiterverkaufen. Ich versuche mich durchzuschlagen und den richtigen Bahnsteig zu finden. Zum Glück musste ich mich um nichts kümmern, alles ist reserviert, und ein Liegeplatz bedeutet, nicht endlose Stunden lang stehen zu müssen. Ich finde das Gleis, den Zug, den Wagon und am Ende auch meinen Platz. Er ist schmal und nicht sehr lang, Chinesen sind eben im Durchschnitt kleiner als Europäer. Aber selbst für sie dürfte es nicht allzu bequem sein. Ich zwänge mich hinein und versuche mich zu entspannen. Liegeplatz bedeutet Liegeplatz, und das bedeutet auch, dass man hier nicht sitzen kann. Also bleibt mir nichts Anderes übrig als mich hinzulegen. Sofort fängt mein Herz an wie wild zu schlagen, denn jetzt kann sich mein Gehirn wieder vollkommen dem widmen, was mir bevorsteht. Was erwartet mich am Ende der Reise? Ich habe nicht die geringste Vorstellung. Ich fühle mich unwohl und denke an Professor Cheng. Habe ich mich so sehr in ihm getäuscht? Waren die ersten Begegnungen alle nur gespielt, alle nur diesem einen Ziel untergeordnet? Aber wollte ich nicht einmal etwas Richtiges machen? Etwas Existenzielles? Nun stecke ich mittendrin und bin nicht zufrieden. Hätte ich mich entschieden es zu tun, wenn ich wirklich eine Wahl gehabt hätte? Hatte ich keine Wahl, mich anders zu entscheiden? Ist das wirklich wahr? Hätte ich nicht auch ablehnen können? Beunruhigende Gedanken, die mir in diesem Moment aber nicht weiterhelfen. Jetzt muss ich mich auf meine Aufgabe konzentrieren, auch ohne gefragt worden zu sein, ob ich dazu bereit wäre. Wusste er, dass ich es ohnehin gemacht hätte? Er hatte keinen Zweifel aufkommen lassen. Kannte er mich vielleicht wirklich besser als ich mich selbst?
Die Fahrt dauert einen halben Tag und die ganze Nacht. Die Nacht verbringe ich halb dösend, halb den unterschiedlichsten Gedanken nachhängend, die vor meinen Augen auftauchen. Am nächsten Morgen fühle ich mich gerädert, keinesfalls frisch und ausgeruht und in der Lage, mich schwierigen Situationen stellen zu können. Ich brauche unbedingt ein Bad.
In der Kleinstadt mit dem mir völlig unbekannten Namen angekommen, die sich als weniger klein herausstellt., als ich angenommen hatte – aber wahrscheinlich sind in China selbst Kleinstädte groß, zumindest für unsere Maßstäbe – nehme ich ein Taxi und fahre zu dem von Herrn Cheng angegebenen Hotel, checke ein und nehme zuerst einmal ein Bad. Kaum bin ich einigermaßen fertig, angezogen und gerade dabei darüber nachzudenken, ob ich mich auf die Suche nach einem Café machen soll, als das Telefon klingelt und mir eine weibliche Stimme in bestem Englisch verkündet, ich würde in einer Viertelstunde abgeholt, um zum Frühstück begleitet zu werden. Sie haben also alles bis ins minuziöseste Detail geplant? Sie wussten sogar, wie lange ich im Bad brauchen würde? Exakte chinesische Planung? Das macht mir noch mehr Angst. Kein Platz für Unvorhergesehenes? Ist das in diesem Fall ein gutes Zeichen? Auf jeden Fall habe ich es offenbar nicht in der Hand, was in den nächsten Tagen – mit mir und sonst wie – geschehen wird, und auch nicht, was ich geschehen mache. Ich bin nur ein Werkzeug in der Hand dieser Leute, die ich nicht einmal kenne. Heiligt der Zweck wirklich immer die Mittel? Nein, natürlich nicht. Und hier? Was ist der Zweck? Trage ich wirklich dazu bei, etwas Richtiges zu tun? Ich hätte mich nicht auf Herrn Cheng einlassen sollen. Ich habe mich bisher immer sehr gut auf meine Menschenkenntnis verlassen, aber dieses Mal? Habe ich mich so sehr in ihm geirrt?
Nach genau fünfzehn Minuten klopft es an meiner Hoteltür. Ich öffne. Eine junge Frau steht vor der Tür.
„Guten Morgen. Ich hoffe, Sie konnten sich etwas erholen!“
Es ist nicht wirklich eine Frage, eher ein Befehl.
„Na ja, um ehrlich zu sein …“
Sie lässt mir keine Zeit, den Satz zu beenden.
„Kommen Sie, wir gehen frühstücken.“
Wir?
„Entschuldigen Sie, aber …“
„Oh, entschuldigen Sie, ich habe mich nicht vorgestellt. Mein Name ist Wang Mei. Ich werde Sie begleiten. Wenn Sie irgendetwas brauchen, wenden Sie sich an mich! Und nehmen Sie bitte Ihre Sachen mit!“
„Aber wer sind Sie?“
„Das sagte ich Ihnen doch bereits. Ich heiße Wang Mei.“
Von ihr werde ich nichts erfahren. Sie scheint trainiert zu sein, trainiert darin, nichts Unnötiges zu sagen. Keine Gefühle, keine persönlichen Äußerungen, nichts, was auf den Menschen in ihr schließen ließe. Nur das, was der Sache dient. Aber was ist hier in diesem Fall die Sache?
Wir nehmen den Fahrstuhl, unten vor dem Hotel wartet ein Wagen auf uns, die übliche chinesische Limousine irgendeiner deutschen Automarke. Wir fahren durch die Stadt, die nicht so groß wie Peking ist, aber für meine Verhältnisse groß genug, um nach kurzer Zeit völlig die Orientierung verloren zu haben. Obwohl Peking so groß ist, ist es einfach sich zu orientieren, weil die Stadt wie ein Reißbrett erscheint, mit seiner quadratischen Anordnung. Hier habe ich den Eindruck, dass wir ständig im Kreis herumfahren. Schließlich beginnt die Straße ländlicher zu werden, wir befinden uns in den Außenbezirken der Stadt, und am Ende verlassen wir die Stadt. Ist das notwendig, um frühstücken zu gehen? Ich frage nicht, da ich weiß, sowieso keine befriedigende Antwort zu bekommen. Ich beschließe mich treiben zu lassen, vielleicht ist das die einzige Möglichkeit, mir in dieser Situation die Entscheidung nicht aus der Hand nehmen zu lassen. Daran festzuhalten zu entscheiden, wenn es nichts zu entscheiden gibt, ist sicher nur ein kläglicher Versuch, die Kontrolle zu behalten, wo es nichts mehr zu kontrollieren gibt. Es ist noch gar nichts passiert, und schon habe ich das Gefühl, nicht mehr Frau über mich zu sein. Dennoch ist es durchaus nicht so, dass der Ausgang dieser Episode feststehen würde.
Schließlich halten wir vor einem im westlichen Stil gebauten Gebäude – ich kann mir nicht helfen, ich finde es kitschig. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass es mir gefiele, würde es am richtigen Ort stehen. Der richtige Ort? Dort, wo es meiner Ansicht nach hingehört, nach Europa, Italien, Griechenland vielleicht. Es hat eine große Treppe und griechisch-römische Säulen. Warum ist es kitschig, nur weil es am falschen Ort steht? Wir Westler haben eine Vorstellung von Originalität, wir meinen ein Anrecht darauf zu haben, geistiges Eigentum, Copyright, Patentrecht, all diese Vorstellungen, die auf eine individualistisch geprägte Gesellschaft verweisen. Die Reaktion der Chinesen darauf erscheint mir wie von jemandem, der sich mit der Problematik beschäftigt, sie sich angelesen hat, aber im Grunde das Problem nicht versteht. Was ist schlecht am Kopieren? Es zeigt doch nur die Hochachtung demjenigen gegenüber, der kopiert wird, denn nicht jeder verdient diese Ehrerweisung. Diese unechten griechischen Säulen in China sind für mich jedenfalls absurd. Beim näheren Hinsehen bemerke ich, dass sie eine sehr billige schlechte Nachahmung sind, das macht die Sache nicht besser. Warum konnten sie hier nicht etwas in chinesischer Tradition bauen? An der Pekinger Architekturuniversität stehen Repliken von Davide, griechischen Marmorköpfen und Statuen, denen ein Arm fehlt – offenbar eine Übung für die Studenten. Wirklich Neues vermisse ich, ein ungewöhnlich geformter Sessel, das ist alles. Spielt also Originalität, die für uns der Maßstab aller Maßstäbe zu sein scheint, hier keine Rolle? Warum aber ein so offensichtliches Symbol europäischer Kultur in dieser so chinesischen Kulturlandschaft?
Schließlich bleibt mir keine Zeit mehr, noch länger darüber nachzudenken, wir sind angekommen, der Wagen hält, ich werde zum Aussteigen aufgefordert. Wang Mei bringt mich in ein Hotel mit angeschlossenem Restaurant, auch hier alles europäisch. Ich bin froh darüber, da ich Hunger habe, aber immer noch mit dem chinesischen Frühstück hadere. Ein guter Kaffee und ein Brötchen könnten zumindest für den Augenblick mein seelisches Gleichgewicht wiederherstellen. Sie begleitet mich an einen Tisch und lässt mich alleine. Ein Keller bringt mir die Speisekarte, es gibt die verschiedensten Kaffeespezialitäten – ich bestelle eine große Schale café au lait, dann zeigt er mir das ausgiebige Frühstücksbuffet. Es ist viel zu üppig, angesichts der Tatsache, dass ich der einzige Gast zu sein scheine. Ich lade mir einen Teller voll mit Köstlichkeiten, setze mich wieder, verschlinge alles ziemlich schnell und möchte mich gerade nach dem Kellner umschauen, um einen weiteren Kaffee zu bestellen, und ihn danach fragen, ob es hier vielleicht eine Zeitung gibt, als ein Mann neben mir auftaucht und sehr höflich fragt, ob er Platz nehmen dürfe. Ich bin also doch nicht der einzige Gast hier. Oder ist es kein Zufall, dass nur wir hier sind? Immerhin ist sein Umgangston nicht so rau wie der seiner Vorgänger. Ich nicke und er nimmt Platz.
„Möchten Sie noch einen Kaffee?“
Er muss mich schon eine Weile beobachtet haben, wie ich versucht habe den Kellner zu rufen, der nun auch prompt erscheint, so als ob er eine innere Stimme gehört hätte.
„Ja, bitte.“
Ich beschließe, dass es keinen Sinn hat, irgendwelche Fragen zu stellen, da ich sowieso keine Antworten bekäme, wenn er nicht antworten will. Wenn er mir etwas zu sagen hat, wird er es auch ohne meine Fragen tun. Mal wieder fühle ich mich nicht Herrin dieser Lage, aber eigentlich ist immer noch nichts passiert. Na ja, ein wildfremder Mann sitzt an meinem Tisch, nicht unattraktiv, im Sitzen ist es schwierig zu entscheiden, ob er größer ist als ich – das ist immer mein erster Schritt chinesische Männer einzuschätzen, auch wenn es letztendlich nichts ist, wodurch ich nützliche Informationen bekommen könnte, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich Männer, die kleiner sind als ich, mir gegenüber anders verhalten, und in China gibt es davon nicht gerade wenige. Wenn ich einen Mann einschüchtern wollte, sollte ich vielleicht einfach sehr hohe Stöckelschuhe anziehen. Also, vermutlich etwas größer, aber nicht sehr viel, ungewöhnliche Art für Chinesen sich zu kleiden, Stil französischer Intellektueller, Jeans, schwarzer Rollkragenpullover, graues Jackett, erinnert mich an einen Typen, den ich in einem Café im Künstlerviertel ‚798’ gesehen habe, der offensichtlich irgendetwas mit Film machte, jedenfalls hatte er eine Menge CDs dabei und sprach mit zwei anderen Leuten offenbar darüber. Dieser Typ schien sich für sehr wichtig zu halten, was ihn sofort unsympathisch machte. Mal sehen, was mein Gegenüber zu bieten hatte. Er machte auf jeden Fall einen sympathischeren Eindruck als sein Vorgänger im ‚798’.
„Trink bitte ganz in Ruhe deinen Kaffee aus, danach möchte ich dich auf einen Spaziergang einladen.“
Das chinesische ‚du’ wird zwar auch Unbekannten gegenüber benutzt, aber eigentlich erst nach einer kurzen Höflichkeitsrunde, in der man gesiezt wird. Dies hier war nicht sehr chinesisch.
War diese zur Schau gestellte Vertrautheit für mich oder für andere Augen bestimmt? Ich wollte so viel wie möglich, wenn auch nicht aus unserem Gespräch, aber wenigstens aus seinem Verhalten herauslesen. Ich musste mich auf meine Fähigkeit verlassen, hinter der gespielten Fassade zu lesen. Männer haben ihre Augen oft nicht im Griff, sie sprechen dann Bände, ohne dass sie sich darüber auch nur im Geringsten klar zu sein scheinen. Auf meine Menschenkenntnis konnte ich mich bisher immer verlassen, aber wie verhielt es sich mit professionell gespielten Szenen? Schauspieler, die ihre echten Gefühle zu verstecken in der Lage waren, ohne dass man bei ihnen auf die Idee gekommen wäre, dass es sich bei ihnen um Schauspieler handeln könnte? Und der kulturelle Unterschied bedeutete eine Wertverschiebung.
„Ich vermute, dass ich keine Möglichkeit habe, mich dem zu widersetzen.“
„Es ist wunderschönes Wetter, weit und breit gibt es hier nur Natur. Viele Leute kommen nur deshalb hierher, um das zu genießen. Warum sollten wir uns das entgehen lassen? Die Chinesen entdecken erst jetzt so richtig das Wandern in der Natur, bis jetzt haben wir immer die kultivierte Natur vorgezogen, Parks, Tempelanlagen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mit einer Deutschen, die außerdem sehr gerne wandert, diese schöne Gegend zu erkunden. – Oh, Entschuldigung, ich habe ganz vergessen mich vorzustellen. Ich heiße Ma Sensen.“
Bin ich zum Wandern hierhergekommen? Ein scheinbar ganz normaler Urlaub? Und woher kennt er meine Hobbys? Oh, dumme Frage, natürlich weiß er viel mehr von mir als ich von ihm – wahrscheinlich ist das für diese Mission auch unerlässlich. Ich frage ihn danach.
„Natürlich konntest du nicht wissen, dass wir wandern würden. Hier ist alles, was du brauchst. Ich werde in der Halle auf dich warten.“
Mit diesen Worten reicht er mir eine Tüte. Das Frühstück ist abrupt beendet. Ich gehe schnell auf mein Zimmer, in das inzwischen für mich eingecheckt worden ist.
Als ich hinunterkomme, sitzt er schon dort, noch genauso angezogen wie vorher. Er scheint sich auch beim Sport nicht von seiner Intellektuellenkluft trennen zu wollen. Als ich ihn fragend, auf seine Schuhe weisend anschaue, sagt er:
„Oh, meine Schuhe sind im Auto. Wir müssen zuerst ein Stück fahren.“
„Damit wir wirklich ganz allein sind? Was bezweckst du damit?“
Wir sind uns nicht vertraut, aber irgendetwas sagt mir, dass es danach aussehen soll.
„Du brauchst keine Angst zu haben. Schließlich bist du diejenige, die mich in der Hand hat.“
Den Eindruck habe ich nun überhaupt nicht, aber das will ich ihm nicht zeigen. Ich weiß leider nicht, ob er weiß, dass ich nichts weiß.
Wir steigen in ein anderes Auto ein, es scheint seins zu sein, auch wenn es nicht viele Hinweise auf Persönliches gibt. Es scheint vor sehr kurzem in der Autowäsche gewesen zu sein, alles ist sehr sauber, kein Schnipsel Papier, kein Dreck, nichts. Nach zehn Minuten Fahrt halten wir auf einem Parkplatz, steigen aus, er wechselt seine Schuhe und nimmt einen kleinen Rucksack mit – offenbar hat er an alles gedacht. Wir biegen in einen kleinen Weg ein, der ganz sachte ansteigt. Er führt zuerst an Obsthainen vorbei, die Gegend ist bekannt für ihre Äpfel und Birnen, dann wird es ein nicht allzu breiter Pfad zwischen Nadelbäumen hindurch. Wir können bequem nebeneinander gehen. Nach einer Weile habe ich das Gefühl, dass wir nicht alleine sind. Ich drehe mich um und sehe in einiger Entfernung zwei Männer.
„Werden wir verfolgt?“
„Das ist unsere Begleitung, damit wir nicht verfolgt werden.“
„Diese Männer passen auf uns auf? Sie sehen nicht danach aus! Das heißt, wir werden verfolgt, damit wir nicht verfolgt werden? Kannst du mir das etwas genauer erklären?“
„Sie sind zu unserem Schutz da. Mehr weiß ich auch nicht.“
„Das ist aber nicht gerade viel, was du weißt.“
„Ihr Deutschen seid schon komisch. Wir sind in einer – sagen wir – nicht gerade angenehmen Lage, und du machst dir Gedanken über unwichtige Dinge.“
„Dann sag du mir bitte, was hier wichtig ist. Und warum bitte nicht angenehm?! Ich weiß nur, dass ich hier bin, um irgendjemandem aus der Patsche zu helfen. Das Absurde ist, das ich nicht einmal weiß wem.“
„Mir.“
„Oh“ – ich habe mir die chinesische Version des ‚Aha’ angewöhnt.
„Könntest du mir das etwas genauer erklären?“
„Du bist Deutsche, und ich bin mit einer Deutschen verheiratet.“
„Deswegen bin ich hier?! Das ist als Grund aber etwas dürftig. Wenn du schon eine deutsche Frau hast, warum brauchst du dann noch mich?“
„Entschuldigung, in manchen Situationen seid ihr Deutschen aber nicht so schnell…. Nur auf dem Papier bin ich mit einer Deutschen verheiratet. Es gibt diese Frau natürlich nicht, das heißt, jetzt gibt es sie doch, du bist es.“
„Wir sind also miteinander verheiratet?“
„Deswegen ist es auch so wichtig, dass wir miteinander vertraut erscheinen. Auch wenn das bei Chinesen vielleicht nicht so auffallend ist wie bei euch Westlern. Aber gerade deshalb haben wir uns für eine Deutsche entschieden, das wirkt überzeugender.“
„Das ist ein bisschen viel verlangt. Ich soll also deine Frau spielen?“
„Nein, nicht spielen, du bist es schon längst, ich meine auf unseren Papieren. Wir haben uns nach einer längeren Trennung wieder getroffen. Du warst in Deutschland und bist gekommen, um mich abzuholen. Wir gehen zusammen nach Deutschland. Ich habe einen Job als Chinesischlektor an einer deutschen Universität angenommen.“
„Und warum das alles?“
„Das kann ich dir nicht sagen. Je weniger du weißt, desto besser für dich.“
„Du meinst, wenn mich jemand danach fragen sollte, dann kann ich nichts sagen, auch wenn sie …“
„Nein, niemand soll in Gefahr gebracht werden. Wir sind schon genug in Gefahr. Ich muss für eine Weile China verlassen. Und dabei sollst du mir helfen. Als meine Frau …“
„Du bist also in Gefahr. Und wir reisen mit gefälschten Papieren?“
„Nein, nur ich. Das vermindert das Risiko entdeckt zu werden. Du bist eine Deutsche, die in China arbeitet, und hast natürlich einen Grund, nach Deutschland zurückzugehen. Ich als dein Mann begleite dich.“
„Das klingt nicht sehr überzeugend…“
„Das muss reichen.“
„Und warum ich?“
„Du warst die einzige, auf die wir gekommen sind.“
„Wer ist ‚wir’?“
„Unsere Organisation.“
„Danke für die Auskunft. Und womit befasst sich eure Organisation?“
„Das kann ich dir nicht sagen.“
Das ging zu weit. Ich tue etwas, von dem ich nicht weiß, wie es ausgeht und ob es richtig ist. Aber nicht zu wissen, für wen und zu welchem Zweck ich das tue, ist zu viel verlangt. Dazu bin ich nicht in der Lage.
„Dann kann ich euch leider nicht helfen. Ich weiß, dass ihr nur ein Werkzeug sucht, aber das kann ich nicht. Ich weiß nicht, wie viel ihr riskiert, wenn ich nicht mitmache. Auf jeden Fall riskieren wir alle, wenn ich nicht Bescheid weiß. Eine deutsche Ehefrau, die nicht weiß, was ihr Ehemann tut, das ist absurd.“
„… Doppelleben … chinesischer Ehemann …“
„Nicht mit mir!“
Er scheint nicht der knallharte Geschäftsmann zu sein, der sich nicht erweichen lässt. Da steckt keine kriminelle Energie dahinter. Dann würde er hier mit mir nicht diskutieren, sondern mich nur mit den reinen Tatsachen konfrontieren. Er steht auf der anderen Seite. Auf welcher? Der Gerechtigkeit?
„Du arbeitest doch für eine Menschenrechtsorganisation?“
„Und du? Für wen arbeitest du?“
„Ich bin Lektorin an einer chinesischen Universität. Das weißt du ganz genau. Nur – unsere Ehe ist einseitig belastet. Du weißt fast alles über mich, ich nichts über dich. Wir sind nicht mehr im Mittelalter.“
„Ich arbeite auch an einer chinesischen Universität, zumindest manchmal. Jura. Ist das genug?“
„Nein, auf welcher Seite stehst du? Arbeitest du für die Regierung? Für die Partei?“
„Wie viel weißt du eigentlich über China? Ihr kommt hierher, schreibt schlaue Artikel über unser Land und wisst nicht, was hier wirklich abgeht. Würde ich dir das alles auseinandersetzten, wenn ich von der Regierung oder der Partei wäre?“
„Es tut mir leid, ich habe dich beleidigt.“
„Nein, das hast du nicht.“
Chinesische Höflichkeit. Selbst dann, wenn man glaubt, die Floskeln hinter sich gelassen zu haben. Zu beleidigen oder beleidigt zu werden – beides um jeden Preis zu vermeidende Tabus. Gesichtsverlust: von sich selbst oder vom anderen. Überhaupt der Gesichtsverlust, diese chinesische Art sozialen Respekt zu zollen, ohne Gefühle zu zeigen, das gesellschaftlich sanktionierte Gefühl, diese standardisierte Konvention, die dazu dient, keine individuellen Vorkommnisse geschehen zu lassen. Selbst da, wo es ans Eingemachte gehen könnte, hat die Gesellschaft – oder die Sprache – vorgesorgt, die Sich-mit-den-eigenen-Gefühlen-auseinandersetzen-zu-müssen-Verhinderungsstrategie, der Staat ist in den hintersten persönlichen Winkel vorgedrungen, es gibt keine Fluchtmöglichkeiten. Dann dieses Wunderwort: bu hao yisi, was so viel heißt wie, ‚wie peinlich, unangenehm’, was der Standardchinese sagt, wenn er etwas falsch gemacht hat. Der Taxifahrer, der das Wort x-mal wiederholt, offenbar sich gegenüber seinem Chef entschuldigt. Eine dieser Floskeln, Totschlagwörter, die ihre Bedeutung komplett verloren haben. Dabei ist gerade die direkte Übersetzung interessant: ‚keine gute Bedeutung’. Das ist im Grunde sehr indirekt eine Entschuldigung, sehr dem ‚hen you yisi’ – ‚interessant’ ähnlich. Beides Mal geht es um Bedeutung, im letzten Fall gibt es sie schlichtweg. Vielleicht ist das sehr bezeichnend für die Art, wie sich das Chinesische ausdrückt: es gibt Bedeutung, aber welche, wird nicht gesagt. Chinesen danach befragt, wie sie etwas finden, kommt oft ein Gemeinplatz: etwas ist interessant, schön, gut. Die Angabe des Grundes ist zirkulär: Etwas ist schön, weil es schön ist. Reiseziele: Holland, weil es dort Blumen gibt – der Student studiert natürlich Agrarwissenschaft. Korea: wegen der Kosmetikprodukte – eine Studentin. Im Urlaub? Die USA: wegen der Filme. Die Schweiz: wegen ihrer Wirtschaft und der Schokolade. Frankreich: weil der Eiffelturm so romantisch ist: Was machen Chinesen im Urlaub? Blumen fotografieren – okay, den Eiffelturm besteigen, okay, die Massen sind sie schließlich gewöhnt bzw. wahrscheinlich fühlen sie sich sogar so wohler. Aber Kosmetik? Die Wirtschaft? Okay, sie beginnen gerade erst zu reisen, und die befragten Studenten sind noch nie im Ausland gewesen. ‚Die Gedanken sind frei’ – dieser andere Gemeinplatz ist in China keiner, die Chinesen haben sich auch diese letzte Bastion schleifen lassen, offenbar freiwillig. Sie haben es sich schon selbst verboten, der Staat, die Partei, wer auch immer braucht gar nichts mehr zu tun, Gehirnwäsche schon in der Krippe.
„Okay, ich bin Anwalt, habe eine große Anwaltskanzlei, in der wir hauptsächlich Wirtschaftsverbrechen aufdecken – in den meisten Fällen im Auftrag der Regierung. In meiner Freizeit, wenn du so willst, beschäftige ich mich mit den dunklen Seiten der chinesischen Gesellschaft: Menschenrechtsverletzungen. Bisher hat die Partei keine Verbindung gesehen zwischen meiner Anwaltskanzlei und dem Menschenrechtsverein, dem ich angehöre. Aber in der letzten Zeit gab es Drohungen. Ich fürchte aufzufliegen. Dann würden viele Leute in Gefahr geraten, ich habe Angst, dem Druck nicht standzuhalten, ich bin kein Held, deshalb muss ich weg und mit mir zusammen müssen ein paar Papiere ins Ausland. Wir haben dort Unterstützer, die uns helfen. Ist das genug?“
„Woher weiß ich, dass das nicht alles erfunden ist?“
„Was ist mit Professor Cheng?“
„Ich kenne ihn kaum. Er hat mich mit dir in Verbindung gebracht, ohne mir wirklich zu sagen, worum es geht. Verstehst du, ich habe keinen Anhaltspunkt.“
„Es tut mir leid, da kann ich dir nicht weiterhelfen. Dir bleibt nur dein eigenes Urteilsvermögen. Das ist das Einzige, worauf wir uns alle am Ende verlassen können und müssen.“
Ich habe das Gefühl, er hat in diesem kurzen Gespräch meine ganzen Schwachstellen an die Oberfläche gespült. Jetzt bin ich in seiner Hand.
„Aber wir können uns irren.“
„Das können wir uns in unserer Arbeit nicht erlauben.“
„Dann bin ich nicht die richtige Person für euch. Ich habe immer Zweifel.“
„Es kommt auf die Zweifel an.“
„Wie meinst du das?“
„Wenn wir nicht an uns zweifeln, kommen wir nicht weiter. Genug ist nie genug. Aber wir dürfen nie an der Sache zweifeln, für die wir kämpfen, sonst geben wir auf.“
„Das ist unmenschlich!“
„Das ist die einzig mögliche Strategie, die ich kenne, um nicht jeden Tag zu verzweifeln und mir eine Pistole an die Schläfe zu setzen.“
„Ich weiß nicht, ob ich das kann.“
„Du sollst nur für ein paar Tage meine Ehefrau sein.“
„Was wirst du machen, wenn du erst in Deutschland bist?“
„Es gibt keine Projekte für das Danach. Alles, was zählt, ist jetzt.“
„Das ist grausam.“
„Das ist das Leben. – Lass uns zurückgehen, wir müssen über uns sprechen, das heißt, ich muss dich über unsere gemeinsame Situation aufklären.“
Für die nächsten Tage bin ich nun also die Frau dieses Mannes. Irgendwie hatte ich es mir anders vorgestellt, als ich sagte, ich wolle noch einmal etwas Wichtiges tun. Aber dieses Problem hatte ich schon immer: zu denken, dass das, was ich gerade mache, nicht wichtig ist, und dass die anderen immer die entscheidenden Dinge in diesem Leben tun. Aber vielleicht scheint dies nur so. Eine Ehefrau zu spielen, schien wie aus einer schlechten Komödie zu stammen, aber vielleicht konnte ich ihm dadurch wirklich helfen.
„Wir gehen auf unser Zimmer, dort sind wir hoffentlich ungestört.“
„Unser Zimmer?“
Ich hatte nicht daran gedacht, dass eine Ehe praktische Konsequenzen nach sich zieht.
„Keine Sorge. Du vergisst, wir sind verheiratet. Natürlich müssen wir in einem Zimmer schlafen, aber wir haben ein Studio, dort gibt es eine Schlafcouch, auf der ich schlafen werde.“
Als Studentin war ich fest davon überzeugt gewesen, dass man mit einem Mann eine rein freundschaftliche Beziehung haben kann, und dass das im Zweifelsfall auch heißt, dass man mit ihm sogar das Bett teilen kann, ohne dass das irgendeine Bedeutung hätte. Viel später traf ich auf der Straße einen alten Freund, der oft bei mir geschlafen hatte, und lud ihn auf einen Kaffee zu mir nach Hause ein. Dort gestand er mir, dass er damals die ganze Zeit in meinem Bett andere Hoffnungen gehegt hatte. Es ist also nicht wahr. War ich naiv und wollte es nicht wahrhaben, dass zwischen einem Mann und einer Frau immer eine sexuelle Komponente mitspielt, auch wenn wir sehr oft so tun, als wüssten wir nichts davon? Sogar mit einer Freundin, die sich auch eine lesbische Beziehung vorstellen konnte, löste es seltsame Gefühle in mir aus, mit ihr zusammen in einem Bett zu liegen, die ich vorher so nicht gekannt hatte.
Ein anderes Mal hatte mich ein Kollege zu sich mit nach Hause genommen, weil es am Abend sehr spät geworden war und ich nicht wusste, wie ich nach Hause kommen sollte. Ich konnte im Zimmer seiner Mitbewohnerin schlafen. Aber allein durch die Vorstellung, dass er im Nebenzimmer schlief, konnte ich kaum ein Auge schließen. Gut, ich hatte den Abend zuvor mit ihm geflirtet, aber das muss nichts heißen. Ich war gerade dabei gewesen, meine Geburtsstadt zu verlassen, um zum Studieren in den Norden zu gehen, in Wirklichkeit aber, um vor einer unglücklichen Liebe davonzulaufen. Damals hätte ich wahrscheinlich für einen Mann meine Pläne, mein ganzes Leben geändert. Ich lag dort im Nebenzimmer und fragte mich die ganze Zeit, wie es ihm erginge, ob er auch mit dem Gedanken spielte, zu mir herüberzukommen. Ich war nahe daran, zu ihm hinüberzugehen, er war attraktiv, intelligent, lustig und schien sehr aufrichtig, politisch sehr aktiv, das gefiel mir damals. Nichts ist passiert. Vielleicht wäre sonst mein Leben anders verlaufen.
Nun war die Situation ganz anders. Selbst wenn ich eine schlaflose Nacht verbringen würde, wäre das Teil meiner Aufgabe. Ich konnte es mir vielleicht nicht erlauben, am nächsten Tag müde zu sein, aber hier ging es nicht um meine Befindlichkeiten.
„Hier ist mein Lebenslauf. Man hat versucht, ihn so gut es geht an deinen wirklichen anzupassen, das heißt, dein offizielles Leben weicht nur in einem Punkt von deinem tatsächlichen ab: als du mich kennen gelernt hast. Ungefähr ein Jahr, bevor du nach Beijing kamst, haben wir uns auf einer Party in Berlin zum ersten Mal gesehen. Ich war dort wegen einer Konferenz. Ein Kollege hat mich eines Abends dorthin mitgenommen, du warst auch eingeladen. Ich habe dich gesehen, und du gefielst mir, du konntest Chinesisch, wir haben uns lange unterhalten. Wir haben uns wiedergesehen, und so sind wir uns nähergekommen. Natürlich musste ich zurück nach China, aber wir waren die ganze Zeit über in Kontakt, und unsere Beziehung ist trotz der Entfernung immer intensiver geworden. Du hast dich dann um eine Stelle als Deutschlektorin beworben – wir hatten ja Glück, dass du einen Beruf hast, der es uns relativ einfach ermöglicht hat zusammenzukommen.
Es interferiert also nicht mit deinem Leben. Nur dass ich irgendwann da war, aber wir hatten immer eine Distanzbeziehung, so dass auch unsere beiden Familien und unsere Freunde den anderen nie kennen lernen konnten. Scheint dir das einleuchtend?“
„Ich glaube nicht, dass ich irgendeinen Einfluss darauf habe. Warum fragst du mich? Ich mag diese Pseudo-Fragen nicht.“
„Du bist sehr hart. Ich möchte nur höflich sein.“
„Du bist es vielleicht, aber nicht deine Organisation.“
„Ich entschuldige mich in ihrem Namen.“
„Und wer bist du in dieser offiziellen Lesart?“
„Ich habe eine neue Identität angenommen. Ich bin Geschäftsmann, verkaufe Sprachkurse im Internet. Das ist unverfänglich und ein neuer Trend in China, der sich gut verkauft. Außerdem mache ich das, weil ich Sprachen studiert habe, so dass sich meine Bewerbung als Lektor rechtfertigen lässt. Hier steht alles über mich. Wenn du alles gelesen hast, vernichten wir diese Papiere, je weniger Beweismaterial, desto besser.
Ich muss noch etwas erledigen. Ich lasse dich jetzt allein, du kannst dich etwas ausruhen, das wirst du sicher brauchen!“
Fürsorge oder eine Drohung?
„Heute Abend gehen wir zusammen essen. Dann erkläre ich dir alles Weitere.“
Und schon ist er aus der Tür. Ich frage mich, ob er im wirklichen Leben eine Frau hat, Familie, Kinder. Was wäre mit ihnen? Wie könnten sie dieses Leben ertragen? Er ist nicht unattraktiv, Männer in seinem Alter in China sind verheiratet, dafür sorgt schon die Familie oder der Staat. Ich würde ihn gerne danach fragen, aber eigentlich ist kein Platz zwischen uns für etwas Privates, auch wenn es privater nicht sein kann. Und was ist überhaupt noch das wirkliche Leben? Wirklicher als so geht es eigentlich nicht mehr.
Ich lege mich hin und versuche mich auszuruhen. Leider bin ich noch zu wenig Chinesin, um überall schlafen zu können, in der U-Bahn, im Bus, auf einer Parkbank, oder wenn es sein muss, auch auf dem nackten Boden, sogar im Stehen. Jetzt wäre ich sehr froh über diese Fähigkeit. Aber trotz meiner Müdigkeit, die sich wie ein Jet-lack anfühlt, komme ich kaum zur Ruhe, zu viele Gedanken halten mich wach, zu viele Unsicherheiten lassen meinen Puls höherschlagen. Ich muss runterkommen von diesem Adrenalinspiegel, einfach sacken lassen, dagegen anzugehen führt zu nichts. Ich finde doch noch ein Buch, das ich aus Gewohnheit eingesteckt haben muss, ohne mich daran erinnern zu können, und vertiefe mich in die Geschichte. Sie handelt von zwei total ungleichen Brüdern, die zwei komplett verschiedene Leben führen. Ich lese fast immer Bücher des Landes, in dem ich mich gerade aufhalte. Das ist eine Art, mich dem Land anzunähern. Auch wenn es, wie viele es sehen würden, doch nur Fiktion ist, nichts Reelles, keine Geschichtsschreibung, bin ich fest davon überzeugt, oft mehr darin über das Leben zu finden als in irgendwelchen Sachbüchern. Das Kuriose an dem Buch ist, dass es das zweite ist mit dem Titel ‚Brüder’. In China scheint das alles kein Problem zu sein. Ich frage mich, ob in Deutschland oder irgendwo sonst noch im Westen zwei Bücher mit dem exakt gleichen Titel erscheinen könnten. Eine Erklärung gibt es allerdings doch: das eine ist auf Englisch geschrieben und das andere auf Chinesisch, so dass der Titel nur eine Übersetzung ist, allerdings mit der gleichen Bedeutung. Hätte der Übersetzer sich nicht etwas ausdenken können? Die Bücher scheinen wie miteinander verwoben, das Erscheinungsdatum ihrer Originalversion unterscheidet sich um ein Jahr, die Geschichte ist fast identisch, auch wenn sie sich unterschiedlich ausprägt. In beiden Fällen ist der eine der Brüder erfolgreich, der andere nicht. Nur am Ende stellt sich heraus, dass der Erfolg nicht immer bedeutet, auch der Glücklichere zu sein. Haben sie voneinander abgeschrieben? Weil Chinesen eben immer alles kopieren? Und der erste? Die Verwirrung ist vielleicht mehr in meinem Kopf. Ich hatte eine Rezension gelesen und wollte mir das Buch kaufen. Da ich mir chinesische Namen nicht gut merken kann, habe ich es sofort gekauft, als ich ein Buch mit genau diesem Titel sah, ohne zu merken, dass es nicht das Buch der Rezension war – die Geschichte war schließlich ähnlich, und Rezensionen sind ja oft so geschrieben, dass man die Geschichte dahinter nicht erkennen kann. Ich erinnere mich nicht mehr an die Rezension, aber den Irrtum habe ich erst bemerkt, als ich zufällig ein weiteres Buch mit demselben Titel fand. Die beiden Bücher scheinen miteinander zu kommunizieren: gleicher Titel, gleiche Rahmengeschichte, fast gleiches Erscheinungsjahr, gleiches Land – und doch ist das eine alles andere als eine Kopie des anderen. Als ich im Internet nachschaue, finde ich noch viele andere Bücher mit dem gleichen Titel. Sprechen Bücher miteinander?
Oder ihre Autoren? Ich glaube, es sind die Bücher, die sprechen. Ich habe mich nie für den Autor dahinter interessiert. Es kann sich um eine sehr interessante Person handeln, aber das Buch existiert unabhängig von ihr. Das Buch hat eine eigene Existenz, sobald es geschrieben ist. Es ist nicht mehr wichtig, warum und wann und wo ein Mensch das Buch geschrieben hat, es ist einfach da und führt jetzt ein Eigenleben, wie ein Kind, das auch nicht sein Leben lang an seine Erzeuger erinnert werden möchte, sondern ein eigenständiges Leben führt. Die unablässige Frage im Deutschunterricht nach der Intention des Autors – irrsinnig lästig! Es hat in mir die Lust auf Literaturwissenschaft getötet. Was soll das? Man kann doch nur in das Buch hineinschauen, und da eigentlich auch nur in die Zeilen – schon zwischen den Zeilen zu lesen, erscheint mir ein fragwürdiges Unterfangen, aber nicht in den Autor. Der Text repräsentiert nur das, was er ist, und natürlich nicht das, was er nicht ist, mehr gibt es nicht. Sollte ich jemals ein Buch schreiben, wollte ich, dass die Leute sich dafür interessieren, und nicht für mich. Ich würde dann hinter dem Buch verschwinden, das auch gar nicht mehr meins wäre, sobald es andere gelesen hätten. Dann wäre es ein Teil der vielen Texte auf dieser Welt. Existieren Texte überhaupt, wenn keiner sie liest? Was ist mit den vielen unveröffentlichten Versuchen in unbekannten Schubladen?
Aber die Leute wollen den Autor, zumindest denken das einige Literaturwissenschaftler und Journalisten. Der Fall der italienischen Schriftstellerin, die unter einem Pseudonym veröffentlicht hat, das ein paar unverbesserliche Idioten unbedingt lüften wollten. Warum? Welche Information hätten wir gewonnen? Einen Namen? Na und? Es ging nur um ihre eigene Befriedigung, ein Geheimnis aufgedeckt zu haben, das aber eigentlich kein Geheimnis ist, weil sie nichts zu verbergen hat, sie möchte einfach nicht ihren Namen öffentlich machen, ihr liegt nichts am Ruhm. Viele Menschen können eine so simple Tatsache nicht akzeptieren, sie wollen sie gleichermaßen zu ihrem Glück zwingen, dabei aber in Wirklichkeit ein bisschen davon abbekommen.
Schließlich muss ich doch eingeschlafen sein. Als ich aufwache, habe ich noch Zeit, mich in Ruhe frisch zu machen. Ich brauche immer eine Weile, bis ich wieder richtig denken kann, und heute Abend möchte ich keinen Fehler machen.
Wie immer bin ich vor der Zeit fertig und weiß mit der verbleibenden Zeit nichts mehr anzufangen. Ich habe schon immer die Leute beneidet, die in den letzten fünf Minuten noch etwas ganz Wichtiges tun müssen, und wenn dann jemand kommt, ganz beschäftigt aussehen. Ich kann das nicht. Ich sehe wahrscheinlich so aus, als hätte ich nur die ganze Zeit auf sie gewartet. Das ist uncool, man zeigt dem Anderen nicht, wie wichtig er ist. Und manchmal hasse ich es auch, immer pünktlich zu sein. Ich verabscheue aber auch die Unpünktlichkeit. Wahrscheinlich lässt in den meisten Ländern dieser Erde eine Frau immer einen Mann warten. Ich weiß nicht, wie ich es anstellen soll, absichtlich spät dran zu sein. Wenn andere auf einen warten müssen, dann doch deshalb, weil etwas Wichtiges dazwischengekommen ist. Bei mir kommt nichts Wichtiges dazwischen.
Ich bin in diesen Gedanken versunken, als es dann endlich an der Tür klopft. Immerhin war es eine Möglichkeit, die Zeit zu vertreiben. Eigentlich hasse ich auch das: die Zeit totschlagen, ich habe nie zu viel Zeit, immer zu wenig. Der einzige Moment, wo ich es dennoch tun muss, ist wenn ich auf jemanden oder etwas warte. Nun habe ich es dieses Mal ganz gut rumgekriegt.
Ich öffne die Tür, stehe vor einem Strauß roter Rosen und – sage nichts. Nach einigen Augenblicken kommt ein Kopf dahinter hervor.
„Darf ich hereinkommen?“
„Oh, es ist ja auch dein Zimmer.“
Er schließt die Tür.
„Schließlich habe ich meine Frau lange nicht gesehen und möchte meine Freude darüber zum Ausdruck bringen, sie endlich wieder in meinen Armen halten zu dürfen.“
Was haben die Rosen mit den Armen zu tun? Die Rosen sind für die Anderen, sozusagen für die Öffentlichkeit, aber was soll das Gefasele von der Umarmung? Findet sie in der Vorstellung der Öffentlichkeit statt? Und welcher überhaupt? Ich sehe niemanden. Gerade als ich beschlossen habe, mit „meinem Mann“ einen schönen Abend zu verbringen – denn das scheint im Moment meine Aufgabe zu sein, klopft es wieder an der Tür. Ich schaue ihn fragend an, er antwortet nur mit einem ziemlich hilflosen Lächeln.
Als ich die Tür öffne, steht die Frau vom Morgen vor der Tür. Ohne mich auch nur im Geringsten zur Kenntnis zu nehmen, stürzt sie herein.
„Du musst heute noch abreisen. Es ist dringend, verstehst du. Für lange Erklärungen ist jetzt keine Zeit. Sie haben Li Wangwang am Flughafen festgenommen, er war auf dem Weg nach Shanghai. Er ist zwar derjenige, der am meisten von uns allen in der Öffentlichkeit steht, aber gerade deswegen schien er auch den größten Schutz zu genießen. Wenn sie ihn verhaftet haben, kann das nur bedeuten, dass etwas im Gange ist, die Regierung ist unter Druck, der Befehl muss von ganz oben gekommen sein. Selbst der deutsche Außenminister hat schon interveniert, aber unsere Regierung tut dies wie immer als Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten ab.
Es weiß zwar niemand von deinem Aufenthaltsort, aber das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme. Die Ausreise mit dem Flugzeug ist jetzt sowieso nicht mehr möglich, du könntest auffliegen. Wir bringen euch noch heute Abend an einen anderen Ort, ich begleite euch. Sobald wir alles organisiert haben, müsst ihr über den Landweg ausreisen.“
„Verstehe. Das ist der Anfang einer Entwicklung, die wir nicht absehen können …“
Obwohl es nicht aus ihren Worten hervorgeht, spüre ich eine Vertrautheit zwischen den beiden, die mich befremdet. Haben sie mehr als nur ein Verhältnis, das nur durch ihr politisches Engagement gerechtfertigt wäre? Oder ist es meine Eifersucht, die ich spüre? Absurd, auf eine Frau, die ich gerade einmal ein paar Augenblicke gesehen habe, und wegen eines Mannes, den ich auch erst seit diesem Tag kenne und mit dem mich eigentlich nichts anderes verbindet, als dass ich seine Frau spiele!
„Darf ich fragen, welche Rolle mir dieses Mal zugedacht wurde?“
Meine Stimme ist feindselig, zumindest kommt es mir selbst so vor. Ich bin mir nicht sicher, ob sie es wahrnehmen, ob es überhaupt wichtig ist.
„Du musst natürlich mit.“
Das ist der erste Satz, den sie an mich richtet.
„Drei verschiedene Hotels an einem Tag, das ist ein bisschen viel, findest du nicht?“
„Wer hat denn gesagt, dass wir euch wieder in ein Hotel bringen?“
„Könnte ich dann bitte erfahren, wohin? Ich bin es nicht gewohnt, herumgeschubst zu werden.“
„Das wissen wir selbst noch nicht genau. Ich glaube, hier musst du dich daran gewöhnen, nicht zu sehr auf deine eigenen persönlichen Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen.“
Ungewöhnlich klare Worte für eine Chinesin. Aber prompt kommt eine Reaktion von Sensen.
„Ich entschuldige mich für Wang Mei. Wir sind es noch nicht so gewohnt, mit Ausländern umzugehen.“
Ich möchte gerne erwidern, dass man keinen Menschen so behandeln sollte, aber ich unterdrücke das Bedürfnis. Es ist nicht der richtige Moment, sich über interkulturelle Unterschiede auseinanderzusetzen.
„Euer romantisches Abendessen müssen wir leider etwas verschieben. Wir fahren gleich los. Packt bitte eure Sachen!“
Wer ist sie eigentlich? So eine Art Aufpasserin? Nur ausführendes Organ oder hat sie auch mitzubestimmen?
Da ich den ganzen Tag nichts gegessen habe, fängt mein Magen an zu knurren. Die Aussicht, nicht zu wissen, wann ich wieder etwas zu essen bekomme, lässt meine Laune kurzfristig in den Keller rutschen. Auch im Angesicht so wichtiger Augenblicke, die vielleicht sogar lebensbedrohlich sein können, hält der Magen nicht still. Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral. Vielleicht sollten sich daran auch die vielen Leute im Westen orientieren, die sich so sehr für die Menschenrechte in China einsetzen. Mir scheint, als hätten sie die Chinesen nie selbst gefragt, was sie eigentlich am dringendsten brauchen. Natürlich gibt es auch Chinesen, die sich dafür einsetzen. Aber wenn man die Mehrheit fragen würde, würden sie wahrscheinlich antworten, zuerst die Bekämpfung der Armut – und es würde vermutlich ein Lob der Partei folgen. Die meisten Proteste sollen in China aufgrund von Wohnproblemen entstehen. Die Leute werden praktisch enteignet, ihre alten Häuser werden ihnen weggenommen, um sie abzureißen. Sie werden zwangsumgesiedelt und bekommen eine sogenannte Entschädigung, die aber weder dem Wert des Grundstücks entspricht – der Investor wird es später für ein Vielfaches weiterverkaufen – noch können sie sich davon eine neue Wohnung leisten, die, weil neu und mit allen modernen Bequemlichkeiten ausgestattet, viel zu teuer ist. Außerdem müssen sie weit wegziehen, in weniger attraktive Wohngebiete, weg aus ihren alten, oft über Jahrzehnte gewachsenen Sozialkontakten.
Während ich diesen Gedanken nachhänge und überlege, dass ich gerne etwas dagegen tun möchte, aber mal wieder nicht weiß was, sind wir schon in Sensens Auto gestiegen. Eine lange Autofahrt zu dritt – statt eines wie auch immer gearteten Abendessens – verspricht nicht gerade das zu werden, was ich mir von diesem Abend erhofft hatte, vor allem nicht mit einem knurrenden Magen.
Am Straßenrand ein Stand nach dem anderen, die alle das gleiche Obst verkaufen. Mit meinem kapitalistisch geprägten Blick frage ich mich sofort, wie das funktionieren soll. Wenn es wenigstens eine große Auswahl gäbe! Das muss noch aus den Zeiten des alten China herrühren, in dem es verschiedene Straßen für verschiedene Produkte gab. In der ganzen Straße wurde das gleiche Produkt verkauft. Wie soll hier Konkurrenz funktionieren? Aber vielleicht ist es ja gerade sehr kundenfreundlich. Man sucht ein bestimmtes Produkt und braucht sich nicht in der ganzen Stadt die Hacken wund zu laufen, sondern geht ganz gezielt in diese eine Straße und hat dort eine große Auswahl.
Wir fahren eine Weile, weil wir erst einmal ein Stück zwischen uns und unseren letzten Aufenthaltsort bringen möchten, und halten dann irgendwo auf dem Land bei einem kleinen Restaurant an. In der Zwischenzeit hat es begonnen zu dämmern, für chinesische Verhältnisse ist es schon ziemlich spät, die Küche hat eigentlich schon geschlossen, wir bekommen gerade noch ein paar Baozi, eine Art gefüllter Teigtaschen. Sie schmecken aufgewärmt. Beim Bezahlen fragt Mei den Besitzer nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Er sieht irritiert aus, vielleicht weil er unser Dreierverhältnis nicht versteht, vielleicht, weil er erwartet hätte, dass der Mann die Sache in die Hand nimmt, vielleicht auch, weil er sich keinen Reim darauf machen kann, was zwei Chinesen mit einer westlichen Frau hier in dieser Gegend verloren haben. Wir sind hier auf dem Land, selbstbewusste Frauen wie Mei wirken hier eher befremdlich. Er murmelt etwas von einem Gasthof ein paar Kilometer entfernt. Wir machen uns auf die Suche danach.
Er ist leicht zu finden, sieht aber nicht sehr einladend aus.
Wir bekommen ein Zimmer mit drei Betten – noch ein Schlag, schließlich war die letzte Nacht auch nicht erquicklich gewesen.
Natürlich gibt es kein Bad im Zimmer, die Toilette auf dem Flur ist abstoßend, sie scheint noch aus dem vorletzten Jahrhundert zu stammen. Sowieso scheinen bei aller Modernität die Toiletten mit der Entwicklung nicht mithalten zu können. Selbst in den modernsten Gebäuden gibt es oftmals Toiletten, die aussehen, als hätte der Innenarchitekt sie extra auf einem Antikmarkt gesucht – einschließlich des damals herrschenden Hygienezustandes. Und hier handelte es sich nicht gerade um ein modernes Hotel. Sensen lässt uns Frauen den Vortritt, damit wir uns frischmachen können, soweit das hier möglich ist.
Danach gehe ich runter, mir ist das alles viel zu eng, mit den beiden in einem Zimmer, ich brauche ein bisschen frische Luft. Auch draußen ist es nicht besonders einladend. Ich setze mich unter eine Laterne vor das Haus. Die Straße führt hier direkt vorbei, aber um diese Zeit ist niemand mehr unterwegs.
Nach einer Weile kommt Sensen heraus.
„Ist alles in Ordnung? Ich habe mir Sorgen gemacht, weil ich dich nicht finden konnte. Darf ich mich setzen oder störe ich?“
Wenn ich jetzt in Deutschland wäre, hätte ich vielleicht gesagt, dass ich ein bisschen allein sein wollte, aber hier ist das unmöglich. In China kann man so direkt niemanden zurückweisen.
„Aber nein, natürlich nicht. Bitte nimm doch Platz!“
„Es tut mir leid. Ich hatte mir diesen Abend auch anders vorgestellt.“
„Du brauchst dich nicht für alles zu entschuldigen. Es ist ja nicht deine Schuld.“
„Na ja, schließlich bist du meinetwegen hier und in so einer Lage.“
„So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“
„Und mir hätte die Idee gefallen, wenigstens für einen Abend Ehemann zu spielen. Auch wenn es meine Eltern nicht sehen können.“
„Was haben deine Eltern damit zu tun?“
„Hast du noch nie etwas davon gehört, wie das ist, wenn man in China im heiratsfäéigen Alter ist, aber eben keinen Partner findet? Deine Eltern machen dir das Leben zur Hölle. Sobald du nach Hause fährst, um sie zu besuchen, hörst du die ganze Zeit nur die gleichen Fragen: ‚Gibt es jemandem in deinem Leben? Wann heiratest du endlich? Wir möchten endlich Großeltern werden!? Wann hast du dich das letzte Mal mit jemandem verabredet? Wir beginnen uns ja schon zu schämen, weil die Nachbarn immer nach dir fragen.“
Dann die lieben Verwandten. Am chinesischen Neujahr ist es besonders schlimm. Das ist, als wenn sie nach einem Jahr wieder einmal ein Resumé ziehen müssten: aha, immer noch kein Partner, nun, die Uhr tickt, wir werden alt, zu unserer Zeit waren wir in diesem Alter alle schon verheiratet, was sollen nur die Verwandten und Freunde und Nachbarn von uns denken? Wir haben einen Sohn, den keine will.“
„Ich dachte immer, das Problem hätten mehr die Frauen, die ‚sheng nü’, die Übriggebliebenen.“
„Ja, die Gesellschaft beschäftigt sich mehr mit den Frauen, weil es wahrscheinlich immer noch gilt, dass eine Frau keinen abbekommen hat, wenn sie keinen Partner findet, der Mann dagegen ist derjenige, der wählt. Dabei ist die Situation eigentlich genau umgekehrt. Viele chinesische Frauen haben entschieden, Single zu bleiben, zumindest wenn sie nicht den Richtigen finden. Und die eigentlichen Übriggebliebenen sind die Männer, weil viele Jahre lang mehr Jungen geboren wurden als Mädchen, denn vor allem auf dem Land wurden weibliche Neugeborene oft umgebracht, weil sie für die Familie nicht von großem Nutzen waren. Nun rächt sich diese Einstellung. Alle diese vermeintlich höherwertigen männlichen Wesen finden kein weibliches Pendant mehr, um sich selbst fortzupflanzen. Dachten die Leute wirklich einmal, es könnte eine Welt ohne Frauen geben?“
„Und was hat das mit uns zu tun?“
„Ich gehöre auch zu den Single-Männern. Und meine Eltern machen mir Druck. Ich habe mir vorgestellt, ich könnte dich mit nach Hause nehmen und dich ihnen vorstellen.“
„Es gibt aber dabei zwei Haken. Erstens bin ich eine Ausländerin, ich weiß nicht, ob sie damit so glücklich wären. Und zweitens ist unsere Ehe ja nur fiktiv.“
„Du hast keine Ahnung, wie viele Leute inzwischen viel Geld dafür ausgeben, um einen angeblichen Partner zu bezahlen, den sie dann am Neujahrsfest ihrer Familie präsentieren können. Nach den Festtagen sehen sie sich dann nie wieder. Oder manchmal übernimmt die Rolle auch ein guter Freund oder eine gute Freundin.“
„Und danach?“
„Natürlich ist das Problem dadurch nicht gelöst. Aber der Druck der Eltern ist so groß, dass viele erst einmal zu kurzfristigen Lösungen greifen.“
„Ich hatte gedacht, du wärst mit Wang Mei liiert.“
„Oh nein, sie ist so kontrolliert und kühl, genau das Richtige für unsere Organisation, sie verliert nie den Kopf und den Überblick. Aber nichts für mich. Ich stehe nicht auf die typischen jungen Mädchen von heute.“
„Was sind denn die typischen jungen Mädchen von heute?“
Ich glaube, ihm entgeht vollkommen mein sarkastischer Unterton. Viele Männer sind auf diesem Ohr ziemlich taub, und viele der chinesischen scheinen ihn nicht einmal wahrzunehmen.
„Na ja, diese Mädchen, die sich nur für den letzten Schrei, den ultimativen Fummel, dein Auto und dein Geld interessieren.“
„Deiner Ansicht nach scheint es ja nur noch solche zu geben.“
„Auf jeden Fall ist es sehr schwierig, die anderen zu treffen. Ich glaube auch, die Chinesinnen sind da sehr extrem. Die Frauen bei euch im Westen haben das vielleicht schon hinter sich, den ganzen Konsumrausch und die Karrierejagd.“
„Deine Einstellung den Chinesinnen gegenüber ist aber auch nicht von schlechten Eltern. Vielleicht siehst du ja die anderen gar nicht mehr, so wie bei den Bäumen und dem Wald, schließlich sind nicht alle Bäume gleich.“
„Oh, wir wollen hier jetzt keine Therapiestunde abhalten.“
„Gott bewahre! – Jetzt bringst du mich sogar soweit, Gott mit ins Spiel zu bringen, obwohl ich absolut unreligiös bin.“
„War nicht meine Absicht!“
„Ich glaube, ich muss ins Bett. Obwohl ich nicht hart gearbeitet habe, bin ich doch sehr müde. Wahrscheinlich die Anspannung.“
„Geh schon voraus, ich vertrete mir noch etwas die Beine.“
Chinesisches Understatement. Um mir nicht das Gefühl zu vermitteln, mir einen Gefallen zu tun, tut er so, als ob er noch draußen bleiben wollte. Auf diese Weise brauche ich mich nicht in seiner Schuld zu fühlen, das ist die Perfektion der Höflichkeit. Wir Westler sind auch höflich, aber der Andere soll das doch bitte schön auch zur Kenntnis nehmen und, wenn möglich, es uns das nächste Mal mit gleicher Münze zurückbezahlen. Wir machen fast nichts umsonst.
Ich gehe also, um mich für die Nacht fertig zu machen. Das Bad ist praktisch unbenutzbar, also beschränke ich mich auf das Notwendigste und schlüpfe in mein auch nicht so einladendes Bett. Ich fühle mich unwohl, hätte mich gerne an eine Schulter gelehnt und ein paar Tränen vergossen, auch ohne einen wirklichen Grund.
Nach einer ganzen Weile kommt Sensen nach und steigt auch in sein Bett. Trotz meiner Müdigkeit kann ich kein Auge zutun. Mir steigen Tränen in die Augen, aber ich weiß nicht, ob aus Müdigkeit oder weil ich mich so verlassen fühle. Ich liege mit zwei anderen Menschen in einem Zimmer und fühle mich schrecklich einsam. Das ist die Einsamkeit, die ich am meisten verabscheue, weil ich sie nicht ausleben kann, ich kann mich ihr nicht hingeben, weil ich ja nicht wirklich allein bin. Ich konnte mich noch nie in Anwesenheit anderer so verhalten, als wäre ich allein, so tun, als wäre niemand da. Manchmal verhalten sich Chinesen in aller Öffentlichkeit sehr ungeniert. Vielleicht muss man das, wenn es keinen privaten Rückzugsraum gibt.
Ich habe das Gefühl, gerade erst eingeschlafen zu sein, als mich jemand rüttelt. Es ist Wang Mei.
„Wir müssen los. Wir haben nicht viel Zeit.“
Draußen dämmert es schon, der Wind pfeift irgendwo um die Ecke, ich fühle mich gerädert und kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie ich es schaffen sollte aufzustehen.
„Schnell, wir müssen gleich aufbrechen. Mit dem Frühstücken müssen wir noch etwas warten, am besten suchen wir uns unterwegs ein kleines Restaurant.“
Sie scheint die Situation im Griff zu haben. Dennoch macht sie sich damit bei mir keine Freundin. Ich bin ein Morgenmensch, was nicht bedeutet, dass ich gerne früh aufstehe, aber der Morgen ist für mich sehr wichtig. Wenn der Tag schlecht beginnt, habe ich das Gefühl, dass dann kaum noch etwas zu retten ist. So ist es auch jetzt. Auf diese Weise aufgescheucht zu werden, gehört nicht auf die Liste der guten Morgen. Nicht, dass sie mir vorher sehr sympathisch gewesen wäre, aber das verschlimmert nur meine Abneigung gegen sie. Vermutlich bin ich ihr aber absolut gleichgültig.
Sensen ist schon wach und angezogen. Wie er das gemeistert hat, ist mir schleierhaft. Er versucht, mir ein aufmunterndes Lächeln zuzuwerfen. Ich quäle mich aus dem Bett, suche meine Sachen und frage mich, wie ich mich in diesem Bad auch nur ein bisschen frisch machen kann. Eine Dusche wäre jetzt angebracht gewesen, aber davon sind wir meilenweit entfernt, im wahrsten Sinn des Wortes. Sich mit nicht allen vollständigen Sinnen in einem schmutzigen Badezimmer waschen zu wollen, ist ein fast unlösbares Unterfangen. Am Ende bin ich irgendwie angezogen, aber meine Laune ist an einem Tiefpunkt angelangt.
Wir packen unsere Sachen zusammen, Wang Mei bezahlt das Zimmer, was den Wirt wohl etwas stutzig macht. Er sieht so aus, als ob er gleich nach unserer Abfahrt die Polizei davon in Kenntnis setzen würde. Peking ist eine moderne Stadt, aber hier auf dem Land sind zwar viele technische Errungenschaften angekommen, aber es hatte noch keine Revolution der Denkweise stattgefunden, Frauen waren immer noch den Männern untergeordnet und bezahlten kein Hotelzimmer. Vielleicht wäre es besser gewesen, auf traditionell zu machen, dem Wirt eine Geschichte zu erzählen, dass Sensen mit seiner Frau und seiner Schwester auf dem Weg zu seiner Mutter war, die im Sterben lag oder so etwas Ähnliches. Bloß keinen Verdacht aufkommen lassen, ein bisschen Mitleid konnte auch nicht schaden und war allemal gut zur Ablenkung.
Im Auto schlage ich den beiden meine Idee vor. Sich von einer Deutschen sagen lassen zu müssen, wie sie sich in China zu verhalten hätten, war vielleicht ein bisschen zu viel verlangt. Die Stimmung im Auto sinkt unter den Gefrierpunkt. Sie wird erst wieder besser, als wir endlich ein Gasthaus finden, wo wir ausgiebig frühstücken können. Das heißt, die Stimmung der beiden anderen hebt sich augenblicklich, während meine in eine halbe Depression umschlägt: Ein chinesisches Frühstück ist nichts für meinen westlichen oder zumindest kontinentalen Magen, es ist derart deftig, dass ich vermutlich nie verstehen werde, wie man vor 12 Uhr mittags so etwas zu sich nehmen kann: gebratene Nudeln mit Ei, Fleisch, Suppe, Gemüse etc., eben all das, was mein empfindlicher Magen höchstens zu einem ausgiebigen Abendessen vertragen kann.
Da der Kellner, der anscheinend auch der Wirt ist, uns etwas schief beäugt, fängt Sensen sofort mit meiner Geschichte an und schmückt sie natürlich noch reichlich aus. Er hat Talent beim Erzählen und man sieht, dass es ihm Spaß macht, sich alle möglichen Einzelheiten auszudenken. Der Wirt bekommt seinen Mund gar nicht mehr zu. Dabei hatte ich gedacht, dass Sensen die Sache bitter aufgestoßen war. Als auch Wang Mei sieht, dass sich alle Zweifel des Wirts zerstreuen, scheint sie sich etwas zu entspannen.
Danach geht es im Auto weiter. Wang Mei klärt uns darüber auf, dass wir an diesem Tag noch in die nächste Provinzhauptstadt müssen, weil wir ein Visum für die Mongolei beantragen müssen, was mit Sensens gefälschtem Pass etwas heikel werden könnte. Danach müssten wir zur mongolischen Grenze fahren, denn von China aus wollten wir es nicht riskieren, einen Flug nach Deutschland zu nehmen.
Ich müsste jetzt eigentlich noch etwas über die Landschaft sagen, aber Landschaftsbeschreibungen sind nicht meine Sache, ich finde sie stocklangweilig. Ich liebe die Natur, aber nicht ihre Wiederholung in der Literatur. Genauso wie ich Literatur liebe, aber die Literaturwissenschaft ödet mich an, finde ich sinnlos und überflüssig. Ich liebe Theater und Opern, aber nicht, wenn ich sie mir im Fernsehen ansehen muss. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass etwas unmittelbar sein muss. Nein, Kunst ist auch nicht unmittelbar, und trotzdem mag ich sie. Wenn in einem Buch eine Landschaftsbeschreibung kommt, lese ich ganz schnell darüber hinweg. Es geht mir nicht um die erzählte Geschichte, sie ist nicht allein wichtig. Das Wichtigste ist, wie ein Buch sich ausdrückt; eine schlechte Textsprache kann die beste Geschichte ruinieren. Aber Naturbeschreibungen habe ich noch nie etwas Interessantes abgewinnen können. Ich verstehe nicht, wie sie irgendetwas aus der Geschichte widerspiegeln können. Die Natur besteht auch ohne unsere Gefühle, und wenn wir sie nur brauchen, um unsere Gefühle zu beschreiben, dann missbrauchen wir sie, es geht uns gar nicht um sie, sondern nur um uns selbst. Dann können wir auch gleich direkt über uns schreiben.
Ich muss Natur körperlich erfahren, sonst bedeutet sie mir nichts. Irgendwohin zu fahren und dann auf einen Aussichtsturm zu steigen, um sie aus angemessener Entfernung zu bewundern, empfinde ich als Raub. Man möchte ihre Schönheit mitnehmen, aber ohne sich auf sie einzulassen. Das ist wie die drei Japanerinnen, die ich vor vielen Jahren vor einer Kirche in Italien beobachtet habe, die mit ihrem schicken Auto die flachen Stufen bis zum Eingang der Kirche hochfuhren, was an sich schon ziemlich absurd war, aus dem Auto sprangen, sich vor der Kirche aufstellten, um sich gegenseitig zu fotografieren, wieder ins Auto sprangen und losbrausten. Die ganze Szene hatte nicht mehr als drei Minuten gedauert, ich war danach wie benommen, weil ich überhaupt nicht richtig begreifen konnte, was eigentlich passiert war. Sie hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, auch nur einen einzigen Blick in die Kirche zu werfen.
Am Abend kommen wir in der Provinzhauptstadt an, wir halten an einer Art Herberge. Die Unterbringung ist gewöhnungsbedürftig. Männer und Frauen schlafen in zwei großen Schlafsälen. In unserem befindet sich zum Glück außer uns keine andere Frau, wir sind ungestört. Bei den Männern ist mehr los, das müssen alles Händler sein, unterwegs von irgendeinem weit entlegenen Ort.
Am Morgen frühstücken wir ausgiebig, wir sind auf dem Land, es gibt wieder gebratene Nudeln mit viel Fleisch. Ich sehne mich nach langer Zeit nach einem weißen, knusprigen Brötchen, aber ich muss zugeben, das Frühstück hat einen Vorteil. Ich erinnere mich an Schottland, wo das aus Porridge, Haggis, Eiern, Wurst und diversem Gemüse bestehende Frühstück mich den ganzen Tag trotz einer stundenlangen Wanderung durch Regen und Wind am Leben erhielt. Vielleicht kann es ja auch hier zu etwas gut sein. Wer weiß, was der Tag alles bringen wird. Aber eigentlich kaum vorstellbar, dass Chinesen eine Mahlzeit ausfallen lassen. Bevor das passiert, müsste es sehr schlimm um uns stehen.
Wir fahren also weiter und gelangen gegen Mittag in der Kreisstadt an. Natürlich gibt es keine ordentlichen Straßenschilder, nur ab und zu kann man Reste davon sehen. Sie scheinen dem Neubauwahn zum Opfer gefallen zu sein. Und einen Stadtplan gibt es von dieser scheinbar am Ende der Welt liegenden Stadt auch nicht. Für wen auch? Touristen kommen sicher nicht hierher, und Fremde wahrscheinlich nur, wenn sie unbedingt müssen. Wir müssen uns durchfragen, was zu einem Quiz mit Hindernis und unvorhersagbarem Ende ausartet. Ich verstehe kein Wort des örtlichen Dialekts, und auch Sensen und Wang Mei haben ihre Mühe, sich überhaupt verständlich zu machen. Die meisten scheinen keine Ahnung zu haben, was wir überhaupt wollen, aber kein Chinese würde das jemals zugeben. Wir bekommen so viel verschiedene Antworten, wie wir Leute fragen. Der erste schickt uns nach Westen, und als wir nicht mehr weiterwissen und erneut fragen, heißt es, diese Richtung sei komplett falsch, das Konsulat sei genau in der anderen Richtung. Der dritte schickt uns wieder in eine andere Richtung, und so geht das die ganze Zeit weiter. Ich habe den Eindruck, diese Leute wissen nicht einmal, was ein Konsulat ist. Obwohl sie nicht allzu weit von der Grenze entfernt leben, sind die wenigsten je in der Mongolei gewesen. Also müssen wir die Strategie ändern. Wenn man jemanden nach einem guten Restaurant fragen möchte, muss man nach einer Person Ausschau halten, die etwas vom Essen zu verstehen scheint, vielleicht gerne isst. Wir wollen aber Informationen über ein Amt, das hier keiner zu brauchen scheint. Nur eine gebildete Person kann da helfen. Also fragen wir nach dem Rathaus, fahren dorthin, steigen aus und versuchen, Leute zu fragen, die gerade herauskommen. Besucher von Beamten zu unterscheiden, ist anhand der Kleidung sehr einfach. Männliche Beamte tragen alle Anzug mit weißem Hemd, in der Regel sogar schwarz, weibliche einen Anzug oder ein Kostüm. Leider scheint es gerade kein günstiger Moment zu sein, niemand kommt heraus oder geht hinein, der wie ein Beamter aussieht. Schließlich spricht uns ein Passant an, der eine Brille und einen ziemlich modischen dunkelblauen Anzug trägt, ob er uns helfen könne. Er hätte gesehen, dass wir von außerhalb kämen. Auf unsere Frage nach dem Konsulat: Ja, er kenne jemanden, der dort arbeitet. Aber zuerst müssten wir noch an einem anderen Ort vorbei, er habe dort etwas zu erledigen, danach würde er uns zu dieser Person bringen. Seinen Anweisungen folgend fahren wir zusammen durch die Stadt. Mein Orientierungssinn war noch nie gut, aber hier fühle ich mich absolut ausgeliefert. Wie in Peking sehen alle Straßen gleich aus, aber im Gegensatz zu Peking ist die Stadt nicht reißbrettartig angeordnet, sondern dehnt sich über mehrere Hügel aus, die die Straßen zu vermeiden scheinen. Ich kann absolut nicht sagen, ob er uns im Kreis herumfahren lässt oder ob das wirklich der kürzeste Weg zu unserem Ziel ist.
Am Ende halten wir an einem Platz, er steigt aus und wie durch Zauberei taucht plötzlich ein Mann auf, der seine Verabredung zu sein scheint. Sie tauschen ein paar Worte aus, dann übergibt er ihm ein kleines Päckchen.
„Sind wir sicher, dass wir ihm vertrauen wollen? Er sieht nicht gerade wie ein ehrenhafter Bürger aus.“
„Es scheint die einzige Chance zu sein, die wir haben. Wenn er wirklich jemanden im Konsulat kennt, bedeutet das, dass wir großes Glück haben.“
Er kommt zurück und wir fahren weiter. Nach weiterem scheinbar planlosen Fahren durch die Stadt lässt er uns anhalten. Wir steigen alle aus, können aber nichts finden, was irgendwie wie ein Konsulat aussehen würde. Wir betreten eine Art Mischung aus Geschäft und Büro und sollen Platz nehmen. Er verschwindet, und wir warten sehr lange, bis ich das Gefühl habe, hier stimme etwas nicht. In dem Moment kommt er mit einem älteren Mann wieder – als ob sie genau den maximalen Zeitpunkt abgewartet hätten: uns einerseits zappeln zu lassen, aber andererseits gerade so lange, dass wir noch nicht weggehen. Vielleicht haben sie einfach eine Zigarette zusammen geraucht und uns dabei beobachtet.
„Das ist der Onkel von Liu. Liu ist der Wächter am Eingang des Konsulats. Nur leider hat der Onkel jetzt nicht so viel Zeit. Er könnte es einrichten, aber es würde ihn einige Unbequemlichkeiten kosten …“
Obwohl er Mandarin mit einem leichten Akzent spricht, verstehe ich nicht, was das alles zu bedeuten hat. Überhaupt Mandarin, auf Mandarin heißt sie Putonghua, was so viel bedeutet wie gewöhnliche, weit verbreitete Sprache. Warum müssen wir Westler es immer besser wissen? Der Name Peking geht auf das Englische zurück, und das wiederum auf französische Missionare. Auch wenn die Chinesen selbst den Namen öfters geändert haben, so heißt die Stadt heute offiziell Beijing, nördliche Hauptstadt. Interessanterweise gibt es auch eine südliche Hauptstadt, Nanjing, die früher tatsächlich einmal Chinas Hauptstadt war, und eine östliche Hauptstadt, Dongjing –aber das ist Tokyo, woran man die Verbindung zu Japan sieht, aber keine westliche Hauptstadt: Xijing, immerhin gibt es aber den westlichen Frieden: Xi´an. Welche Stadt könnte Xijing sein, und warum gibt es sie nicht? Lhasa in Tibet, oder noch weiter westlich, und wie weit? Eigentlich müsste es noch eine fünfte Stadt geben, denn im Chinesischen gibt es fünf Himmelsrichtungen, Das Zentrum gehört auch dazu. Aber das Zentrum ist Beijing, so dass es irgendwie doppelt erscheint. Zhongjing, das klingt interessant, steht aber vielleicht in Konkurrenz zu Zhongguo – Reich der Mitte, ah, da ist sie also, die Mitte, mehr im Verhältnis zur ganzen Welt als zur eigenen Mitte.
Das Wort Mandarin gibt es auch auf Chinesisch – Guanhua, es bedeutet Beamtensprache, was vor allem heute den Sinn nicht mehr trifft. Die gewöhnliche Sprache, das ist die Sprache der Hauptstadt, der Erziehung und der Medien, das macht Sinn.
Für Wang Mei scheint es eine ganz alltägliche Situation zu sein.
„Es wäre eine große Ehre für uns dem Onkel etwas unter die Arme zu greifen.“
Was sollen wir mit dem Wächter? Wir brauchen einen Beamten, nicht den Wächter. Ich werde langsam ärgerlich und rutsche nervös auf meinem Stuhl herum.
„Es tut mir sehr leid, ich würde Ihnen so gerne helfen, aber so einfach ist das leider nicht …“
Das hatten wir nun schon. Aber wahrscheinlich verlangt es die Verhaltensregel. Sensen wird auch langsam unruhig.
„Sagen Sie uns einfach, wie wir Ihnen danken können!“
„Ja, Sie müssen wissen, ich habe zwei Söhne, von denen der eine sehr krank ist. Er hat zwei kleine Kinder, seine Frau hat keine Arbeit, und wir müssen eine Menge Geld für seine Medikamente ausgeben.“
„Dann würden wir uns freuen, Sie dabei zu unterstützen. Was kostet denn seine Behandlung?“
Bloß kein Gesichtsverlust, die Bestechung in Gestalt einer sozialen Wohltat, zumindest fühlen wir uns alle wohl dabei, auch wenn wir genau wissen, dass die Geschichte nicht stimmt. Warum sich diese Mühe machen, eine Lüge zu erfinden? Mein deutsches Hirn ist einfach zu praktisch veranlagt. Zugegeben, der Aufwand ist nicht sehr groß, und das Resultat ist schlichtweg simpel: keiner hat das Gefühl, etwas Unrechtes zu tun.
„Wissen Sie, es gibt eine sehr teure Behandlung, aber das können wir uns nicht leisten. Natürlich wäre sie viel besser. Aber mit der billigeren Methode geht es auch. 500 RMB.“
Das war jetzt sogar noch ein Sonderangebot. Verwirrend auch der Name der chinesischen Währung. Im Ausland nennen wir sie Yuan, nicht so die Chinesen. In der Umgangssprache heißt es eigentlich kuai, was man mit einem abfallenden Ton sprechen muss. Ansonsten RMB mit einer amerikanischen Aussprache, steht für Renmenbi, was so viel heißt wie das Volksgeld.
500 Yuan sind nicht so viel, aber auch nicht gerade wenig, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass wir dann immer noch nicht im Konsulat sind, das ist nur der erste Schritt dorthin.
Sensen gibt ihm das Geld, wir gehen zurück zum Auto, quetschen uns dieses Mal zu fünft in unser Auto, und eine neue Rundfahrt beginnt. Mir kommt es so vor, als hätte ich einige Straßen vorher schon gesehen, aber am Ende bin ich mir dann doch nicht sicher. Wir halten vor einem Haus, das eher wie ein Wohnhaus aussieht, aber dennoch ungewöhnlich ist, mitten in der Stadt ein einstöckiges Haus zwischen all den vielen Plattenbauten oder supermodern aussehenden Gebäuden. Vor dem Haus steht der übliche Wächter in Uniform. Das muss der Neffe sein, auch wenn er nicht viel jünger als der Onkel aussieht. Aber in China sind Verwandtschaftsbezeichnungen nicht so strikt zu sehen wie bei uns. Auf der einen Seite gibt es zwar viel genauere Begriffe, so heißt der ältere Bruder anders als der jüngere, und die Großeltern mütterlicherseits anders als die väterlicherseits usw., auf der anderen Seite aber werden auch Personen außerhalb der Familie Onkel oder Tante genannt, was eine Art von Respekt ausdrückt. Für uns spielt es aber keine Rolle, ob es sich hier um einen echten oder nur so genannten Neffen handelt.
Der Onkel geht zu ihm, begrüßt ihn und wechselt ein paar Worte mit ihm, die wir nicht verstehen können. Der Neffe greift zum Telefon, und nach sehr kurzer Zeit erscheint ein Junge, der nicht älter als 14 zu sein scheint. Ich war noch nie gut im Schätzen des Alters, aber in China versagt diese Fähigkeit dann endgültig. Ich werde an die Wohnungsmakler in Beijing erinnert, die auch nicht älter als dieser Junge aussahen, die aber nach Aussage meiner Studenten mindestens Mitte zwanzig waren. Einige meiner Studenten sehen auch eher wie Schüler aus. Also muss ich vorsichtig sein, es zeigt nur meine Unfähigkeit, die Chinesen richtig einzuschätzen, und sagt praktisch nichts über ihr wirkliches Alter aus.
Der Junge führt uns hinein. Ein junger Mann kommt herein und fordert uns auf, Platz zu nehmen. Ob wir einen Tee trinken wollten? Wir sind in einem öffentlichen Amt, nicht sicher, ob unser Antrag nicht zu Problemen führt. Vielleicht auch zu wirklich gefährlichen, und man bietet uns Tee an. Wir nehmen das Angebot gerne an, auch wenn ich nicht sicher bin, ob das nicht Konsequenzen haben kann für den weiteren Verlauf. Der Tee kommt nach einigen Minuten und duftet wunderbar. Chinesischer Tee, das heißt grüner Tee ist ein ganz anderer Genuss als schwarzer Tee. Da man ihn in der Regel pur trinkt, kann man sich ganz auf seinen Geschmack konzentrieren. Ich liebe die „Göttin der Barmherzigkeit“, ein Olong-Tee, ein fermentierter grüner Tee, sozusagen auf halbem Weg steckengeblieben ein schwarzer Tee zu werden. Und tatsächlich ist der Tee ganz nach meinem Geschmack. Wir trinken und warten. Zuerst wagen wir nicht, uns miteinander zu unterhalten – wir sind schließlich in einem Konsulat, von dem wir nichts wissen. Aber nach einer Weile ist es zu eintönig dazusitzen und die Wände anzustarren. Unsere Skrupel bezüglich Wanzen oder ähnlichem schwinden.
Es ist Sensen, der den Dialog beginnt, fast flüsternd.
„Woher kennst du eigentlich Herrn Cheng?“
„Ich dachte, du wüsstest über mich Bescheid. Und über meine Rolle bzw. meine Nicht-Rolle, denn ich weiß eigentlich selbst nicht, welche Rolle ich eigentlich spiele. Und was ist das? Eine Tragödie? Ein Krimi? Ein Thriller? Genre Horror?“
„Oh, ich kenne mich in euren westlichen Literaturgattungen nicht so gut aus.“
„Die letzten kann man schwerlich als Literatur bezeichnen. Und sie sind auch in China zu haben. Vielleicht sogar im realen Leben.“
„Nein, ich weiß nichts über deine Beziehung zu ihm. Natürlich weiß ich, wer er ist. Wir haben uns aber nie persönlich kennen gelernt.“
„Ich habe überhaupt keine Beziehung zu ihm. Wir sind lediglich Kollegen, die sich ein paarmal über den Weg gelaufen sind.“
„Dafür bist du aber sehr in seine Geschichte verwickelt.“
Viel zu direkt für einen Chinesen. Hatte er viele westliche Kontakte? Ist er deswegen in Schwierigkeiten?
„Sagen wir so, ich bin hineingezogen worden, ohne wirklich zu verstehen, was eigentlich passiert. Wenn du ihn aber kennst, dann würde ich dir gerne eine Frage stellen. Ich hätte – das muss ich leider zugeben – nie den Mut, sie ihm direkt zu stellen.“
„Du möchtest wissen, woher seine Behinderung kommt, ob sie politische Gründe hat, stimmt’s?“
„Wie bist du darauf gekommen?“
„Na ja, hör mal, in dem Umfeld, in dem wir miteinander zu tun haben, liegt die Frage doch auf der Hand. Es ist übrigens eine sehr traurige Geschichte. Ich weiß aber nicht, ob er damit einverstanden wäre, wenn ich sie dir erzähle?!“
„Ich habe den Eindruck, er möchte mich nicht hineinziehen, aber am Ende konnte er nicht anders, als mich mit Haut und Haaren hineinzuziehen. Da muss ich schon wissen, woran ich bin.“
„Herr Cheng ist auf seine Art ein sehr attraktiver Mann. Hat er dir den Kopf verdreht?“
Das ist jetzt selbst für einen Westler zu anzüglich. Wie wagt er es?
„Ich glaube, du bist jetzt ein Stück zu weit gegangen.“
„Tut mir leid. Ich frage mich nur schon die ganze Zeit, warum eine Frau wie du das tut.“
„Ich weiß es selbst nicht. Aber ich glaube, es hat nichts mit Herrn Cheng zu tun.“
„Also, unter Mao galt er als Konterrevolutionär, politisch rechts. Du weißt natürlich, was das bedeutet. Er sollte gezwungen werden, sich als solcher zu bekennen, obwohl er nie wirklich einer war. Sich mit westlicher Kultur zu beschäftigen, war damals hoch verdächtig. Er wollte nicht gestehen, also hat man ihn misshandelt. Als er glaubte es nicht mehr aushalten zu können, sprang er aus dem Fenster. Er hatte Glück im Unglück, denn es war nur der zweite Stock. Er war nicht der erste in dieser Situation. Andere waren vor ihm auch schon gesprungen, entweder in den Tod oder sie waren danach querschnittsgelähmt. Herr Cheng hat sich vielfältige Brüche zugezogen, die hätten wahrscheinlich alle gut behandelt werden können. Man hat ihn zwar in ein Krankenhaus gebracht, ihn aber dort ohne medizinische Betreuung liegen lassen. Nach einiger Zeit wurde er einfach entlassen.
Es gab dann auch Gerüchte, er sei hinuntergestürzt worden oder hinuntergefallen. Als wenn die Verzweiflung weniger dramatisch wäre als die Tat an sich. Wie verzweifelt muss jemand sein, um den Mut zu haben, sich selbst so etwas anzutun?
Die Brüche sind nie verheilt. Er leidet oft unter unglaublichen Schmerzen, auch wenn er seine Umwelt nicht damit belasten will. Er hat einen sehr willensstarken Charakter, und das obwohl er damals sicher sterben wollte. Er ist ein hervorragender Mensch.“
„Und er redet mit niemandem darüber?“
„Nein, er ist ein Mann. Chinese. Und stolz. Ein stolzer chinesischer Mann.“
„Aber er hat nichts Falsches getan!“
„Du bist keine Chinesin. Du kannst das nicht verstehen. Viele Leute haben in der Kulturrevolution nichts Böses getan. Aber andere haben etwas getan. Und sie müssen weiter miteinander leben und auskommen. Es wird in China nie eine offizielle Aussöhnung geben zwischen den Opfern und den Tätern. Man kann das nicht mit dem Nationalsozialismus vergleichen und damit, wie danach bei euch damit umgegangen wurde. Deutschland ist nicht China. Und die Chinesen sind keine Deutschen. Wir sprechen nicht über diese Dinge. Jeder muss das bei uns alleine mit sich ausmachen.“
„Aber wie halten die Leute das aus zu wissen, der Nachbar war vielleicht derjenige, der sie verraten hat? In Deutschland wurden Nazis bestraft, wenn auch längst nicht alle, und meistens nur die eher kleinen Fische, und viele Opfer rehabilitiert. Das eine ist die Bestrafung, aber das andere ist, das Leiden der Opfer wenn schon nicht zu beenden doch wenigstens zu mildern.“
„Herr Cheng wurde nie wirklich rehabilitiert. Er konnte zwar wieder als Professor arbeiten, aber offiziell wurde das ihm angetane Unrecht nie verurteilt. Und die Personen, die ihn damals in die Verzweiflung getrieben haben, wurden nie zur Rechenschaft gezogen.“
Es entsteht eine Pause. Eigentlich gibt es nichts mehr zu sagen. Gerade will ich noch einen peinlichen Gemeinplatz von mir geben, wie „wie schrecklich“ oder Ähnliches, als ich glücklicherweise daran gehindert werde, glücklicherweise nicht deswegen, was jetzt folgen sollte, sondern um der verhinderten Peinlichkeit willen.
Die Tür geht auf und ein autoritär aussehender Herr in Zivil tritt ein.
„Bitte folgen Sie mir!“
Wir zunächst unschlüssig, wer damit gemeint ist, entschließen wir uns schließlich beide unabhängig voneinander, dass wir beide gehen sollten. Wir mussten das perfekte Ehepaar abgeben, am besten zeigte man das durch gegenseitige Fürsorglichkeit.
In einem anderen Zimmer angekommen:
„Setzen Sie sich!“
Er scheint mit unserer Entscheidung einverstanden zu sein, jedenfalls äußert er sich nicht anderweitig.
„Ich muss überprüfen, ob Sie auch wirklich miteinander verheiratet sind.“
Mir bricht der Schweiß aus, aber nicht auf der Stirn, sondern da, wo man es nicht sieht. Seltsamerweise kann man sich das Bewusstsein darüber, dass die anderen es nicht sehen, nicht wirklich zunutze machen. Ich fühle mich genauso unwohl, als sei er gerade dabei die Schweißperlen auf meiner Stirn abzuzählen.
„Was ist das Lieblingsessen Ihres Mannes?“
Was sollte das? Das war eine Farce. Er fragt mich im Beisein meines sogenannten Mannes, was sein Lieblingsessen ist. Und dann? Ich versuche mich zu entspannen. Oder war es vielleicht eine Falle? Hatten sie Informationen über ihn? Ich konnte einerseits ziemlich neutral antworten, aber andererseits durfte es nicht zu nichtssagend sein, das würde ihnen sicher auffallen.
„Er isst sehr gerne Fisch, Lamm und Gemüse.“
Das aßen so ziemlich alle Chinesen, mal schauen, wie er reagieren würde.
„Stimmt das?“
Alles hatte ich erwartet, aber nicht, dass er das von „meinem Mann“ bestätigt haben wollte.
Hat er zu viele Filme a’ la ‚Green card’ gesehen und sie vielleicht missverstanden? Ich konnte nicht glauben, was ich hörte.
„Ja, natürlich.“
„Und Ihre Frau?“
„Sie meinen, was sie gerne isst? Oh, sie ist Vegetarierin, und da bekommen wir manchmal Probleme, weil wir uns nicht einigen können, was wir bestellen sollen.“
„Ich habe Sie nicht danach gefragt, was Sie und Ihre Frau im Restaurant treiben.“
„Mein Mann“ hatte seine Rolle besonders gut spielen wollen und genau danebengehauen. ‚Il meglio è il nemico del buono.’ – Das Bessere ist der Feind des Guten, sagen die Italiener gerne. Manchmal muss man sich eben mit dem Mittelmaß begnügen, vor allem muss man wissen, wann es vielleicht besser ist, nicht besser sein zu wollen.
„Hat Ihr Mann ein Verhältnis?“
Was war denn das? Selbst wenn wir wirklich verheiratet gewesen wären, wäre diese Frage außerordentlich peinlich gewesen. Wollte er uns in Verlegenheit bringen, um auf diese Weise die Wahrheit ans Licht zu bringen? Unbewusst pflichterfüllt errötete ich:
„Das weiß ich nicht. Äh…, ich meine, ich hoffe nicht, also, nicht dass ich wüsste…“
„Sie wissen es also nicht mit Bestimmtheit!“
„Wie sollte ich …?“
„Eine Frau sollte das über ihren Mann wissen.“
„Aber Sie wissen doch, wie …“
Diesen Satz konnte und durfte ich nicht beenden. Im letzten Augenblick – aber vielleicht war es ja sowieso schon zu spät und er hatte längst bemerkt, was ich sagen wollte – war mir bewusstgeworden, dass ich ihn mit diesem Satz beleidigt hätte. Wie also sollte ich mich aus dieser Situation befreien? Da gab es nur eins: Klarheit und nicht das Herumgestottere von vorher.
„Ich kenne meinen Mann sehr gut, dafür sind wir zu lange zusammen. Ich glaube nicht, dass er dazu fähig wäre. Außerdem verbringt er abgesehen von der Arbeit praktisch seine restliche Zeit mit mir.“
„Warum haben sie das nicht gleich gesagt? Sie hätten uns diese unangenehme Fragerei erspart.“
Was? Wer hat denn hier die unangenehmen Fragen gestellt? Oder war das nur ein Pflichtprogramm, hervorgerufen durch meine unbeholfenen Antworten?
„Sie müssen gut auf Ihre Frau aufpassen, ich glaube, nicht sehr viele Männer wären ihr gewachsen.“
Und was sollte das? Noch ein weiterer gesäter Zweifel? ‚Mein Mann’ sei mir nicht gewachsen. Mal schauen, wie es dieser mir fast von den Göttern verliehene Gatte aufnehmen würde.
Er ist ganz ruhig. Ihn scheint die Situation nicht aus der Fassung zu bringen. Ich bewundere ihn fast dafür. Professionelle Ruhe? Oder gespielte? Oder einfach chinesische Gelassenheit? Einen Unterschied zu westlichen Männern muss ich doch immer wieder feststellen – um mich auch einmal auf dieses von mir nicht gerade favorisierte Gebiet der kulturellen Unterschiede zu wagen: chinesische Männer versuchen meistens gar nicht erst cool zu sein, offenbar sind sie sich ihrer Unzulänglichkeiten besser bewusst als ihre westlichen Pendants. Denn kaum etwas ist unerträglicher als ein uncooler Mann, der versucht cool zu wirken. Dagegen kann ihre Natürlichkeit, ihre oft natürliche Unbeholfenheit sehr anziehend wirken.
Er schaut mir vor diesem Beamtentypen tief in die Augen und sagt mit inbrünstiger Überzeugung:
„Wissen Sie, wir vertrauen einander.“
Keine großen Worte, keine lange Rede, kein Nachgeben des Sich-rechtfertigen-müssens, ein bisschen kitschig zwar, aber ich war dennoch beeindruckt. Wäre die Situation nicht so beängstigend und gefährlich gewesen, wäre ich am liebsten aufgrund der Absurdität in brüllendes Gelächter ausgebrochen. Er ist wirklich ein perfekter Schauspieler. Fast glaube ich schon selbst daran, dass er mein Ehemann ist. Wir beginnen, die Szene nicht mehr zu spielen, sondern sie zu sein.
Unser Prüfer verliert aber nach kurzer Zeit die Lust an der ganzen Sache. Er steht auf und macht Anstalten sich zu verabschieden. Ich schaue meinen Ehemann fragend an, nicht wissend, was zu tun sei. Er ist hier in seinem Revier und muss es besser zu deuten wissen, wie wir uns jetzt zu verhalten hätten. Er steht ebenfalls auf, deutet mit dem Kopf zu Tür und wir machen uns auf Richtung Ausgang.
Unser Prüfer, an der Tür angelangt, hat schon die Türklinke in der Hand, da dreht er sich noch einmal um und fragt in bester Columbo – Manier, vor der ich mich mein gesamtes Leben gefürchtet habe, weil nach vielen scheinbar unwichtigen Fragen in einem Moment, in dem der Angesprochene nicht mehr damit rechnet, weil das Wesentliche schon vorübergezogen zu sein scheint, die entscheidende, tödliche Frage gestellt wird:
„Wie lange sind Sie eigentlich miteinander verheiratet? Und warum tragen Sie beide keinen Ehering?“
Sensen verliert sich in einen Monolog, als hätte er noch nie über etwas Anderes geredet als unsere Ehe. Und ich verliere mich in Gedanken darüber, was für seltsame Wege doch Beziehungsgeflechte gehen können.
Endlich sind wir draußen – mit allem, was wir brauchen, Stempel, Gegenstempel und Unterschriften. Vor dem Gebäude steht ein wunderschöner Baum. Sensen kommt auf die glorreiche Idee, Fotos von mir zu machen. Ich muss mich in Positur aufstellen. Zum Glück ist nicht Weihnachten und hier steht keiner dieser oberkitschigen Weihnachtsbäume, die die Chinesen ausgiebig fotografieren, als handelte es sich um ein Ausflugsziel. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob mein Ehemann meine derartigen geschmacklichen Ansichten teilen würde. Wäre ja interessant das herauszubekommen. Eine gute Ehefrau sollte schon über den Geschmack ihres Mannes Bescheid wissen. Er zeigt mir ganz stolz die Fotos.
„So habe ich dich immer bei mir!“
„Übertreiben brauchen wir ja nun auch nicht!“
Er beugt sich zu mir hinunter, obwohl er kaum größer ist als ich – ein Kunststück, das nach meiner Ansicht einige Erfahrung im Umgang mit Frauen voraussetzt und flüstert mir ins Ohr:
„Das wirkt doch noch viel natürlicher. Wir müssen den Anschein erwecken es nicht eilig zu haben.“
Es hat dagegen ganz den Anschein, als wolle er einen Scherz mit mir treiben. Ich spiele mit und lache übertrieben laut, wie mir dann auffällt. Ich weiß nicht, ob er es gemerkt hat, auf jeden Fall reagiert er umgehend, wie er überhaupt eine Art hat, im richtigen Moment das Richtige zu tun. Oder kommt es mir nur so vor, weil ich selbst unsicher bin, nicht in meinem Jagdterrain, wo ich mich auskenne?
„Wang Mei, wärst du bitte so freundlich, ein Foto von uns zu machen?“
Wang Mei, die die ganze Zeit schweigend alles mitangesehen hat, wirft ihm einen vernichtenden Blick zu und zischelt:
„Muss das sein? Was soll das sein, das frisch verliebte Ehepaar? Und welche Rolle ist mir in diesem Drama zugedacht?“
Ist sie eifersüchtig? Ich glaube es nicht.
„Du weißt genau, du bist das Hirn dieser ganzen Sache. Ohne dich läuft hier nichts.“
„Den Eindruck habe ich gerade nicht.“
Diese so selbstsichere Frau zickt herum, ich kann meinen Ohren nicht trauen. Kann denn unser Geschlecht immer noch so wenig so schnell aus der Fassung bringen? Eine gestellte Situation, die nur zu unserer Sicherheit dient. Mir kommt der Verdacht, sie könnte in Sensen verliebt sein. Können wir Frauen im Angesicht von Männern eigentlich nie einfach nur normal sein? Und die Männer, betrachten sie Frauen automatisch als Ziel ihrer sexuellen Phantasien?
Die ganze Geschichte hat uns Zeit gekostet. Nach einem einfachen Abendessen in einem einfachen Restaurant mit einfachen, aber wohlschmeckenden Speisen müssen wir uns ein Hotel suchen. An der Rezeption fragt Sensen nach einem Doppel- und einem Einzelzimmer. Ich mache gerade meinen Mund auf, um einzuwenden, wer denn da mit wem usw., da unterbricht er mich auch schon, mir einen warnenden Blick zuwerfend. Seine Frau wolle nur wissen, ob die Zimmer auch sauber seien. Ja, natürlich, und so weiter und so fort.
Wir schnappen unser spärliches Gepäck und machen uns auf den Weg zu unseren Zimmern.
„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich diese Rolle sogar heute Nacht weiterspiele?“
„Nein, das glaube ich nicht im Ernst, aber das musst du ja nicht gleich dem Portier auf die Nase binden, oder?“
„Was geht ihn das denn an?“
„Es könnte immerhin jemand nachfragen.“
„Dazu muss aber erst mal dieser Jemand herausbekommen, dass wir hier abgestiegen sind.“
„Möchtest du dich jetzt auch noch über die Qualität des Hotels beschweren? Leider ist gerade keine Luxusabsteige, oder wie du das nennen willst, zur Hand.“
Er wird zum ersten Mal spitz und ich fühle, er hat Recht. Dennoch habe ich nicht vor, diese Geschichte bis zum bitteren Ende zu bringen.
„Und wie stellst du dir das jetzt vor, wo werden wir schlafen?“
„Na ja, im Bett natürlich.“
„Sehr komisch. In ein und demselben vielleicht? Ich bin es nicht gewohnt, mit wildfremden Ehemännern das Bett zu teilen.“
„Eins zu null für dich. Tut mir leid. Aber wir können nun einmal nichts riskieren. Ich dachte, dass ich einfach mit Wang Mei heute Nacht das Zimmer tausche, natürlich unbemerkt, und morgen früh muss ich wieder aus diesem Zimmer hier herauskommen. Es könnte jemand nachfragen.“
„Das hast du bereits gesagt.“
Wir gehen nach oben auf ‚unser’ Zimmer, er trägt meine Tasche, wie sich das für einen chinesischen Ehemann gehört, auch wenn er eine deutsche komplizierte (asiatische Frauen sind aus Sicht deutscher Männer nicht kompliziert) der Gleichberechtigung frönende Ehefrau hat – aber das können die anderen Leute ja nicht wissen – die das dennoch zu schätzen weiß, kommt mir in dem engen Treppenhaus sehr nahe, schaut mich fast wie ein Verehrer an und fragt mich doch tatsächlich, ob ich noch etwas mit ihm an der Hotelbar trinken würde. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob er das jetzt spielt. Er wird sogar etwas rot dabei. Chinesische Männer können sogar erröten, das erweicht fast mein Herz. Ich gebe nach und wir bringen unsere Habseligkeiten ins Zimmer und steigen dann wieder die Treppe hinab. Die Hotelbar oder das, was vorgibt eine zu sein, ist nicht gerade für einen romantischen Abend eines Ehepaares geeignet. So endet dieser Abend in einer Fast-Katastrophe – besser nichts über den Balken brechen, wenn er sowieso schon sehr dünn ist. Die Einrichtung ist schmuddelig, man mag sich gar nicht richtig entspannen, dennoch kommt es zu einer grotesken Situation. Aus mir unerfindlichen Gründen will er die Plätze tauschen, als wir uns wieder setzen, kommen wir uns sehr nahe, ich lande praktisch in seinen Armen, wir harren ein paar Momente in dieser Stellung aus – es ist angenehm, merkwürdigerweise kann es das auch sein, obwohl ich keine besonderen Gefühle für ihn hege, dann zieht er sich zurück. Ich hatte nicht die geringste Absicht, fühle mich dennoch gedemütigt, und nun wird er denken, ja was eigentlich? Warum sind wir überhaupt hier gelandet? Was auch immer er im Sinn hatte – wir hätten es bleiben lassen sollen.
Schließlich gehen wir hoch, beide wahrscheinlich verärgert darüber, dass wir das Vermeidbare nicht versucht haben zu vermeiden, und da das ganze Hotel schon zu schlafen scheint, beginnt er mit der Umziehaktion. Nach einer kurzen Weile erscheint Wang Mei im Zimmer, sie hat schon etwas Nachthemdähnliches an und sieht aus, als ob sie aus dem Schlaf gerissen worden wäre. Vielleicht hatte sie schon geschlafen.
Als ich später in der Nacht noch einmal aufstehe, um auf die Toilette zu gehen, bemerke ich Wang Meis leeres Bett und als ich auf den Flur hinaustrete, um die Gemeinschaftstoilette aufzusuchen, sehe ich sie gerade in Sensens Zimmer verschwinden. Was hat das zu bedeuten? Ein Anflug von Eifersucht steigt in mir hoch. Das hatte ich schon immer. Ich habe – bis auf unser politisches Abenteuer – nichts mit diesem Mann zu tun, und dennoch bin ich eifersüchtig auf diese Frau, auf etwas, was ich gar nicht haben will. Eifersüchtig darauf, dass sie das vielleicht haben möchte, und mir dieser Weg versperrt ist. Wie kann man eifersüchtig auf jemanden sein, wenn man gar nicht das gleiche Verlangen hat? Eifersucht auf das Verlangen? Ich werde ‚meinen Mann’ morgen sicher mit anderen Augen betrachten, allenfalls mit denen einer Frau, die wahrscheinlich vor Wut kocht, dass er den Ehemann einer anderen spielen muss. Ich hoffe, dass mir meine Rolle noch überzeugend gelingen wird. Denn meine Unbedarftheit ist vorbei. Aber warum kann dann nicht gleich sie seine Ehefrau mimen? Wäre ja wohl etwas einfacher.
Am nächsten Tag stehen wir früh auf und fahren sofort los. Es gibt keine besonderen Vorkommnisse. Das Land ist eben und langweilig, öde, graue endlose Felder, von denen man sich überhaupt nicht vorstellen kann, wie hier irgendetwas Genießbares wachsen soll, ab und zu grasen ein paar abgemagerte Kühe entlang der Straße, die kerzengerade über das flache Land führt. Ich sehne mich nach der europäischen landschaftlichen Vielfalt. Da will man immer den fernen Osten kennen lernen, und dann hat er nichts von all der Faszination, die man sich vorgestellt hatte.
Nach ein paar Stunden erreichen wir die Grenze. Ich bin nervös. Die beiden scheinen die Ruhe selbst zu sein, aber sie wissen auch, wie man sich verhalten muss. Ich habe große Angst etwas falsch zu machen. Ein einfacher Schlagbaum mitten in dieser Einöde. Zwei müde Grenzwächter schauen aus ihrem Grenzhäuschen. Sie scheinen über die Abwechslung nicht begeistert zu sein. Ich frage mich, wie viele Grenzgänger sie im Durchschnitt jeden Tag abzufertigen haben. Und wie es ist, hier arbeiten zu müssen. Sind sie aus dieser Gegend oder hierher abgeordnet? Das würde ja schon fast einer Strafexpedition gleichkommen.
Sensen kurbelt das Fenster herunter. Erst einmal passiert gar nichts. Dann erhebt sich drinnen mühselig einer der Beamten, kommt herausgeschlurft, obwohl er sicher nicht älter als 25 ist, und sagt in recht unfreundlichem Ton: „Aussteigen!“ Wir zwängen uns aus dem Auto, mir wird mulmig. Ich weiß nicht, ob das Routine ist oder ob wir verdächtig wirken. Ich würde Sensen gerne fragen oder Schutz bei ihm suchen oder etwas Ähnliches, aber das erscheint mir jetzt nicht angebracht.
„Ausweise!“
Er blättert lange darin herum, liest, blättert, es sieht fast so aus, als könne er nichts mit den ganzen Informationen anfangen. Ob er versteht, dass wir ein gültiges Visum haben? Er könnte uns schikanieren – einfach, weil er uns für privilegiert hält. Na ja, sind wir auch, denn wer möchte schon an einem Ort wie diesem als junger Mensch versauern?
„Was wollen Sie in der Mongolei?“
Das ist die gefürchtete Frage, aber wir haben zuvor alles abgesprochen. Natürlich können wir nicht sagen, dass wir auf dem Weg zum Flughafen sind, weil es uns zu gefährlich erscheint, von China abzufliegen – Sensen könnte auf einer Liste der Regierung stehen, wir wissen es nicht.
„Meine Patentante wohnt in der Nähe von …, sie ist sehr krank und ich befürchte, es könnte nicht mehr lange dauern.“
„Und warum die beiden Frauen?“
Er hat überhaupt keinen Humor.
„Meine Frau und meine Schwester begleiten mich.“
„Warum haben Sie keine chinesische Frau?“
Darauf waren wir nicht vorbereitet, so viel Ignoranz entgeht jedem Vorstellungsvermögen.
„Ähm, ist das verboten? Ich habe lange in Deutschland gelebt, und da haben wir uns kennen gelernt.“
Es folgt nur ein kurzes Brummen. Wahrscheinlich weiß er nicht, was er fragen kann, und vielleicht will er sich selbst auch nicht bloßstellen, indem er zeigt, dass er keine Ahnung hat, was die vielen Stempel bedeuten. Auf jeden Fall sagt er:
„Einsteigen!“
Wir rennen zur Autotür, steigen ein und sind weg.
Am Abend wiederholt sich eine ähnliche Szene im nächsten Hotel. Wie können Worte verletzen, die keinen Sinn machen, die scheinbar nichts mit mir zu tun haben? Weil sie mir gegenüber geäußert wurden, und deshalb doch für mich gedacht waren – auch wenn sich ihr Sinn mir nicht erschließt. Nach dem Abendessen sagt Sensen, er würde früh ins Bett gehen, als ob er dächte, ich würde etwas Anderes erwarten. Die Sinnlosigkeit verletzt mich, und auch das ist sinnlos. Aber so sind eben Worte, sie finden immer einen Widerhall in den äußeren Geschehnissen, als hätten sie ein Eigenleben, sie haben sich abgekoppelt von ihrer Funktion, die Welt abzubilden, wie sie ist. Haben sie das jemals geschafft: die Welt so abzubilden wie sie ist? Und wie ist sie? Jener Autor, der nach Portugal fährt und dort einen anderen Autor findet bzw. dessen Buch, wird von seinen Fragen gefangen genommen, ob die Anderen uns jemals so sehen können, wie wir uns selbst empfinden. Und er macht eine Entdeckung: sogar das Äußere des Anderen ist immer schon durch das eigene Innere gespiegelt, andere haben es eine Brille genannt, durch die wir die Welt wahrnehmen, weswegen wir sie niemals so sehen werden, wie sie wirklich ist. Wir können eigentlich gar nicht wissen, wie sie wirklich ist. Und wir werden auch nie wissen, ob die Anderen sie so wahrnehmen, wie wir es tun. Die Kommunikation darüber ist dann schon fast ein Wunder: Wir gehen in jedem Augenblick trotz besseren Wissens davon aus, dass unser Gegenüber sie exakt so wahrnimmt wie wir selbst. Beruht also jede unserer Begegnungen auf falschen Voraussetzungen, einer Unwahrheit, einer Lüge? Nur so funktioniert sie? Ist sie selbst also nichts Anderes als Fiktion?
Der Andere auch nur eine Illusion unserer Einbildungskraft. Sensen war mir in der kurzen Zeit, in der ich ihn nun kannte, wie ein aufrichtiger Mensch vorgekommen, einer, der sich mit ernsthaften Dingen beschäftigt – daher auch der Grund der gemeinsamen Reise. Dass jemand, der sich politisch engagiert, und dann vielleicht sogar noch auf der richtigen Seite, gegenüber Frauen aber gar nicht auf der richtigen Seite steht, habe ich schon öfters erleben müssen – und doch falle ich jedes Mal wieder wie aus allen Wolken. Ich halte nun einmal viel von meiner Menschenkenntnis, und wenn sie mich mal wieder im Stich lässt, bin ich entsetzt, obwohl ich es durchaus hätte besser wissen können. Wenn nämlich das eigene Bedürfnis, oder wie ich es genannt habe, das Begehren eine Person schafft, die es so in dieser Perfektion vielleicht gar nicht geben kann. Wir sind doch alle nur Menschen, und Männer vielleicht noch etwas mehr, zumindest in fleischlicher Hinsicht. Mein fiktiver Ehemann war wie ein Beschützer für mich. Obwohl ich ihn aus einer schwierigen Situation befreien sollte, war doch er der Beschützer, der mich durch dieses mir unbekannte Land geleitete. Wenn er da war, fühlte ich mich gut – bis er an diesem Abend sein Handy öffnete. Bevor er zu weiteren Funktionen weiterklicken konnte, huschte eine schöne Blondine, nicht nackt, aber aufreizend angezogen, auf seinem Display vorbei. Ich war wie gelähmt, will sagen, machte weiter wie bisher, small-talk, wie es drei Leute tun, die zusammen auf der Durchreise an diesem Ort sind, lachen, lächeln, als wäre nichts passiert. Das Gehirn hatte auf Durchzug geschaltet, weigerte sich, die Information aufzunehmen, beim zweiten Mal gab es kein Entkommen mehr, draußen gab es ein seltsames Licht, er wollte unbedingt ein Foto davonmachen – als ob das der richtige Moment für romantische Landschaftsaufnahmen gewesen wäre, oder war es nur um den Schein des reisenden Ehepaares aufrechtzuerhalten – und da war wieder diese Unbekannte. Und war sie wirklich eine Unbekannte? Wäre sie nur eine Bekannte gewesen, eine Freundin, okay, das wäre verständlich gewesen, aber so sah sie nicht aus, sondern eher wie eine der Frauen, die man im Internet sogar gratis herunterladen konnte. Was mich vielleicht am meisten erschütterte, war die Tatsache, dass ein winziger Augenblick so vieles ändern kann, nur ein gestreifter Blick, der, wäre er in diesem Moment auf etwas Anderes gefallen, weil dieses andere interessanter erschien, vielleicht nie etwas geändert hätte. So aber war dieser Blick da, die Erfahrung dieses Blicks, der nicht mehr auszulöschen war. Er war da gewesen, und wenn auch das Bild wieder von seinem Handy verschwand, der Blick war immer noch da gewesen. Wie kann ein so scheinbar unscheinbares Ereignis wie ein Foto die Welt verändern? Nein, es war nicht die Tatsache des Fotos an sich, sondern es war der Blick. Ohne den Blick war das Foto nichts, gab es das Foto in Wirklichkeit gar nicht. Es war eine Frage, der ich nicht auf den Grund kam. Schließlich waren wir nicht miteinander verheiratet, wie es den Anschein haben sollte. Was war es, das hinüber war? Das Vertrauen, dass ‚so jemand’ nicht eine Frau auf dem Handy haben kann, um sich an ihrem Foto in einsamen Stunden vielleicht … Nein, das war – bis zu diesem Moment zumindest – unvorstellbar gewesen, nun wurde ich eines Besseren belehrt, dieses Vertrauen also war hinüber, weg, einfach verschluckt, von diesem einen Moment verschluckt, und alles andere sollte nichts mehr zählen, sollte gegen dieses eine Bild nicht ankommen? Ja, genau so war es. Ein Bild – und alles war hin. Schrecklich, aber wahr. Er könnte dieses Bild ja wieder löschen. Das würde nichts ändern. Es war ja da gewesen, und er hatte das so gewollt, es war seine Entscheidung gewesen, dieses Bild war ihm schließlich nicht zugeflogen gekommen. Dieser Mann hatte eine Entscheidung getroffen. Wissen sie es nicht, oder wollen sie es nicht wissen, dass das, was ein Mann einer Frau antut, auch wenn es eine Frau ist, die das für Geld tut, er allen Frauen antut? Und es ist keine Hochschätzung, wenn Frau auf einem wildfremden Handy auftaucht, wie sie meinen, sie ist doch schön, und er bewundert sie. Nein, das ist blanke Verdinglichung, aber das wissen wir Frauen ja alle, wir sind wieder einmal auf die Befriedigung männlicher Bedürfnisse reduziert. Das ist etwas, was Männer nicht verstehen. ‚Aber mit dir ist es doch etwas ganz anderes.’ Nein, ist es natürlich nicht. Wann werden sie das je verstehen?
Das Bild löscht alles, die Wertschätzung und das Begehren, das vielleicht da sein könnte, oder in manchen Augenblicken aufblitzt, dieses Bild macht alles kaputt. Manchmal möchte das Begehren zurückkommen, es möchte sich selbst noch einmal neu erfinden, es trauert sich selbst nach, aber da ist es wohl zu spät. Sexuelles Verlangen vielleicht, aber nicht das Begehren, das gerade den Anderen in seiner Einzigartigkeit meint. Ist das Enttäuschung, gewissermaßen eine aufklärerische Enttäuschung, weil man feststellt, das Begehren galt vorher einer Person, die es so gar nicht gibt, die nur meinen eigenen Bedürfnissen nach einem vollkommenen Mann entsprang, und diese Ent-täuschung hat nichts mit diesem Mann zu tun, sondern nur mit dem Bild, das ich mir von ihm gemacht habe, es betrifft überhaupt nicht ihn, er war nur eine Projektionsfläche. Ich bin wütend, aber mehr auf mich selbst. Was lerne ich aus dieser Wut? Zunächst: es ist so ungeheuerlich schwierig sie nicht auszuleben. Wir haben doch immer gelernt, dass es gut sein soll unsere Gefühle zu zeigen. Aber wie? Indem ich es ihm sage? Ihn ignoriere? Ihn meide? Auf ihn böse bin? Wozu soll das gut sein? Wenn er es nicht versteht? Weil er nicht derjenige ist, zu dem ich ihn machen wollte, wozu er sich aber hartnäckig weigert, ohne allerdings etwas von seiner Weigerung zu wissen? Ist es wirklich gut, mir selbst durch die Enthüllung dieser Enttäuschung ein Stück näher gekommen zu sein? Wollte ich nicht gerade die Illusion aufrechterhalten? Weil es sonst nichts mehr gibt, wofür es sich wirklich zu leben lohnt. Weil alle Männer irgendwo eine nackte Frau haben, wenn auch nicht auf ihrem Handy, so doch sicherlich in ihrer Phantasie – auch die, wie die sogenannten Intellektuellen, die es niemals zugeben würden, vermutlich nicht einmal vor sich selbst. Aber ich tue so, als wüsste ich das nicht – sonst könnte ich nicht einem Mann mehr begegnen.
Und was ist eigentlich mit Herrn Cheng? Seit er mich auf diese Reise geschickt hat, habe ich nichts mehr von ihm gehört. Nicht nur ‚aus den Augen – aus dem Sinn’, sondern hat er nicht vielmehr mit meiner Bekanntschaft den Zweck erfüllt? Habe ich ihn so völlig falsch eingeschätzt, als ich ihn für einen selbstlosen Menschen hielt? War das so, weil ich das in ihm sehen wollte, weil ich es brauchte, einen selbstlosen Menschen zu treffen? Sehen wir den anderen immer nur durch unsere eigenen Bedürfnisse vermittelt? Was nicht in dieses Bild passt, wird ausgeblendet. Unser Bewusstsein arbeitet da sehr präzise. Wir müssen uns dazu nicht einmal Mühe geben, es geht alles ganz von selbst. Hinterher wundern wir uns dann, wie uns bestimmte Dinge nicht schon vorher auffallen konnten, aber jetzt ist es noch zu früh, alles wird zurechtgebogen, -gezimmert, – gemeißelt, was das Zeug hält. Ohne dieses Ausblenden gäbe es vielleicht keine Liebe, denn niemand ist so (perfekt), wie er vom Anderen wahrgenommen wird bzw. werden will.
Dass wir vielleicht nicht anders können, ist eine Seite, aber es nicht einmal zu versuchen, ist frevelhaft. Jemanden als Weg, als Brücke zu einem neuen Lebensabschnitt zu benutzen, das ist Anmaßung. Das Dasein des Anderen, nur um unsere Zwecke zu erfüllen? Und wenn wir alle anderen so sähen? Grauenhaft. Eine Welt voller Monster. Also uns auf uns selbst beschränken. Nein, aber den anderen lassen, ihn nicht missbrauchen für unsere Wünsche, Bedürfnisse, Zwecke. Das hat er nicht verdient. Und wenn nun er mich gerade so gesehen hat, als Waffe im Dienst einer vielleicht guten Sache? Möglich. Deswegen gibt es mir trotzdem nicht das Recht, es ihm gleich zu tun. Gleiches mit Gleichem heimzahlen. So ein Quatsch! Dadurch wird Unrecht nicht zu Recht, sondern man tut nur selbst Unrecht.
Ich schreibe ihm eine Email – das ist ja doch erstaunlich hier. Selbst im abgelegensten Nest findet man noch ein Café mit Internetanschluss. „Willkommen in meinem Café.“ Dem Besitzer spricht der Stolz aus seiner Begrüßung. Sein Englisch ist passabel, er war in den Staaten. Nur wie kann man dann hierher zurückkommen, um hier eine Bar zu eröffnen? Heimatgefühle? Für mich schleierhaft – vielleicht einfach weil mir der Heimatbezug fehlt. Die Chinesen reden dauernd von ihrer Heimat. Es kommt dann in der Regel ein Sturzbach wie aus einer Tourismusbroschüre. Irgendeine Nummer eins von irgendetwas, immer interessant, natürlich immer viele Sehenswürdigkeiten, tatsächlich oft in Beton gegossene Ungetüme, man müsse unbedingt vorbeikommen, konkreter wird es selten. Ich würde schon gerne erfahren, warum etwas so interessant ist, wenn mir nicht einmal die Entscheidung überlassen wird, es auch uninteressant finden zu dürfen. Aber dazu kommt es nur in Ausnahmefällen.
Dann wieder eine dieser chinesischen Erfahrungen. Vorher hatte Wang Mei ein Telefongespräch geführt, ich hatte mich nicht darum gekümmert, vielleicht war ja dort alles abgemacht worden. Ohne Vorankündigung, ohne irgendeine Erklärung halten wir am Straßenrand, ein Auto nähert sich, die Fenster werden hinuntergekurbelt, ein sehr kurzer Austausch, und wir setzen uns in Bewegung und folgen dem anderen Wagen. Nach einer kurzen Weile auf einer geraden, nicht besonders einladenden Straße biegen wir ab und befinden uns plötzlich in einer anderen Welt. Von der schmutzigen Straße fahren wir in eine Art Park, der zu einem Hotelkomplex gehört. Ein Restaurant mit dem typischen, traditionellen Eingang. Ich bin mir nie sicher, ob ich das gut finden soll, das Alte auch im Neuen zu bewahren, oder ob es einfach nur kitschig ist. Inzwischen sind die Insassen des anderen Autos ausgestiegen, weisen uns aufgeregt gestikulierend einen Parkplatz zu, kommen uns dann entgegen, wir steigen aus, eine sehr herzliche Begrüßung, als wären wir die ältesten Freunde. Zwei Männer. Der eine wirkt ganz normal, nicht sehr gepflegt, der andere zieht meine Aufmerksamkeit auf sich, mindestens einen Kopf kleiner als ich, Glatze, langer Bart, modern gekleidet, ein Mönch? Später erfahre ich, dass er einen – zumindest in China – sehr seltenen Beruf ausübt: Fengshui-Berater. Ich staune, dieser bei uns so in Mode gekommene Beruf soll in China sehr selten sein? Dazu gehöre eine Menge Wissen und Erfahrung – ob das unsere Fengshui-Berater auch haben, wage ich zu bezweifeln. Er sieht eher wie ein Mönch aus, sehr freundlich, lacht viel, hat leuchtende Augen, ist ganz Ohr, redet aber auch gern, eine Begegnung, die ich nicht wieder vergessen werde. Er lädt uns in das Restaurant ein und bestellt. Ich soll etwas aussuchen, fühle mich überfordert, weiß nicht, was ich in dieser Situation tun soll, überlasse ihm vollkommen das Feld. Er bestellt Unmengen und isst dabei selbst praktisch nichts, ein paar Kerne oder Nüsse, das ist alles. Wenn seine Freunde sich wohl fühlten, dann ginge es ihm auch gut. Kann man das glauben? Gibt es das heute noch? Und doch wirkt es nicht aufgesetzt. Er sieht beinahe aus wie ein kleines Kind, das sich unglaublich über etwas freut. Dann spricht er lange über Dinge, die ich nicht verstehe, aber das macht nichts, es ist spannend ihm zuzuhören, die Art wie er spricht, er scheint vollkommen dabei zu sein, geht auf in der Sache, aber trotz seines Alters hat er nichts von einem weisen Mann, eher von einem Kind, es wirkt frisch, nicht die vom Leben bedrückende Erfahrung, sondern eine kindliche Frische, die sich jeden Tag aufs Neue freut, über die Dinge des Lebens wundert. Der Abschied ist genauso ungezwungen, wir müssten unbedingt wiederkommen, das sagt er, als hinge sein Leben davon ab, und doch wirkt es ehrlich, er lebt für den Augenblick, und wenn wir wissen, dass er sich im nächsten Augenblick mit der gleichen Intensität der nächsten Sache widmen wird, macht uns das froh, weil er alles mit derselben Leidenschaft behandelt, ohne dabei leidenschaftlich zu wirken, einfach ganz natürlich. Man ist auch nicht beleidigt zu wissen, dass er im nächsten Moment die Aufmerksamkeit von uns abwendet, sondern man ist froh über die kurze Zeit, die aber sehr lang erschien, in der er sich uns zugewendet hat. Dazu passt nicht die Tatsache, dass er natürlich die Rechnung übernommen hat, dass dieser Mann auch mit Geld umgehen kann, vielleicht sogar mit dem Manager des Restaurants über den Preis verhandelt hat. Dann fahren wir weiter.
Endlich nähern wir uns der Stadt, von der aus es per Flugzeug weitergehen soll. Wir müssen ein paar Tage auf die Flugtickets warten. Uns bleibt nichts anderes übrig als durch die Stadt zu laufen und uns das Wenige zu erschließen, was es zu erschließen gibt. An einer Kreuzung steht eines der unzähligen Denkmäler, es hat Chancen, den ersten Preis der Lächerlichkeit zu gewinnen: Top tourist city. Abgesehen von der etwas unglücklichen englischen Übersetzung – auf Chinesisch wird es noch schlimmer: herausragend, fragt man sich natürlich augenblicklich: Welcher Tourismus? Und wo sind – bitte schön – die dazugehörigen Touristen und die wohl noch wesentlicheren Attraktionen, die die Stadt zu einer Toptouristenstadt – was für ein Wortungetüm – machen könnten? Wunschtraum der Regierung? Schafft man so Realität? Indem man einfach etwas postuliert? Mich stört die Abwesenheit des Tourismus ja überhaupt nicht, aber mich irritiert die Blindheit vor Tatsachen. Lange, breite Straßen, die einer Großstadt wie Peking alle Ehre machen könnten, aber hier? Kaum Autos und diese riesigen Straßen, zu deren Überquerung man eine Ewigkeit braucht. Eine Stadt aus der Retorte. Nicht gewachsen. Geplant. Vermutlich von Provinzhelden mit größenwahnsinnigen Phantasien. Da möchte man eigentlich nur weg.
Ich finde ein kleines Waldstück, in dem ich wenigstens ein bisschen laufen kann. Am dritten Tag sind dort Waldarbeiter, die die wenigen sowieso nicht sehr einladend aussehenden Bäume abholzen. Einfach so: Ohne Vorankündigung. Und niemanden scheint das zu stören. Ich frage mich, ob es überhaupt jemand mitbekommt. Ist das das eigentliche China? Gleichgültigkeit? Das einzige, was hier wie überall auf der Welt gleich zu sein scheint, sind die Handys und die Kleidung vor allem der Mädchen. Ich denke mir, wir sind in China, sie holzen einfach alles ab, sicher wird hier etwas gebaut, die Chinesen nehmen einfach keine Rücksicht auf die Natur. Aber ein paar Tage später muss ich zu meiner Erleichterung feststellen, dass neue Bäume gepflanzt werden, größere, schönere, nicht so ärmlich aussehend wie die letzten. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Einen kurzen Moment hat dieses Land wieder einmal seine nicht ganz so unmenschliche Seite gezeigt.
Dann der obligatorische Park. Offenbar ist es egal, wo man sich in China befindet, sie sehen alle gleich aus: Hast du einen gesehen, hast du alle gesehen. Oben auf einem Hügel – künstlich geschaffen? – die übliche Pagode, hier als Aussichtsturm benutzt und Ausstellungshalle moderner Fotos der Stadt: seltsame Spiegelung. Indem man nach unten blickt, kann man fast die Motive auf den Fotos wiedererkennen. Der Weg hinauf zur Pagode wie üblich lange, anstrengende Treppen. Und er geht immer geradewegs auf sein Ziel zu. Nie die gewundenen Wege, die sich bei uns einen Berg hinaufwinden. Und immer vollkommen zivilisiert, gepflastert, absolut gebändigte Natur. Alle machen Fotos, wir auch. Chinesen auf einem ihrer sonntäglichen Ausflüge. Ich fühle mich schon fast dazugehörig.
An einem Tag nehmen Sensen und ich einen Bus und fahren über die Dörfer. Wir essen zu Mittag, ich werde sehr müde, er bietet mir seine Schulter an – für die Öffentlichkeit ist er schließlich mein Mann, dennoch schafft er es, es so aussehen zu lassen, dass nur ich mich an ihn anlehne, als ob er das gar nicht wollte – dabei spüre ich, wie er die körperliche Nähe sucht, ich weiß nicht, ob meine oder die einer Frau, aber er scheint Angst zu haben das zuzugeben. Vor wem? Der wirklichen Öffentlichkeit? Sich selbst? Der Partei? Hat er eine Frau? Vielleicht ist er sogar in seinem echten Leben verheiratet? Welchem echten Leben? Kann jemand in seiner Situation noch ein anderes, echteres Leben haben? Mit Familie und allem Drum und Dran? Ich schlafe ein, er bewegt sich nicht, als ob er mich nicht verscheuchen wollte. Als ich aufwache, schaut er mich mit einer Zärtlichkeit an, die mehr sagt als jeder Arm, den er um mich legen könnte, der er sich aber nicht bewusst zu sein scheint, so als wäre der Arm sichtbarer als dieser Blick. Wovor hat er Angst? Ich habe vergessen und vergesse es immer wieder: ich bin in China, dem fast letzten kommunistischen Land. Von der Oberfläche her gesehen scheint es im Kapitalismus versunken, fast untergegangen, aber hier, in den menschlichen Regungen, spürt man, dass selbst diese einem Menschen nicht persönlich gehören, sondern von der Gesellschaft anerzogen, aufgesetzt wurden. Ich mag die chinesischen Frauen, sie scheinen so selbstbewusst zu sein, aber was hier nicht stattgefunden hat – übrigens genauso wenig wie bei uns – ist die sexuelle Befreiung. ‚Bis dass der Tod euch scheidet!’ Auch hier im kommunistischen China? Wie kann hier der Druck ausgeübt werden, wenn es schon die Kirche nicht tut? Die Partei? Als Stellvertreterin der Kirche? Schließlich existieren uneheliche Kinder für den Staat praktisch nicht, keine Geburtsurkunde, kein offizielles Aufenthaltsrecht, keine Schule etc. Das ist im Grunde schlimmer als das, was die Kirche tut – da sie nur noch moralisch mit dem Zeigefinger drohen kann, aber ansonsten keine Macht mehr hat. Ist Fremdgehen im aufgeklärten China ein Verbrechen? Also doch eher prüde, verklemmt. Aber wo bleibt das Begehren, wenn früher und heutzutage oft noch die Ehepartner danach ausgesucht wurden und werden, ob sie vom sozialen Stand her zueinander passen? Da bleibt das Verlangen auf der Strecke! Und selbst die Gelegenheit macht hier keine Diebe? Ist die Kontrolle derartig gewaltig? Ist das Selbstzensur? Die Gefühle werden auch dem Willen der Partei untergeordnet? Auch wenn man nicht mehr an sie glaubt? Aber sie ist immer noch so allmächtig?
Als Frau bin ich ein gespaltenes Wesen. Einerseits finde ich es abstoßend, wenn mich ein Mann anmacht, nur weil ich irgendetwas Weibliches an mir habe. Auf der anderen Seite bin ich verletzt, wenn er es nicht tut, weil ich das Gefühl habe, er spricht mir meine Weiblichkeit ab, meine weiblichen Reize, auf die ich doch gern stolz sein möchte. Ich bin verletzt, ich verstehe, dass er es aus tausend Gründen nicht kann, aber ich verstehe nicht, dass er sich als Individuum nicht darüber hinwegsetzen kann. Wir im Westen setzen uns über alles Mögliche hinweg, sofern es nur unserem ganz privaten Ego dient. Vielleicht gibt es dieses Ego in China nicht. Unterdrückt? Oder eine gesellschaftliche Konstruktion der sogenannten liberalen Gesellschaften? Ein psychologisches Konstrukt, gefüttert von zu vielen romantischen Phantasien? Dabei sind die Chinesen superromantisch. Ist das eine andere Romantik? Ihre Vorstellung von Liebe? Ist sie genereller Art? So wie die Menschenrechte? Oder kulturell geprägt? Oder individualistisch – so wie wir das vermuten bzw. gerne hätten.
Zu sagen, was ich richtig gemacht habe und was falsch, wie soll ich mich als Richter meiner eigener Taten aufschwingen? Muss es nicht einen Maßstab geben?
Aber beginnen wir von vorne. Ein normaler Tag, einer der vielen, die inzwischen so normal sind, und die ich deswegen genieße. Ein Arbeitstag. Es beginnt zu dämmern, endlich die Zeit, wo ich beginne produktiv zu werden. Meine Kollegen verlassen das Institut, ich spüre die Leere, lehne mich zurück und hoffe, dass keiner mehr etwas vergessen hat und deshalb zurückkommen muss. Ich erobere das Institut für mich, auch wenn ich mich kaum aus meinem Zimmer hinausbewege. Und plötzlich klopft es. Ich bin verärgert. Auf meine Einladung einzutreten – ich hoffe immer, den Ärger unterdrücken zu können – erscheint ein fremdes Gesicht. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich schnell auf Fremde einstellen können. Dennoch passiert etwas Ungewöhnliches. Die Konversation dauert nur ein paar Augenblicke, aber ich fühle mich nicht gestört. Nein, irgendwie doch gestört, aber auf angenehme Weise, aus meinem Trott gerüttelt, über den ich mir erst jetzt so richtig bewusstwerde. Eine sehr attraktive Frau, die mir gegenüber ganz natürlich auftritt, keinerlei Berührungsängste hat, Vertrauen, es ist sofort da. Später einmal werden wir sogar zusammen in ein Café gehen, ich benehme mich unglaublich tollpatschig, ich schaffe es nicht einmal einer Frau die Tür aufzuhalten. Es scheint ihr nichts auszumachen. Sie scheint es nicht einmal zu bemerken, sie strahlt mich an, sie sieht in mir den Lehrer, aber sie bewundert mich nicht. Sie möchte von mir lernen, aber sie hat keinen Respekt vor meiner wissenschaftlichen Karriere, sondern Hochachtung. Ich habe zum ersten Mal seit nicht erinnerbarer Zeit eine wirkliche Auseinandersetzung mit einem anderen Menschen, ich interessiere mich für ihn, er interessiert sich für mich, es ist eine Erfahrung, an die ich mich nicht mehr erinnere. Wissenschaftler tun in der Regel immer so, als würden sie sich ganz schrecklich für eine Sache interessieren. Um die Person geht es dabei nie, oder doch, eigentlich geht es immer nur um die Person, um Selbstdarstellung, um Selbstproduktion, aber weder wirklich um die Sache noch um das Gegenüber. Hier nun sitzt mir einfach ein Mensch gegenüber, und sie wirkt ganz nackt, ohne Schutz, aber nicht schutzlos. Es ist atemberaubend.
Die Situation im Café. So normal und fast außerirdisch. Danach gehen wir ein Stück zusammen. Ich sehe, wie sie sich bemüht, sich auf meine Gehweise einzustellen, fast unmöglich, ich hinke sehr stark, dabei nicht gerade rhythmisch, aber ihr Versuch ehrt mich. Sie ist der erste Mensch, dem ich erzählen könnte, wie es passiert ist, aber aus einem Grund zögere ich. Ich würde ihr so gerne erzählen, wie sie mich drangsaliert haben, Genossen preiszugeben, die Folter, das Gefühl es nicht mehr aushalten zu können, immer wieder die Versuchung alles zu sagen, dem Ganzen ein Ende zu bereiten, dann nur der eine Wunsch: zu sterben, als einziger Ausweg aus dieser Hölle, denn irgendwo war noch das Bewusstsein da: Wenn du redest, kannst du nicht einen Tag länger leben, auch wenn du hier rauskommst. Und wenn es dann keine Möglichkeit gibt zu … Schließlich der Blick zum Fenster, vollkommen unbeabsichtigt: keine Gitter, es war nur verschlossen, nur ein Griff, ohne Zögern rannte ich los und sprang. Später, als ich im Krankenhaus aufwachte, habe ich mich immer wieder gefragt, warum sie mich nicht haben verrecken lassen, wie sie es mit so vielen getan haben, warum ich? Warum haben sie mich nicht sterben lassen? Was hatte ich nicht, dass mir diese Ehre nicht zuteilwurde, sondern die Bürde dieses Lebens vor mir lag? Und eigentlich hätte ich zumindest im Rollstuhl sitzen müssen wie die meisten, die aus dieser Höhe stürzen. Nicht einmal das. Ich hinke eben nur – und kann keiner Frau mehr die Türe aufhalten.
Erst viele Tage später kommt es urplötzlich: das ist die Frau, auf die wir gewartet haben, so lange gewartet, weil es so wichtig ist, wem wir diese Mission anvertrauen können. Aber tue ich ihr nicht Unrecht? Wir haben angefangen uns freundschaftlich näher zu kommen, ich habe schon lange mit niemandem mehr reden können wie mit ihr, auch nicht mit meinen Genossen, denen ich vollkommen vertraue, aber denen ich bestimmte Dinge niemals anvertrauen würde. Mit ihr ist es anders. Ohne zu müssen, ohne irgendeinen Zweck sind wir uns näher gekommen, nicht körperlich, das geht nicht mehr, auch wenn sie es vielleicht nicht verstehen kann – aber natürlich sieht sie in mir nicht den Mann, mit dem sie eine sexuelle Beziehung haben könnte. Vielleicht ist unser Verhältnis gerade deshalb so entspannt, weil es ohne diesen körperlichen Ballast geht, gehen muss, er hat sich nie dazwischen gestellt. Und er stellt sich normalerweise immer zwischen eine Frau und einen Mann. Wir sind unendlich entspannt. Und dennoch fühle ich mich ernst genommen, vielleicht zum ersten Mal, nicht nur als Sexualobjekt, nicht nur als Krüppel. Und das alles will ich aufs Spiel setzen? Nicht aufs Spiel setzen, sondern aufgeben, denn wenn sie von meinen Absichten erfährt, kann sie nur eines tun: mich als Freund aufgeben. Ich würde es nicht anders tun. Wir sind uns zu ähnlich. Aber es ist unsere einzige Chance. Kann sie verstehen? Sie ist eine Frau. Sie kann nicht. Und sie ist Deutsche. Ich bin Chinese. Individualismus gegen das Gemeinwohl? Darf ich ihr Leben ruinieren für eine gute Sache? Und darf man es tun, ohne ihr die Wahl zu lassen? Weil sie niemals zustimmen würde? Auch dann, wenn ich das weiß? Das Glück eines Lebens gegen vielleicht viele Leben? Was ist Gerechtigkeit? Hat sie nicht selbst gesagt, sie wolle etwas wirklich Sinnvolles tun? Aber sollte ich ihr nicht dann die Wahl überlassen zu entscheiden, was für sie sinnvoll ist? Warum diese Geheimniskrämerei? Um nicht unnötig Leute zu gefährden? Aber ich gefährde sie und lasse ihr keine Chance. Und ich brauche sie. Will ich sie dafür bestrafen, weil ich sie brauche, weil wir sie brauchen?
Was zuerst kam, weiß ich heute nicht mehr: die Idee, sie auf diese Tagung mitzunehmen, weil ich ihre Gegenwart an meiner Seite haben wollte, ihre Sicherheit, ihre Art, die Dinge zu sehen, so als ob sie für mich die Welt interpretieren würde, nein nicht interpretieren, endlich übersetzen in eine Sprache, die meine ist, die mir aber so nie zur Verfügung stand, oder der Gedanke, sie auf die große Aufgabe vorzubereiten. Vielleicht wollte ich mich einfach weder für das eine noch das andere entscheiden, beides war auf seine Weise unangenehm. Ihre Anwesenheit war berauschend, gleichzeitig war es berauschend, endlich eine Möglichkeit in der Nähe zu spüren, auf den wir alle so lange gewartet haben, eine große Verantwortung …. eine Verantwortung gegen die persönlichen Gefühle eines Krüppels, der nichts mehr zu hoffen hatte. Jeder anderen Frau hätte ich diese Aufgabe nicht zugemutet, die einzige Frau, die ich in diesem Moment nicht verlieren wollte, weil sie mir etwas bedeutete, auch wenn es vielleicht nur ephemer war. Ich hätte diese Frau niemals um etwas gebeten, was irgendeinen privaten Charakter gehabt hätte. Wie konnte ich sie dann um diesen – ja wie sollte man das nennen? kaum wohl – einen Gefallen bitten? Nein, ich hatte schlichtweg vor, sie nicht zu bitten. Das war grausam. Und wenn ihr etwas geschah? Und wenn ihr nichts geschah? Wie hätte ich ihr jemals wieder begegnen können? Ich würde so gerne viele Dinge mit ihr tun – seltsam, alles Dinge, von denen ich nicht einmal gewusst hatte, dass sie mir gefehlt hatten, die mir nie gefehlt hatten, bis ich sie traf, und jetzt merke ich, dass das Bedürfnis erst durch sie entstanden ist. Sie hat etwas ausgelöst, was vorher nicht da war, ein Bedürfnis, das nicht gestillt werden kann. Meine innere Ruhe, die ich geglaubt hatte gefunden zu haben, ist dahin. Ich hatte sie mir nur von außen verordnet, gleichermaßen auferlegt wie eine Buße, in Wirklichkeit war es nur unterdrücktes Begehren – nach etwas, von dessen Existenz ich nicht einmal etwas ahnte. Kann man etwas verdrängen, von dem man nicht einmal weiß, dass es das gibt? Offenbar ja, auch wenn man erst im Nachhinein dessen Existenz erschafft, das Unbewusste eben.
Wir waren also auf dieser Konferenz. Ich musste einen Vortrag halten, der mir fast im Halse steckenblieb, weil es unnötiges wissenschaftliches Geschwafel war – im Gegensatz zu dem, was mir noch bevorstand. Ich hatte Angst, wie ich vielleicht zuvor nur einmal in meinem Leben Angst gehabt hatte. Dabei war es unheimlich aufregend. Eine sekundenschnelle Berührung auf der Straße brachte mich fast aus der Fassung, als sie in ihrer südeuropäischen Art mit den Händen fuchtelnd versuchte mir einen Gedanken zu erklären, der sie gerade angefallen zu haben schien. Sie war dabei fast wie ein kleines Kind, so naiv, unbefangen, leuchtend und gleichzeitig vollkommen ernst. Diese Mischung war undurchschaubar, sie war unberechenbar, aber es war die Offenheit der Zukunft, die daraus sprang. Im Moment der Berührung zögerte sie einen Augenblick, als ob sie nicht sicher wäre, ob das ihren Gedankengang aufhalten konnte, es huschte ein kleines Erröten über ihre Wangen, was aber auch vollkommen meiner Einbildung geschuldet sein konnte, aber schließlich machte sie weiter, sich durchaus dessen bewusst, dass gerade etwas geschehen war. Sie schaffte es noch ein paar Sätze weiter, als wenn der Atem dafür noch ausgereicht hätte. Schließlich kam sie doch aus dem Rhythmus, verlor den Faden, musste sich unterbrechen, korrigierte, fing den letzten Gedanken noch einmal von vorne an, verhedderte sich, blieb hängen und brach schließlich ab: „Oh, Entschuldigung, ich …. ich habe den Faden verloren. Was … „
Nachdem ich sie ausgeliefert, nein, wie soll ich das nennen, ihrem Schicksal, meinem …? ausgeliefert habe, oder doch unserem? Wessen? Sicherlich nicht unserem gemeinsamen, sondern dem unserer Organisation? Das Deutsche ist hinlänglich seiner Pluralformen zu ungenau. Wir, uns: schließt das den Hörer mit ein, oder einen bestimmten Dritten? Und dann nur diese Person? Und die anderen? Das Chinesische hat ‚zanmen’ – wir im Sinne von ‚du’ –Hörer und ‚ich’- Sprecher. Nun, jetzt fühle ich mich schwach, ich habe etwas von mir weggegeben, habe ich das Recht mein Glück so leicht zu zerstören, aus Angst … geht es wirklich um unsere hehren Ziele? Oder aus Angst, mich ihr zu stellen? Ich habe uns beiden Unrecht getan – und dennoch würde ich es wieder tun – im vollen Bewusstsein, dass es falsch ist, nicht aus Angst vor der Partei, die habe ich damals verloren, aber aus dem unbewussten Bewusstsein, dass wir immer auf der Flucht vor uns selbst sind. Wo hätte ich sie denn treffen können? In welchem Leben? Dabei haben wir doch nur eins. Die Unmöglichkeit dieser Begegnung – darum ging es, das Begehren in seiner Unmöglichkeit zu bewahren. Also musste ich sie wegschicken, weit weg, und mit ungewissem Ausgang. Bin ich von allen Sinnen? Wenn sie wiederkommt – und sie muss wiederkommen, werde ich so weiterleben wie zuvor. Sie weiß, dass sich alles verändert hat. Das ist gut so. Sie hat den Weg aufgemacht zu einer Welt, die mir immer verschlossen sein wird. Eines Tages wird sie zurückkehren, und ich werde zurückbleiben mit dieser Andeutung, dass da noch mehr ist. Die Welt um mich herum ist immer noch dieselbe, aber ich verstehe sie nicht mehr.
Ich muss zurück, ich muss wissen, was das alles zu bedeuten hat. Ich fahre seit Tagen durch die Gegend und weiß eigentlich überhaupt nicht, wozu das gut ist. Ich habe mich selbst verloren. Wo ist der Sinn dieser Geschichte? Ich werde meinen Mann nicht in den Westen begleiten, ich muss hierbleiben.
Am Flughafen kaufen wir zwei Tickets, eins für Sensen und eins für mich. Ich bekomme Herzklopfen. Sollte ich nicht sagen, was ich vorhabe? Solange sie dabei ist, wird sie versuchen, mich von meinem Plan abzuhalten. Ich muss das ohne sie machen. Ich tue so, also flöge ich mit. Wenn wir durch die Passkontrolle sind, werde ich ihm alles sagen und zurückgehen, einen Flug nach Peking nehmen und ans Institut gehen. Der Flug geht erst in einigen Stunden, die Warterei scheint überhaupt nicht aufzuhören, eine dieser scheußlichen Floskeln, die wahrscheinlich nur deshalb passen, weil ich mich wie eine Verbrecherin fühle. Warum Verbrecherin? Weil ich ausbreche aus einer Rolle, die ich so selbst nicht gewählt habe und vielleicht auch nie hätte? Weil ich Angst habe vor den Konsequenzen? Sensen könnte etwas passieren? Hätte ich das zu verantworten? Ich fühle mich verantwortlich – typisch Frau, verantwortlich für etwas, von dem ich praktisch nichts weiß, das ist absurd. Sie haben mich missbraucht, und ich mache ihre Sache zu der meinen. Oder Angst vor dem, was passiert, wenn ich nach Peking zurückkehre? Angst vor einer Begegnung mit Herrn Cheng?
Als wir endlich an der Passkontrolle stehen und uns von Wang Mei verabschieden, schaffen sie es kaum, Fassung zu wahren. Sie wissen nicht, wie sie sich voneinander verabschieden sollen – ich möchte nicht in ihrer Haut stecken, sich vielleicht zu lieben, nicht zu wissen, wann und ob sie sich wiedersehen, es aber nicht zeigen zu können, keinen angemessenen Abschied. Sie tun mir leid, aber eigentlich geht es mich nichts an. Ich will nur rein und dann weg. Kaum sind wir durch die Gepäckkontrolle, sage ich es ihm. Er ist versteinert. In ein paar Minuten wird er im Flugzeug sitzen und praktisch in Sicherheit sein. Ob ich etwas wegen Wang Mei gemerkt hätte? Was das jetzt für eine Rolle spiele? Er müsse verstehen, ich könne jetzt nicht einfach weg, ich müsse da etwas klären. Aber die Organisation werde mir nichts verraten, es sei verlorene Mühe. Das wisse ich, dennoch. Wir verabschieden uns praktisch nicht, so wie es zwischen zwei Fremden normal ist, die sich nur kurz auf einer Reise begegnet sind. Auch wenn diese Reise alles andere als normal war und in diesen wenigen Tagen eine Beziehung zu meinem Mann entstanden ist, von der ich nicht wusste, dass es das gibt, meinen Mann, den ich vielleicht nie wiedersehen werde, und von dem ich nicht weiß, ob ich ihm vielleicht das Leben gerettet habe, ohne es im geringsten beabsichtigt zu haben. Ist das eigentlich unser Leben, getrieben von den Umständen, die nicht selbst verschuldete Abhängigkeit vom äußeren Leben?
Ich nehme den nächsten Flug, sitze im Flugzeug und werde meiner Gefühle nicht Herrin. Alle anderen Leute im Flugzeug um mich herum kommen von einem Ort und fliegen an einen anderen. Sie haben einen Grund, warum sie hier sitzen, ein Ziel, das sie zu erreichen hoffen. Ich weiß nicht, woher ich gerade komme und wohin ich will. Ja, mein Ziel heißt Peking, ich kann einen Ort nennen, aber was will ich dort? Etwas herausfinden. Ja, was eigentlich? Den Sinn dieser letzten Tage? Ich weiß doch jetzt schon, dass das praktisch unmöglich ist. Einfach weitermachen, weil man nicht mehr aufhören kann, wenn man einmal drinsteckt? Ich weiß ja nicht einmal, worin ich stecke. Ich fühle mich wie damals auf dem Flug, als ich überstürzt aus Italien zurück nach Deutschland fliegen musste, weil meine Mutter gestorben war. Es war absurd gewesen. Natürlich hätte ich diese Reise nicht angetreten, wenn ich von ihrem Zustand gewusst hätte. Aber irgendwie hatte ich davon gewusst, und auch nicht. Ich hätte es wissen können, wenn ich es gewollt hätte. Aber auch sie hatte es nicht gewollt. Um mir nicht zur Last zu fallen? Nein, das war es nicht. Es war ein gewisser Stolz gewesen. Aber es machte alles keinen Sinn. Auch jetzt im Flugzeug machen die Ereignisse von damals immer noch keinen Sinn – genauso wenig wie die Ereignisse von jetzt. Warum muss alles immer Sinn machen? Macht der Tod Sinn? Wird er dadurch erträglicher? Weil wir meinen, etwas zu verstehen? Nein, es ist nur ein kläglicher Versuch, uns von der Last zu befreien, durch Erklärung. Weil wir meinen, ohne Gründe nicht leben zu können. Aber warum sollte es mit einer Erklärung einfacher sein? Also, was will ich dann in Peking? Was suche ich dort? Etwas anderes als eine Erklärung? Eine Aufgabe?
In Peking angekommen, nehme ich eins dieser völlig überteuerten Flughafentaxis und fahre direkt zum Institut. Es ist Nachmittag, ich habe Glück, alles ist offen. Einen Moment zögere ich, dann klopfe ich an Herrn Chengs Tür. Keine Antwort. Ich klopfe noch einmal. Ich drücke die Türklinke, sie gibt nicht nach. Die Tür ist zu. Er ist immer im Institut, es gibt keinen Tag, an dem er nicht kommt, er lebt eigentlich fast hier. Ich gehe zur Sekretärin. Sie sagt mir, Herr Cheng sei schon seit ein paar Tagen nicht mehr hier gewesen, sie wisse auch nichts Genaueres, es sei nicht üblich, dass Professoren ihr gegenüber Rechenschaft darüber ablegten, wo sie sich aufhielten. Was bedeutet das? Wen kann ich fragen? Die anderen Institutsmitglieder kann ich auf keinen Fall damit belästigen. Sie werden sich schon gewundert haben, wo ich in den letzten Tagen war und warum ich meine Seminare nicht gehalten habe. Ich frage sie dann doch, ob sie wüsste, wie ich ihn erreichen könne, es ginge, ja, na ja, es ginge um eine Veröffentlichung eines Artikels. Sie schaut mich vollkommen entgeistert an. Wahrscheinlich hält sie mich für die eiskalte Westlerin, die keine Ahnung hat: Herr Cheng ist seit Tagen verschwunden, und ich denke nur an die Veröffentlichung. Er gehe seit Tagen nicht ans Handy. Ob sie eine Privatadresse habe. Ja, eigentlich dürfe sie …. und außerdem sei es gefährlich … ob ich denn nicht wüsste? Was wüsste? Sie könne nicht mehr dazu sagen, sie hätte schon viel zu viel gesagt.
Eine von diesen pflichtbewussten Damen, von denen aber ansonsten nichts zu erwarten ist, die ihre Pflicht tun, aber auch nicht einen Schritt mehr. Ich wende mich ab, es ist hoffnungslos, nirgends scheint es mehr Leute zu geben, die noch etwas anderes im Sinn haben als ihren ruhigen Feierabend vor dem Fernseher, das nächste Auto, die Zukunft ihres Sohnes. „Warten Sie!“ Sie schiebt mir verstohlen einen Zettel zu. Ich habe Mühe, die Zeichen in Schreibschrift zu entziffern. Straßennamen haben oft keine Bedeutung, sind also schwer zu verstehen, und dann hingekritzelt, eine schwer zu lösende Aufgabe. „Es ist hier ganz in der Nähe. Der nächste Hutong Richtung Norden.“ Zum Glück habe ich mich schon etwas an die Weise gewöhnt, Wegbeschreibungen mit den Himmelsrichtungen anzugeben. Und seltsamerweise hat sich in Peking bei mir ein gewisser Orientierungssinn eingestellt, den ich zuvor so gut wie gar nicht besessen hatte. Aber das ist bei der sehr kommunistischen Anordnung der Straßen auch vielleicht nicht so schwer. Das wird also helfen. „Vielen Dank!“ – „Und übermitteln Sie ihm bitte meine Grüße!“ – „Das werde ich!“
Wieder auf der Straße finde ich den Hutong. Er beginnt gleich hinter dem nördlichen Tor der Uni. Mit meinem Koffer mache ich auf der unebenen Straße einen unglaublichen Lärm – zumindest kommt es mir so vor. Ich habe den Eindruck, dass mich alle Leute anstarren. Sicherlich verirren sich nicht allzu viele Ausländer hierher, auch wenn die Pekinger inzwischen an den Anblick von uns ‚laowai’, alter Fremder, wie sie uns zärtlich nennen, gewöhnt sein müssten. Die Hutongs sind nummeriert, und manchmal folgt die Anordnung der Nummern irgendeiner Logik, die sich mir aber leider nicht erschließt. So auch hier. Ich irre etwas umher, bis ich den richtigen Eingang finde. Hoffen wir, dass die Wohnung auch eine Nummer hat. Ich möchte niemanden fragen. Das fiele nur auf. Als ich endlich vor der Tür stehe, bin ich außer Puste, ich weiß nicht, ob vom Treppen steigen oder vor Aufregung. Ich frage mich, wie Herr Cheng hier heraufkommt. Auf mein Klopfen öffnet nach einer Weile, in der ich Stimmen höre, eine alte Frau. Ich würde Herrn Cheng suchen. Sie murmelt etwas in mir unverständlichen Lauten, was sich mehr oder weniger anhört wie ‚es gebe hier keinen Herr Cheng oder sie kenne keinen‘, oder so ähnlich.
Obwohl ich keinen Laut von drinnen höre, habe ich den Eindruck, dass er da ist. Natürlich kann ich nicht darauf bestehen mit ihm zu sprechen. Ich weiß nicht, was ich tun soll, mir bleibt aber nichts anderes übrig als nach Hause zu gehen. Es graut mir davor, allein in meiner Kammer zu sitzen und nicht die geringste Ahnung zu haben, wie es weitergehen soll.
Meine Wohnung ist verlassen, die Luft schlecht, aber ich wage wegen des Smogs nicht die Balkontür zu öffnen. Man fragt sich, woher man überhaupt noch Sauerstoff bekommen soll. Lüften macht hier keinen Sinn, denn draußen ist die Luft schlechter als drinnen. Ich müsste etwas zu essen kaufen, bin aber unentschlossen, in den Supermarkt zu gehen. Ich ziehe mich sofort aus und gehe mit knurrendem Magen ins Bett. Als ich gerade halbwegs weggeschlummert bin, kommt eine WeChat-Nachricht, das chinesische WhatsApp. Herr Cheng. Er hätte erfahren, dass ich zurück sei, er wolle mich sprechen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es jetzt noch schaffe. Eigentlich bin ich unglaublich wütend auf ihn. Ihm das sagen? Es ist zu spät. Ich habe meine Aufgabe erfüllt, alles ist gut gegangen, ich bin unversehrt zurück. Was macht es noch für einen Sinn? Vorbeugen? So kann man nicht mit anderen umgehen! Er hat es nicht für sich selbst getan. Und er wusste, dass ich nicht zugestimmt hätte, hätte er mich gefragt. Ich hätte unnötige Zeit vertan – mit Diskutieren, ich hätte alles auseinandernehmen müssen, abwägen, Vorwürfe, Zweifel – bis es vielleicht zu spät war. Ich bin Deutsche, wir müssen diskutieren, wir können nicht anders. Die chinesischen Frauen sind unkompliziert, zumindest scheinen sie es zu sein, Männer empfinden das als Erleichterung. Ob wir uns treffen könnten? Sofort? Ob ich keinen Hunger hätte? Ich sei doch gerade erst zurückgekommen! Woher weiß er das schon wieder, verdammt noch mal? Hat er überall seine Spitzel, die mich bewachen? Vielleicht war er wirklich nur zu Hause gewesen, als ich bei ihm vorbeigegangen bin und hat zwei und zwei zusammengezählt. Haben Wang Mei oder Sensen ihm Bericht erstattet?
Ich habe tatsächlich schrecklichen Hunger, ich dusche schnell und ziehe mich um – was soll ich anziehen? Ich habe seine Blicke bemerkt, die er nicht ganz unterdrücken kann. Soll ich dem nachgeben, indem ich das auswähle, von dem ich annehme, dass er mich dadurch attraktiv finden könnte, oder sollte es mir nicht egal sein! Auch wenn wir so tun – wenn eine Frau einen Mann trifft, ist es nie egal. Ich wähle ein Kleid, aber nur nicht aufreizend, sexy. Man kann etwas erahnen, bloß nicht mehr. Dann schreibe ich zurück. Als habe er neben dem Handy gesessen, kommt – kaum habe ich die Nachricht gesendet – schon wieder eine zurück. In 20 Minuten würde er mich abholen. Es reicht gerade, um meine restlichen Sachen auszupacken und das erste Chaos zu beseitigen. Nach 25 Minuten eine erneute Nachricht, er warte unten im Taxi auf mich. Ich gehe hinunter, er sitzt vorne, ich steige hinten ein, für mich schon immer sehr befremdlich. Er begrüßt mich kurz, dann unterhält er sich mit dem Taxifahrer. Ich frage mich jedes Mal, ob es unhöflich ist, wenn man sich zu zweit nach hinten setzt und den Fahrer ignoriert, indem man sich unterhält. In anderen Situationen sind Chinesen aber Servicepersonal gegenüber nicht so zimperlich. Die Taxisituation bleibt mir schleierhaft. Wir fahren zu einem Restaurant, das ich nicht kenne. Es sieht teuer aus. Wir steigen aus, ich helfe ihm beim Aussteigen, er lässt es geschehen. Dann versucht er nicht einmal mehr mir die Tür aufzuhalten, zum Glück kommt ihm der Türsteher zuvor, das rettet die Situation. Das Restaurant ist tatsächlich recht luxuriös. Wir haben mindestens drei Kellner, die sich um uns kümmern – ein bisschen übertrieben, ich habe schließlich nur eine Jacke, die ich ausziehen kann, sie führen uns in ein Separee. Er wählt aus und bestellt eine Menge an Spezialitäten. Was ist das? Feiern wir den erfolgreichen Abschluss seiner, meiner, wessen Mission?
Als die Bestellung endlich aufgegeben ist und die Kellner verschwunden sind, entsteht eine Stille, eine unangenehme Stille. Die wir nicht genießen können. Es gäbe so viel zu sagen, aber wir finden nicht den Weg. Ich will nicht anfangen, was habe ich ihm zu sagen außer Vorwürfen, die keinen Sinn machen? Und er? Erwarte ich eine Entschuldigung? Ich erwarte, dass es weitergeht, dass er einen Weg aufzeigt, wie es weitergehen soll – nach diesem Schnitt, den ich nicht wollte, den allein er zu verantworten hat. Deshalb ist auch er verantwortlich für die weitere Zukunft. Ich warte. Ich bin Deutsche. Ich verhalte mich wie bei einer Geschäftsverhandlung. Zuerst die Arbeit und dann das Vergnügen. Zuerst müssen wir alles klären, dann können wir uns dem Essen widmen. Wir sind aber in China. Hier ist es genau umgekehrt. Das Essen schafft die Atmosphäre, damit die Verhandlung erfolgreich abgeschlossen werden kann. Er kennt beide Seiten, er weiß, was ich erwarte. Nur ist nicht klar, ob er dieses Mal gewillt ist meine Erwartungen zu erfüllen. Bisher hat er sich dazu nicht sehr geneigt gezeigt. Dann ohne Vorwarnung:
„Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen.“
Wind aus den Segeln. Das ist alles. So einfach! Was soll ich noch sagen? Mehr geht nicht.
„Ich habe mir große Vorwürfe gemacht, ich habe in diesen Tagen kein Auge zugemacht. Ich hätte es nicht tun dürfen. Ich weiß, ich habe Ihnen Unrecht getan. Verzeihen Sie mir! Bitte!“
Das ist noch mehr. Das habe ich nicht erwartet.
„Ich bin zum ersten Mal für mehrere Tage nicht ans Institut gegangen, ich konnte nicht. Ich kann mir nicht verzeihen, was ich getan habe. Sie haben ein Leben gerettet, und ich danke Ihnen unendlich dafür. Dennoch hätte ich es nicht tun dürfen, nicht so!“
Er schaut mir in die Augen – ich halte diesem Blick nicht stand. Es ist, als ob die ganze Schuld, die ich ihm noch vor wenigen Sekunden bereit war vorzuwerfen, sich gegen mich gewendet hätte.
„Aber ich habe doch gar nichts getan.“
„Man darf mit niemanden so umspringen, wie ich es getan habe. Auch wenn der Zweck ein guter ist. Der Zweck heiligt in diesem Fall nicht die Mittel.“
„Und es ist nichts passiert. Es war wie ein seltsamer Urlaub.“
Ich versuche dem Ganzen den Ernst zu nehmen. Kläglich. Es misslingt.
„Sie wissen nicht, in welcher Gefahr Sie waren.“
„Es gab keine wirklich gefährliche Situation.“
„Das denken Sie. Sie wurden die ganze Zeit beobachtet. Die Geheimpolizei ist überall. Wir haben noch nicht verstanden, warum man Sie und Sensen hat ziehen lassen. Vielleicht war es Ihre Entscheidung, nicht mit Sensen ins Flugzeug zu steigen. Das scheint sie verwirrt zu haben. Sie wussten nicht mehr, wo die Papiere sind. Eine Ausländerin festzunehmen schien zu riskant, zumal zu einer Zeit, in der das vierzigjährige Bestehen der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und China gefeiert wird. Da wollte man nicht riskieren, Deutschland zu brüskieren. Also hat man sie beide ziehen lassen. Sensen verdankt Ihnen sein Leben und wir verdanken Ihnen vermutlich das Leben vieler Genossen.“
„Aber ich sage Ihnen noch mal, ich habe nichts gemacht, zumindest nichts, was ich selbst gewollt hätte. Das wissen Sie doch besser als ich.“
Das war jetzt nun doch eine allzu deutliche Anspielung.
Er senkt den Kopf und sieht verzweifelt aus. Ich bereue sofort, was ich gesagt habe. Er hatte sich schließlich schon entschuldigt. Ich weiß nicht, wie ich es wiedergutmachen kann. Ich berühre seine Hand ganz leicht. Er hat diese schönen Intellektuellenhände, fein, aber durch Sehnen gezeichnet. Zartheit und Stärke zugleich. Ich spüre, wie ihn ein Zittern durchläuft. Ich ziehe meine Hand zurück. Er blickt mich an, und darin schwappt so viel Wärme herüber, so wie am Anfang, eine Sorge um mich. Seine Verletzlichkeit ist nun seine Stärke. Unsere Blicke kleben sich fest.
„Darf ich Sie noch zu einem Glas Wein einladen? Ich möchte Sie ausführen.“
Wir verlassen das Restaurant und halten ein Taxi an. Dieses Mal lässt er mich hinten einsteigen und setzt sich dann neben mich. Wir schweigen – und genießen unsere Anwesenheit. Ich frage mich, woher er die Bar kennt, er muss sich informiert haben. Vielleicht auch das seine geheimen Quellen. Sind wir dort ungestört? Keine heimlichen Beschatter?
Er sucht eine Ecke, in der wir im Moment noch alleine sind. Die Bar ist noch nicht sehr voll, es ist noch zu früh. Er lässt mich zuerst Platz nehmen, dann setzt er sich umständlich, das Sofa ist sicherlich nicht sehr bequem für ihn.
„Verzeihen Sie, ich bin so ungeschickt.“
Ich spüre seine Nähe, es ist angenehm. Ich würde mich gerne fallen lassen, die Anspannung der letzten Tage entweicht meinen Gliedern, sinken, einfach nur sinken, Tränen steigen hoch, ich weiß nicht warum, es ist nichts passiert, alles ist gut.
Wir bestellen und trinken Wein. Ein paar Floskeln, dann Stille, wir brauchen nicht zu reden, alles ist genug.
Er hat den Arm auf der Lehne. Ich lehne mich an. Es ist angenehm. Ich spüre seinen Körper. Ich möchte, dass er mich festhält. Ich brauche das, sonst versinke ich. Er berührt mich an der Schulter. Er schaut mich wieder an, mit diesem Blick, der nur eins bedeuten kann. Dann das Déjà vu. Er zieht seinen Arm zurück, dreht sich weg. Nicht ein Wort, in China spricht man nicht darüber. Stillschweigend wird darüber hinweggegangen. Hitze und Tränen steigen mir gleichzeitig in den Kopf. Nicht noch einmal. Nur dieses Mal ist es ernst. Ich sitze stocksteif. Kann er nicht wegen mir, wegen sich selbst, seiner Situation, wegen der Gesellschaft, den Kollegen? Alles rauscht durch, und doch ist alles leer, alles gleichzeitig, absolutes Rauschen und absolute Leere. Wie lange geht das? Wahrscheinlich nur wenige Augenblicke. Dann ist alles vorbei. Ich komme zu mir und begreife. Alles andere war nur ein Traum, das ist die Wirklichkeit, die sich morgen nach der ersten Nacht erst richtig manifestieren wird. Einmal darüber schlafen, um aufzuwachen und alles noch viel grausamer vorzufinden, als es in diesem Dämmerzustand jemals sein könnte. Ich will nicht aufwachen, deshalb sitze ich wie festgenagelt auf diesem Sofa. Meine Zunge ist angeklebt. Meine Beine sind festgebunden. Nichts geht mehr. Irgendwie muss ich nach Hause gekommen sein.
Ich sehe mir einen dieser unsäglichen chinesischen Historienschinken über einen wichtigen Kaiser der Qing-Dynastie, Kang Xi, an. Wie alle triefen sie vor Kitsch, Romantik, nicht nachvollziehbaren Zufällen, unerwarteten Wendungen, unplausiblen Missverständnissen, unerklärlichen Verwechslungen, vom Standpunkt der Handlung her einfach grauenvoll.
Lin Lang, ein Waschmädchen, das im Palast arbeitet und den Kaiser noch nie gesehen hat, trifft diesen, ohne ihn zu erkennen. Sie behandelt ihn herablassend, beschimpft ihn, schlägt ihn sogar, weil sie ihn nur für einen einfachen Angestellten der Wache hält. Ihm gefällt die Situation, weswegen er sich nicht zu erkennen gibt. Sie sieht nicht den Kaiser, und er verhält sich nicht als solcher. Ist er in dieser Situation ‚der Kaiser’? Das Wort Kaiser wird von beiden negiert, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven, von ihr unbewusst, von ihm bewusst das Spiel mitspielend. Er ist hier nicht der Kaiser. Keiner von beiden erkennt dies an. Die Realität mit einer Palastwache, die den Kaiser sucht, um ihn zu beschützen, mit all der unterwürfigen Ergebenheit dem Kaiser gegenüber, seiner absoluten Macht, jeden nur erdenklichen Befehl erteilen zu können, ist ausgeschlossen von ihrer Welt. Das Wort ‚Kaiser’ fällt nicht. Er ist kein Kaiser. Es ist genug die Realität nicht anzuerkennen, um sie zum Verschwinden zu bringen. Die Abwesenheit des Begriffes erschafft eine Welt. Das Un-Wort hat Besitz ergriffen und ist tausendmal stärker als jede Palastwache, ihre Waffen, ihre Grausamkeiten. Die Macht des Signifikanten über das Signifikat. Die Abwesenheit des Begriffs hat den Kaiser zum Verschwinden gebracht.
Dass wir als Zuschauer meinen es besser zu wissen, hilft nicht. Die beiden sind immun gegen unsere Besserwisserei. Am Anfang war das Wort. Und es hat den Sieg davongetragen.
Aber es gibt eine zweite, darunter liegende Welt. Als sie schließlich entdeckt, dass er der Kaiser ist, verändert sich von einem Moment auf den anderen ihr Verhalten. Er ist der gleiche Mensch. Sie aber wird unterwürfig, wagt nicht mehr ihm in die Augen zu sehen, sagt nur noch ‚ja, Kaiser’. Ist es das Bild, das sie von ihm hat, das sich geändert hat, oder die Tatsache, dass sie ihn nur noch mit Kaiser anspricht? Hat dieses Wort eine solche Macht über sie? Er ist der gleiche Mensch, sie aber spricht eigentlich nicht mehr mit ihm, sie spricht nur noch zum Kaiser, der er ist und nicht ist. Zuvor war sie selbstbewusst, widersprach ihm, wo sie nur konnte, hielt mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. In diese Frau hat er sich verliebt. Nun ist sie zur Untertanin geworden, und er wundert sich nicht, dass sie ihm gegenüber so anders auftritt, Respekt nur vor dem Kaiser, wo zuvor offene Abneigung gegenüber seiner Person war. Zuerst hat das unausgesprochene Wort ihn ausgelöscht, jetzt löscht das gesprochene Wort sie, ihre Person, ihre Persönlichkeit aus. Sie ist nicht mehr, was sie ohne den Kaiser war. Und sie wird es nie mehr sein, da der Kaiser unauslöschlich wiederaufgetaucht ist.
Teil 2
Tage später sitzen wir in seinem Büro, es ist die übliche Runde, die sich zusammengefunden hat. Ein weiterer Linguistikprofessor, ein Doktorand und zwei Assistenten.
„Gibt es wirklich so etwas wie Persönlichkeit? Ich meine eine, die nicht auch schon kulturell geprägt ist. Wir halten doch vieles für absolut individuell, wie z.B. die Art sich zu bewegen, zu sprechen, zu lachen oder bestimmte Dinge zu tun. Aber ich stelle fest, dass es hier Verhaltensweisen gibt, die ich beinahe als chinesisch bezeichnen würde. Das ist doch ein Bereich, von dem wir denken, er wäre mehr von der Biologie bestimmt, und dennoch … vor ein paar Tagen ist es mir in einer Prüfung aufgefallen, wie sich viele Studenten hier am Kopf kratzen, wenn sie etwas nicht wissen. Sie haben das offenbar gelernt, und ich merke an mir selbst auch Verhaltensweisen, die ich vorher nicht kannte. Sie sind also alles andere als ein Ausdruck unserer Persönlichkeit.“
„Ja, sogar der Geschmack kann sich verändern. Wenn du dauernd etwas ausgesetzt bist, was dir eigentlich nicht gefällt, was aber in der jetzigen Umgebung als positiv bewertet wird, dann wird deine Einstellung dazu davon beeinflusst. Kinder akzeptieren ihre Muttersprache nicht mehr, wenn sie in eine andere Kultur kommen, weil sie ein sehr klares Gespür dafür haben, was von der Gesellschaftsmehrheit anerkannt wird. “
„Sind wir also wirklich so unfrei, denken aber immer noch, das wäre unser Ich, das sich da zeigt?“
„Ja, natürlich leben wir nicht in einem luftleeren Raum, ohne Einfluss von außen.“
„Uns Westlern ist unsere Individualität aber schon verdammt wichtig, und vielleicht erliegen wir nur einer Illusion.“
„Solange wir uns nur in unserer eigenen Kultur bewegen, bemerken wir diese Illusion nicht, weil alle daran glauben. Wenn wir aber in eine andere Kultur eintreten, fällt uns viel mehr auf, was wirklich individuell ist. Wir merken erst, dass alle etwas anders machen und dass es alles andere als eine individuelle Verhaltensweise ist.“
„Vor kurzem habe ich eine interessante Theorie gehört: Amerikaner seien sehr individualistisch, Asiaten von der Gesellschaft geprägt und Europäer irgendwo dazwischen. Die soziale Marktwirtschaft in Deutschland könnte davon ein Ausdruck sein, aber ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich stimmt.“
Einige Tage später treffen wir uns fast in der gleichen Besetzung wieder, dieses Mal ist nur der Institutsleiter dabei. Er eröffnet die halboffizielle Sitzung:
„Sie werden sicher schon gehört haben, weswegen ich heute zu Ihnen gekommen bin. Es gab einen Zwischenfall, der hoffentlich keine größeren Kreise ziehen wird. Deshalb bin ich vor allem hier. Zu der Frühjahrsfeier letzte Woche waren unsere ausländischen Kollegen nicht eingeladen worden. Ich selbst habe ihnen gesagt, sie könnten am Nachmittag nach Hause gehen, wir hätten eine Feier, die nur für die chinesischen Kollegen sei. Im Büro sei ja dann niemand mehr. Offenbar ist das aber einer der Kolleginnen sauer aufgestoßen, was ich allerdings nicht verstehen kann.“
„Das erinnert ein bisschen an die USA vor hundert Jahren, als es für Schwarze verboten war Parkbänke zu benutzen. Eine Art chinesische Apartheid.“
Er überhört die Anspielung vollkommen.
„Ich denke, wir sind alle davon ausgegangen, dass es für sie nur eine Belastung wäre, da viele Vorträge vorgesehen waren, natürlich alle auf Chinesisch, und dass sie sich nicht wohl gefühlt hätten.“
„Einige unserer ausländischen Kollegen sprechen aber ein ausgezeichnetes Chinesisch. Ich denke, da lässt sich der Vorwurf eines wenn auch nicht bewussten Rassismus nicht mehr so leicht von der Hand weisen.“
„Es tut mir leid, aber ich habe leider gleich eine andere wichtige Besprechung. Ich hoffe, dass die chinesischen Kollegen die Situation unseren ausländischen Kollegen erklären können. Auf Wiedersehen!“
Er steht auf und verlässt das Zimmer. Einen Augenblick herrscht Stille – vermutlich sind alle damit beschäftigt herauszufinden, was das zu bedeuten hat. Hat er sich entschuldigt? Hat er das Problem verstanden? Dann platzt der andere deutsche Kollege heraus:
„Das ist ja die Höhe! Das ist Rassismus! In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich? Wenn wir in Deutschland wären, wäre das ein Skandal: Betriebsrat, Ausländerbeauftragte, Zeitung, Skandal …“
„Entschuldige die grammatische Belehrung, aber du hast ganz richtig das kleine Wörtchen ‚wenn’ benutzt – im Deutschen habt ihr dafür den Konjunktiv, das ist so eine schöne Zeitform, ich liebe sie, weil man so klar Realität und nur Wunsch oder Möglichkeit davon abgrenzen kann, das geht bei euch sogar soweit, dass ihr die Unmöglichkeit in der Vergangenheit nur durch eine grammatische Form ausdrücken könnt, das ist phantastisch – jedenfalls, wir sind nicht in Deutschland, wir sind in China.“
„Linguist! Es geht hier um handfeste Probleme, und du hast noch die Nerven, uns einen Vortrag über den Konjunktiv zu halten.“
„Ich versuche nur, der Sache die Schärfe zu nehmen.“
„Dann bist du aber auf dem falschen Dampfer. Man kann das nicht ernst genug nehmen. Wo kämen wir denn da hin? Beim nächsten Mal werden wir … ich weiß nicht was, das ist eine Zweiklassengesellschaft.“
Ich habe das Gefühl auch etwas sagen zu müssen:
„Jetzt kann ich mir ganz gut vorstellen, wie sich viele Ausländer in Deutschland fühlen müssen, auch wenn es bei uns meistens viel subtiler zugeht.“
„Als Chinese muss ich etwas zu unserer Verteidigung sagen, auch wenn ich die Sache nicht teile: Wir haben nicht viel Erfahrung mit Ausländern, wir wollen euch nicht zu nahetreten. Ihr wisst, wie wichtig es in China ist, nicht das Gesicht zu verlieren, und das bedeutet eben auch, dass der andere nicht sein Gesicht verlieren darf. Aus dieser Angst heraus machen wir dann so dumme Fehler.“
„Bisher habe ich es eigentlich nie als negativ empfunden, wenn jemand ‚Ausländerin’ zu mir sagt, obwohl ich immer dazu geneigt war, weil es in Deutschland einfach eine negative Konnotation hat. Nach diesem Ereignis bin ich mir da nicht mehr so sicher, denn es hat gezeigt, dass wir nicht dazugehören, vielleicht auch nicht dazugehören sollen, ich weiß nicht, wie weit das alles bewusst abläuft, aber ich denke schon, dass Chinesen eine klare Idee von Zugehörigkeit haben, sowie die Familie der engste und wohl wichtigste Kreis der Zugehörigkeit bedeutet, und nicht der Staat, wie wohl viele Ausländer vermuten. Aber danach haben sie eine Vorstellung vom Chinesischsein oder besser noch vom Han-Sein, denn viele Minderheiten werden auch wie Fremde behandelt, und auf jeden Fall gehören wir eindeutig nicht dazu, genauso wie uns der Zutritt zu chinesischen Familien praktisch verschlossen ist, es sei denn, wir heiraten hinein. Viele Leute im Westen haben diese starke Bindung an die Familie und die Nation nicht mehr, die Begriffe haben sich aufgelöst. Manchmal sind wir Münchner oder Europäer oder Bayern, aber Deutsche werden nur einige bei der Fußballweltmeisterschaft. Und ich hoffe, das bleibt auch so, auch wenn ich befürchte, wir sind schon wieder auf dem Weg zurück zu einem neuen Nationalismus. China hat diese Phase des Verlustes der nationalen Identität noch nicht erlebt. Und bei der Größe des Landes ist es auch viel schwieriger Ausländern zu begegnen. Wenn wir in Europa zwei Stunden mit dem Flugzeug fliegen, können wir eine ganze Reihe an anderen Ländern erreichen. In China kann man vier Stunden fliegen, und man ist immer noch auf chinesischem Boden. Da ist der Kontakt einfach erschwert.“
„Mir stoßen ehrlich gesagt zwei Dinge auf, erstens natürlich die Tatsache an sich, aber was vielleicht fast noch schlimmer ist – denn Fehler machen wir alle, aber es ist immer eine Frage, wie damit umgegangen wird – war die Reaktion unseres Chefs. Er hat kein Wort der Entschuldigung gefunden. Die Verantwortung liegt eindeutig bei ihm, und da hätte ich mir doch ein paar klarere Worte gewünscht.“
„Lasst uns die Sache nicht zu sehr aufbauschen. Ich vermute, es lag dem keine Boshaftigkeit zugrunde, sondern schlichtweg Unerfahrenheit, vielleicht auch etwas fehlende Sensibilität. Aber man muss auch sagen, ohne euch zu nahe treten zu wollen, dass gerade ihr Deutschen – aus wohl bekannten Gründen – da wohl auch ein bisschen übersensibel seid.“
„Das ist jetzt wohl das Pferd von der falschen Seite aufgezäumt. Es geht hier nicht um unsere Übersensibilität, sondern schlichtweg um Rassismus seitens der Uni-Leitung, was inakzeptabel ist. Wir leben schließlich nicht mehr im Mittelalter.“
„Warum wollt ihr immer alles schlimmer machen, als es ist? Das finde ich jetzt wirklich etwas übertrieben. Wir sollten jetzt Schadensbegrenzung betreiben. Die Sache sollte einfach in diesem Kreis bleiben und nicht weiter herumgetragen werden.“
„Also unter den Teppich kehren, ja? Ich glaube allerdings, dass diese Situation in China sowieso niemanden interessiert. Hier ist man mit anderen Dingen beschäftigt als sich um ein paar wenige diskriminierte Ausländer zu kümmern, zum Beispiel mit der Frage, wo man am nächsten Wochenende einkaufen gehen kann, oder wer schon das neueste I-Phone hat usw.“
„Das ist jetzt aber wirklich unfair.“
„Oh, das waren die wohl bekannten Gründe für die Nichteinladung auch.“
„Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich dachte, du seiest Atheist.“
„Sehen wir doch mal in die Zukunft. Hier an der Uni läuft die Zusammenarbeit zwischen chinesischen und ausländischen Kollegen in der Regel recht gut. Wir sollten eine Vorbildfunktion für die Gesellschaft haben.“
„Das heißt aber auch umgekehrt, wenn es hier schon nicht klappt, wie soll es dann jemals in der Gesellschaft funktionieren, in der sicher noch mehr Vorurteile kursieren, weil sie einfach nicht an der Realität gemessen werden können.“
„Ja, es ist schon sehr schizophren hier. Überall wird man fast mit einer übertriebenen Hochachtung behandelt, aber wirklich Zugang zu Chinesen bekommt man eigentlich nicht. Chinesische Freunde? Fehlanzeige. Entschuldigung, liebe Kollegen, aber ich muss es einmal in aller Offenheit sagen: richtig heimisch werde ich hier wohl nie, und ich habe den Eindruck, das ist genauso auch gewollt, auch wenn ich gar nicht sagen kann von wem. Aber im Grunde will sich niemand genauer auf uns einlassen, ihr seid sehr mit euch selbst beschäftigt, da ist für uns kein Platz.“
„Ja, wir sind ein komisches Volk. Ich muss das sogar noch verstärken. Wir verhalten uns ja nicht nur Ausländern gegenüber so, sondern im Grunde haben wir nicht einmal richtige chinesische Freunde. Ich glaube, das, was ihr unter Freundschaft versteht, ist etwas ganz Anderes als hier. Bei euch kann ein Freund auch in der Wichtigkeit durchaus über einem Familienmitglied stehen, in China ist das undenkbar. Es ist doch interessant: Freunde kann man sich aussuchen, die Familie nicht. Warum empfinden wir diese Bindung als so eng, und bei euch hat man fast den Eindruck, dass sie euch abschreckt?“
„Ein Sprichwort gibt es doch: Ein Nachbar kann näher sein als ein entfernter Verwandter. Das ist doch schon etwas.“
„Was haltet ihr davon, die Diskussion bei einem guten Abendessen fortzusetzen, und später vielleicht bei einem Bierchen?“
„Ich bin bei deinem bikulturellen Ausklang des Abends dabei!“
Er grinst und steht auf.
„Na, dann lasst uns mal zur Tat schreiten. Ich habe einen Bärenhunger. Mit vollem Magen kann man die ganze Sache vielleicht etwas relaxter angehen.“
Wir gehen raus und suchen ein Taxi – in zwei Gruppen. Zufall oder Absicht? Chinesen und Ausländer. Wir stellen uns etwas entfernt voneinander an den Straßenrand, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen ein Taxi zu ergattern. Wir stehen schon eine ganze Weile da – natürlich haben es unsere chinesischen Kollegen schon geschafft, ein Taxi zu bekommen, da gesellen sich sogar noch zwei junge Männer zu uns. Jetzt müssen wir aber aufpassen, sonst kommen wir nie weg. Und als wenn jemand Regie geführt hätte, hält kaum eine Minute später ein Taxi, die beiden Männer sind schon dabei einzusteigen, da drängeln wir uns vor: „Sorry, das ist unser Taxi, wir warten hier schon viel länger.“
Alle Clichés sind hier verdreht, sowohl das der Werbung, in dem ein junger Ausländer und ein älterer Mann auf ein Taxi warten und der Chinese dem Ausländer den Vortritt lässt – eine absolut unrealistische Situation, als auch das der Realität, in der der clevere Chinese dem überrumpelten Ausländer das Taxi vor der Nase wegschnappt. Die beiden schauen ziemlich verdutzt drein, als könnten sie nicht glauben, was ihnen da gerade widerfahren ist, also diese Ausländer, was die sich alles erlauben!
„Ich sehe, wir haben uns schon an die Sitten angepasst, das ist doch im Grunde positiv. Gilt das aber auch für unsoziales Verhalten? Wer sagt denn, dass man nur die guten Seiten einer Kultur übernehmen soll? Ein früherer Professor von mir hätte das Eklektizismus genannt, man müsse sich immer mit dem Ganzen auseinandersetzen und könne sich nicht nur die Sahnestückchen heraussuchen. Und wenn Ausländer mehr schlechte als gute Seiten übernehmen, weil letztere vielleicht schwer zu identifizieren sind? Gilt das nicht auch gerade in Deutschland? Und wir wundern uns, warum Türken gegenüber Schwarzen so rassistisch eingestellt sind? Weil sie es selbst so erfahren haben und es nur an den nächsten Schwächeren weitergeben? Deutschen gegenüber können sie sich schlecht rassistisch verhalten, obwohl auch das schon passiert, in Ghettos, wo man Ausländer ist, wenn man kein Ausländer ist.“
„Daran sieht man doch nur, dass das ganze Problem in der Abgrenzung liegt. Warum gibt es diese Unterscheidung zwischen ‚wir hier’ und ‚ihr da’? Wenn es nur zwei Chinesen in Deutschland gäbe, würden sie sich auf jeden Fall finden. Sie sagen: Sie suchen das Bekannte, sie fühlen sich verstanden, ein Chinese versteht den anderen. Fremde können sie nicht verstehen, und sie verstehen Fremde auch nicht.“
‚Ich würde sagen, sie versuchen es auch gar nicht, sie haben kein Interesse am Fremden, an der Auseinandersetzung, an der Erfahrung, auch nicht an der eigenen Erfahrung am Fremden zu wachsen. Wenn ich meinen Studenten sage, das Leben im Ausland birgt viele Chancen neue Erfahrungen zu machen, schauen mich die meisten an, als wäre ich von einem anderen Stern und würde ihnen etwas erzählen, was mit ihnen nun absolut nichts zu tun hätte, so wie ein Lehrer schaut, wenn der Schüler das Thema verfehlt hat. Wenn sie von Erfahrung sprechen, dann meinen sie in der Regel nur die, mehr lernen zu können, und zwar ausschließlich für ihr Studium. Lebenserfahrung ist etwas, was in China keinen Stellenwert hat. Bisher sind mir nur wenige begegnet, die aus diesem System ausbrechen wollen und die hoffen, in Deutschland einen Weg zu finden: die Studentin, die von ihren ungebildeten Eltern zu einem technischen Studium gezwungen worden ist, das sie überhaupt nicht interessiert, sondern die sich mehr für Philosophie und Buddhismus interessiert, der schwule Student, der sich in China diskriminiert fühlt, aber leider auch die nicht durch besondere Intelligenz aufgefallene Studentin, die hofft, im Westen einen reichen Westler zu finden, der ihr ein angenehmes Leben bieten kann.“
„Bei uns dagegen ist das Andere für viele Linke schon an sich gut, was dazu führt, dass wir vieles akzeptieren, weil es von Ausländern kommt, was wir von Deutschen niemals akzeptieren würden – aus Angst, rassistisch zu sein. Ich möchte einen Ausländer genauso kritisieren dürfen, wie ich es mit einem Deutschen tue, weil er sich zum Beispiel unfair verhält. Wenn ich das nur deshalb nicht tue, weil er Ausländer ist, ist das auch eine Form der Diskriminierung. Viele Ausländer in China beklagen sich über die schlechte Luft, das Essen, das sie nicht vertragen, aber ich habe bisher noch nicht gehört, dass sich jemand über die Art und Weise beklagt hätte, mit der wir behandelt werden. Im Grunde sucht man nicht einmal den Kontakt. Man geht dem aus dem Weg, denn es würde klarmachen, wie rassistisch die chinesische Gesellschaft ist.“
‚Und hinterher kann man von seiner tollen Auslandserfahrung erzählen, dabei haben wir es vielleicht auch nicht anders gemacht als viele Chinesen in Deutschland.“
„Warum haben die Chinesen nur so eine furchtbare Angst vor dieser Auseinandersetzung? Manchmal kommen sie mir vor wie der große Bruder, der zu seiner Mutter läuft, um sich bei ihr über die kleine Schwester zu beklagen, die ihm gerade seine Spielsachen weggenommen hat.“
„Der Vergleich ist interessant, aber er hinkt auch. Dieses Riesenreich mit der größten Bevölkerung auf der ganzen Welt verhält sich tatsächlich oft wie ein kleines Kind mit einem starken Minderwertigkeitskomplex. Erinnert ihr euch an den – wohlgemerkt – chinesischen Psychologen, der sagt, dass das mentale Stadium der Chinesen einem sechs Monate altem Kind entspricht. Auf der einen Seite muss man das verstehen, weil sie entweder immer fremdbestimmt waren oder sich zumindest so gefühlt haben.“
‚Wo ist das Selbstbewusstsein, das ihnen inzwischen gut anstehen würde, anderen Ländern auf gleicher Augenhöhe zu begegnen? Warum übernehmen sie nicht in internationalen Angelegenheiten die Rolle einer Weltmacht, die sie militärisch und wirtschaftlich schon lange sind? Warum haben sie nicht das Selbstbewusstsein, uns Ausländern auf gleicher Ebene zu begegnen? Wenn man andere nicht als Gleiche akzeptieren kann, ist das immer ein Zeichen von Schwäche. Die Faschisten waren dafür das beste Beispiel.“
„Na Achtung, zumindest was die Rolle auf internationalem Parkett betrifft, scheint es da gerade ordentlich zu rütteln.“
„Aber die Frage ist doch, wann ist jemand gleich? Nur weil er den gleichen Pass hat, die gleiche Sprache spricht, die gleiche Geschichte teilt? Ich habe das Gefühl, mit vielen Deutschen nicht viel gemein zu haben bis auf diese rein äußerlichen Dinge. Schon bei der Geschichte fängt es an. Wenn wir sie nicht auf die gleiche Weise betrachten, ist es dann wirklich unsere gemeinsame Geschichte? Zum Beispiel spricht in Deutschland vom Ende des Faschismus kaum jemand als Niederlage. Wir beschönigen es, Tag der Befreiung, Kriegsende usw. Wir sagen nicht, was es wirklich war, der deutsche Versuch die Welt zu unterwerfen wurde besiegt. Das ist nicht sehr weit weg vom chinesischen Euphemismus, in dem auch viele Greueltaten beschönigt wurden.
Wie auch immer, ich kann auch mit jemandem die gleiche Sprache sprechen, auch wenn wir nicht die gleiche Muttersprache haben. Ich spreche nicht die gleiche Sprache wie viele Deutsche, weil wir nicht das gleiche meinen, auch wenn wir dieselben Wörter benutzen. Ich habe wenig gemein mit Leuten, die eine bestimmte politische Richtung haben. Da ist mir der Ausländer, der ähnlich wie ich denkt, tausendmal näher. Chinesen gegenüber ist das eine Herausforderung, weil sie unsere politische Einteilung nicht kennen, im Gegenteil, was in China als kommunistisch gilt, ist oft nichts anderes als eine furchtbar konservative Einstellung, in der zum Beispiel die Idee der Klassengesellschaft alles andere als überwunden ist. Chinesen schauen auf vermeintlich unter ihnen Stehende herunter, auf die, die es nicht geschafft haben, aufgrund irgendwelcher Privilegien, die sie nicht selbst erworben haben. Überall gibt es VIP-Karten. Wenn man auf die Bank geht, ist die Schlange der VIP-Kartenbesitzer oft länger als die der normalen Leute. Alle wollen dazugehören, und man darf nicht ausgeschlossen werden. Da ist es absurderweise manchmal sogar besser kein VIP zu sein.“
„Gleich könnte man aber auch in einem rein juristischen Sinn betrachten. Ich gestehe dem Anderen die gleichen Rechte zu wie ich sie auch für mich fordere. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Und das wäre schon ziemlich viel.“
„Ja, in China steht nicht die Persönlichkeit im Vordergrund. Wichtig ist nicht, wie jemand ist, was er denkt, was ihm wichtig ist oder nicht, sondern woher er kommt, welche gesellschaftliche Stellung er hat, wie viel Geld er verdient usw. Ich habe den Eindruck, dass jede private Beziehung von der Gesellschaft geprägt ist. Sogar die Beziehung zwischen Mann und Frau betrifft das.’
„Aber das ist doch in westlichen Ländern auch nicht anders. Wer will nicht einen Partner, der auch nach der gesellschaftlichen Erwartung zu ihm passt.“
„Natürlich, aber in China geht das viel weiter. Die Partei mischt sich sogar im Bett ein. Vorehelicher Sex ist immer noch ein Tabu, zusammenleben ohne Trauschein praktisch undenkbar, uneheliche Kinder verboten, und wenn, dann wird es hart bestraft. Aber das Schlimme ist, dass die Menschen diese Einmischung schon vorwegnehmen, sie trauen sich nicht mehr ihre wirklichen Gefühle zu zeigen, sondern filtern sie schon nach den gesellschaftlichen Interessen. Das macht es für uns so schwer herauszufinden, was sie eigentlich wirklich wollen. Sie scheinen oft nicht mehr den Mut zu haben etwas zu wollen, was vielleicht vom Standard abweichen könnte. Es gibt kaum Individualität, alle sind angepasst.“
„Es ist eine Art von Fremdbestimmung. Nicht einer fremden Macht. Sondern von ihren eigenen Erwartungen, bzw. von dem, von dem sie annehmen, was die Gesellschaft von ihnen erwartet. Es fehlt die Zivilgesellschaft. Das ist nicht eine, in der die Regierung sagt, was gut ist und was nicht, und die Menschen das im Zweifelsfall nur aus Angst befolgen. Sondern eine, in der die Menschen selbstbestimmt handeln, weil es ihren eigenen Bedürfnissen entspricht. Nehmen wir die Natur, sozusagen als Gegenpol zur Kultur. In China ist sie zum Großteil zerstört, und ich meine gar nicht die große Umweltzerstörung, sondern im Kleinen. Gehen wir in einen x-beliebigen Park. Auf den großen repräsentativen Wegen ist es in der Regel sauber, aber nicht weil die Leute darauf achten, ihren Müll nicht wegzuwerfen, sondern weil ständig Müllsammler unterwegs sind. Was auch zeigt, dass die Verantwortlichen wissen, dass die Leute selbst nicht darauf achten. Ich wage zu behaupten, wir sind da einen Schritt weiter. Bei uns stehen keine Schilder, man solle die Umwelt sauber halten – und drei Meter weiter türmt sich der Müll, sondern es ist relativ sauber, weil es uns allen persönlich so gefällt. Wir wollen keinen Dreck. Ich meine eben gar nicht dieses große Wort ‚Verantwortung’, sondern eigentlich das eigene, ganz banale Wohlbefinden. Ist das Abgestumpftheit, wenn es einen nicht stört im Dreck zu leben?“
„Aber warum wehren sie sich nicht gegen diesen Konformismus? Ist die Kontrolle so groß?“
„Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite glauben sie wohl selbst daran, dass viele unserer sogenannten westlichen Freiheiten schlecht sind. Auch wenn immer mehr Menschen sich klar darüber werden, dass sie eigentlich gar nicht ihr Leben genießen, weil sie sich nicht trauen, ihren Bedürfnissen nachzugehen, Spaß zu haben, sich wirklich einmal zu erholen.“
„Aber es ist auch eine Frage, was man als Spaß betrachtet. Bei uns ist es durchaus üblich, Lernen als Spaß anzusehen. Wir besuchen unglaublich viele Kurse, weil wir das wollen, weil es uns interessiert. In China unvorstellbar. Wenn das nicht irgendwie von oben kommt, würde das keiner freiwillig machen. Alles wird zur Pflicht. Eigeninteresse wird unterdrückt. Natürlich, wenn ich einen Kurs besuchen muss, der mich vielleicht gar nicht interessiert, nur weil die Partei so entschieden hat. Überhaupt die Partei, sie scheint omnipräsent zu sein, ohne dass man sie jemals in Form eines Vertreters zu Gesicht bekäme.“
„Ist es nicht eigentlich eine Stärke, die eigenen Gefühle und Wünsche nicht über alles zu stellen, sondern das Allgemeinwohl im Auge zu behalten? Das Bewusstsein, dass die Gemeinschaft leidet, wenn jeder Einzelne sich selbst zu wichtig nimmt? Ist das nicht etwas, was wir eigentlich auch wollen, wenn wir uns gesellschaftlich engagieren? Wenn wir uns über den Egoismus beklagen, über den Kapitalismus, der das Wohl des Einzelnen über das aller stellt?“
„Es kommt ganz darauf an, aus welcher Perspektive man es sieht. Natürlich möchte ich auch eine Gesellschaft, in der alle gleich sind.“
„Das kann es doch niemals geben. Wir sind nicht gleich. Und wenn man alle gleichbehandelt, führt das zu den eigentlichen Ungleichheiten, gerade weil wir nicht alle die gleichen Voraussetzungen haben. Diese zu schaffen, wäre zunächst wirkliche Gerechtigkeit.“
„Auf jeden Fall heißt eine gerechte Gesellschaft nicht, dass sich der einzelne dem Gemeinwohl unterordnen muss.“
„Aber wie soll das gehen? Entweder es herrscht das Gesetz des Dschungels – jeder kämpft für sich selbst, das Dschungelcamp ist doch davon nur der beste Ausdruck, es zeigt nur, wohin wir kämen, würden wir so eine Gesellschaftsform tatsächlich einführen. Dafür müssen wir den Machern dieses Prunkstückes wirklich dankbar sein, dass sie uns das vor Augen führen.“
„Nur dass die meisten inzwischen so verblendet sind, dass sie das nicht mehr sehen. Sie nehmen es als wahren Überlebenskampf, der Gewinner ist der Überlebende und – macht Karriere im Fernsehdschungel. Oder?“
„Oder es gibt ein Ganzes, dem sich der einzelne unterordnen muss. Und da ist es dann eben so, dass er manchmal Dinge tun muss, die ihm nicht gefallen, oder auf welche verzichten muss, die er gerade gern tun würde.“
„Wir im Westen denken, wir hätten diese Gesellschaftsform am besten realisiert. Ich denke aber, da täuschen wir uns gewaltig. Es gibt sie vielleicht einfach nicht. Und zwar deshalb, weil der Einzelne und die Gesellschaft sich fundamental widersprechen. Der Einzelne als Einzelner hat immer andere Bedürfnisse als derselbe Mensch, der ein Teil der Gruppe ist.“
„Dann könnte man es auch als Stärke auslegen, wenn man in der Lage ist, die eigenen persönlichen Wünsche dem Ganzen unterzuordnen. Das waren auch immer die Großen in der Geschichte der Menschheit, die anderen waren Tyrannen.“
„Na, das ist ja nun doch etwas vereinfacht. Die meisten Menschen befinden sich ja wohl irgendwo dazwischen, manchmal sind wir alle kleine Tyrannen, und im nächsten Moment können wir zu sozialer Größe auflaufen.“
„Eben zwei Herzen in einer Brust.“
„Oder vielmehr eine ganze Menge. Manchmal bekämpfen sie sich, manchmal widersprechen sie sich. Selten sind sie sich einig.“
„Oje, der Soziologe, auch noch. Sozusagen spiegelt sich in einem Menschen die ganze Menschheitsgeschichte wider.“
„Na ja, so ungefähr. Zumindest was unsere Gefühle betrifft, wenn auch nicht nach dem, was wir tun.“
„Das heißt, wir schwanken die ganze Zeit zwischen verschiedenen Gemütsregungen hin und her, zwischen einem Pol, der unsere soziale Ader begünstigt, und einem, der unserem Ego ordentlich Zoll zahlt. Dann ist also tatsächlich keiner so sicher, wie er auftritt und wie er oder sie gerne glauben machen möchte, sondern dann wären wir ja dauernd von Zweifeln zerfressen, welche Seite nun die Oberhand gewinnen soll. Die Menschen, denen man diesen Kampf ansieht, empfinden wir deshalb als schwach. Die anderen sind es aber eigentlich, weil sie versuchen diesen Kampf zu unterdrücken.“
„Und natürlich ist eine Gesellschaftsform geeigneter als eine andere, die eine Seite mehr zu fördern und die andere mehr zu unterdrücken. In Maos China wurde das Individuelle vollkommen zugunsten des Gemeinschaftswohles unterdrückt. Das galt offenbar für Mao selbst aber nicht. Er hat sich ganz seinem Ego hingegeben. Und hier wären wir wieder bei den gleichen Voraussetzungen. Er konnte es sich offenbar im Gegensatz zu den meisten Chinesen seiner Zeit leisten. Warum, das ist schwer zu erklären. Er wurde ja schließlich nicht als Diktator geboren. Was hat ihn dazu gemacht, und noch viel wichtiger, wie war das möglich? Warum haben die anderen das zugelassen? Die gleiche Frage müssen wir uns eben auch bei Hitler stellen. Unsere Mitverantwortung als Volk.“
„Und deswegen können wir den Chinesen jetzt auch nicht sagen, was sie zu tun haben, dass sie sich doch bitte schön mal aus dieser Diktatur befreien sollen. Wir haben es schließlich auch nicht geschafft, wir wurden befreit, wir haben uns befreien lassen, und viele Leute haben es nicht einmal verstanden, sie haben es als Niederlage begriffen.“
„Was es ja auch war, eine Niederlage des faschistischen Deutschland. Zum Glück!“
„Also sollten wir uns nicht anmaßen den Chinesen zu sagen, was sie zu tun und zu lassen haben, wir haben auch Hitler zu dem gemacht, was er war, oder haben es zugelassen.“
„Die Überheblichkeit im Westen ist zum Teil unerträglich.“
„Viele kleine Besserwisser, die natürlich nicht in der gleichen Situation leben müssen, und von denen wir lieber nicht wissen möchten, wie sie reagieren würden, wenn sie in gewissen Situationen wären. Viele von ihnen waren noch nicht einmal in dem Land, von dem sie reden, geschweige denn jemals in ihrem Leben in einer wirklich schwierigen Situation.“
„Ich bewundere die Chinesen, die den Mut haben, das zu tun, was sie im Augenblick tun. Und ich bin mir nicht sicher, ob es in unseren Breitengraden auch Menschen gibt, die solchen Mut zeigen würden. Und ich schließe mich dabei nicht aus. Ich muss zugeben, ich habe niemals etwas Vergleichbares erlebt, und ich suche es auch nicht. Ich bin froh – wie wahrscheinlich die meisten in unserem behaglichen Westen, dass es so was bei uns nicht mehr gibt.“
„Dabei erheben wir aber den moralischen Zeigefinger und empören uns darüber, wie es sich die Chinesen erlauben können, in diesem falschen Leben zu versuchen, ihr wahres Leben zu leben. Dabei tun wir nichts anderes – mit dem einzigen Unterschied, dass wir ein paar tausend Kilometer weiter entfernt sind.“
„Noch etwas fällt mir auf, unsere Distanz zu unserer eigenen Kultur, zu unseren Errungenschaften. Es wäre doch undenkbar in China, dass in einem der größten und wichtigsten Theater des Landes einen derartig ironischen Verriss eines der bekanntesten Kinderbücher aufführt, auch wenn das Werk natürlich Kritik verdient hat, wie es vor ein paar Jahren in Hamburg aufgeführt wurde. In China wird kaum etwas hinterfragt. Wenn es zur Tradition gehört, wird es bewundert, niemand würde wahrscheinlich nur auf die bloße Idee gekommen, es in Frage zu stellen.“
„Ihr meint, wir Chinesen haben nicht die nötige Distanz unserer eigenen Kultur gegenüber? Aber muss man immer alles kritisch sehen? Kann man sich nicht einfach mal auch an dem freuen, was man hat? Ihr Westler habt so eine Tendenz alles zu hinterfragen. Nichts darf an seinem ursprünglichen Platz bleiben. Ist das automatisch gut?“
„Es führt vielleicht zu weniger Veränderung, zu weniger Entwicklung. China hat eine lange Geschichte, aber vieles hat sich kaum verändert, vieles ist noch fast genauso wir vor mehreren tausend Jahren.“
„Ist das schlecht? Jetzt haben wir eine rasante Entwicklung, zumindest was zivilisatorische Aspekte betrifft, aber das gefällt euch auch nicht. Was wollt ihr eigentlich? Sollen wir uns nun weiterentwickeln oder nicht?“
„Ich dachte immer, wir seien die geborenen Hegelianer, aber du machst uns wirklich Konkurrenz.“
„Du meinst, wir seien nicht in der Lage, dialektisch zu denken? Es stimmt schon, ihr scheint es ja mit der Muttermilch aufgesogen zu haben.“
„Oh nein, alles andere als, zumindest was mich betrifft. Ich komme aus einem extrem kleinbürgerlichen Haushalt, da war in dieser Hinsicht nichts zu holen.“
„Dann hast du es eben mit jedem Atemzug eingeatmet.“
„Wenn du so willst … was ihr Chinesen nur immer mit der Natur habt.“
„Und ihr habt die Natur in eurer Aufklärung verloren, allerdings behandelt ihr sie jetzt besser als wir dies in unserer Poesie jemals vorgegeben hatten – sprechen wir lieber nicht von ihrer derzeitigen Situation.“
„Ja, offenbar können wir gar nicht mehr anders als alles mit aufklärerischer Dialektik auseinanderzunehmen. Nichts ist mehr vor uns sicher. Und dann Verbindungen herzustellen, wo für andere vielleicht gar keine sind. Wir zerpflücken die Welt, Harmonie hat uns noch nie interessiert, wenn es nicht die unseres Geistes ist, aber erst als Ergebnis eines langen Prozesses. Harmonie, die ohne diesen Vorlauf entstanden ist, gibt es für uns nicht. Ihr seid doch sozusagen alles Zwangsmarxisten, ihr musstet ihn in der Schule studieren, und er ist ja nun auch ein Dialektiker. Ihr werdet schwerlich einen Deutschen finden, der Hegel oder Marx gelesen hat, und doch scheinen wir diese Denkweise mehr verinnerlicht zu haben als ihr Chinesen. Uns allen ist Kapitalismuskritik nicht fremd, wir haben eine anerzogene Abneigung gegen gesellschaftliche Klassen. Wir denken praktisch bei dem kleinsten Problem dialektisch.“
„Du kannst eben eine Denkweise nicht einem ganzen Volk überstülpen, wenn es sich nicht auch im täglichen Leben manifestiert. Und der traditionellen chinesischen Denkweise steht eben diese rationale absolut entgegen. Denke nur an die lange Geschichte Chinas, an seine lange Kultur, auf die jeder Chinese so unglaublich stolz ist. Ich kannte mal einen Studenten, der mir bei meinem ersten China-Aufenthalt etwas von Peking zeigen sollte, und es ging immer so: das ist …. und ich bin so furchtbar stolz darauf. Es war unerträglich. Und gab es aber große Entwicklungen in dieser so langen Geschichte? Nein, schau dir selbst die moderne Kunst an, sie ist bis auf wenige Ausnahmen die alte in einem neuen Anstrich. Es hat nie diese geistige Revolution gegeben, die ihr in Europa durchlebt habt, und weswegen eure Kultur so viele unterschiedliche Formen hat. Im Grunde sind wir ein konservatives Volk, allem Anschein zum Trotz. Wir haben kaum überlieferte Werte auf den Scheiterhaufen geworfen, auch der Kommunismus hat es nicht geschafft viele Traditionen, Denk- und Verhaltensweisen auszulöschen. Deswegen hatten wir auch wohl keine industrielle Revolution.“
„Ich bin froh, dass du Ursache und Folge so siehst, denn die meisten Chinesen halten uns Deutsche für Techniker, sie sehen nicht unsere Kultur dahinter. Wir selbst halten uns doch immer noch für das Volk der Dichter und Denker und zu Recht auch für das der Henker, und natürlich sind wir auch stolz auf unsere technischen Errungenschaften, aber wir wissen ganz genau, dass sie ohne den geistigen Boden nie möglich gewesen wären. All diese Erfindungen, Patente, deutschen Autos und deutsche Technik wären nicht möglich ohne die Dialektik. Erst sie hat uns in die Lage versetzt, ohne ideologischen Ballast Lösungen für Probleme zu suchen. Ich wäre froh, wäre es manchmal etwas weniger technisch ausgefallen. Wir wissen alle, der Faschismus war davon die Spitze der Negativausgeburt. Wir müssen uns immer mit den Dingen auseinander-setzen anstatt sie zusammen zu lassen wie sie sind und ihre Ganzheit anzunehmen. Wir analysieren für unser Leben gern, und manchmal vergessen wir dann leider am Ende die Synthese – dann stehen wir vor einem Haufen Schutt. Das Ganze hat uns eigentlich nie interessiert, immer nur die Einzelteile, in der chinesischen Tradition ist es genau andersherum, wichtig ist das Zusammenspiel aller, auch wenn einzelne Teile nicht ganz so geschmiert laufen, das macht nichts, auf die Gesamtharmonie kommt es an. Das gilt auch für den einzelnen Menschen. Privacy, Rechte des Individuums, Freiräume des Individuums: alles muss sich dem harmonischen Ganzen unterordnen, und da gibt es keine Konflikte bzw. darf es keine geben, sonst ist das Gleichgewicht gestört, im Notfall werden sie einfach ignoriert, totgeschwiegen, unterdrückt.“
„Ja, das stimmt, nur wird jetzt in China der Fehler gemacht, die Entwicklung auf der Überholspur zu erledigen. Wir versuchen, gerade ohne die geistige Entwicklung nur die technische voranzutreiben, da bleibt aber ganz viel auf der Strecke. Die Leute sind nicht reif dafür. Seht euch nur den ganzen Plastikmüll an. Wir produzieren unglaublich viel davon, aber keiner will sich mit den Folgen davon beschäftigen. Man sieht jetzt schon viel Werbung, aber das ist eben wieder von oben verordnet. Die Leute haben es noch nicht als ihr persönliches Problem angenommen, sie wollen nur möglichst schnell zu Fortschritt kommen, aber sind nicht bereit nur einen Schritt weiterzudenken. Und die Situation ist jetzt anders als vor über 50 Jahren bei euch, zum Beispiel im Ruhrgebiet. Jetzt haben wir die technischen Mittel und wir könnten auch das Wissen haben, wenn wir nur wollten. Es ist wohl die typische Situation eines Entwicklungslandes, das möglichst ohne Verluste den früheren Mangel unbedingt wettmachen möchte.“
„Apropos Entwicklungsland. Chinas Engagement in Afrika. Vor kurzem hing auf dem Campus ein Transparent, in dem es um die angebliche Hilfe Chinas in Afrika ging. Das ist wirklich ungeheuerlich. China hat in Afrika ganz klare wirtschaftliche Interessen, und die Entwicklung hier ist jetzt schon so weit vorangeschritten, dass es sich als Afrikas Helfer aufschwingt. Und das Schlimme ist, die Chinesen scheinen stolz darauf zu sein. Kritische Töne? Fehlanzeige.“
„Vor kurzem habe ich einen Umweltkrimi von einem chinesischen Autor gelesen. Der Inspektor untersucht den Fall auf sehr rationale, dialektisch denkende Weise. Dazu muss man aber wissen, dass der Autor schon seit vielen Jahren nicht mehr in China lebt. Ich habe mich beim Lesen immer wieder gefragt, ob ein in China lebender Schriftsteller das genauso hätte schreiben können. Der Inspektor ist zwar Parteimitglied, aber selbst die höchsten Parteikader scheinen noch von einem Aufklärungswillen beseelt, was wohl nur den Wunsch eines Auslandschinesen widerspiegelt.“
„Ein früherer Chef von mir sprach immer von der deutschen und der chinesischen Art und Weise. Ich frage mich, ob es überhaupt eine typisch deutsche gibt. Wir kommen doch dem Dekonstruktivismus sehr nahe. Wir nehmen alles auseinander, lieben es Traditionen zu zerstören, das Alte ist in unseren Augen konservativ, wir wollen immer weitergehen, ohne Rücksicht auf Verluste. Traditionen interessieren uns überhaupt nicht, egal ob sie gut oder schlecht sind.“
„Nur fehlt hier dann der konstruktive Teil. Derrida ging es nie nur um die Zerstörung alter Werte.“
„Stimmt. In China ist es genau umgekehrt. Wenn ich nur daran denke, dass am Neujahrsabend vermutlich 1,4 Milliarden Menschen ungefähr zur gleichen Zeit alles das Gleiche tun, das Gleiche essen, dann wird mir eher ziemlich unwohl bei diesem Gedanken. Er erscheint uns als Gleichmacherei, wir wurden schon einmal gleichgeschaltet, und hier ist es nicht einmal so, dass die Leute gezwungen werden, niemand denkt auch nur im Geringsten daran es anders zu machen. Das wäre ein Frevel, Traditionen sind dazu da befolgt zu werden, egal ob gut oder schlecht. Dann kommen mir die Chinesen wie ein riesengroßer Haufen tumber Schafe vor, die einem Aberglauben hinterherlaufen. Die Technisierung hat das Land zwar äußerlich verändert, sozusagen in die Nähe der ersten Welt katapultiert, zumindest was den Konsum betrifft, aber solange sich in den Köpfen nichts bewegt, wird es nicht wirklichen Fortschritt geben, weil es keinen Fortschritt gibt, der nicht in den Köpfen stattfindet. Vielleicht gibt es deswegen keine herausragenden chinesischen Erfinder. Man muss die Quadratur des Kreises denken können. Hier dagegen wird eher versucht, das Quadrat mit dem Kreis zu harmonisieren. Man braucht nur in den Himmelstempel zu gehen. Dort gibt es eine freie Fläche, die aus mehreren Kreisen besteht, die den Himmel darstellen. Umgeben werden diese Kreise von einem Viereck, das die Erde darstellt. Es geht aber auf keinen Fall um einen Widerspruch, sondern um die Einheit beider Teile, sie gehören zusammen. Jeder Gegensatz wird in einem harmonischen Ganzen aufgelöst, es gibt keine Konflikte, damit aber auch keinen Versuch sie zu lösen. Die Quadratur des Kreises ist kein chinesisches Problem.“
„Was bedeutet eigentlich Zivilisation? Überall auf diesen Spruchbändern auf der Straße, die keine Menschenseele mehr liest, wird ständig darauf hingewiesen, sich zivilisiert zu verhalten. Ich meine, wenn man das sagen muss, kann es doch nur bedeuten, dass es noch notwendig ist. Ich empfinde auch oft viele Chinesen als recht unzivilisiert. Vielleicht liegt es wieder an der Masse. Je mehr Menschen zusammenkommen, desto unzivilisierter verhalten sie sich. Kontakt mit einzelnen zu haben, ist aber ganz anders. Plötzlich werden sie freundlich, lächeln, sind sehr nett, helfen, lassen einem den Vortritt. In Deutschland ist das genau das Gegenteil. Es gibt ein gewisses zivilisiertes Verhalten, wenn auch mit vielen Einschränkungen, aber der Einzelne kann oft sehr unfreundlich sein, Verkäuferinnen, Kellner, Leute auf der Straße, nicht besonders hilfsbereit. Woher kommt das?“
„Na ja, wir Chinesen entschuldigen uns oft mit dieser Masse. Vieles ist so, weil wir so viele sind. Das bevölkerungsreichste Land eignet sich offenbar gut zur Ausrede. Was, wenn uns demnächst dieser Rang abgetreten wird? Es ist leider eine Ellenbogengesellschaft. Aber nicht, weil wir so viele Leute sind. Wo es viele Leute, gibt es in der Regel auch viele Möglichkeiten. Nein, das Problem liegt genau in unserer Tradition. Wir kennen nicht das Motto ’ Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden’, d.h. letztendlich nach dem, was er kann und gerne macht. Das gab es in China nie. Jeder tritt praktisch gegen alle an, weil alle das Gleiche wollen. Und da liegt eine große Fehlannahme. Warum sollte jeder das gleiche tun? Studenten schreiben sich nicht in Fächer ein, die sie interessieren, sondern die entweder ihre Eltern ausgesucht haben, und die ihrem Notendurchschnitt entsprechen. Da kann es passieren, dass jemand ein Fach studiert, das gesellschaftlich zwar einen höheren Stellenwert hat, derjenige aber eigentlich gar nicht studieren möchte. Für ihn persönlich ist das natürlich schrecklich, obwohl sich die meisten da zumindest augenscheinlich recht gut dreinfügen, volkswirtschaftlich aber macht es auch keinen Sinn, weil er wahrscheinlich in einem von ihm selbst ausgewählten Beruf viel produktiver wäre. Das hat die Partei noch nicht begriffen. Seltsamerweise ist es im privaten Sektor auch nicht viel anders. Was wiederum nur zeigt, wie tief verwurzelt dieses System ist.“
„Ja, überhaupt die Tradition. Wer sagt, dass China ein kommunistisches Land ist, war noch nie hier oder hat gar nichts verstanden. Was ist denn an diesem Land kommunistisch? Eine falsch verstandene Idee von Gleichheit? In China sind die Leute alles andere als gleich, zumindest haben sie nicht die gleichen Rechte, und das kann ja wohl die einzig mögliche Art von Gleichheit sein. ‚Nur manche sind ein bisschen gleicher.’ Dieser platte Satz passt hier wirklich allzu gut. China ist immer noch eine komplett feudalistische Gesellschaft, mit einigen Klassen, die mit Bildung wenig zu tun haben. Es gibt keine gebildete Klasse, denn Bildung hat nur einen Zweck: nicht zu den Ungebildeten, also zur Unterschicht zu gehören. Bildung im aufklärerischen Sinne gibt es nicht. Es ist nur ein Mittel zur Anhäufung von Geld. Bildung an sich gibt es nicht und hat keinen Wert. Alles wird verwertet im kapitalistischen Sinne, gerade auch das Wissen. Man häuft Wissen an, das wie bei den alten Beamtenprüfungen reines abfragbares Faktenwissen ist. Denken ist kein Teil davon, nichts ist durch Erfahrung selbst erworbenes Wissen, alles ist angelesen, angelernt, auswendig, ohne dem jemals auf den Grund zu gehen. Tiefgründigkeit ist nicht die Sache der Chinesen. Und Professionalität genauso wenig. Dass der Chef weniger Ahnung hat als der Mitarbeiter stört niemanden, der Chef entscheidet, und damit vertuscht er seine Unfähigkeit. Wenn die Entscheidung der Sache nach falsch ist, macht das nichts, es stört niemanden, wen sollte es auch? Niemand fühlt sich zuständig, man ist nur froh, wenn der Krug der Kritik an einem vorüberzieht. Alles andere zählt nicht. Fachliche Gründe werden nicht in Betrachtung gezogen, dazu überwiegen zu sehr andere, wer weiß welcher Art, irgendwelcher Verpflichtungen, Versprechungen, Beziehungen, was auch immer. Man hat mehr Kunden, nicht weil man besser ist, sondern weil man das Spiel besser mitspielt. Worüber rege ich mich eigentlich auf? Ist es bei uns nicht genau so? Wahrscheinlich wird es in China noch nicht so professionell betrieben, das Falsche liegt einfach noch zu klar offen. Das ist wohl der einzige Unterschied.“
„Warum siehst du alles so radikal? Es gibt doch auch etwas dazwischen. Wir sind eben ein Entwicklungsland und noch auf dem Weg.“
„Oh, diese Rede von den Grautönen kann ich nicht mehr hören. Wenn man es nicht besser machen kann, verstehe ich das . Aber darum geht es hier nicht. China ist kein Entwicklungsland mehr in dem Sinne, dass ihm die Möglichkeiten fehlen. Es ist vielmehr die Kultur, die all dem Steine in den Weg wirft, vielleicht eine fehlende Zivilisation, die vor bestimmten Ausrutschern bewahrt. So wie die nicht allzu heimliche Schadensfreude, wenn sich jemand wehtut oder einen Fehler macht, die fehlende Hilfsbereitschaft, die Rückkehr zu manchmal beinahe unmenschlichen Verhaltensweisen, das Fehlen von Würde und Privatheit, der Mangel an Individualität, die Vereinnahmung durch den Staat, der entfesselte Kapitalismus, die Gehirnwäsche durch Verdummungsmechanismen, die Vorstellung, Technik könnte alle zivilisatorischen Mängel ausgleichen oder sogar beheben, fehlende wirkliche Zwischenmenschlichkeit, die nicht nur auf materialistischer Sicherheit beruht, Beziehungen zwischen Mann und Frau, die auch Zärtlichkeit und wirkliche Zuneigung zulassen, Kinder, die als Persönlichkeit respektiert werden und nicht nur als zukünftige Quelle für das eigene Überleben, alte Menschen, denen in der U-Bahn nicht der letzte freie Platz vor der Nase weggeschnappt wird. Aber das Schlimmste ist vielleicht nicht das, was der Westen immer denkt: die fehlende Meinungsfreiheit. Und das hieße ja, die Leute hätten eine Meinung, die sie auch noch äußern wollten. Ich würde noch mindestens einen Schritt weitergehen, wenn nicht zwei. Welche Meinung denn? Die Studentin, die nach dem Unterschied zu Deutschland gefragt wird, antwortet, in Deutschland müsse man immer die eigene Meinung sagen, und ihr war der Stress anzumerken, der ihr das verursachte. Nicht die Meinungsäußerung ist unterdrückt, sondern die Fähigkeit, sich eine eigene Meinung zu bilden – womit auch gleich die Notwendigkeit erledigt wäre sie äußern zu müssen. Die Frage nach Gründen, Ursachen, Folgen, Alternativen wird meistens mit einer Tautologie beantwortet. Etwas ist gut, weil es gut ist, basta. Nachfragen ruft Staunen hervor, wie man so etwas wissen wollte, als ob man ihnen zu nahe getreten sei, und das bei Studenten einer der Eliteuniversitäten.“
„Mich beschäftigt noch eine Frage. Warum hat China vor langer Zeit wichtige Persönlichkeiten hervorgebracht, Philosophen, Dichter, einige wichtige Erfindungen, aber das alles ist schon sehr lange her. Ist es wieder die Kultur, die einfach nicht mehr zulässt? Wenn ich mir die Studenten anschaue, kommen sie mir alle tot vor, lebendige Leichen, die mich fragen, ob ich die letzte Partnersuchsendung kennen würde. Warum scheint es hier niemanden zu geben, der wie Derrida in seiner Studienzeit von sich selbst oft sagt, er wäre fast wie tot, dabei ist das nur eine Form der besonderen innerlichen Lebendigkeit, er leidet an der äußeren Enge, an der Beschränktheit, an den Fesseln, die ihm die Gesellschaft, seine Familie und auch die Universität angelegt hat, aber dahinter verbirgt sich doch nichts Anderes als die Begierde sich von diesen Fesseln befreien zu wollen. Hier in China hat man den Eindruck, Fesseln ähnlicher Art werden als Stütze empfunden, um nicht gezwungen zu sein sich mit der eigenen Individualität auseinanderzusetzen bzw. eher mit deren Fehlen. Die Leute kommen mir vor wie ein klebriger Einheitsbrei, willenlos, zumindest ohne einen, der anders sein könnte als der des Nachbarn. Die größte Persönlichkeit, die dieses Land in der letzten Zeit hervorgebracht hat, ist ja nun alles andere als ein großer Denker gewesen:
Das Denken der Menschen muss sich den veränderten Umständen anpassen. Natürlich darf niemand seiner Phantasie freien Lauf lassen, ohne Rücksicht auf die durch die objektiven Umstände erlaubten Bedingungen seine Handlungen planen, gewaltsam Dinge unternehmen, die praktisch undurchführbar sind.
Es gibt zwei verschiedene Einstellungen zum Lernen. Die eine ist dogmatisch. Sie besteht darin, alles zu übernehmen, sei es für die Verhältnisse unseres Landes geeignet oder nicht. Das ist keine gute Einstellung. Die andere besteht darin, beim Studium den Geist anzustrengen und alles das zu erlernen, was den Bedingungen unseres Landes entspricht, das heißt, alle für uns nützlichen Erfahrungen auszuwerten. Wir brauchen eben diese Einstellung.
Lernen wird komplett der Nützlichkeit untergeordnet. Es gibt kein Lernen, das nur der Wissenserweiterung dient, woraus erst Neues entstehen kann. Das ist wie zu sagen, ich weiß schon, was ich bei meiner Suche finde, denn wie sonst kann ich bestimmte Aspekte a priori ausschließen. Die Phantasie ist eingekerkert, nur das schon immer Vorhersehbare wird zugelassen. Nun ist das ein theoretischer Text – auch wenn er selbst immer wieder auf den Praxisbezug verweist, und wie wir wissen, hat Mao sich oft gar nicht an das gehalten, was er selbst gepredigt hat. Aber in diesem Falle sehe ich die Haltung der Studenten zum Lernen ziemlich gut beschrieben: der komplette Mangel an einer Sache, solange sie nicht dem eigenen Vorankommen dient, die fehlende geistige Flexibilität, die Offenheit, auch Neues zu denken, zu akzeptieren, ihren Konservatismus – und wenn die junge, gebildete Generation so konservativ ist, wie sieht es dann erst bei den Älteren aus, nicht nur die fehlende Absicht Fesseln aufzubrechen, sondern die Fähigkeit sie überhaupt als solche zu erkennen. Sie sind eingeschlossen in einem schönen Schloss, das beim näheren Hinsehen eher eine Bruchbude ist. Ich verstehe nicht, wie sie das aushalten, nein, im Gegenteil, jede weitergehende Freiheit macht ihnen Angst. Dieses Land ist wirklich keine Gefahr für den Westen. Solange die Planwirtschaft auch in den Köpfen stattfindet. Nicht die Menge ist das Problem, sondern die Unterschiedslosigkeit.“
„Ja, das eigentliche Problem scheint mir doch ein soziales, zwischenmenschliches zu sein. Die Leute scheinen gar nicht mehr zu wissen, wie man miteinander umgeht. Ich meine, einen Umgang der Empathie, des Mitfühlens, wo der andere nicht nur immer einem Zweck dient, ansonsten lässt man ihn fallen wie eine heiße Kartoffel. Soziale Beziehungen an sich scheint es nicht zu geben.
„Aber wer macht uns denn glauben zu wissen, was die richtige Form des menschlichen Miteinanders ist? Natürlich das, was wir gelernt und mit der Muttermilch schon aufgesogen haben. Aber dasselbe gilt doch auch für die Chinesen, and alle anderen Anderen. Wie maßen wir uns an, dass als falsch zu bewerten, nur weil wir meinen, höhere moralische Ansprüche zu haben? Weil wir so tun, als ob es bei uns nicht immer schon um Verdinglichung ginge. Wir fühlen uns überheblich, weil wir nicht als Bittsteller gekommen sind, sondern wir bilden uns ein gebraucht zu werden, dass es ohne uns gar nicht geht. Nur sollten wir gelernt haben, dass die Chinesen sich dieses Spiel eine Weile anschauen, um dann eines schönen Tages zu sagen: Jetzt machen wir es aber selbst, wir brauchen euch nicht mehr. Ich nehme auch an, dass sie von unserer ganzen Besserwisserei und dem ständigen Winken mit der Moralkeule ganz schön die Schnauze voll haben. Zumindest unsere Moralvorstellungen haben wir ihnen bisher nicht aufdrängen können, sie nehme das technisch Praktische mit, alles andere, der ganze Quatsch des Überbaus, plätschert an ihnen ab wie an einer eiskalten Eisfläche. Sie interessieren sich nicht für Inhalte, Qualität, Ideale, Ideen, Zukunftsperspektiven, Pläne – keiner scheint hier so etwas zu haben, sie sind Macher, das stört nur, und der kürzeste Weg zum Ziel ist immer der beste, egal, ob man da miteinander ein paar – zugegebenermaßen nur moralische- Leichen produziert. Dieses ständige mit dem Ellbogen um sich Schlagen, das Lachen der Schadenfreude, dass der Krug in diesem Moment an einem selbst vorbeigegangen ist, werden langsam unerträglich. Nicht die Gesellschaft ist krank, sondern der Einzelnen hat diese Krankheit schon so in sich aufgesogen, dass er sie zu seiner persönlichen gemacht hat, die sich aber bei allen Menschen gleich manifestiert. Individualität ist ausgelöscht.“
„Wer ist denn nun eigentlich krank: diese Gesellschaft oder derjenige, der sich darüber echauffiert, ohne dass es irgendeinen Sinn und Anlass gäbe?“
Eine neue Kollegin ist angekommen. Es ist die erste, die mir vernünftig erscheint. Wir haben einen Draht. Sie ist vorsichtig, versucht erst einmal herauszufinden, wer wir sind, wie alles läuft. Das meine ich mit vorsichtig, nicht diese Typen, die alles über den Haufen rennen, ohne sich nur einmal umzuschauen, ohne zu verstehen, was um sie herum vorgeht. Diese sozialen Trampeltiere habe ich lange genug erlebt, ich versuche ihnen aus dem Weg zu gehen. Sie ist erfrischend normal, d.h. verhält sich angemessen. Jede/r hat seine Baustellen, aber das ist nicht der Punkt. Wichtig ist, was wir aus ihnen machen, Tragödien, Komödien oder einfach das normale Leben. Wir brauchen keine kitschigen Fernsehtragödien, das Leben hat viel mehr zu bieten. Offenbar bin ich nicht die einzige, die das gemerkt hat. Herr Cheng hat mich zum Essen eingeladen, es ist ein angenehmer Abend, wir führen ein leichtes Gespräch, es ist beschwingend, ohne Anstrengung, wir schweigen, wenn wir schweigen wollen, und ansonsten sprechen wir über wichtige oder weniger wichtige Dinge. Wir machen keine Konversation. Ich vermute, dass er das hasst – ich tue es zumindest. Und ich spüre auch seine Angst, dass es nicht leicht sein könnte, und dann die Erleichterung, wie leicht es ist. Es ist wie ein Bergbach, der dahinplätschert (ich hasse aber diese Bilder aus der Natur, die immer für falsche Vergleiche herangezogen werden, weil wir uns vielleicht nicht besser ausdrücken können, weil uns im wahrsten Sinne des Wortes die Worte fehlen, und dann muss eben dieser arme Bergbach herhalten, der es nun wirklich nicht verdient hat, so entstellt zu werden. Schlimm sind ja auch die in chinesischer Poesie so üblichen Wetterbeschreibungen für Liebesgefühle). Und dann kommt doch irgendwann wieder das Gespräch auf seine offenbar unvermeidlichen Versprechungen, die ich ebenso hasse, weil ich immer noch nicht gelernt habe, sie als Ausdruck eben empfundener Regungen zu nehmen, anstatt sie als Versprechung ernst zu nehmen, so dass ich jedes Mal enttäuscht bin, wenn nichts darauf folgt. Dieses Mal kommt eine Steigerung, zuerst das Versprechen, dass es aber dieses Mal wirklich … und so weiter und dann … ja dann eigentlich das Gegenteil dessen, was es bisher war, eine Omage an unser Verhältnis, das nur uns beide betraf, unsere Intimität, die keine ist, weil sie sich nie ausdrückt, ja es kommt die Zerstörung eben dieser Intimität, die ich so geschätzt habe, seitdem mir klar geworden war, dass in ihrer Unklarheit, in ihrer Unausgesprochenheit ihr Reiz lag (wir Deutsche müssen doch überall Klarheit schaffen, Unklarheit ist uns ein Greuel), das alles, indem er genau jene Kollegin in das Versprechen miteinbezieht. Eifersucht? Vielleicht. Aber vor allem Enttäuschung. Männer sind so durchschaubar. Bei ihrem Auftauchen wusste ich, dass sie ihm gefiel – weil wir ein ähnlicher Typ sind, wir kleiden uns ähnlich, ich vermute treten ähnlich auf, ganz anders als chinesische Frauen – die Anziehung liegt natürlich immer auch im Unbekannten, im Exotischen, aber dann kam es noch schlimmer, ich wusste auch, dass er sie attraktiv finden würde, und vielleicht nur dank mir, weil ich ihm eine neue Welt eröffnet hatte, die er mit neuen Augen staunend betrachtete und nun feststellte, dass diese Welt außer von mir noch von anderen Wesen besiedelt war, die es zu erforschen galt. Und das Schlimmste war, dass ich all das vorausgesehen hatte. Wenn es so leicht war, jeden Schritt vorauszusehen, wo ist dann noch das Unbekannte an ihnen, eigentlich das einzige, warum frau sich interessiert. Auf der anderen Seite aber froh über seine Wahl. Wäre es jemand anderes gewesen, ich wäre wohl über die Geschmacklosigkeit entsetzt gewesen. Insofern konnte ich ihn verstehen, aber die Selbstverständlichkeit, mit der es geäußert hatte, ließ mich dann doch stocken, wenn auch noch nicht in dem Moment, sondern erst viel später in meinem stillen Kämmerlein. Oder verbarg sich dahinter nur das übliche Spiel, wie in dem Roman, wo er sagt, er müsse jetzt gehen, obwohl er eigentlich etwas ganz anderes möchte. Warum tun wir oft das Gegenteil dessen, was wir eigentlich möchten, und zwingen den anderen daran zu glauben. Und auch der andere tut so, als wenn das alles normal wäre, und reagiert ebenfalls womöglich mit einer Handlung, die nicht seinem Begehren entspricht. Wann sind wir eigentlich nicht so? Und wie können wir wissen, wann uns der andere .. na ja wie eigentlich … ehrlich? begegnet? Vor allem, wenn es um Gefühle geht, haben wir ständig das Bedürfnis, uns dem anderen gerade nicht mitzuteilen, dabei möchten wir von ihm gerade in diesen tiefsten Gefühlen verstanden werden – ein dummes Spiel, das an Schizophrenie grenzt. Natürlich spiele ich mit – und ich hasse mich dafür. Und ich hasse ihn einen Augenblick dafür, dass er mir diese Rolle aufdrückt, natürlich ohne sich dessen bewusst zu sein. Es bleibt mir nichts anderes übrig als zuzustimmen, dass sie bei unserer flotten Dreierbeziehung mit ins Boot kommt. Sonst sähe es so aus, als sei ich eifersüchtig oder als wollte ich ihn für mich allein. Am Ende bin ich froh darüber, denn es bewahrt uns vielleicht vor zweideutigen komplizierten Situationen. Wir müssen nur aufpassen, dass sie nicht das Aufpasserwauwau spielen muss. Ich glaube, sein Vorschlag hat ihn selbst überrascht, er schien über sich selbst erschrocken. Manchmal rutscht uns etwas heraus, das irgendwo schon da war, aber unser Aufpasser- ich wusste noch nichts davon, und dann – plötzlich hat es uns überrumpelt oder wir uns sozusagen selbst. Da haben wir uns selbst einen Streich gespielt, oder welcher Teil auch immer von uns einem anderen Teil. Wir haben uns einfach nicht komplett unter Kontrolle, ab und zu entwischt ein Teil und macht sich davon, oder führt ein Doppelleben, oder kreuzt in voller Fahrt unsere bewusst gewählten Wege, manchmal auch abschüssig den Hang hinunter, sehenden Auges der Katastrophe entgegen.
So wie beim Mal darauf. Er wollte sich revanchieren und lädt mich zum Essen ein. Es beginnt wie immer. Er bestellt, es ist eins unserer Rituale – nur, dass er aufgehört hat das zu bestellen, von dem er angenommen hatte, dass ich es mögen würde. Die Fleischportionen haben von Mal zu Mal zugenommen. Dann plaudern wir wie immer. Bis dahin hatte ich – bewusst oder ungewusst, who knows? – immer interkulturelle Themen vermieden. Aber dieses Mal kann ich oder will ich mich nicht zurückhalten. Ich erzähle ihm von einer Fernsehsendung über organisierte Hochzeiten in China, und wie schrecklich ich das alles fand. Er schaut mich an, zum ersten Mal mit absolutem Unverständnis. Bisher war vieles neu für ihn, er war überrascht, manchmal vielleicht auch schockiert, oft neugierig. Aber dieses Mal habe ich etwas kritisiert, was er gut fand. Das ging nicht. Warum tat ich das? Wollte ich ihn aus der Reserve locken? Dieser so entsetzlich chinesischen Reserve? Dieser Reserve, die sie nie ihre Gefühle offenbaren lässt. Noch bei der größten Katastrophe die Ruhe selbst, als ob sie das alles nichts anginge. Ich nehme ihnen diese Ruhe nicht mehr ab. Es wirkt mehr wie Desinteresse als wie innere Ausgeglichenheit. Ich tue alles, was ich tue, mit Elan, Engagement, ich hasse Halbherziges. Und wenn ich es nicht mehr aufbringen kann, lasse ich es lieber. Nicht so die Chinesen. Hier scheint keiner wirklich engagiert. Oder sehe ich das nur falsch?
Nein, ich muss diese nie existierte Freundschaft aufkündigen. Liebe kann einseitig sein, oder vielleicht ist sie es sogar im Großteil der Fälle, Freundschaft kann es nicht sein, das ist sie ihrer Definition schuldig, vielleicht ist es dieses ‚-schaft’, oder was auch sonst immer, auf jeden Fall besteht ihr Wesen aus Gegenseitigkeit, anders geht es nicht, und wenn diese nicht da ist, dann ist es keine, auch bei aller gegenteiligen Bezeugung. Außerdem ist Freundschaft noch etwas beziehungsweise ist sie die Abwesenheit von etwas: sie hat keinen Zweck, oder der Zweck ist die Anwesenheit des Anderen. Man liebt, um geliebt zu werden, aber was erwartet man in der Freundschaft vom Anderen? Zuerst ist man für den Anderen da, man kümmert sich, man ist zusammen, mehr ist es nicht, zumindest am Anfang, man freut sich – auf den Anderen, an seiner Anwesenheit, an der Tatsache Zeit miteinander zu verbringen. In China scheint es nichts zu geben, was nicht einem Zweck unterworfen ist – auch oder gerade Freundschaft. Oder gibt es die überhaupt? Diese Familientiere, für die es keine andere zwischenmenschliche Beziehung zu geben scheint, alles ist auf die Fortpflanzung gerichtet, alles andere ist nur ein Muss, aber selbst die Familie ….? Ich weiß nicht, es ist nicht das, was ich suche, also kündige ich das auf, was es nie gab, er wird es nicht einmal merken, denn für ihn ändert sich nichts. Es ändert sich für mich, denn ich glaubte zumindest eine Zeitlang an die Rede von der Freundschaft, aber was für eine war das, der alles egal war, die absolut nichts investierte – was für ein Wort, wie auf der Börse, aber vielleicht trifft es das, kein Wert kam dabei heraus, also war es wertlos. Noch wehre ich mich dagegen, ich kann, will es nicht glauben, es kann dieses Land nicht geben, in dem Freundschaft keinen Stellenwert hat. Selbst die jungen Leute haben eine seltsame Vorstellung davon. Mit denen sie das Zimmer teilen, und abends die Langeweile, indem jeder allein mit seinem eigenen Computer oder Handy beschäftigt ist, nennen sie ihre Freunde. Ich will es nicht glauben, denn wenn es so wäre, müsste ich Konsequenzen ziehen, in so einem Land will ich nicht leben, ich müsste mich entscheiden dieses Land zu verlassen, das ist hart. Und dennoch werde ich gehen. Inzwischen weiß ich es. Im Herzen habe ich vielleicht schon längst Abschied genommen. Es ist gut, dass der physische Abschied nicht damit zusammenfällt, es bleibt eine Frist, wie die Trennungsfrist bei Scheidungswilligen, eine letzte Chance zur Versöhnung, nur nichts überstürzen, Hals über Kopf davonlaufen, bringen wir die Sache zu Ende, zu einem guten Ende, zu einem Ende der Aussöhnung, so dass man in Frieden gehen kann, nicht aus Wut oder Hass oder Verachtung, sondern mit einem wirklichen Abschied, und der braucht seine Zeit. Wäre es nicht besser gewesen, auf dem Höhepunkt zu gehen, so wie der Volksmund sagt, ‚dann, wenn es am schönsten ist’? Nein, denn dann wäre eine Sehnsucht geblieben nach etwas, das es gar nicht gibt, und ich hätte versucht sie zu stillen, und irgendwann wäre es sowieso zu diesem Punkt gekommen, nur mit Verzögerung, aber warum es hinauszögern, ‚lieber ein Ende mit Schrecken als …’ Es sind die Menschen, die ein Land zu dem machen, was es ist – deshalb ist auch der Tourismus so absurd, wenn nach einer einwöchigen Kreuzfahrt durch fünf Länder die Mitreisenden hinterher sagen: ‚ In Land x ist das so und so.’ Oder die asiatische Reisegruppe in zehn Tagen ‚Europa’ besichtigt, einschließlich der chinesischen Restaurants in jedem Land, und dann kommen sie zurück und sagen, sie waren in Europa, für uns nur ein Konstrukt, für Asiaten dagegen gibt es europäisches Essen, europäische Kultur, fast eine europäische Sprache, viele scheinen nicht einmal zu wissen, dass es fast 50 verschiedene Länder sind, die zum Teil nicht viele Gemeinsamkeiten haben, sieht man von politischen Willensentscheidungen einmal ab.
Die Liebe zu einem Land ist wie eine erotische Beziehung zu einem Mann. Man lernt es kennen, die Neugierde ist geweckt, man möchte mehr davon, man nähert sich an, oft auch nur einseitig, ich weiß eigentlich nicht, wer sich da mehr angenähert hat, ich habe sicher angefangen, ich wollte unbedingt dahin, dann verliebt man sich, man kann gar nicht genug davon bekommen, man hat das Gefühl alles zu lieben, was mit ihm zu tun hat, dann ein ewiges Auf und Ab, es kümmert sich nicht genug um mich, es ist kühl, manchmal sogar abweisend, oft verschließt es sich dem Verständnis, aber am Anfang möchte man das nicht sehen, es gibt keine schwarzen Flecke, und auch keine grauen, was nicht reinpasst in das perfekte Bild wird ausgeblendet, alles ist so anders, so neu, das hatten wir noch nicht, allein deshalb ist es gut, neu ist immer gut, das ist ein Gesetz des Anfangs, Aha-Erlebnisse sind tabu, nein, hier ist alles anders, es ist ja so eine andere Kultur, und die Leute hier haben natürlich nicht all die Ticks, die uns vorher so universal erschienen, unsere populär-psychologischen Kenntnisse sind hier ausgesetzt, es ist eben eine ganz andere Kultur, das muss man schon akzeptieren, das, was uns eigentlich schockieren sollte, denn das würde es, wären wir zu Hause in bekannten Gefilden, finden wir exotisch, interessant, aha, so ist das hier also, das ist ja merkwürdig, aber na ja … wir sind eben in China. Irgendwann kommt der Tag, an dem es umkippt, aber im Nachhinein lässt sich der Tag nicht mehr festmachen. Wann hat es eigentlich begonnen, die ersten Zweifel, die ersten Momente, wo es nicht mehr interessant war oder exotisch, sondern einfach nur genervt hat, wo man Unverständnis empfand, vielleicht mit den Augen rollte, in der Hoffnung, der andere würde es nicht bemerken, am Handy geht das immer besonders gut, wenn das Englische so schleppend daherkommt, dass man verzweifeln möchte, weil man nicht auch noch außerhalb des Unterrichts Lehrerin spielen möchte, und schon gar nicht Englischlehrerin, denn dafür sind wir nicht ausgebildet, wo man einfache Sachverhalte mit noch einfacheren Worten erklären muss, im Unterricht in so eine Kindersprache zurückzufallen gehört zur Profession, aber danach bitte, man möchte sich doch wie ein Erwachsener benehmen dürfen, aber die Kommunikation ist beschränkt, auf den einfachsten elementaren Informationsaustausch zurückgeworfen. Es nervt. Nur wann war es das erste Mal? Dann, wenn man zwar scherzend alles noch einmal erklärt hat, aber der erste Ärger kündigte sich schon irgendwo an, nur wollte man ihn noch nicht wahrhaben? Und die unzähligen Male danach, wenn es nicht zu entscheiden ist, liegt es nun am Englischen, an der Übersetzung, oder sind es nicht doch fundamentalere Dinge, eine Barriere zwischen uns, die ein Verständnis unmöglich erscheinen lassen? Ist die Sprache wirklich zuerst da? Ich kann etwas in Worte fassen, aber wenn das Konzept nicht da ist, oder unterliegt es einem Tabu? Der Mann, der meine sarkastischen Äußerungen nicht versteht, mich nur mit ungläubigem Blick anschaut, so als käme ich – na ja – vom Mond oder so. Das kann sie doch nicht ernst meinen!? Oder meinem ironischen Kommentar ganz ernsthaft widerspricht: Nein, wirklich nicht, … das ist doch gar nicht möglich. An diesem Mann würde ich im Normalfall ziemlich schnell das Interesse verlieren. Mit einem Land gibt es zumindest einen Unterschied: Es gibt so viele seiner Repräsentanten. Vielleicht sind die, denen ich bisher begegnet bin, nur eine unrühmliche Ausnahme. Langsam entdecke ich aber, dass jeder ein Repräsentant ist, vielleicht auch als unrühmliche Ausnahme. Das bedeutet nur, dass dieser vielleicht gar keine Ausnahme ist.
Auf jeden Fall gibt es also irgendwann diesen Bruch, es ist ziemlich müßig dem Anfang nachzuspüren, Tatsache ist, dass er da ist, das Augen rollen wird länger, die Geduld nimmt ab, alles noch zehnmal zu erklären, das Konfrontationspotential nimmt zu, Themen, die man vorher vielleicht eher vermieden hätte, reizen zur Provokation, die Verlockung dem Sarkasmus nachzugeben, aber warum auch? Soll ich mich nun verstellen, verbiegen, nur weil ich in China bin, ich bin nun mal sarkastisch, und basta, der Ton schafft es nicht mehr immer alles ins Lustige zu ziehen, überhaupt, warum müssen Chinesen immer lachen, vor allem dann, wenn es ernst und wichtig wird, je unangenehmer, ernster, brisanter es wird, desto lauter und herzhafter wird gelacht, das geht einem langsam auf die Nerven, sie lachen, anstatt zu reagieren, diese Nichtreaktion ist wirklich unerträglich, und schon sind wir mittendrin, der Ärger kocht hoch, was soll denn das jetzt, das ist doch eine vollkommen unangemessene Reaktion, bei uns vielleicht, aber offenbar nicht hier, muss Lachen immer etwas mit lustig zu tun haben, offenbar überhaupt nicht, ist es Peinlichkeit oder was jetzt, auf jeden Fall muss das ein Ende haben, wir brauchen doch Resultate, Lösungen für die vielen Probleme, nicht immer nur dieses Lachen, das nun gar nichts ändert, die Antworten werden schärfer, als Deutsche muss ich doch auch mal sagen, was hier Sache ist, nämlich dass sie gar nichts verstehen, so geht das doch nicht, so kann man doch keine Probleme lösen, oder …. halt, es scheint nicht einmal ein Problem zu sein, also noch viel schlimmer, der erste Weg usw., sie haben also ein absolut fehlendes Problembewusstsein, na, das kann aber so nicht weitergehen, das ist ja keine Basis mehr, wofür, na wofür wohl, für alles natürlich, immer gleich ganz ausschließlich, schließlich machen wir keine halben Sachen, wir sind Deutsche, wir packen die Sachen an, und zwar richtig, und nicht so ein Durchwurschteln, das ist ja unerträglich, wo bleibt da die Arbeitsmoral, so geht das einfach nicht. Und dann wird der Ton plötzlich lauter, er gefriert sozusagen, da öffnet sich der Mund und es kommen Sachen heraus, von dem das Gehirn erst etwas erfährt, als es schon längst zu spät ist, wo waren diese Worte die ganze Zeit? Sie waren nie gedacht worden, natürlich, sie waren da, würden wir sagen, im Unterbewusstsein natürlich, aber vorher war auch dieser Groll nicht da, plötzlich schwappt er über einen hinweg, und da ist es schon passiert, wollte ich das wirklich sagen? Meine ich das so, wie ich es gesagt habe? Wo kommt nur diese Wut her, die man nun nicht einmal mehr unterschwellig nennen kann, sie ist ganz oberflächlich, und da liegt sie nun, und überrascht einen selbst wahrscheinlich mehr als denjenigen, dem sie eigentlich gilt. Aber Gefühle zeigen, das geht natürlich nicht, man ist höflich, argumentiert möglichst wenig, beschwichtigt, ruft zur Vernunft, erinnert daran, dass es weitergehen muss, aber bloß keine Gefühle? Wo tun die Leute sie nur hin? Rasten sie nie aus? Abends zu Hause im stillen Kämmerlein? Nachts hört man öfters die Fetzen fliegen, und wohl noch einiges mehr, ganze Wohnungseinrichtungen, von denen man befürchten muss, dass sie aus dem 16. Stock geworfen werden, was unten ist, darüber hat man natürlich nicht nachgedacht. Das ist der Moment, wo viele Leute an Scheidung denken würden. Soll ich mich wirklich scheiden lassen? Und nach der Trennung? Dauerhaft? Ein Besuchsrecht? Oder eine Option auf Wiederversöhnung? Oder ist die Enttäuschung so groß? Wie konnte ich mich so täuschen? Hat meine Menschenkenntnis bzw. meine interkulturelle Erfahrung mich so bitter im Stich gelassen? Erst einmal Einsamkeit oder ab in die nächste Beziehung? Welche Kultur hätten’s denn dieses Mal gern?
Kann man einem Land auch die Freundschaft aufkündigen? Dieses Land lässt einem keinen Platz, keine Rückzugsmöglichkeit, wo man hingeht, sind schon andere da, es gibt keine Einsamkeit, und ich glaube, sie wollen das gar nicht, der Chinese, der sagt, in Deutschland hätten ihm die Menschenmassen gefehlt, die Studenten, die in der ersten Nacht im deutschen Studentenwohnheim alle zusammen in einem Zimmer übernachten, weil sie das Einzelzimmer nicht gewohnt sind. Woher soll der Individualismus auch kommen? Alles, alle sind gleichgeschaltet, es ist nicht wirklich unterdrückt, so wie wir uns das im Westen vielleicht vorstellen, es gibt schlichtweg keine Möglichkeit zur Entfaltung, das ist noch viel schlimmer, Widerstand hat keinen Sinn, denn was könnte überhaupt die Alternative sein, es ist alternativlos, die Gesellschaft ist gleichgemacht, plattgedrückt, es wird Zeit zu gehen, ich merke, wie sich auch schon bei mir bestimmte Verhaltensweisen einschleichen, die mir vorher fremd waren, ich passe mich an, aber ich will das nicht, man muss aufpassen, die Gefahr besteht etwas zu verlieren, was man gewinnt, ist mir noch nicht ganz klar, es wird Zeit Abschied zu nehmen.
Abschied nehmen, selbst das will ich noch auf eine Weise tun, die mir moralisch nicht zweifelhaft erscheint. Ich entscheide mich, das Gespräch mit Herrn Cheng zu suchen, vielleicht das letzte, oder eins der letzten. Ich bitte ihn um ein Gespräch und teile ihm meine Absicht mit wegzugehen. Keine Regung. Nicht ein Wort des Bedauerns, nicht ein Wort des Dankes, weder die ganzen Formalitäten, die wir als so wichtig erachten, von deren Ehrlichkeit wir aber auch nie überzeugt sind, noch irgendeine andere Art der Äußerung. Nichts, einfach keine Reaktion, so als ob ihn das alles nichts anginge. Mein Bedürfnis, unsere Beziehung nicht vollkommen mit dieser Absage auszuschütten, endet in dem Versuch, ihm eine zukünftige Zusammenarbeit anzubieten. Auch darauf keine Reaktion. So als ob nie eine persönliche Ebene bestanden hätte. Ich habe meinen Zweck erfüllt. Nun kann ich abtreten. Ein paar Tage später teilt er mir ganz objektiv mit, er hätte schon einen Nachfolger für mich gefunden. Wird er sich dann genauso verhalten? Was war das, was ich für zwischenmenschliche Regungen gehalten hatte? Nicht einmal der leiseste Versuch, die Mittel zu verschleiern! Der Zweck war ja schließlich ein übergeordneter. Der Nachfolger wird nicht nach seinen Qualifikationen ausgesucht, sondern danach, was am bequemsten ist. Qualität, Berufserfahrung, Professionalität sind nicht gefragt. Man kann es den Leuten ja sagen. Wie? Wenn ihnen Fähigkeiten fehlen, sagt man ihnen eben, was sie zu tun haben. Langjährige Lebenserfahrung in ein paar Sätzen zusammengefasst. Es stört keinen, weil die anderen auch nicht mehr können. In einer Gesellschaft, in der eine gute Arbeit so wenig zählt wie kaum etwas anderes, gibt es niemanden, der es merken könnte. Und wenn sie etwas lernen wollen, dann auf der Überholspur. Selbstständigkeit, Reflexionsfähigkeit, Kritikfähigkeit, die Fähigkeit Ideen entwickeln zu können all das wird auch noch abgeschaut und damit ad absurdum geführt. Nachgeahmte Selbstständigkeit, nachgeplapperte Ideen, auswendig gelernte Reflexion, das ist das, womit China hofft sich an die Weltspitze katapultieren zu können, und niemand – auch im Westen – merkt, dass das nun wirklich keine Gefahr darstellt, Sie wollen alles zu den niedrigsten Kosten, auf dem schnellsten Weg, ohne Umwege über Schwierigkeiten, die dazu gehören, um weiterzugehen. Sie wollen Jahrhunderte lange Geschichte, Entwicklung, Fortschritt auf eine möglichst kurze Zeitspanne einfrieren. Technischer Fortschritt ist durch Kopie zu einem gewissen Maß zu haben, geistiger niemals. Ersterer ohne letzteren, das ist der beste Weg direkt zur Selbstzerstörung. Und China ist auf dem direkten Weg hinein in die Katastrophe, ich brauche nur aus dem Fenster zu schauen. Ich sehe kaum die Nachbarhäuser vor lauter schlechter Luft – und die chinesischen Kinder spielen draußen. Welche Zukunft haben sie denn? Ein besseres Handy als das ihrer Eltern? Was bleibt? Ich habe aufgegeben etwas ändern zu wollen. Die Änderung beginnt immer in den Köpfen. Aber die sind so gereinigt von jeder Kritikfähigkeit, dass ich keine Hoffnung sehe. Es bleibt mir nur zu gehen.
Hongkong Flughafen. Ich habe mal wieder viel Zeit, laufe herum, um mir die Füße zu vertreten, da plötzlich sehe ich ein Gesicht, das nicht hierher gehört. Nicht nur, dass ich es niemals in Hongkong vermutet hätte, ich hätte es niemals an irgendeinem Flughafen dieser Welt vermutet. Ein absolut überzeugter Flugverweigerer, der es für absolut überflüssig hielt, jemals ein Flugzeug betreten zu müssen. Ein alter Freund, mein alter Freund? Hatte sich nie richtig geklärt. Ich ging auf ihn zu, hatte natürlich schon meinen Standardsatz „Was machst du denn …?“ auf den Lippen, als er mich schon unterbrach, was sonst nicht seine Art gewesen war, eher bedächtig, fast behäbig, immer höflich, niemals eine Frau unterbrechend: „Schön dich zu sehen. Hätte nicht gedacht dich in Hongkong wieder zu treffen!“ So ganz weltmännisch, als wenn er nie etwas Anderes getan hätte als um die Welt zu reisen – per Flugzeug versteht sich. Ist es genug, einen Menschen ein paar Jahre oder vielleicht Jahrzehnte nicht zu sehen, und schon sind die ganzen alten Prinzipien über Bord? Oder haben wir uns damals so sehr getäuscht, mangels ausreichender Menschenkenntnis, auch wenn wir dachten, davon reichlich zu haben? „Ach, bin gerade auf dem Heimweg bzw. na ja …“
„Ja?“
„Na ja, eigentlich ist das nicht richtig. Sozusagen auf dem Weg von einer Heimat in die andere. Kann man mehrere haben?“
„Das kommt ganz darauf an.“
„Worauf?“
„Na ja, was du darunter verstehst.“
„Und du? Was hat dich von so weit weg verschlagen? Ich dachte, du magst fliegen nicht. Vielleicht bist du ja gar nicht hier um abzufliegen, aber irgendwie musst du ja hierher gekommen sein.“
„Es ist tatsächlich das erste Mal, ließ sich nicht vermeiden.“
„Was? Zu fliegen?“
„Ja.“
„Und verrätst du mir den Grund?“
„Ist ziemlich kompliziert.“
„Aha.“
„Aber du, erzähl mir von dir! Was meinst du mit zwei Heimaten?“
„Na ja, eigentlich sind es zwei Beziehungen. Verrückt, nicht? Damals warst du es, der mir die Vorteile predigte, und ich fand das alles sehr egoistisch und absurd. Heute verstehe ich dich besser.“
„Ich lebe aber nicht mehr so. Ich habe keine Beziehung. Keine Frau hält das aus. Alle wollen sie einen ganzen Mann. Wer kann schon teilen? Und ich bin mir auch nicht mehr sicher, ob man mehrere Personen gleichzeitig lieben kann. Wie teilst du dich denn auf?“
„Oh, mit dem einen bin ich verheiratet, wir haben ein Kind, das ist ein Problem. Er weiß von nichts. Der Andere ist selbst nicht verheiratet, mit ihm ist es leichter, er ist derjenige, mit dem ich versuche, den Alltag aus unserer Beziehung herauszuhalten. Das hat mir im Nachhinein damals bei deinem Ansatz sehr imponiert. Und im Grunde geht nur das. Der Alltag macht alles kaputt. Er zerstört alle Illusionen. Aber ohne kann und will ich nicht leben. Und es ist ehrlicher. Wir machen uns nichts vor. Wir wissen, dass es nur Illusionen sind. Das andere sind alles Hirngespinste.“
„Und du hast ein Kind?“
„Ja, auch das damals unvorstellbar. Ein Kind ist vielleicht das einzig Reale in einer Beziehung. Alles Andere ist Fiktion. Die Fiktion von der großen Liebe, dieser einen Person für das ganze Leben – bis dass der Tod euch scheidet. Auch wer nicht religiös ist, glaubt letztendlich doch daran. Wer hat eigentlich gesagt, dass wir alle monogam sein müssen? Wir alle sind überzeugte Atheisten, mein Mann vorneweg, und dennoch glaubt er an diesen Unsinn. Die Leute rennen in Therapien, entweder weil sie den einen noch nicht gefunden haben – meist sind es ja Frauen, oder weil sie den einen behalten wollen, oder weil sie endlich nur einen haben wollen. Aber wer sagt denn, dass das so sein muss? Was ist schlimm daran, mehrere Personen gleichzeitig oder auch hintereinander zu lieben? Der Lebensanschnittspartner scheint mir eine gute Lösung zu sein. Und wenn es gleichzeitig passiert, warum auch das nicht? Die Ausschließlichkeit erscheint mir unsere urchristliche zu sein: Du darfst keinen anderen Gott neben mir haben. Wer sind wir eigentlich, dass wir uns anmaßen so wichtig zu sein? Dabei meine ich nicht Gott – der ist auch eine Anmaßung in seiner Ausschließlichkeit, durch die er so viel Unheil angerichtet hat, nein, wie können wir verlangen, der oder die einzige im Leben eines anderen Menschen zu sein? Jeder sollte wissen, wo seine Grenzen sind und sie respektieren, und das bedeutet, vielleicht auch zu gehen, wenn die Zeit abgelaufen ist. Andererseits eröffnet es neue Möglichkeiten. Verheiratet zu sein bedeutet für die restliche Welt tabu zu sein. Ich habe irgendwann einen verheirateten Mann getroffen, wir waren beide gebunden, aber wir waren magisch voneinander angezogen, wir suchten uns, aber wir konnten nicht zueinander finden – eine gesellschaftliche Barriere hatte sich zwischen uns aufgebaut. Das tut man nicht oder wir dürfen es nicht oder ich kann es nicht. Ich fühlte mich abgelehnt, obwohl ich wusste, dass es nicht seine eigentlichen Gefühle widerspiegelte, er schien sie nicht zuzulassen, nur manchmal schimmerten sie mit aller Gewalt durch, und dann gab es ein paar Sekunden, für die ich viel gegeben hätte, nie war es länger, natürlich immer in den unerwartetsten Augenblicken. Die Ehe ist ein Gefängnis, und die Familie der Friedhof drumherum – kaum auszuhalten. Warum nur rennen dem alle hinterher? Die Frau, die meinen Mann 20 Jahre nach der Schule auf Facebook anchattet, sie wäre so frustriert, weil sie nach zehn Jahren Ehe immer noch kein Kind hätte. Sind die Leute denn verrückt?“
„Ja, schon. Und niemand ist in der Lage, das Begehren zuzulassen.“
Richtig, er hatte mit mir zusammen Lacan gelesen. Er war sozusagen vom Fach. Aber damals hatten wir es auch nicht zugelassen. Ich hatte ihn mit einer anderen Frau teilen müssen, und am Ende habe ich aufgegeben, weil ich es nicht aushielt.
„Das ist vielleicht überhaupt das Schwierigste. Wir streben immer nach seiner Erfüllung, in allem, was wir tun, unsere Welt ist männlich, nur das Ergebnis zählt, wir können noch so lange östliche Weisheiten verbreiten wie ‚Der Weg ist das Ziel’, wirklich glauben tun wir nicht daran. Sich mit dem Weg zufrieden geben, auch wenn man nie ankommt? Unvorstellbar.“
„Du bist hier der Mann!“
„Aber ich habe noch nie männlich gedacht. Die männliche Sichtweise ist mechanisch, sie sieht die Welt und die Menschen wie eine Maschine, die nur zu funktionieren braucht, dann wird schon alles gut. Dies hat der Welt nie gutgetan. Nur leider glauben die meisten Männer das. Und wer das nicht glaubt, gilt als Weichei und als Feminist und als schwul und als was weiß ich noch alles.“
„Was eine Beleidigung für Frauen, Schwule, sensible Menschen ist. Als wenn ihre Art zu sein Schwäche bedeuten würde.“
„Nur Dummköpfe betrachten physische Stärke und Macht als positiv.“
„Leider gibt es nur sehr wenige Männer, die so denken wie du. Eigentlich schade, dass es mit uns nie geklappt hat. Ich habe vor einiger Zeit auch einen Mann kennen gelernt, der das zu verkörpern scheint. Er ist sehr verletzbar, weil er schon sehr viel durchgemacht hat. Ich frage mich, ob Ereignisse wie die, die er erlebt hat, einen Menschen zu dem gemacht haben, wie er ist, oder ob es nicht schon eine Disposition dafür geben muss, vor allem durch den Einfluss der Eltern. Wir sind, was unsere Eltern aus uns gemacht haben, ob wir das wollen oder nicht, und manchmal sind wir auch das Gegenteil davon, aber es ist immer in Bezug auf sie.“
„Ist das deine zweite Beziehung?“
„Ja, er ist ein ganz besonderer Mensch, mit allen Facetten und Schwierigkeiten. Ich sage nicht, dass es einfach mit ihm ist, aber es ist wunderbar. Er gehört zu diesen wenigen Männern, die einmal von sich selbst Abstand nehmen und aus sich heraustreten können, die Welt auch einmal von einem anderen Standpunkt aus betrachten können. Das ist eine große Bereicherung. Es gab große Missverständnisse, aber am Ende hat der Wille gesiegt, für den anderen da sein zu wollen. Er scheint so selbstlos zu sein, trotz oder gerade wegen der Dinge, die er erlebt hat.“
„Gibt es eine selbstlose Liebe?“
„Oh, diese Frage stelle ich mir schon lange. Ich glaube nicht, aber vielleicht ist es nicht Liebe, was ich meine. Man liebt immer, um geliebt zu werden. Wenn der zweite Teil nicht stimmt, sind die wenigsten Menschen in der Lage, den ersten Teil zu geben. Ich habe es versucht, aber es ist mir nie gelungen. Am Ende sind wir uns selbst am nächsten. Ohne Gegenleistung sind wir kaum bereit etwas zu verschenken. Die Welt ist sehr einsam.“
„Du lebst mit zwei Männern und sprichst von Einsamkeit. Meinst du nicht, dass das wirklich einsame Menschen nicht verstehen würden?“
„Du bist doch wohl nicht der sehr bürgerlichen Ansicht, dass die bloße physische Anwesenheit schon gemeinsames Glück bedeutet? Außerdem liegen so etwas wie gegenseitige Achtung, nenne es Liebe – wenn dir das lieber ist – und Hass sehr eng beieinander. Bei uns hat es eher mit Hass begonnen. Als wir uns kennen lernten, haben wir beide gespürt, dass etwas Besonderes zwischen uns war, und ich meine nicht körperliche Anziehung, das ist eine Vorstellung unserer Gesellschaft, der das Wunschbild des ewig Jungen entspringt. Ich dachte, er würde es auch bemerken und fühlte mich verraten, als er mich auf eine Mission schickte, ohne mich einzuweihen. Verraten, für etwas missbraucht zu werden, von dem ich nichts wusste, aber vor allem verraten von diesem Mann, zu dem ich gerade anfing Gefühle zu entwickeln, die ich zuvor nicht gekannt hatte. Ich habe ihn dafür gehasst, verachtet, wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben, ihn nie wiedersehen, aber es war sehr halbherzig, weil ich verstand, dass er nicht hatte anders handeln können. Er konnte nur jemanden auf diese Mission schicken, zu dem er dieses Vertrauen hatte, und das hieß zugleich, dieses Vertrauen aufs Spiel zu setzen. Er hat sich selbst dafür gehasst. Ich habe erst viel später davon erfahren, er hat nicht versucht sich zu erklären, das wäre in seinen Augen nur kitschig gewesen, obwohl ich immer darauf gewartet hatte, auf eine Erklärung, warum er das getan hatte. Nachdem ich seine ganze Geschichte erfahren habe, kann ich es vielleicht ein bisschen verstehen, auch wenn mir auch heute noch viele seiner Beweggründe unzugänglich geblieben sind. Aber es ist ein gutes Gefühl geblieben.“
„Das ist, was am Ende zählt. – Sag mal, und du hast nicht das Bedürfnis dich einmal endgültig entscheiden zu müssen?“
„Ach, du meine Güte. Ich denke eher, dass ich eigentlich gar nicht weiß, ob ich mit diesen beiden alt werden möchte. Was hält das Leben nicht noch alles für mich bereit? Wenn wir offen sind, gibt es viele Möglichkeiten. Wie kann ich heute sagen, was morgen ist? Siehst du, ich habe nicht einmal eine Rentenversicherung. Wozu? Damit ich jetzt festlege, wie ich in 20, 30 Jahren leben soll? Das ist unmöglich. Die Leute, die das tun, sind heute schon tot. Die Chinesen sind das beste Beispiel. Sie schuften und schuften. Wofür? Für eine bessere Zukunft. Und wenn die dann kommt, sind sie fix und fertig und können sie nicht mehr genießen. Und wenn, dann schuften sie weiter – für eine bessere Zukunft ihrer Kinder, Enkel und so weiter. Ich gebe zu, das ist immerhin nicht egoistisch.“
Ist es möglich, dass die Ereignisse des wahren Lebens der erfundenen Geschichte hinterherhinken? Natürlich, das ist ein alter Hut. Aber dem erfundenen Protagonisten in der Pekinger U-Bahn zu begegnen, ist schon ziemlich ungeheuerlich. Ich gebe zu, er hatte nicht alle Eigenschaften meines Protagonisten, vor allem die auffälligste des Hinkens nicht. Und es war eine Begegnung, die wirklich nur einen Augenblick dauerte, aber dafür sehr intensiv war, vielleicht wie schon lange nichts mehr. Ich sitze in der immer vollen U-Bahn, mit meinen Gedanken schon bei der Abfahrt am Abend – endlich wieder nach Hause. Da steigt dieser sehr zart, aber nicht gebrechlich wirkende, distinguierte ältere Herr ein. Ich biete ihm meinen Platz an, wie die meisten Chinesen lehnt auch er sehr höflich ab, schließlich nimmt er ihn an und bedankt sich auf Englisch. Ich stehe direkt vor ihm und kann nicht anders als ihn anzuschauen und zu denken, dass ich ihn wahnsinnig gerne kennen lernen würde. Nach nur zwei oder drei Haltestellen steht er auf, spricht mich auf Englisch an, woher ich käme, und es stellt sich heraus, er spricht fließend Deutsch. Mein Eindruck war also richtig gewesen, ein gebildeter Herr im Ruhestand, der U-Bahn fährt, das ist ungewöhnlich. Leider ging alles viel zu schnell, es gab keine Gelegenheit, mehr mit ihm zu sprechen, außerdem wäre es absolut unangebracht gewesen, wenn ich ihm vorgeschlagen hätte, in Kontakt zu bleiben. Hinterher kann ich es kaum fassen und zermartere mir das Gehirn, ob es eine Möglichkeit gibt, ihn ausfindig zu machen.
Es werden immer weniger Menschen auf dieser Erde, deren Begegnung nicht unberührt an einem vorübergeht. Mit diesem älteren Herrn war eine Gemeinsamkeit da, und wenn es nur die gleiche Erfahrung war. Er hätte mich verstanden, und mich nicht angeschaut wie einen Menschen aus einer anderen Welt, diesen laowai, Ausländer, was zwar liebevoll gemeint ist, worin aber auch das gesamte Unverständnis gegenüber dieser seltsamen Spezies zum Ausdruck kommt. Aber auch da, wo ich eigentlich zu Hause sein müsste, empfinde ich immer mehr Fremdheit, kaum mehr Gemeinsamkeiten, ich spreche mit Leuten, aber ich weiß, uns verbindet im Grunde überhaupt nichts. Was soll das dann? Es passiert immer seltener jemandem zu begegnen, bei dem man sich wohl fühlt, man sich nicht verstellen muss, man merkt, es gibt etwas Gemeinsames, man versteht sich, auch wenn man nicht über alles sprechen muss. Hart ist es nur dann, wenn man enttäuscht wird. Enttäuscht, weil der Andere sich nicht fair oder wohlwollend verhalten hat, oder enttäuscht darüber, dass die eigene Menschenkenntnis doch nicht das hält, was sie vorgab zu versprechen.
Ich wollte immer die Welt verändern, so eine Art ein paar gute Taten tun, auch im Stillen, nicht um berühmt zu werden, aber nicht einmal das habe ich geschafft, auf alles zu verzichten, in ein afrikanisches Dorf zu gehen und dort Aufbauarbeit zu leisten. Manchmal nur ganz kleine Schritte. Wenn man mir nicht mehr sagt: ‚In Deutschland muss man immer sagen, was man denkt.’ Sondern es als Chance nutzt sagen zu können, was man denkt. Die Freiheit zu denken für sich zu entdecken und zu nutzen. Neue Denkwege einzuschlagen, die Quadratur des Kreises zu versuchen, auch wenn nur in Gedankenexperimenten. Dann ist es ein ganz kleiner Schritt zur Veränderung dieser Welt, wirklich nur ein ganz kleiner.
Wenn man im Leben eines Anderen eine kleine, kaum sichtbare Spur hinterlassen hat, irgendetwas ist geblieben, ein Anflug nur einer Erinnerung, einer kleinen Veränderung, jemand, der sich freut, dass man dagewesen ist, dem man etwas mitgeben konnte, auch wenn das mit der Zeit verblasst, eine Spur, die sich mit der Zeit verliert, die aber zu einer wenn auch kaum wahrnehmbaren Veränderung beigetragen hat. Wie die Studentin, die mir sagte, ich hätte sie zum Sprechen gebracht – das ist eins der schönsten Komplimente, das mir bisher jemand gemacht hat. Weniger der Mann, der einen glasigen Blick bekommt, wenn er mich anschaut, der mit mir in dieser Pension auf dem Land übernachten will, aber mir und wohl auch nicht sich selbst erklären kann, wie das zu bewerkstelligen wäre.